VBIO

DHV fordert bessere Konditionen für Lehrbeauftragte und will den Qualifikationsweg zur Universitätsprofessur neu ordnen

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) beobachtet mit großer Sorge, dass es an Universitäten inzwischen drei bis vier Mal mehr Lehrbeauftragte als Universitätsprofessoren gibt. In der Gruppe der Lehrbeauftragten befänden sich neben gestandenen, gut bestallten Praktikern zunehmend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich selbst dem "akademischen Prekariat" zuordneten, erklärte der Präsident des DHV, Professor Dr. Bernhard Kempen, anlässlich des 65. DHV-Tags in Mainz. Von diesen seien viele habilitiert und als Privatdozenten oder außerplanmäßige Professoren in der Lehre tätig. Jenseits der gesetzlich angeordneten "Titellehre" von zwei Semesterwochenstunden blieben sie zum Lebensunterhalt oftmals auf Lehraufträge angewiesen, würden zumeist jedoch nur spärlich pro gehaltener Stunde vergütet, ohne sozialversicherungspflichtig beschäftigt zu sein.

"Der exponentielle Zuwachs von Lehrbeauftragten ist ein sicherer Beleg für die Unterfinanzierung des gesamten Hochschulsystems", betonte Kempen. Längst nähmen Lehrbeauftragte vitale und essentielle Teile der wissenschaftlichen Lehre wahr. "Das gesamte System der universitären Lehre gerät in Schieflage. Dafür tragen zuallererst Bund und Länder Verantwortung", so der DHV-Präsident.

 

Lehraufträge sollten der Arrondierung des Lehrangebots und der Verklammerung mit der beruflichen Praxis außerhalb der Universitäten dienen. "Der Zweck von Lehraufträgen liegt nicht darin, Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern vorbehaltene Lehraufgaben für wenig Geld an Externe zu delegieren", so Kempen. "Wenn Lehrbeauftragte faktisch dauerhaft Dienstaufgaben wahrnehmen, müssen reguläre Beschäftigungsverhältnisse als Hochschullehrer oder wissenschaftlicher Mitarbeiter geschaffen werden."

Kritikwürdig halte der DHV die von vielen Universitäten praktizierte Haltung, anstelle einer Lehrstuhlvertretung einen oder mehrere Lehraufträge zu erteilen, um Kosten zu sparen. Lehrstuhlvertretungen müssten darüber hinaus für die Dauer eines Semesters und nicht nur für die Vorlesungszeit vergütet werden.

 

Lehraufträge, die Teil des Pflichtlehrangebotes für die Studierenden sind, müssten zudem besser vergütet werden. Nach einer Umfrage des DHV aus dem Jahr 2010 bewegte sich an deutschen Universitäten der Hauptkorridor bei der Lehrauftragsvergütung zwischen 20 und 50 Euro. Mancherorts werde damit der seit Januar 2015 geltende Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde unterschritten, denn eine Stunde Lehre erfordere für Vorbereitung und Nachbereitung mindestens zwei zusätzliche Zeitstunden. Hinzu komme der Prüfungsaufwand. "Die miserable Honorierung von Lehraufträgen ist inakzeptabel", so Kempen. "Eine schrittweise Erhöhung der Lehrauftragsvergütung auf mindestens 60 Euro pro Lehrveranstaltungsstunde ist daher dringend geboten." Dazu stünden den Ländern die Mittel zur Verfügung, die durch die Kostenübernahme des BAföG durch den Bund freiwerden. Bislang habe lediglich Mecklenburg-Vorpommern als einziges Bundesland angekündigt, die Lehrvergütungssätze zu erhöhen.

 

Außerdem hat sich der Deutsche Hochschulverband (DHV) auf dem 65. DHV-Tag in Mainz für eine stärkere Trennung von wissenschaftlichen Mitarbeiter- und Qualifikationsstellen ausgesprochen. Bereits nach der Post-Doc-Phase sollte eine nur in Ausnahmefällen reversible Entscheidung herbeigeführt werden, ob ein junger Nachwuchswissenschaftler die Karriere als wissenschaftlicher Mitarbeiter oder als zukünftiger Hochschullehrernachwuchs einschlägt, heißt es in einer Resolution. Dieses Y-Modell ermögliche denjenigen, die keine Qualifikationsstelle anstrebten, sich frühzeitig für andere Karrierewege innerhalb und außerhalb der Wissenschaft zu entscheiden. Die in einem berufungsähnlichen Qualifikationsverfahren als Hochschullehrernachwuchs ausgewählten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler könnten dagegen eine individuellere Förderung und eine weitaus bessere Perspektive auf eine Lebenszeitprofessur erhalten.

 

"An der bisherigen Vielfalt der Qualifikationswege würde sich nichts ändern" erläuterte der Präsident des DHV, Professor Dr. Bernhard Kempen, das Modell. "In einer dem Hochschullehrernachwuchs vorbehaltenen neuen Personalkategorie Assistenzprofessur (Assistant Professor) könnten Habilitanden, Juniorprofessoren und Nachwuchsgruppenleiter aufgehen." Für die Habilitation, die weiterhin den Hauptweg der Qualifikation zur Universitätsprofessur bilde, sei damit ein Vorteil verbunden. Auch Habilitanden könnten als Assistant Professor in den Genuss eines "Tenure Track" kommen, der ihnen bislang de facto verwehrt ist. Zudem werde mit dem Wegfall der Dienstaufgabe "wissenschaftliche Mitarbeit" dem wissenschaftlichen Nachwuchs eine größere Selbständigkeit und Fokussierung auf die zukünftige Professorenaufgabe ermöglicht.

 

Kempen forderte, den Fakultäten und Universitäten im Rahmen ihrer individuellen Personalplanungskonzepte größtmögliche Freiheit über die Zahl von "Tenure Track"-Stellen zu geben. Um Hausberufungen zu vermeiden, sollten wie bei Juniorprofessuren bundesweit üblich "Tenure Track"-Stellen nur dann vergeben werden, wenn der Stelleninhaber vor Antritt der Stelle die Universität gewechselt oder während seiner Doktoranden- oder Post Doc-Zeit mindestens zwei Jahre außerhalb der die "Tenure Track"-Stelle vergebenden Universität gearbeitet habe. "Tenure Track-Stellen dürfen zudem nicht unter Stellenvorbehalt stehen", betonte Kempen. "Nur als vorgezogene Berufungen sind sie akzeptabel und sinnvoll. Tenure Track ist dann ein Mittel der Personalplanung und -gewinnung."

 

Der DHV-Präsident begrüßte die Forderung des Wissenschaftsrates, dass Bund und Länder bis zum Jahre 2025 zusätzliche 7.500 Professuren kapazitätsneutral schaffen sollten. Gegenüber der vom Wissenschaftsrat ebenfalls empfohlenen Umwidmung von wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen in Professuren gab er sich hingegen skeptisch. "Wissenschaftliche Mitarbeiter sind für die erfolgreiche Einwerbung und Abwicklung von Drittmittelvorhaben unverzichtbar. Lehrstühle mit einer Vielzahl von Mitarbeitern sind allein aufgrund ihrer Größe in der Lage, die Drittmittelvolumina zu generieren, auf die die deutsche Universität angesichts ihrer schlechten Grundfinanzierung angewiesen ist."

Deutscher Hochschul Verband