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Raubtiere im Zoo gebären zur gleichen Jahreszeit wie in der Natur

Beim kleinen Panda ist die Saisonalität der Fortpflanzung sehr ausgeprägt. (Bild: Zoo Zürich / Enzo Franchini)

Die Saisonalität der Fortpflanzung ist ein fixes Merkmal einer Tierart - auch Raubtiere im Zoo gebären gleichzeitig wie ihre Artgenossen in natürlicher Umgebung. Dies zeigen For-schende der Universität Zürich auf. Einige Tierarten verkürzen ihre Tragzeit, um dem Nachwuchs ideale Bedingungen zu bieten, andere verlangsamen sie.

Viele Tierarten haben in ihren natürlichen Lebensräumen eine saisonal festgelegte Paarungszeit. Die Jungtiere werden meist im Frühling geboren, damit sie optimale Umweltbedingungen vortref-fen. Geburten zu ungünstigen Zeitpunkten - etwa, wenn der Winter einbricht - werden so ver-mieden. Je nachdem, wie stark die saisonale Fortpflanzungsperiode bei einer Tierart ausgeprägt ist, ist auch die Zeitspanne der Geburten entweder sehr weit oder extrem eng gefasst.

Forschende der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere der Universität Zürich untersuchten die Saiso-nalität bei über 100 Raubierarten. Da Beobachtungen von Geburten im natürlichen Lebensraum für viele Tierarten vergleichsweise schwierig sind, werteten sie über 150'000 Geburtsdaten aus zoologischen Gärten aus. Dort werden Geburten zuverlässig dokumentiert und an die gemein-nützigen Organisation Species360 weitergeleitet, die Daten aus Zoos aus aller Welt sammelt.

Saisonalität ist im Zoo und in der Natur meist gleich

Offen war bisher, ob die Saisonalität der Fortpflanzung in der Natur auch bei Tieren im Zoo erhal-ten bleibt, wenn das ganze Jahr über genügend Futter zur Verfügung steht und der Winter im geheizten Innenraum nicht so hart ist. "Es ist überraschend, wie gut sich die Zoo-Daten mit de-nen aus dem natürlichen Lebensraum decken", sagt Marcus Clauss, UZH-Professor der Vetsuis-se. Der Zeitpunkt der Geburten hat sich bei mehr als 80% der Tierarten auch im Zoo nicht verän-dert. "Die Saisonalität ist evolutionsbedingt somit zu einem fixen Merkmal einer Tierart geworden ist - höchstwahrscheinlich anhand einer genetisch fixierten Reaktion auf ein durch die Tageslicht-länge vorgegebenes Signal", ergänzt Clauss. Lediglich einige Arten, die sich in den Tropen je nach Nahrungsgrundlage nur zu bestimmten Jahreszeiten fortpflanzen, tun das im Zoo, wo sie immer optimal versorgt sind, das ganze Jahr hindurch.

Lebensraum und Fortpflanzung hängen zusammen

So zählen etwa der Rotwolf (Canis rufus), der Nerz (Mustela lutreola), der Buntmarder (Martes flavigula), der Vielfrass (Gulo gulo), der kleine Panda (Ailurus fulgens), und der kanadischer Luchs (Lynx canadensis) zu den Raubtieren mit der ausgeprägtesten Saisonalität. Die optimale Jahreszeit für ihre Reproduktion ist sehr eng gefasst. Der Waldhund (Speothos venaticus), der Jaguar (Panthera onca) und die Tüpfelhyäne (Crocuta crocuta) sind hingegen mit ihrer Fortpflan-zung an keine Jahreszeit gebunden. Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem natürlichen Verbreitungsgebiet einer Art und ihrem Fortpflanzungsverhalten: Je weiter weg vom Äquator eine Tierart natürlicherweise vorkommt, desto saisonaler ihr Fortpflanzungsverhal-ten.

Entweder sehr kurze oder sehr lange Tragzeiten

Die Forschenden entdeckten zudem zwei interessante Muster: Viele saisonale Raubtiere haben für ihre Körpergrösse kurze Tragzeiten, damit der Embryo zwischen der Paarungszeit im Herbst und dem Geburtstermin im Frühling rasch genug wächst. Andere hingegen verlängern ihre Trag-zeit, damit sie zur richtigen Jahreszeit gebären. Dies passiert nicht etwa durch eine Verlangsa-mung des Embryo-Wachstums, sondern durch eine "Keimruhe" - eine Art zeitlich befristete Ru-hestellung, in der sich die befruchtete Eizelle noch nicht in der Gebärmutter einnistet. "Scheinbar ist es leichter, im Zuge der Evolution das Embryowachstum zu beschleunigen als zu verlangsa-men", folgert Clauss.

Einzige Ausnahme dieser Regel ist der Seeotter (Enhydra lutris), die einzige Otterart, die nur im Meer lebt. Sie kommt an der Küste Alaskas und damit weit weg vom Äquator vor. Ihre Fortpflan-zung sollte daher saisonal sein - ist es aber überhaupt nicht. Vermutlich, so die Forscher, weil sich der Seeotter von Seeigeln und Muscheln ernährt, die ganzjährig verfügbar sind.

Daten aus Zoos erklären Biologie der Arten

"Es ist faszinierend, wie wenig die Saisonalität der Fortpflanzung sich durch die Haltung im ganz-jährig optimal versorgten Zoo beeinflussen lässt und wie gut sich daher Daten von Zootieren eig-nen, um die Biologie der Arten zu beschreiben", fasst Clauss zusammen. Bei Haustieren dage-gen stimmt dieser Zusammenhang kaum mehr, deren Reproduktion ist weitgehend an keine be-stimmte Saison gebunden. Wer gerne neugeborene Raubtiere sehen will, sollte also im April oder Mai in den Zoo gehen.

Universität Zürich


Originalartikel:
Sandra A. Heldstab, Dennis W. H. Müller, Sereina M. Graber, Laurie Bingaman Lackey,
Eberhard Rensch, Jean-Michel Hatt, Philipp Zerbe, and Marcus Clauss. "Geographical Origin, Delayed Implantation, and Induced Ovulation Explain Reproductive Seasonality in the Car-nivora". Journal of Biological Rhythms. May 7, 2018. DOI: doi 10.1177/0748730418773620

http://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0748730418773620