VBIO

Tenure Track-Professuren und Dauerstellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs

Der Wissenschaftsrat empfiehlt den Universitäten, zwei Optionen gezielt auszugestalten: erstens den Karriereweg zur Professur über den Tenure Track, zweitens den Zugang zu einer unbefristeten Position als wissenschaftliche Mitarbeiterin bzw. wissenschaftlicher Mitarbeiter oder Lehrkraft für besondere Aufgaben. „Um die Karriereperspektiven wirklich zu verbessern, muss die Zahl unbefristeter Beschäftigungsverhältnisse deutlich erhöht werden, und diese müssen attraktiv ausgestaltet werden“, so Professor Manfred Prenzel, Vorsitzender des Wissenschaftsrates.

 

Der Wissenschaftsrat empfiehlt, künftig einen signifikanten Anteil aller Professuren mit Tenure Track vorzusehen, das heißt eine Professur zunächst befristet zu besetzen. Die Übernahme auf eine dauerhafte Professur muss erfolgen, wenn sich die Kandidatin bzw. der Kandidat im Professorenamt bewährt hat und dieses im Rahmen der Tenure-Evaluation gemäß vorab definierten Kriterien nachweisen kann. Prenzel erläutert: „Wir empfehlen einen echten Tenure Track, keine rechtlich unverbindliche Option. Damit lassen sich die eigenen Chancen auf eine Professur besser einschätzen. Universitäten wird er dabei helfen, talentierte und ambitionierte Personen für eine Hochschullehrertätigkeit zu gewinnen.“ Um einen früheren Berufungszeitpunkt und ein niedrigeres Durchschnittsalter zu erreichen, soll die Postdoc-Phase als zweite Qualifikationsphase in der Regel vier Jahre nicht überschreiten.

 

Die Zahl der Professuren soll substanziell erhöht werden, um die zusätzlichen Aufgaben der Universitäten qualitätsgerecht zu erfüllen. Die Betreuungsrelationen von Professorinnen und Professoren zu Studierenden sollen verbessert und der Betreuungs- und Prüfungsaufwand pro Professorin bzw. Professor internationalen Standards angenähert werden.

 

Um den insgesamt gewachsenen Anforderungen in den verschiedenen Leistungsbereichen von Universitäten Rechnung zu tragen, empfiehlt der Wissenschaftsrat, auch die Zahl der unbefristet beschäftigten wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Lehrkräfte für besondere Aufgaben zu erhöhen. Aufgaben, für die erfahrenes wissenschaftliches Personal in unbefristeten Beschäftigungsverhältnissen gebraucht wird, gibt es in Forschung, Lehre, Infrastrukturbetreuung und Wissens- und Technologietransfer, aber auch im wachsenden Bereich Wissenschaftsmanagement und -adminis-tration. Der Wissenschaftsrat fordert die Universitäten auf, für diese Dauerstellen systematisch Standards zu entwickeln, Aufgaben- und Anforderungsprofile der Stellen zu definieren und Kriterien und Prozesse der Personalgewinnung und -entwicklung einschließlich Aufstiegsmöglichkeiten festzulegen.

 

Für die Aufstockung des wissenschaftlichen Personals an Universitäten skizziert der Wissenschaftsrat folgendes Zielszenario: In den kommenden zehn Jahren soll die Zahl der Professuren schrittweise um insgesamt ca. 7.500 Professuren erhöht werden. Der Anteil der Tenure Track-Professorinnen und -Professoren soll bis 2025 etwa ein Fünftel aller Professuren betragen. Die Zahl der unbefristet beschäftigten wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Lehrkräfte für besondere Aufgaben soll in etwa demselben Umfang kontinuierlich erhöht werden. „Die Universitäten brauchen nun Konzepte zur Struktur und Entwicklung des wissenschaftlichen Personals und für die zusätzlichen Stellen auch entsprechende Mittel. Die Mengenverhältnisse der Stellenprofile und Personalgruppen müssen den Funktionen der einzelnen Einrichtung entsprechen“, so Prenzel. Der Umstellungsprozess soll durch Förderprogramme unterstützt werden.

 

Die GEW äußert sich folgendermaßen zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrates:

 

„Bund und Länder müssen jetzt schnellstmöglich einen ‚Pakt für gute Arbeit in der Wissenschaft‘ auf den Weg bringen“, mahnte Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), mit Blick auf die heute vom Wissenschaftsrat (WR) vorgestellten „Empfehlungen zu Karrierewegen und Personalstrukturen im Wissenschaftssystem“ an. „Die GEW hat bereits im Frühjahr 2013 ein Förderprogramm zur Stabilisierung der Beschäftigungsbedingungen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen gefordert. Es ist gut, dass der Wissenschaftsrat diesen Vorschlag in seinen Empfehlungen aufgreift. Jetzt ist die Politik am Zug.“

 

„Mit einem ‚Pakt für gute Arbeit in der Wissenschaft‘ sollen gezielt Anreize gesetzt werden, damit qualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine dauerhafte Perspektive in Hochschule und Forschung erhalten“, sagte Tepe. Heute hätten neun von zehn angestellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern lediglich einen Zeitvertrag, meist mit einer Laufzeit von weniger als einem Jahr. „Hochschulen und Forschungseinrichtungen müssen unterstützt werden, wenn sie den Anteil unbefristeter Beschäftigungsverhältnisse erhöhen. Ebenso wenn sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über Tenure-Track-Stellen berechenbare Perspektiven in der Wissenschaft bieten“, betonte die GEW-Vorsitzende.

 

„Zudem ist der Bund als Gesetzgeber gefragt. Damit die WR-Empfehlungen nicht nur schöne Worte bleiben, muss die Politik die Rahmenbedingungen verändern“, unterstrich Tepe. „Der Wissenschaftsrat fordert zu Recht, dass Daueraufgaben auf Dauerstellen erledigt werden. Die Bundesregierung muss die anstehende Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes nutzen, um diesen Grundsatz verbindlich festzuschreiben. Befristungen für die Qualifizierungsphase darf es künftig nur geben, wenn der Arbeitsvertrag tatsächlich die Qualifizierung der Beschäftigten zum Inhalt hat – andernfalls bleibt dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet.“ Außerdem müssten Mindestvertragslaufzeiten definiert werden, damit die vereinbarten Qualifizierungsziele während des Beschäftigungsverhältnisses auch zu erreichen sind.

 

Kritisch äußerte sich die GEW-Vorsitzende zu den Vorschlägen des Wissenschaftsrates für die Postdoc-Phase: „Eine Umsetzung der konkreten Empfehlungen würde bedeuten, dass es selbst bei einem modellhaften Karriereverlauf nach der Promotion weitere zehn Jahre dauert, bis Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine unbefristete Anstellung erhalten“, erläuterte Tepe. „Das ist nicht akzeptabel. Promovierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind keine Auszubildenden, sondern hoch qualifizierte Beschäftigte, die eine verlässliche Absicherung verdienen.“ Wissenschaftsrat und GEW www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/4009-14.pdf