VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Thu, 04 Jun 2026 13:07:58 +0200 Thu, 04 Jun 2026 13:07:58 +0200 TYPO3 news-38995 Thu, 04 Jun 2026 12:48:00 +0200 Neues antivirales Antibiotikum https://www.vbio.de/aktuelles/details/neues-antivirales-antibiotikum Bakterien produzieren auch antiviral wirkende Moleküle. Forschende haben jetzt das antiviral wirkende Molekül Daunorubicin untersucht und seine Wirkungsweise gegen Viren entschlüsselt. Diesen Mechanismus, der sich vor allem gegen eine bestimmte Gruppe von Viren, die Bakteriophagen richtet, beschreiben sie in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).  Beim sommerlichen Spaziergang durch den Wald fällt der frische Duft des Waldbodens angenehm auf. Dieser Geruch rührt aber nicht vom Wald selbst her, sondern er ist ein Gemisch kleiner flüchtiger Moleküle, die unter anderem von Bodenbakterien produziert werden – den Streptomyceten. Und diese Moleküle sind auch anderweitig relevant: Tatsächlich werden mehr als zwei Drittel der medizinisch eingesetzten Wirkstoffe natürlichen Ursprungs von Streptomyceten produziert. 

Die Bakterien nutzen diese Moleküle, um sich damit gegen andere Mikroorganismen zu schützen. Und es hat sich gezeigt, dass diese Stoffe oft auch gut beim Menschen wirken. Zusätzlich zu den bekannten Antibiotika gegen bakterielle Infektionen produzieren die Bodenbakterien auch Moleküle, die vor Viren – sogenannten Bakteriophagen – schützen.

Ein bekanntes Molekül, das eine solche antivirale Aktivität zeigt, ist „Daunorubicin“. Dieses zellwachstumshemmende Molekül wird besonders in der Krebstherapie verwendet. In einer Studie von Forschenden der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) und des Forschungszentrums Jülich (FZJ) unter der Leitung von Prof. Dr. Julia Frunzke (Institut für Mikrobielle Interaktionen) zeigten die Forschenden, dass Daunorubicin die erfolgreiche Reproduktion diverser Bakteriophagen effektiv unterbindet: Während der Infektion eines Bakteriums mit einem Bakteriophagen wird ein gegenseitiger Zerstörungsprozess ausgelöst. An der im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms SPP 2330 geförderten Studie waren das Max-Planck-Institut für Terrestrische Mikrobiologie in Marburg und die ETH Zürich beteiligt. Mitgewirkt haben außerdem Kollaborationspartner des Sonderforschungsbereichs SFB1535 „MibiNet“, der von der HHU koordiniert wird.

Prof. Frunzke, Korrespondenzautor der nun in PNAS erschienenen Untersuchung: „Wir konnten zeigen, dass Daunorubicin den Infektionszyklus im frühen Stadium anhält oder verzögert. Dadurch werden toxische virale Proteine, die für eine erfolgreiche Infektion normalerweise in strikt regulierten Mengen benötigt werden, vermehrt gebildet. Sie töten die Bakterienzelle vorzeitig und unterbinden somit auch die Virusreplikation.“

Dr. Larissa Ernst, Erstautorin und Postdoc in Frunzkes Arbeitsgruppe: „Sind hingegen noch weitere bakterielle ‚Verteidigungsmechanismen‘ vorhanden, dann erhöht die Anwesenheit von Daunorubicin deren Effektivität und ermöglicht das Überleben der Zelle, ohne dass sich die Viren in der Zelle reproduzieren können.“

Prof. Frunzke zu den weiteren Perspektiven der Ergebnisse: „Die vergangenen Jahre haben unser Verständnis bakterieller Immunsysteme grundlegend verändert. Mit unserer Forschung tragen wir dazu bei, besser zu verstehen, wie diese verschiedenen Abwehrsysteme zusammenwirken. Dieses Wissen ist besonders wichtig für die Weiterentwicklung effektiver Phagentherapien. In Zeiten zunehmender Antibiotikaresistenzen bieten Phagen eine vielversprechende Alternative zur Behandlung von Infektionen durch multiresistente Krankheitserreger. Da solche Therapien häufig mit Antibiotika kombiniert werden, ist es entscheidend, die bakteriellen Abwehrmechanismen im Detail zu verstehen und therapeutisch nutzbar zu machen.“

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf


Originalpublikation:

L. Ernst et al.: DNA-intercalating antiphage molecules trigger abortive infection through mutual destruction and synergize with bacterial immunity, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (23) e2602073123, https://doi.org/10.1073/pnas.2602073123 (2026). 

]]>
Wissenschaft Nordrhein-Westfalen
news-38994 Thu, 04 Jun 2026 11:15:30 +0200 Fossilien ermöglichen neue Erkenntnisse zur Entwicklung des Lebens https://www.vbio.de/aktuelles/details/fossilien-ermoeglichen-neue-erkenntnisse-zur-entwicklung-des-lebens Ein internationales Forschungsteam hat erstmals Fossilien von Moostierchen aus dem frühen Kambrium identifiziert. Die außergewöhnlich gut erhaltenen Funde belegen, dass die Tiergruppe bereits vor rund 520 Millionen Jahren existierte – und dass das Zusammenleben vieler Individuen in Kolonien früher auf der Erde begann als bisher angenommen. Der Ursprung vieler Tiergruppen liegt im sogenannten Kambrium – dem Erdzeitalter vor rund 500 Millionen Jahren, in dem sich die Vielfalt des Lebens in den Ozeanen rasant auszuweiten begann. Damals entwickelten sich zahlreiche Neuerungen im Tierreich wie beispielsweise harte Körperteile, die als Fossilien die Zeit überdauerten. Diese Schalen und Skelette ermöglichen Forschenden heute Einblicke in die Entwicklung des Lebens auf der Erde.

Nun konnte ein Team aus China, Schweden, Australien und Deutschland außergewöhnlich gut erhaltene Fossilien sogenannter Moostierchen oder Bryozoen untersuchen. Diese wirbellosen Tiere gibt es noch immer, wenn auch nicht exakt in ihrer früheren Form. Charakteristisch ist ihre Lebensweise in Kolonien: Viele einzelne mikroskopisch kleine Individuen formen ein gemeinsames, komplexes, oft aus Kalk bestehendes Gebilde.

Die untersuchten Fossilien stammen aus der Xiangdong-Formation: Einer im Kambrium entstandenen Gesteinsschicht in der chinesischen Provinz Shaanxi. In ihr entdeckte das Forschungsteam neue Exemplare der bereits bekannten Moostierchen-Art Protomelission gatehousei und identifizierte mit Dayingomelission hexaclitia eine bislang unbekannte Spezies. Beide Organismen lebten vor rund 520 Millionen Jahren. Bislang fehlten Nachweise der Tiere aus dieser Zeit.

„Die Ergebnisse unserer Arbeit zeigen, dass die Moostierchen im Kambrium früher auftraten und weiter verbreitet waren als bisher gedacht“, sagt Dr. Andrej Ernst, Mitautor der Studie vom Fachbereich Erdsystemwissenschaften der Universität Hamburg. Zudem liefern die Untersuchungen neue Einblicke in eine zentrale evolutionäre Innovation: Das Zusammenleben von Individuen in komplexen Kolonien mit einer ausgeprägten Arbeitsteilung zwischen den Mitgliedern.

Neben den Skelettstrukturen enthielten die Fossilien sogar Teile des inneren Weichgewebes, weil dieses durch Phosphat mineralisiert worden war. Moderne Bildgebungsverfahren ermöglichten den Nachweis feiner anatomischer Details, darunter membranartige Strukturen, charakteristische Stacheln sowie einzelne Muskelfasern. Gleichzeitig zeigen die Fossilien die für Moostierchen typischen modular aufgebauten Skelette.

„Die Ergebnisse unserer Arbeit zeigen, dass die Bryozoen eine signifikante Entwicklung im Kambrium durchlaufen haben, die bis vor Kurzem noch unentdeckt war“, sagt Dr. Ernst. „Weitere Funde aus dieser Zeit werden künftig noch mehr Licht in die Entwicklung des Lebens auf der Erde bringen.“

Universität Hamburg


Originalpublikation:

Song, B., Zhang, Z., Strotz, L.C. et al. High-fidelity modular skeletons authenticate a Cambrian origin for Bryozoa. Nature (2026). doi.org/10.1038/s41586-026-10590-9

]]>
Wissenschaft Hamburg
news-38993 Thu, 04 Jun 2026 11:09:39 +0200 Arktische Flussdeltas unter Druck https://www.vbio.de/aktuelles/details/arktische-flussdeltas-unter-druck Forschende berechnen erstmals detailliert die Menge des gespeicherten Permafrost-Kohlenstoffs in arktischen Fluss-Deltas. In einer neuen Studie im Fachmagazin Nature Communications weisen sie auf die Risiken für die Speicherfunktion dieser hochsensiblen Landschaften durch den schnellen Klimawandel hin.  Viele Flüsse münden nördlich des Polarkreises in den Arktischen Ozean – darunter etwa die Lena in Sibirien und der Mackenzie River in Kanada. Die Deltas dieser großen und kleinen Ströme speichern viel Kohlenstoff, der dort in gefrorenen Böden und Sedimenten gebunden ist. Doch der Klimawandel destabilisiert die Deltas von Ozean- und Landseite und auch aus der Luft. Wie bedeutsam diese lange nur wenig beachtete und hoch vulnerable Permafrostregion zwischen Land und Meer ist, hat nun ein internationales Team unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) erstmals mit Zahlen belegt. Demnach sind in arktischen Flussdeltas mit 57,5 Gigatonnen auf nur einem Prozent der globalen Permafrostfläche rund 5 Prozent des dort gebundenen Kohlenstoffs gespeichert. Ein besseres Verständnis dieser für den arktischen Kohlenstoffkreislauf so wichtigen Region ist somit dringend geboten. 

Die Permafrostregion umfasst etwa ein Viertel der Landfläche auf der Nordhalbkugel und speichert Unmengen von organischem Kohlenstoff in Form von abgestorbenen Pflanzenresten. Über viele Jahrtausende war dieser arktische Eisschrank weitgehend stabil. Doch steigende globale Temperaturen lassen den Permafrost tauen. Großflächig werden dann Mikroorganismen aktiv, bauen das organische Material ab und setzen verstärkt Kohlenstoff als CO2 und Methan in die Atmosphäre frei.

„Der tauende Permafrost könnte den Klimawandel also potentiell verstärken. Deshalb arbeiten Forschende auf der ganzen Welt seit Jahren daran, das System Permafrost bis ins Detail zu verstehen, den enthaltenen Kohlenstoff und die relevanten Abbauprozesse genau zu quantifizieren, um letztlich mit numerischen Modellen verlässliche Zukunftsprognosen zu erstellen“, erklärt Guido Grosse, Leiter der Sektion Permafrostforschung am Alfred-Wegener-Institut. „Ein Bereich wurde dabei allerdings bisher etwas vernachlässigt: die Deltas der kleinen und großen arktischen Flüsse. Genau diese Mündungsbereiche speichern eigentlich langfristig sehr viel von den Flüssen gelieferten Kohlenstoff in gefrorenen Böden und Sedimenten. Doch nun steht genau dieser Grenzbereich zwischen Ozean und Land gleich von mehreren Seiten massiv unter Druck. Das Meereis zieht sich zurück, der Meeresspiegel steigt, das Land senkt sich ab, der Permafrost taut, die Tausaison verlängert sich, das Flusswasser wird wärmer. Sämtliche destabilisierende Faktoren treffen in den ohnehin sehr dynamischen arktischen Deltas aufeinander.“

Das internationale Forschungsteam um Studienerstautor und AWI-Postdoc Matthias Fuchs, der mittlerweile an der University of Colorado Boulder, USA, weiterforscht, hat deshalb nun erstmals sämtliche verfügbaren Daten zum Kohlenstoffgehalt arktischer Deltas zusammengetragen und die Größe des Speichers berechnet. „Bislang war die Studienlage zu arktischen Deltas sehr dürftig“, berichtet Matthias Fuchs. „Die wenigen Publikationen konzentrierten sich vor allem auf die Mega-Deltas der großen Flüsse Lena in Sibirien und Mackenzie in Kanada. Wir haben nun zusätzlich viele neue publizierte und teilweise noch nicht publizierte Daten von mehr als 1.600 Bodenproben aus 17 arktischen Deltas zusammengetragen. Im Vergleich zu den zuvor veröffentlichten Studien hat sich die Anzahl der untersuchten Bohrkerne so fast verdreifacht.“

Im Ergebnis wird die große Bedeutung der arktischen Flussdeltas deutlich. So speichern diese nach den Berechnungen des Studienteams auf einer Fläche von knapp 100.000 km2 (Fläche von Südkorea, doppelte Fläche von Niedersachsen) 57,5 Gigatonnen Kohlenstoff. Zum Vergleich: Der jährliche Zuwachs von Kohlenstoff in der Atmosphäre durch menschliche Aktivitäten beträgt etwa 4,5 Gigatonnen. Damit sind in den Deltas rund 5 Prozent des globalen Permafrostkohlenstoffs auf „nur“ 1 Prozent seiner Fläche gebunden. „Noch deutlicher wird die große Bedeutung, wenn man sämtliche Böden der Erde miteinbezieht“, erklärt Guido Grosse. „Dann binden die arktischen Deltas rund 2 Prozent allen Bodenkohlenstoffs auf nur 0,08 Prozent der globalen Bodenfläche. Damit ist klar, dass die arktischen Deltas aktuell ein besonders kritisches Element im globalen Kohlenstoffkreislauf sind. Sie speichern vergleichsweise viel Kohlenstoff auf kleiner Fläche und sind den Folgen des Klimawandels gleich in mehrfacher Hinsicht ausgesetzt. Für präzise Prognosen müssen wir also in der Forschung künftig verstärkt auch die Mündungen der großen und kleinen Arktisströme in den Blick nehmen.“

Alfred-Wegener-Institut


Originalpublikation:

Fuchs, M., Sachs, T., Jongejans, L.L. et al. Large stocks of permafrost soil organic carbon and nitrogen in Arctic river deltas. Nat Commun (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-73092-2

]]>
Nachhaltigkeit/Klima Bremen
news-38992 Thu, 04 Jun 2026 10:57:43 +0200 Fett-Trick schützt vor Zelltod https://www.vbio.de/aktuelles/details/fett-trick-schuetzt-vor-zelltod Als Reaktion auf Stress oder Schäden reagieren Zellen mit Seneszenz und stellen ihr Wachstum ein. Sammeln sich seneszente Zellen jedoch langfristig im Gewebe an, kommt es zu chronischer Entzündung und die Krebsgefahr steigt sogar. Forschende haben nun einen bislang unbekannten Mechanismus entdeckt, mit dem sich seneszente Zellen vor oxidativem Stress und einer speziellen Form des Zelltods, der Ferroptose, schützen. Die Ergebnisse könnten langfristig neue Ansatzpunkte für Krebstherapien und die Behandlung altersassoziierter Erkrankungen liefern.  Seneszenz entsteht, wenn Zellen auf Stress oder schädliche Veränderungen reagieren und dauerhaft ihr Wachstum einstellen. Dieser Prozess gilt als Schutzmechanismus gegen Krebs. Zellen, die z.B. ein durch Mutationen dauerhaft aktiviertes Onkogen tragen, werden gleichsam eingefroren, bevor sie sich unkontrolliert vermehren können – ein biologisches Notfallprogramm. Problematisch wird es jedoch, wenn sich seneszente Zellen im Gewebe ansammeln, dort chronische Entzündungen fördern und damit die Tumorentwicklung begünstigen. Wissenschaftler suchen daher nach Wegen, seneszente Zellen auszuschalten, bevor sie Unheil anrichten können.

Das Forschungsteam um Almut Schulze vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) untersuchte an Bindegewebszellen, wie sich der Stoffwechsel seneszenter Zellen verändert, die durch das mutierte Onkogen BRAFV600E ausgelöst wurden. Die BRAFV600E-Mutation kommt häufig z.B. bei Melanomen vor. Bei den Experimenten zeigte sich, dass die Zellen große Mengen an Triglyceriden, also Speicherfetten, bilden und in kleinen Lipidtröpfchen einlagern. 

Diese Fettumverteilung hat weitreichende Folgen: Besonders empfindliche mehrfach ungesättigte Fettsäuren werden aus Zellmembranen entfernt und stattdessen in Speicherfette eingebaut. Dadurch werden die Zellmembranen widerstandsfähiger gegen oxidative Schäden. Die Zellen schützen sich so vor Ferroptose, einer Form des programmierten Zelltods, die durch Lipidoxidation ausgelöst wird. 

Als einen zentralen Schlüsselfaktor dieses Schutzmechanismus identifizierten die Forschenden das Stoffwechsel-Enzym DGAT1. Blockierten sie es, so gelangten die empfindlichen Fettsäuren wieder verstärkt in die Zellmembranen – und die seneszenten Zellen verloren ihre Resistenz gegenüber dem Zelltod Ferroptose. 

Darüber hinaus beeinflusst der veränderte Fettstoffwechsel offenbar auch die Entzündungsreaktionen der Zellen. Seneszente Zellen produzierten vermehrt sogenannte Oxylipine – entzündungsfördernde Lipidbotenstoffe. Die Kombination aus der Hemmung von DGAT1 und der Blockade der Oxylipin-Produktion stellte die Empfindlichkeit der Zellen gegenüber Ferroptose vollständig wieder her. 

„Die Ergebnisse liefern uns neue Einblicke in die Biologie seneszenter Zellen“, sagt Studienleiterin Almut Schulze. „Sie zeigen, wie eng Fettstoffwechsel, Entzündungsprozesse und Zellüberleben miteinander verknüpft sind.“ Die Forschenden sehen die Arbeit als Grundlage, um langfristig neue therapeutische Strategien zu entwickeln, die seneszente Zellen gezielt beseitigen können. Das wäre nicht nur eine Option gegen Krebs, sondern möglicherweise auch bei altersbedingten Erkrankungen.

DKFZ


Originalpublikation:
Markus S. Hess, Kamal M. Al-Shami, Carolina Dehesa Caballero, Julie Haenlin Adriano B. Chaves-Filho, Lisa Schlicker, Philipp Poeller, Felix C. E. Vogel, Ioanna Koltsaki, Deniz Gedik, Marta Campos Alonso, Susanne Walz, Carsten P. Ade, Martin Eilers, Beate K. Straub, Jochen S. Utikal, Svenja Meierjohann, Mathias T. Rosenfeldt, Marteinn T. Snaebjornsson and Almut Schulze: Fatty acid channelling into triglycerides and oxylipins drives ferroptosis resistance during oncogenic BRAF-induced senescence. Cell Death & Differentiation 2026, https://doi.org/10.1038/s41418-026-01766-x

]]>
Wissenschaft Baden-Württemberg
news-38991 Thu, 04 Jun 2026 10:51:28 +0200 Acht Empfehlungen für Europas Seegraswiesen: Ein Fahrplan für Schutz und Wiederherstellung https://www.vbio.de/aktuelles/details/acht-empfehlungen-fuer-europas-seegraswiesen-ein-fahrplan-fuer-schutz-und-wiederherstellung Wie lassen sich Europas Seegraswiesen wirksam schützen und wiederherstellen? Mehr als 50 Forschende aus 17 europäischen Ländern haben dazu erstmals gemeinsame Empfehlungen erarbeitet. Die jetzt veröffentlichten „European Seagrass Recommendations 2026“ formulieren acht konkrete Handlungsempfehlungen für Politik, Behörden, Förderinstitutionen und Praxis. Für Deutschland waren Forschende des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und vom Forschungsverbund Sea-Store an der Ausarbeitung beteiligt. Die Empfehlungen sollen dazu beitragen, den Verlust von Seegraswiesen zu stoppen und ihre Wiederansiedlung in Europa voranzubringen.  Seegraswiesen gehören zu den wertvollsten Lebensräumen Europas. Sie filtern das Meerwasser, speichern Kohlenstoff, bieten zahlreichen Tierarten Schutz und Nahrung und dämpfen die Kraft von Wellen an den Küsten. Dennoch sind Seegraswiesen in vielen europäischen Regionen in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen. Steigende Wassertemperaturen, Algenwachstum, Küstenbebauung und intensive Nutzung setzen den Unterwasserwiesen zu.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hat die European Seagrass Restoration Alliance (ESRA) nun erstmals europaweite Empfehlungen für den Schutz, die Wiederansiedlung und das Management von Seegraswiesen veröffentlicht. Die „European Seagrass Recommendations 2026“ wurden von mehr als 50 Forschenden aus 17 Ländern gemeinsam erarbeitet. Sie bilden den ersten europaweiten wissenschaftlichen Konsens darüber, wie Seegraswiesen künftig geschützt, überwacht und wiederhergestellt werden können.

„Wir verfügen über die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Werkzeuge, um das Blatt zu wenden“, sagt Dr. Esther Thomsen, Meeresbiologin am GEOMAR, die an der Ausarbeitung der Empfehlungen beteiligt war. Ihre Kollegin Dr. Maike Paul vom Ludwig-Franzius-Institut der Leibniz Universität Hannover ergänzt: „Um Seegraswiesen erfolgreich zu schützen und wiederherzustellen, braucht es den politischen Willen und entsprechende Rahmenbedingungen. Die Empfehlungen bieten hierfür einen klaren, evidenzbasierten Fahrplan.“ Sie können dazu beitragen, die Umsetzung der EU Wiederherstellungsverordnung zu erleichtern, sind aber gleichermaßen auf Nicht-Mitgliedstaaten anwendbar.

Von Schutz bis Wiederansiedlung 

Die Empfehlungen decken den gesamten Prozess der Wiederherstellung von Seegraswiesen ab. Dazu gehören der Schutz bestehender Bestände, die Verringerung menschlicher Belastungen, großflächige Wiederansiedlungsmaßnahmen, langfristige Überwachung sowie der Aufbau nachhaltiger Quellen für Pflanzmaterial. Darüber hinaus fordern die Autor:innen eine bessere Verzahnung von Umweltpolitik und praktischer Umsetzung, vereinfachte Genehmigungsverfahren und eine langfristige Finanzierung. Auch die Einbindung lokaler Gemeinschaften, transparente Datennutzung und gemeinsame ethische Standards spielen eine wichtige Rolle.

Europäische Zusammenarbeit als Schlüssel

Die Empfehlungen wurden im Anschluss an den zweiten European Seagrass Restoration Workshop im April 2025 in Frankreich entwickelt und bei einem Autor:innentreffen im Februar 2026 in den Niederlanden fertiggestellt. Sie stehen im Einklang mit der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur, der UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen und dem Globalen Rahmenwerk für Biodiversität von Kunming-Montreal. Prof. Dr. Thorsten Reusch vom GEOMAR begleitete den Prozess als wissenschaftlicher Gutachter.

Wie wichtig die europäische Vernetzung beim Thema Seegraswiesen ist, betont Esther Thomsen: „Alleine können wir nur kleine Schritte gehen, aber gemeinsam können wir so viel mehr bewirken!“

Die ESRA fördert dafür die Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg und hilft, Forschung und Politik besser miteinander ins Gespräch zu bringen. Die jetzt gemeinsam formulierten Empfehlungen stärken das wachsende Bewusstsein und unterstützen die Akteure dabei, Seegraswiesen effektiv und verantwortungsvoll wiederherzustellen.

GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung


Originalpublikation:

Govers, L., Fauvel, T., Mayot, N., Lilley, S. J., & Lilley, R. (2026). European Seagrass Recommendations 2026 - On the future of seagrass restoration in Europe (Version 2026). Zenodo. 
https://doi.org/10.5281/zenodo.20055164

]]>
Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Schleswig-Holstein International
news-38990 Thu, 04 Jun 2026 10:45:00 +0200 Eiszeitkrimi: Taimeringer Mammut wurde vermutlich zerlegt von Jägern und Sammlern https://www.vbio.de/aktuelles/details/eiszeitkrimi-taimeringer-mammut-wurde-vermutlich-zerlegt-von-jaegern-und-sammlern Neues vom Wollhaarmammut aus Taimering: Das 2020 entdeckte Mammut wurde nach seinem Tod in einen ehemaligen eiszeitlichen Tümpel eingebettet. Pollenfunde und Altersdatierungen belegen, dass das Mammut während der unwirtlichen Bedingungen des Kältemaximums der Würmeiszeit lebte und starb. Schnittspuren an mehreren Rippen deuten darauf hin, dass altsteinzeitliche Menschen sich an dem Kadaver zu schaffen machten. Ein interdisziplinäres Forscherteam initiiert von SNSB-Paläontologin Gertrud Rößner und FAU-Geograph Christoph Mayr präsentiert nun die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Untersuchungen.  Bei Bauarbeiten in Taimering nahe Regensburg entdeckten Mitarbeitende des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege (BLfD) vor sechs Jahren einen fast 2,5 m langen, spiralig verdrehten Stoßzahn, der zu einem Wollhaarmammut, Mammuthus primigenius, gehörte. In der Nähe fanden die Archäologen außerdem über 70 weitere Knochen und Knochenbruchstücke, vor allem die des Brustkorbs sowie Hand- und Fußknochen. Die meisten Langknochen des großen Säugers fehlen. „Stoßzahn und Knochen des Mammuts waren aufgrund ihrer jahrtausendelangen Konservierung im Feuchtbodenmilieu außergewöhnlich gut erhalten“, sagt Dr. Christoph Steinmann, stellvertretender Leiter des Referates Bodendenkmalpflege Niederbayern/Oberpfalz am BLfD. Nach seiner Bergung wurde der Fund an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) präpariert, und von dort die weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen koordiniert.

Die paläontologische Begutachtung zeigte: Alle Knochen sowie der Stoßzahn gehören zu einem einzigen sehr großen, aber noch nicht ausgewachsenen Individuum mit etwa drei Metern Schulterhöhe. Das Taimeringer Wollhaarmammut kam vermutlich direkt an oder zumindest nahe seiner Fundstelle zu Tode. Die bis ins Detail unversehrt erhalten gebliebenen Knochenoberflächen lassen sowohl einen längeren Transport durch Wasser ausschließen als auch eine Zerlegung durch Raubtiere. Eingebettet wurde das Tier in den Sedimenten eines Tümpels oder langsam fließenden Zulaufs der eiszeitlichen Ur-Donau, so die Forschenden. Altersdatierungen ergaben ein Alter der Knochen zwischen 27.000 und 25.000 Jahren vor heute.

Ungewöhnliche Strukturen auf der Oberfläche entpuppten sich als Schnittmarken und geben eindeutige Hinweise auf menschliche Aktivitäten. Ausschließlich auf den Rippen finden sich zahlreiche solcher Einkerbungen – verursacht von altsteinzeitlichen Jägern und Sammlern, die das Tier zerlegten. Eine der Rippen wurde sogar als Schneidebrett verwendet. Ob das Mammut von Menschen getötet wurde oder ob es bereits tot war, als diese den Kadaver verarbeiteten, bleibt laut Erstautorin PD Dr. Kerstin Pasda, Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), die die osteoarchäologischen Untersuchungen zu den anthropogenen Einflüssen durchführte, unklar.

Pollenanalysen von Dr. Philipp Stojakowits an der Universität Augsburg verraten den Forschenden viel über die Umgebung, in der das Mammut lebte und starb. Sie zeigen eine krautige Tundra-artige Steppen-Vegetation mit vereinzelten Zwergsträuchern. Die sogenannte Mammutsteppe war ein gewaltiges baumloses Ökosystem in Eurasien, das während der Hochphase der letzten Kaltzeit vor etwa 30.000 – 20.000 Jahren vor heute in Europa zwischen dem skandinavischen Eisschild und den südlichen Gletschern der Alpen lag. Seine nährstoffreichen Kräuter und Zwergsträucher ernährten eine Vielzahl an großen Säugetieren, so auch das Taimeringer Mammut.

„Eine kleine Sensation ist unser Fund in vielerlei Hinsicht: Zum einen sind Skelettfunde von Mammuten in unseren Breiten äußerst selten. Wir kennen Funde hauptsächlich aus weiter östlich gelegenen Regionen Eurasiens“, so PD Dr. Gertrud Rößner, Paläontologin an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. „Zum anderen gibt es aus dieser Hochphase der Kaltzeit nahezu keine Nachweise menschlicher Aktivität aus dieser Region. Jäger- und Sammlergemeinschaften zogen sich klimabedingt in Europa nach Süden und Osten zurück“ ergänzen die Archäologieprofessoren Andreas Maier von der Universität zu Köln und Thorsten Uthmeier von der FAU Erlangen-Nürnberg.

Beteiligte Institutionen
Insgesamt beteiligten sich 14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachdisziplinen an der Mammut-Studie, darunter Forschende der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, der Reiss-Engelhorn-Museen mit dem Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim und der Universität Augsburg, der LMU München sowie der Universitäten Köln und Bremen, ebenso wie das Museum für Ur- und Ortsgeschichte in Bottrop.

Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayern


Originalpublikation:

Pasda, K, Rössner, GE, Steinmann, C, Maier, A, Mayr, C, Rosendahl, W, Lindauer, S, Friedrich, R, Sto-jakowits, P, Kevrekidis, C, Uthmeier, T, Reiss, L, Zolitschka, B. A cold case from the Last Glacial Maxi-mum: a partial mammoth skeleton from southern Germany (Danube Valley, Germany) – Part 1: traces of human activity and archaeological context. Journal of Archaeological Science: Reports, Volume 73, 2026, 105839, ISSN 2352-409X, https://doi.org/10.1016/j.jasrep.2026.105839.

Stojakowits, P, Christoph Mayr, C, Steinmann, C, Reiss, L, Lutz, P., Rössner, GE, Kevrekidis, C, Ro-sendahl, W, Pasda, K,Maier, A, Uthmeier, T, Zolitschka, B. A cold case from the last glacial maximum: A partial mammoth skeleton from southern Germany (Danube Valley, Germany) – Part 2: Fossil re-cord, sedimentology and palaeoenvironment. Journal of Archaeological Science: Reports, Vol 73, 2026 https://doi.org/10.1016/j.jasrep.2026.105793

]]>
Wissenschaft Bayern
news-38989 Thu, 04 Jun 2026 10:18:24 +0200 Bundeskabinett verabschiedet Bundesbericht Forschung und Innovation 2026 https://www.vbio.de/aktuelles/details/bundeskabinett-verabschiedet-bundesbericht-forschung-und-innovation-2026 Das Bundeskabinett hat den Bundesbericht Forschung und Innovation 2026 (BuFI) verabschiedet. Der Bericht ist das zentrale Überblickswerk der Bundesregierung zur Forschungs- und Innovationspolitik von Bund und Ländern. Er informiert über aktuelle Entwicklungen im deutschen Forschungs- und Innovationssystem, ordnet politische Maßnahmen und die Empfehlungen der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) ein. Mit einer FuE-Quote (Forschung und Entwicklung) von 3,17 Prozent (2024) erfüllt Deutschland erneut das Drei-Prozent-Ziel der Europäischen Union. Dazu erklärt die Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Dorothee Bär:

„Mit der Hightech Agenda Deutschland bringen wir Hightech ‚Made in Germany‘ wieder nach vorn. Neue Technologien und Innovationen eröffnen enorme Möglichkeiten für Wachstum, Wohlstand und Fortschritt. Diese Chance müssen wir entschlossen nutzen. Der BuFI 2026 zeigt: Deutschland ist ein starker Forschungs- und Innovationsstandort. Gerade im internationalen Wettbewerb kommt es jetzt darauf an, technologische Stärke schneller in Wachstum, Wertschöpfung und gute Arbeitsplätze zu übersetzen. Mit klaren technologischen Prioritäten, steigenden Investitionen und einer modernen Innovationspolitik stärken wir unsere Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität.“

Der Bericht dokumentiert erneut steigende Investitionen in Forschung und Entwicklung. Die FuE-Ausgaben erreichten 2024 mit 137,1 Milliarden Euro einen neuen Höchststand – ein Plus von 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Forschung und Innovation leisten damit einen wichtigen Beitrag zu Wachstum, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit. Rund 840.000 Menschen arbeiteten 2024 in Forschung und Entwicklung.

Der BuFI 2026 beschreibt den Übergang zur Hightech Agenda Deutschland (HTAD) mit neuen strategischen Schwerpunkten. Die Bundesregierung richtet ihre Forschungs- und Innovationspolitik noch stärker auf Wettbewerbsfähigkeit, technologische Handlungsfähigkeit und industrielle Wertschöpfung aus. Ziel ist es, wissenschaftliche Exzellenz schneller in marktfähige Innovationen zu überführen, den Transfer in die Anwendung zu beschleunigen und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen gezielt weiterzuentwickeln. Im Fokus stehen dabei Zukunftstechnologien, Fachkräftesicherung sowie die Stärkung des Innovationsstandorts Deutschland im internationalen Wettbewerb.

Der Bundesbericht Forschung und Innovation erscheint alle zwei Jahre und ist das zentrale Berichtsformat der Bundesregierung zur Forschungs- und Innovationspolitik in Deutschland.

Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt


Weitere Informationen

Bundesbericht Forschung und Innovation (bundesbericht-forschung-innovation.de)

]]>
Politik & Gesellschaft Bundesweit
news-38941 Wed, 03 Jun 2026 12:17:29 +0200 Amazonas-Regenwald reagiert auf El-Niño-Dürre mit neuen chemischen Schutzstoffen https://www.vbio.de/aktuelles/details/amazonas-regenwald-reagiert-auf-el-nino-duerre-mit-neuen-chemischen-schutzstoffen Eine neue Studie zeigt, wie sich der tropische Wald in Brasilien unter extremem Trockenstress chemisch anpasst – und dass diese Reaktion noch lange nach Ende der Dürre anhält  Der Amazonas-Regenwald kommuniziert mit seiner Umgebung über Chemie. Bäume geben kontinuierlich flüchtige organische Verbindungen ab, also Moleküle, die je nach Temperatur, Licht und Stress in unterschiedlicher Zusammensetzung und Menge freigesetzt werden. Während des El-Niño-Ereignisses 2023–2024, der schwersten Dürre, die je im Amazonasbecken verzeichnet wurde, veränderte der Wald diese chemische Kommunikation auf unerwartete Weise, um mit dem Umweltstress fertig zu werden. Das zeigt eine neue Studie unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz, die in Nature Communications Earth & Environment erschienen ist.

Sesquiterpene wirken als Stresssignale und Schutzstoffe

Das Forschungsteam maß die Freisetzung biogener flüchtiger organischer Verbindungen, sogenannter BVOCs: kohlenstoffbasierter Moleküle, die Pflanzen kontinuierlich an die Luft abgeben. Während die Isopren- und Monoterpenwerte auf die El-Niño-Bedingungen wie Dürre und Hitze kaum reagierten, stiegen die Emissionen von Sesquiterpenen um 122 Prozent an. Sesquiterpene sind reaktive Moleküle in der Luft, die Bäume als Stresssignale und Schutzstoffe produzieren. Ein bekannter Vertreter ist Caryophyllen, eine pfeffrig riechende Verbindung, die in Gewürznelken und schwarzem Pfeffer vorkommt.

Noch überraschender war eine weitere Entdeckung: In der Regenzeit nach der Dürre registrierte das Team unerwartete Emissionen von weniger flüchtigen Sesquiterpenalkoholen, darunter Beta-, Alpha- und Gamma-Eudesmol. Dies deutet darauf hin, dass der Wald mit diesen Emissionen auf oxidativen Stress reagiert – also auf biochemische Schäden, die Hitze und Wassermangel in den Pflanzenzellen auslösen. Bemerkenswert dabei: Die veränderten Emissionen hielten noch lange an, nachdem die Dürre längst abgeklungen war. „Bei schwerer Dürre verändert sich, was der Wald in die Luft abgibt: Die freigesetzten Verbindungen werden reaktiver und bleiben länger in der Luft", sagt Joseph Byron, Erstautor der Studie am Max-Planck-Institut für Chemie. „Das spiegelt einen grundlegenden Wandel im Stoffwechsel des Waldes wider. Der Regenwald versucht, Folgen des extremen Trockenstresses abzumildern." 

„Zwischen zwei El-Niño-Ereignissen, die alle zwei bis sieben Jahre auftreten, hat der Regenwald Zeit, zu seinem normalen Emissionsprofil zurückzukehren", erläutert Projektleiter Jonathan Williams. „Doch Klimamodelle legen nahe, dass diese Extremereignisse in diesem Jahrhundert häufiger und heftiger werden. Dann könnten die veränderten Emissionen zum Dauerzustand werden – mit spürbaren Folgen für die Atmosphäre über dem Regenwald."

Luftproben direkt über dem Kronendach

Die Luftproben stammen vom Amazon Tall Tower Observatory (ATTO), einer Forschungsstation 150 Kilometer nordöstlich von Manaus. Auf einem 80 Meter hohen Turm sammelte das Team in 23 Metern Höhe direkt über dem Kronendach alle eineinhalb bis drei Stunden Proben der Waldluft in Kartuschen. Zurück im Labor in Mainz analysierten die Forschenden die enthaltenen Verbindungen anschließend mittels Gaschromatographie und Massenspektrometrie –zweier Standardverfahren zur chemischen Analyse flüchtiger Stoffe. 

Die Studie knüpft an frühere Arbeiten desselben Teams an. Bereits zuvor hatten die Forschenden spezifische Spiegelmoleküle, sogenannte Enantiomere, als chemische Stressindikatoren im Amazonas-Regenwald identifiziert (siehe Pressemitteilung: https://www.mpic.de/5769158/spiegelmolekuele-indikatoren-stress-regenwald). Die aktuelle Untersuchung baut darauf auf und zeigt, welche reaktiven flüchtigen Verbindungen der Wald bei extremen Klimaereignissen gezielt als Teil seiner Abwehrreaktion produziert.

Auswirkungen auf den Klimawandel und die Widerstandsfähigkeit des Regenwaldes

Diese chemischen Reaktionen zu verstehen, gewinnt angesichts des Klimawandels an Dringlichkeit: Prognosen zufolge werden El-Niño-Ereignisse künftig intensiver und länger andauern. Die Verlagerung hin zu reaktiveren Verbindungen könnte die Atmosphärenchemie über dem Regenwald nachhaltig verändern und damit auch die Widerstandsfähigkeit des gesamten Ökosystems beeinflussen.

Max-Planck-Institut für Chemie


Originalpublikation:
Byron, J., Pugliese, G., de A. Monteiro, C. et al. Intense El Niño provokes production of new reactive volatiles as stress defences in Amazon rainforest. Commun Earth Environ 7, 419 (2026). 
https://doi.org/10.1038/s43247-026-03597-7

]]>
Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Rheinland-Pfalz
news-38940 Wed, 03 Jun 2026 12:13:16 +0200 Insektenvielfalt der Schweiz im Wandel: Erkenntnisse aus neun Jahrzehnten https://www.vbio.de/aktuelles/details/insektenvielfalt-der-schweiz-im-wandel-erkenntnisse-aus-neun-jahrzehnten Ein Schweizer Forschungsteam rekonstruierte erstmals die Entwicklung der Insektenvielfalt in der Schweiz über fast ein Jahrhundert. Es zeigte sich, dass die untersuchten Tagfalter- und Totholzkäferarten vor allem Mitte des 20. Jahrhunderts stark zurückgingen. Die Bemühungen zum Schutz der Biodiversität zeigen teilweise Wirkung, es braucht aber weitere Anstrengungen. Schweizer Forschende können dank eines historischen Datenarchivs erstmals Aussagen dazu machen, wie sich die Vielfalt zweier Insektengruppen in den vergangenen 90 Jahren verändert hat. Die von Agroscope geleitete Studie mit Beteiligung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL stellte um die Mitte des 20. Jahrhunderts einen grossen Rückgang fest bei Tagfalter- und Totholzkäfer-Arten, die überwiegend in Landwirtschafts- und Waldlebensräumen vorkommen. Sie zeigt aber auch, dass danach mancherorts die Artenzahl wieder angestiegen ist.

Die Auswertung, die nun im Fachjournal Nature Ecology and Evolution veröffentlicht wurde, ist Teil einer umfassenden Untersuchung zur Veränderung der Vielfalt und Häufigkeit von Insekten in der Schweiz (INSECT). Sie basiert auf Fundmeldungen von 811 Tagfalter- und Totholzkäferarten zwischen 1930 und 2021 aus den Archiven des nationalen Daten- und Informationszentrums info fauna. Ein Teil der Daten stammt von Insektenkundlern, ein anderer von Forschungsprojekten und Monitorings. «Schon immer faszinierten grosse Insekten wie Tagfalter und Käfer die Menschen. Entsprechend zahlreich sind die historischen Sammlungsstücke und ebenso die Meldungen in modernen Beobachtungs-Apps», sagt Felix Neff von Agroscope, der Erstautor der Studie.

Für Totholzkäfer zeigen die Resultate, dass die Artenzahl im Schnitt bis 1960 zurückging, sich dann stabilisierte und danach wieder auf das Niveau von 1930 anstieg, insbesondere seit den 2000er-Jahren. Tagfalter hingegen nahmen noch bis in die 1980er-Jahre ab. Sie konnten sich seither nicht erholen, so dass die Tagfalter heute mit durchschnittlich 12 % weniger Arten deutlich unter dem Niveau von 1930 liegen. Dies ist besonders im Mittelland (–29 %) und in den nördlichen Voralpen (–13 %) ausgeprägt, wo die landwirtschaftliche Nutzung und Besiedlung am intensivsten sind.

Agrarland und Wälder intensiv bewirtschaftet

Die stärksten Rückgänge, vor allem der Tagfalterarten, fielen in die Phase der Mechanisierung und Intensivierung der Landwirtschaft (1950–1980), begleitet von struktureller Vereinheitlichung der Landschaft und verstärktem Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln.

«Die meisten Tagfalter sind auf besonnte und nahrungsreiche Offenlandflächen angewiesen und viele Totholzkäfer auf Alt- und Totholzbestände. Deshalb sind diese zwei Gruppen repräsentativ für den Zustand dieser Lebensräume, von denen sehr viele andere Arten abhängig sind», sagt Kurt Bollmann von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, der das Forschungsprogramm INSECT mitinitiiert hat. So erstaunt es wenig, dass vor allem Arten wie das Bergkronen-Widderchen, die auf bestimmte Lebensräume und Nahrungsquellen spezialisiert sind, in den letzten 90 Jahren die grössten Verluste verzeichneten (bis –41 % bei Tagfaltern). 

Die Intensivierung und Mechanisierung wirkte sich auch auf die Wälder aus: Nach dem grossen Holzhunger des 19. Jahrhunderts lag der Fokus in der Waldwirtschaft auf der Steigerung der Holzerträge und der Mechanisierung. Dabei wurden alte Bestände geerntet und Totholz entfernt. Dadurch verloren viele Käferarten die Lebensgrundlage. So gingen grössere Totholzkäfer-Arten wie der Eremit stärker zurück als kleinere, weil grosse Totholzstämme auch heute noch Mangelware sind. 

Einen gegensätzlichen Effekt hatte der Klimawandel: Die steigenden Temperaturen begünstigen viele wärmeliebende Arten, die sich seit den 1980er-Jahren deutlich ausbreiten konnten. Dazu zählen viele Totholzkäferarten wie etwa Hirschkäfer, die in der Mehrheit von den wärmeren Temperaturen profitierten. Totholzkäfer profitierten zudem von heftigen Stürmen, die grosse Mengen Totholz schufen (z. B. Vivian 1990, Lothar 1999).

Positive Entwicklungen nur bei einigen Arten

Die Trendumkehr bei zahlreichen Arten und Artengruppen dürfte auch auf die zunehmenden Umweltschutzbemühungen seit den 1990er-Jahren zurückgehen: Wälder werden biodiversitätsfreundlicher bewirtschaftet und Alt- und Totholz-Inseln geschaffen, diverse Agrarumweltprogramme sowie Biodiversitätsförderflächen wurden eingerichtet. «Die teilweise Erholung der Artenzahlen weist darauf hin, dass die Naturschutzmassnahmen vor allem im Wald wirken, und der Klimawandel manche Arten positiv beeinflusst», sagt Bollmann. «Für zahlreiche spezialisierte Arten, wie viele Tagfalterarten, braucht es aber noch intensivere Anstrengungen.» Denn Insekten, darunter viele, die nicht Teil dieser Studie waren, spielen in Ökosystemen eine entscheidende Rolle, etwa als Bestäuber und Nahrungsgrundlage.

Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL


Originalpublikation:

Neff, F., Bollmann, K., Chittaro, Y., Gossner, M.M., Herzog, F., Korner-Nievergelt, F., Litsios, G., Martínez-Núñez, C., Moretti, M., Rey, E., Sanchez, A., Knop, E. 2026. Ninety-year trends reveal sharpest insect declines in the mid-twentieth century. Nature Ecology & Evolution. DOI: 10.1038/s41559-026-03074-6. https://www.nature.com/articles/s41559-026-03074-6

]]>
Wissenschaft International
news-38938 Wed, 03 Jun 2026 09:25:53 +0200 Ausgezeichnet: Die Preisträgerinnen und Preisträger 2026 für exzellente Hochschullehre in Mathematik und Naturwissenschaften stehen fest https://www.vbio.de/aktuelles/details/ausgezeichnet-die-preistraegerinnen-und-preistraeger-2026-fuer-exzellente-hochschullehre-in-mathematik-und-naturwissenschaften-stehen-fest Der Ars legendi-Fakultätenpreis 2026 würdigt herausragende Hochschullehre in Biologie, Chemie, Mathematik und Physik und zeichnet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus, die sich durch herausragende, innovative und beispielgebende Leistungen in Lehre, Beratung und Betreuung ihrer Studierenden hervortun. Im Bereich Biologie wird in diesem Jahr Maren Ziegler von der Justus-Liebig-Universität Gießen ausgezeichnet. Die Auszeichnung wird seit 2014 jährlich vom Stifterverband, der Gesellschaft Deutscher Chemiker, der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und dem Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland vergeben. Er ist mit einem Preisgeld von je 5000 Euro dotiert. Ziel des Preises ist es, die Sichtbarkeit und Wertschätzung exzellenter universitärer Lehre nachhaltig zu stärken.

Eine neunköpfige Jury bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der vier Disziplinen, der Hochschuldidaktik sowie Studierenden hat die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger ausgewählt. „Die diesjährigen Ausgezeichneten zeigen eindrucksvoll, wie inspirierende Hochschullehre heute aussehen kann“, erklärt Jurymitglied Jutta Rach, Studiendekanin im Fachbereich Wirtschaft an der Fachhochschule Münster. „Aber auch alle anderen Nominierten haben sich durch beispielhafte Hochschullehre und vorbildliches Engagement für die Studierenden hervorgetan“. 

Die zuständige Jury hat folgende Preisträgerinnen und Preisträger des Jahres 2026 bekannt gegeben:

Biologie: Maren Ziegler von der Justus-Liebig-Universität Gießen verbindet ihre Lehre eng mit ihren aktuellen Forschungen und integriert in vorbildlicher Weise eine Reihe moderner, didaktisch gut aufeinander abgestimmter Elemente sowie viele interaktive Einheiten. Sie ermutigt die Studierenden in besonderer Weise, Verantwortung zu übernehmen, und bezieht sie systematisch bei der Gestaltung der Lehrveranstaltungen mit ein. Dabei integriert sie auch Methoden der KI und motiviert zu kritischer Auseinandersetzung.

Chemie: Annette Marohn von der Universität Münster verknüpft bei ihrer sehr reflektierten und evidenzbasierten Lehre auch die Ergebnisse eigener fachdidaktischer Forschung. Viele Aspekte ihrer Lehre sind in hohem Maße preiswürdig. Besonders besticht ihr Ansatz, dass sie systematisch Brücken zwischen chemischen Inhalten und Themen der Demokratiebildung schlägt und so vor allem angehenden Lehrkräften ein Bewusstsein für die gesellschaftlichen Implikationen ihres Faches vermittelt. Ebenfalls hervorzuheben ist die große Strahlkraft, die das Engagement von Frau Marohn bereits seit Jahren über ihr eigenes Fach und den eigenen Standort hinaus entfaltet hat.

Mathematik: Walther Paravicini von der Eberhard Karls Universität Tübingen setzt in seiner Lehre auf eine kluge Kombination vielfältiger didaktischer Lehrformate.  Eine Besonderheit ist die konsequente Nutzung von Elementen der „Gamification“. Damit motiviert er mit signifikantem Erfolg zur kontinuierlichen Erarbeitung des Stoffs. Für Lehramtsstudierende erschließt sich in seinen Veranstaltungen unmittelbar die Notwendigkeit, fachliches und fachdidaktisches Wissen aufeinander zu beziehen. Dies wird beispielweise durch Zusatzprojekte wie die Vorbereitung einer Unterrichtseinheit an einer Partnerschule erreicht.

Physik: Detlef Reichert von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg richtet seine Lehre besonders konsequent, empathisch und sehr erfolgreich an den spezifischen Bedürfnissen bestimmter Zielgruppen aus. Zu nennen sind hier insbesondere Medizinstudierende, aber auch angehende Studierende. Durch die geschickte Auswahl relevanter Themen und den reflektierten Einsatz moderner didaktischer Methoden und anwendungsorientierter Lehrformate gelingt es ihm, auch solche Studierende, die dem Fach zunächst mit Unsicherheit begegnen, an die Physik heranzuführen und auch Nebenfachstudierende zu begeistern.

Interessierte sind herzlich zur feierlichen Verleihung des Ars legendi-Fakultätenpreises Mathematik und Naturwissenschaften 2026 eingeladen. Diese findet am 1. Juli 2026 um 17:00 Uhr im Arthur-von-Weinberg-Haus, Robert-Mayer-Straße 2, Frankfurt/Main statt. Um Anmeldung an duechs<script type="text/javascript"> obscureAddMid() </script>dpg-physik<script type="text/javascript"> obscureAddEnd() </script>de wird gebeten.

Weitere Informationen zum Ars legendi-Fakultätenpreis Mathematik und Naturwissenschaften unter: https://www.stifterverband.org/ars-legendi-mn

VBIO

]]>
VBIO Hessen