RSS-Feed VBIO http://www.vbio.de/ Aktuelle News de_DE VBIO Wed, 28 Sep 2022 13:09:22 +0200 Wed, 28 Sep 2022 13:09:22 +0200 News news-22267 Wed, 28 Sep 2022 12:36:41 +0200 Maßgeschneiderte Wirkstoffe aus DNA-Nanopartikeln - Forschende stellen neue Grundlagentechnologie vor https://www.vbio.de/aktuelles/massgeschneiderte-wirkstoffe-aus-dna-nanopartikeln-forschende-stellen-neue-grundlagentechnologie-vor Forschende der TU Darmstadt haben gezeigt, dass eine neue Klasse synthetischer Wirkstoffe sich gezielt auf die Schwachstellen eines Krankheitserregers hin ausrichten lässt und diesen wirkungsvoll zerstört. Die Ergebnisse ihrer Forschungen veröffentlichten sie jetzt im Journal „ChemBioChem“. Am Fachbereich Biologie der TU Darmstadt wird seit langem intensiv an innovativen Methoden geforscht, mit denen sich neue Therapeutika zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten herstellen lassen. Die große Bedeutung dieser Disziplin ist während der SARS-CoV2-Pandemie erneut mehr als deutlich geworden. Der Arbeitskreis von Professor H. Ulrich Göringer am Fachgebiet Molekulare Genetik hat nun eine neue Publikation auf diesem Forschungsgebiet vorgelegt. Im Aufsatz „Core-Shell DNA-Cholesterol Nanoparticles Exert Lysosomolytic Activity in African Trypanosomes“ berichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über einen innovativen Ansatz zum Design synthetischer Wirkstoffe, die gezielt gegen die Schwachstellen eines Krankheitserregers ausgerichtet werden können.
Es handelt sich dabei um Nanopartikel, also Teilchen mit einer Größe von wenigen Nanometern, in denen ein Kern aus Membranlipiden von einer Hülle aus DNA-Molekülen umgeben ist. Während die Lipidmoleküle eine generelle, membranzerstörende Wirkung auf den Krankheitserreger ausüben, kann die DNA-Hülle so „programmiert“ werden, dass ein zweites biochemisches Ziel (target) des Krankheitserregers attackiert wird. Gegen die im tropischen Afrika vorkommenden Schlafkrankheit konstruierten die Autorinnen und Autoren ein derartiges DNA-Lipid-Nanopartikel quasi am Reißbrett, synthetisierten es und zeigten, wie es den infektiösen Parasiten zielgerichtet im Laufe weniger Stunden zerstört. Die Nanopartikel entfalten ihre Toxizität gegenüber dem Schlafkrankheitserreger bereits in sehr kleiner Menge, nämlich in einem Konzentrationsbereich, der eine Größenordnung unterhalb der wirksamen Konzentration bereits bekannter Wirkstoffe liegt. Die vom Arbeitskreis synthetisierten Partikel bestehen aus kurzen DNA- und Cholesterol-Molekülen – beides biogene, also in der Natur vorkommende, ungiftige (atoxische) Verbindungen.
Das hier vorgestellte Design der DNA-Nanopartikel lässt sich auch auf andere Infektionskrankheiten anpassen. Die Technologie könnte so zur Grundlage für eine Anwendung in der Pharmaindustrie werden.
Das Forschungsprojekt wendet konsequent synthetisch-biologische Prinzipien des Wirkstoffdesigns an und reiht sich damit in den Forschungsschwerpunkt des Centre for Synthetic Biology an der TU Darmstadt ein. Die Arbeit der Erstautoren Dr. Robert Knieß und Dr. Matthias Leeder erschien im Fachjournal ChemBioChem und enthält unter anderem auch Ergebnisse der Bachelorstudierenden Paul Reißig und Felix Geyer an der TU Darmstadt. Das Projekt wurde durch die Dr. Illing-Stiftung für Makromolekulare Chemie gefördert.

TU Darmstadt


Originalpublikation:

R. Knieß, W.-M. Leeder, P. Reißig, F. K. Geyer, H. U. Göringer, ChemBioChem 2022, e202200410. https://doi.org/10.1002/cbic.202200410

]]>
Wissenschaft Biobusiness Nordrhein-Westfalen
news-22266 Wed, 28 Sep 2022 12:23:30 +0200 Aktuelle Ausgabe "Biotechnologie 2022" erschienen! https://www.vbio.de/aktuelles/aktuelle-ausgabe-biotechnologie-2022-erschienen Auch im 24. Jahrgang unserer Ausgabe „Biotechnologie“ lassen wir die Macher der Szene zu Wort kommen. Unternehmer, Investoren und Berater geben Einblicke in ihre Arbeit und Visionen. Die Biotechnologie in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte. Was diese Industrie in den vergangenen zwei Jahren geleistet hat, hätte sich zuvor wohl kaum jemand träumen lassen. Und welches Potenzial sie mit Blick auf künftige Herausforderungen birgt, ob in der klassischen medizinischen Biotechnologie oder im Zusammenhang mit bioökonomischen Herausforderungen, wird immer mehr Menschen deutlich.

Biotechnologie bestimmt unser Leben, ob wir nun krank sind und auf Heilung hoffen, den Ausbruch von Krankheiten gar verhindern, Ersatz für fossile Energien suchen oder Plastikmüll vermeiden wollen. Erfolgsgeschichte? Ja! Also alles in Ordnung? Nein! Denn der Produktionsstandort Deutschland ist keineswegs gesichert. Hier müssen verbesserte Rahmenbedingungen geschaffen werden (S. 12, 16 und 62). Kann Gesundheitswirtschaft den Strukturwandel befruchten (S. 24)? Welche Zwischenbilanz ziehen wir nach fast drei Jahren Pandemie (S. 40)? Wie sehen die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen und künftigen Herausforderungen aus (S. 96 f)? Wie schätzen Investoren die aktuelle Lage ein (S. 106)? Und welche Chancen bieten sich Investoren und Anlegern (ab S. 116)?

Auf all diese Fragen möchten wir Ihnen in der Ausgabe „Biotechnologie 2022“ Antworten geben –und die Hoffnung, die es braucht, um in Krisenzeiten optimistisch zu bleiben. Biotechnologie kann nicht alle Probleme in der Welt lösen, aber nutzen wir die Chancen, die uns diese Branche bietet!

Plattform Life Sciences

Hier steht Ihnen das E-Magazin zur Verfügung.

]]>
Biobusiness Bundesweit
news-22265 Wed, 28 Sep 2022 11:28:21 +0200 Das Konsortium „Biodiversity Genomics Europe“ (BGE) begegnet der globalen Biodiversitätskrise https://www.vbio.de/aktuelles/das-konsortium-biodiversity-genomics-europe-bge-begegnet-der-globalen-biodiversitaetskrise Die Bewältigung der globalen Biodiversitätskrise erfordert wissenschaftsgeleitetes, kooperatives Handeln von Akteuren auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen. Einen Beitrag dazu will ein heute gestartetes pan-europäisches Projekt leisten, in dem Spezialist:innen für Genomik in bisher nicht dagewesener Breite und Tiefe das Erbgut des Lebens in Europa und auf der ganzen Welt analysieren. Dies werde die Wissenschaft und Politik im Bereich des Natur- und Artenschutzes grundlegend verändern – mit Auswirkungen, die mit denen des Humangenomprojekts in der Medizin vergleichbar sein dürften. Das Konsortium „Biodiversity Genomics Europe“ (BGE) arbeitet eng vernetzt mit dem Europäischen Referenz-Genom-Atlas (ERGA), einer wissenschaftlichen Gemeinschaft von Expert:innen für Genomsequenzierung, die die Erstellung von Referenzgenomen für alle vielzelligen (eukaryontischen) europäischen Arten koordiniert.

Die Zeit läuft ab. Schätzungsweise jede vierte Art auf unserem Planeten ist derzeit vom Aussterben bedroht, wodurch Lebensgrundlagen, Nahrungsmittelversorgung und wichtige Wasser- und Nährstoffkreisläufe gefährdet sind. Im Kampf gegen diesen beispiellosen Artenschwund und die Zerstörung der Ökosysteme ist gesichertes Wissen von entscheidender Bedeutung – doch unser Verständnis davon, wie das Leben auf der Erde funktioniert und auf Umweltbelastungen reagiert, ist noch lange nicht vollständig. Die Genomik kann durch DNA Barcording und vollständige Genomsequenzierung entscheidende neue Instrumente zur Beantwortung dieser Fragen liefern. Das BGE-Konsortium wird wesentliche Fortschritte bei der Nutzung der Genomik für den Natur- und Artenschutz auf dem gesamten Kontinent erzielen.

Trotz jahrhundertelanger Forschung warten schätzungsweise 80 % der weltweiten Arten noch immer auf ihre wissenschaftliche Entdeckung und Beschreibung. Selbst bei beschriebenen Arten ist es oft schwierig, sie schnell und sicher voneinander zu unterscheiden. Darüber hinaus ergeben die Wechselwirkungen innerhalb und zwischen den Arten sowie zwischen den Arten und ihrer Umwelt ein komplexes Bild, das vom Individuum bis zur planetaren Ebene reicht. Die Genomik ist ein vielversprechender Weg, um diese Zusammenhänge zu kartieren und vorherzusagen, wie Individuen und Populationen auf Umweltveränderungen reagieren könnten. Durch die Zusammenführung der wichtigsten europäischen Wissenschaftler:innen im Bereich zweier grundlegender Erbgut-basierter Technologien – DNA Barcoding und Genomsequenzierung – wird das BGE-Konsortium die Einführung und Nutzung dieser Methoden in ganz Europa erheblich voranbringen.

Im DNA Barcoding werden kurze DNS-Sequenzen verwendet, um verschiedene Arten schnell und zuverlässig zu unterscheiden – ähnlich wie bei herkömmlichen Strichcodes zur Unterscheidung von Produkten im Supermarkt. Mit modernen genetischen Sequenzierungstechniken hat das DNA Barcoding das Potenzial, die Bestandsaufnahme des Lebens auf der Erde drastisch zu beschleunigen und eine Grundlage für die globale Überwachung des Erhalts der genetischen Vielfalt zu schaffen.
Am anderen Ende der Skala bestimmt die Genomsequenzierung die Reihenfolge der DNS-Nukleotide – die Bausteine des genetischen Codes – im gesamten Genom einer bestimmten Art. Auf diese Weise können Wissenschaftler:innen Gene und andere Merkmale des Genoms identifizieren und lokalisieren und auf diese Weise eine vollständige, vergleichende „Landkarte“ des Codes erstellen, aus dem jeder Organismus besteht. Auf diese Weise ergibt sich ein umfassendes Bild davon, wie biologische Systeme funktionieren und, was besonders wichtig ist, wie Arten auf Umweltveränderungen reagieren und sich an sie anpassen.

Die EU-Strategie zum Erhalt der biologischen Vielfalt bis 2030 und der „European Green Deal“ enthalten klare Verpflichtungen zu Maßnahmen, die Herausforderungen wie den Rückgang der Bestäuber, die Verschlechterung wichtiger Land-, Süßwasser- und Meereslebensräume und die Auswirkungen invasiver nichtheimischer Arten auf die biologische Vielfalt wirksam angehen. Das im Förderprogramm „Horizon Europe“ finanzierte BGE-Konsortium – eine große Investition in die europäische Genomikwissenschaft – bietet die Mittel zur Erreichung dieser Ziele.

>> Statements

Der Leiter des BGE-Projekts, Dimitris Koureas (Naturalis Biodiversity Center, Niederlande), sagt: „Wir sehen das BGE-Projekt als einen Mechanismus, mit dem wir die Grenzen der nationalen Investitionen, die wir bereits in die Genomik der biologischen Vielfalt getätigt haben, überwinden und auf die europäische Ebene übergehen können. Wir betrachten das BGE als einen erfolgversprechenden Weg, auf dem wir die für die Zukunft erforderlichen Größenvorteile erzielen können.“

Pete Hollingsworth, wissenschaftlicher Direktor des Royal Botanic Garden Edinburgh, sagt: „Diese wichtige europäische Koalition bringt verschiedene Fachkenntnisse und Infrastrukturen in zwei aufstrebenden technologischen Bereichen zusammen und nutzt die Möglichkeiten der DNS- und Genomik-Wissenschaft, um zum Verständnis und zur Erhaltung der biologischen Vielfalt beizutragen und so einige der größten Herausforderungen zu bewältigen, denen sich unser Planet heute gegenübersieht.“

Camila Mazzoni, Leiterin der Forschungsgruppe Evolutions- und Naturschutzgenomik am Leibniz-IZW und erste gewählte Vorsitzende von ERGA, sagt: „BGE schlägt eine Brücke zwischen der Identifizierung und Überwachung koexistierender Arten durch Barcoding und dem Verständnis des gesamten genetischen Aufbaus und der Anpassungsfähigkeit jeder Art durch Genome. Der kontinuierliche Aufbau und die Verknüpfung beider Arten von Informationen wird ein noch nie dagewesenes Verständnis der biologischen Vielfalt der Erde und der menschlichen Maßnahmen zu ihrer Wiederherstellung ermöglichen.“

BGE wird auch mit dem Earth BioGenome Project in den USA und dem International Barcode of Life in Kanada zusammenarbeiten.

>> Boilerplates

Das mit 21 Millionen Euro dotierte Projekt Biodiversity Genomics Europe (BGE) wird von der Europäischen Kommission sowie den Regierungen des Vereinigten Königreichs und der Schweiz mitfinanziert. Dieses erste große europäische Projekt wird bis 2026 laufen. Es bringt Organisationen des BIOSCAN Europe DNA-Barcoding-Konsortiums (104 Partnereinrichtungen in 29 Ländern) und des ERGA-Genomsequenzierungskonsortiums (709 Mitglieder in 37 Ländern) zusammen.
biodiversitygenomics.eu

BIOSCAN Europe führt bestehende europäische nationale Netze, Wissenschaftler:innen und Projekte zusammen, die an der Überwachung der biologischen Vielfalt mit Hilfe von DNS arbeiten. Das Ziel von BIOSCAN Europe ist es, ein europäisches Zentrum für das International Barcode of Life-Konsortium (iBOL) zu schaffen und ein effizientes europäisches System miteinander verbundener Einrichtungen zur schnellen Identifizierung und Überwachung von Arten aufzubauen. Die Initiative ist Teil des iBOL-Konsortiums und seiner globalen BIOSCAN-Initiative, die darauf abzielt, das Verständnis der Artenvielfalt, ihrer Interaktionen und ihrer Dynamik zu verbessern.
www.bioscaneurope.org

Die ERGA-Initiative (European Reference Genome Atlas) ist eine europaweiter Zusammenschluss von Expert:innen auf dem Gebiet der Genomsequenzierung mit dem Ziel, die Erstellung von Referenzgenomen für alle eukaryontischen europäischen Arten zu koordinieren. ERGA verfolgt ein verteiltes Modell, um ein kollaboratives und interdisziplinäres Netzwerk von Wissenschaftler:innen aus ganz Europa und den assoziierten Ländern zu schaffen und zu konsolidieren. ERGA arbeitet an der Entwicklung und Verbreitung von Leitlinien für die Skalierung aller Schritte (durch Schulungen und Wissenstransfer), die für die Erzeugung von Referenzgenomen auf dem neuesten Stand der Technik erforderlich sind.
www.erga-biodiversity.eu

Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.

]]>
Wissenschaft Berlin International
news-22257 Tue, 27 Sep 2022 12:42:04 +0200 Struktur von Weizen-Immunprotein entschlüsselt – ein wertvolles Instrument im Kampf um die Ernährungssicherheit https://www.vbio.de/aktuelles/struktur-von-weizen-immunprotein-entschluesselt-ein-wertvolles-instrument-im-kampf-um-die-ernaehrungssicherheit Weizen ist eine der wichtigsten Grundlagen für die weltweite Ernährungssicherheit. Er stellt für 40 % der Weltbevölkerung ein Grundnahrungsmittel dar. Vor diesem Hintergrund werden die Widerstandsfähigkeit von Kulturpflanzen in einem sich verändernden Klima und die Resistenz gegen Infektionskrankheiten die entscheidenden Faktoren für die zukünftige Ernährungssicherheit auf unserem Planeten sein. Weizen ist anfällig für einen der wirtschaftlich bedenklichsten Krankheitserreger, der Getreideschwarzrost. Dies ist ein tückischer Pilz, der verheerende Auswirkungen auf die Ernteerträge haben kann. Forschende haben jetzt entschlüsselt wie Weizen sich vor diesem tödlichen Krankheitserreger schützt. Ihre Erkenntnisse, die jetzt in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurden, können zu einem wertvollen Instrument werden, um Nutzpflanzen widerstandsfähiger gegen Krankheiten zu machen. Der Getreideschwarzrost plagte den Weizenanbau schon seit Jahrtausenden. In den letzten 50 Jahren des 20. Jahrhunderts gelang es Züchter:innen und Pflanzenpatholog:innen mit ihrer Arbeit jedoch, dynamische Epidemien in den global wichtigsten Weizenanbauregionen zu verhindern. Leider wurden diese positiven Aussichten 1998 durch das Auftreten einer neuen, hochvirulenten Variante des Getreideschwarzrosts in Uganda erschüttert. Die neue Variante des Getreideschwarzrosts, die Ug99 genannt wird, kann bis zu 80 % der bekannten Weizensorten befallen. Dadurch können vollständige Ernteverluste auf infizierten Feldern entstehen.

Auf der Suche nach Resistenzen gegen neue Krankheitserreger durchforsten Pflanzenwissenschaftler:innen und -züchter:innen häufig das Erbgut von Wildsorten unserer Grundnahrungsmittel nach Genen, die eine wirksame Immunität verleihen. Das Auftreten von Ug99 verlieh solchen Bemühungen besondere Dringlichkeit und führte zur Identifizierung des Gens Sr35. Es schützt den Weizen-Urahnen Einkorn vor Ug99.

Jetzt haben Forschende unter der Leitung von Jijie Chai und Paul Schulze-Lefert von der Universität Köln und des Max-Planck-Instituts für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln sowie Yuhang Chen von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften die räumliche Struktur des Weizenproteins Sr35 entschlüsselt. Dadurch gelang es ihnen zu erklären, wie das Gen Sr35 dem Einkorn die Resistenz gegen Ug99 verleiht.

Sr35 gehört zu den nucleotide-binding leucine-rich repeat receptors (NLRs) in Pflanzenzellen, die die Anwesenheit von Krankheitserregern aufdecken. Die Immunantwort in der Pflanze wird ausgelöst indem NLRs sogenannte Pathogen -"Effektoren" erkennen. Effektoren sind kleine Proteine, die von eindringenden Mikroorganismen in die Zellen eingebracht werden, um die Pflanze zu schwächen. Typischerweise erkennt jeder NLR nur einen bestimmten Effektor.

Wird der Sr35-Rezeptor aktiviert, lagern sich fünf Rezeptoren aneinander. Sie bilden einen großen Proteinkomplex, den die Forscher das „Sr35-Resistosom“ nennen. Solche Resistosome haben die Fähigkeit als Kanal in der Pflanzenzellmembran zu fungieren, wodurch die Aktivierung starker Immunreaktionen in Gang gesetzt wird. Letztendlich führt dies zum Absterben von Pflanzenzellen am Ort der Infektion - eine Art lokale Selbstaufopferung zum Schutz der restlichen Pflanze.

In dieser Studie konnten Forschende zum ersten Mal eine Resistosom-Struktur einer Nutzpflanze entschlüsseln und diese Immunprozesse beschreiben.

Die Forschenden synthetisierten sowohl das Protein Sr35 als auch den entsprechenden Ug99-Effektor in Insektenzellen, eine Strategie, die es ihnen ermöglichte, große Mengen von Sr35-Resistosomen zu isolieren und aufzureinigen. Mit Hilfe der kryogenen Elektronenmikroskopie, einer Technik, bei der die Proben blitzschnell auf extreme Temperaturen abgekühlt werden, lässt sich die räumliche Struktur von riesigen Biomolekülen wie dem Resistosom mit atomarer Auflösung entschlüsseln. Alexander Förderer, der die Studie initiierte und anleitete, erklärt: "In der räumlichen Struktur des Sr35-Resistosoms konnten wir die Teile des Proteins identifizieren, die für die Erkennung des Ug99-Effektors wichtig sind. Mit diesen Erkenntnissen konnten wir neue NLRs entwickeln. Ich hoffe eines Tages können solche neuen NLRs Anwendung auf dem Feld finden um Eliteweizensorten gegen Ug99 zu schützen. Unsere Forschung könnte so einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherheit auf dem Planeten leisten."

Ausgestattet mit ihrem Wissen über die Struktur des Sr35-Resistosoms widmeten sich Alexander Förderer und seine Co-Autoren Ertong Li und Aaron W. Lawson der Aufgabe, Rezeptoren anfälliger Sorten von Gerste und Weizen umzufunktionieren, und zwar so, dass diese den Ug99-Effektor erkennen. Sie selektierten zwei NLR Proteine, die Sr35 zwar ähnelten, aber Ug99 nicht erkannten. Als sie die Elemente von Sr35 einfügten, von denen nun bekannt war, dass sie mit dem Ug99-Effektor interagieren, konnten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen diese Proteine in wertvolle Rezeptoren für den Ug99-Effektor umwandeln.

Paul Schulze-Lefert erläutert: "Diese Studie zeigt auch, wie die Natur ein gemeinsames Konstruktionsprinzip verwendet hat, um Immunrezeptoren zu entwickeln. Zugleich evolvierten solche Rezeptoren auf eine Weise, dass sie die Flexibilität beibehalten haben neue Rezeptor-Varianten zu generieren, welche gegen andere mikrobielle Krankheitserreger wie Viren, Bakterien oder Nematoden immun machen."
Jijie Chai weist darauf hin, dass die in dieser Studie gewonnenen Erkenntnisse "die Möglichkeit eröffnet, die Resistenz von Nutzpflanzen zu verbessern, indem pflanzliche Resistenzproteine entwickelt werden, die eine Reihe verschiedener Pathogen-Effektoren erkennen".

Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung


Originalpublikation:

Förderer, A., Li, E., Lawson, A.W. et al. A wheat resistosome defines common principles of immune receptor channels. Nature (2022). doi.org/10.1038/s41586-022-05231-w

]]>
Wissenschaft Nordrhein-Westfalen
news-22256 Tue, 27 Sep 2022 12:07:17 +0200 Artenschutz durch Forstwirtschaft: Fahrspuren im Wald schützen bedrohte Gelbbauchunke https://www.vbio.de/aktuelles/artenschutz-durch-forstwirtschaft-fahrspuren-im-wald-schuetzen-bedrohte-gelbbauchunke Sie sehen nach Zerstörung aus, schaffen aber wichtige Lebensräume: Fahrspuren auf Rückegassen im Wald. Die Gelbbauchunke braucht diese zum Überleben. Mit ihren herzförmigen Pupillen und dem gelb-schwarz gemusterten Bauch ist sie ein besonderer, aber mittlerweile seltener Anblick in süddeutschen Wäldern. Sie ist stark gefährdet und streng geschützt. Herkömmliche Maßnahmen zum Amphibienschutz eignen sich allerdings nicht zum Schutz der Pionierart Gelbbauchunke. Nun haben Forschende der Universität Hohenheim in Stuttgart ein nachhaltiges Schutzkonzept zur Herstellung von Laichgewässern für die bedrohte Art erarbeitet. Sie empfehlen, Schutzmaßnahmen in die Waldbewirtschaftung zu integrieren. Schlammige Pfützen auf zerfurchten Waldwegen: Die Spuren der Forstwirtschaft stören das Bild einer vermeintlich unberührten Natur im Erholungsgebiet Wirtschaftswald. Der gefährdeten Gelbbauchunke bieten solche Fahrspuren jedoch eine unverzichtbare Möglichkeit zur Vermehrung. Das zeigen die Ergebnisse eines Forschungsprojekts der Universität Hohenheim.

Der globale Verbreitungsschwerpunkt der Gelbbauchunke liegt in Süddeutschland – daher trägt Deutschland eine besondere Verantwortung für den weltweiten Erhalt dieser Art. Die Forschenden fanden heraus, dass die gefährdete Unke langfristig nicht von herkömmlichen Maßnahmen im Amphibienschutz profitiert, sondern spezielle Schutzkonzepte benötigt. Der Grund dafür: Die Pionierart kann sich nur in neu entstandenen, kurzlebigen Kleinstgewässern erfolgreich vermehren. Nur unmittelbar nach der Entstehung sind derartige Gewässer frei von Fressfeinden.

Die Dynamik des Entstehens und Vergehens von Kleinstgewässern war ursprünglich besonders in Auenlandschaften mit deren regelmäßigen Überschwemmungen gegeben. Da solche Landschaften in Deutschland immer seltener werden, zieht es die Gelbbauchunke in Lebensräume, die eine ähnliche Störungsdynamik aufweisen – wozu die Wirtschaftswälder zählen.

Waldnutzung schafft seltene Laichgewässer

„Fahrspuren von Waldmaschinen auf Rückegassen schaffen ideale Laichgewässer für die Gelbbauchunke“, sagt Prof. Dr. Martin Dieterich, Leiter des Forschungsprojekts zum nachhaltigen Schutz der Gelbbauchunke. Innerhalb des ersten Jahres dienen solche Fahrspuren als Lebensstätte, in der sich die bedrohte Art vermehren kann. Da Wirtschaftswälder im Zuge der Holzernte regelmäßig befahren werden, entstehen Laichgewässer immer neu. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts belegen: Die Gelbbauchunke vermehrt sich in diesen neuen Pfützen besonders erfolgreich.

Von dauerhaft angelegten Gewässern zum Amphibienschutz profitiert die Gelbbauchunke langfristig nicht. „In Baggertümpeln vermehrte sich die Gelbbauchunke im ersten Untersuchungsjahr zwar besonders gut“, berichtet Felix Schrell, Koordinator des Forschungsprojekts. Aber: „Bereits im zweiten Jahr siedeln sich in diesen permanenten Gewässern auch Fressfeinde der Gelbbauchunke an. Der Nachwuchs der Pionierart hat dann keine Chance mehr zu überleben. Auch eine Sanierung dieser Gewässer, wie es für die Gelbbauchunke oft betrieben wird, bringt keinen populationserhaltenden Reproduktionserfolg.“

Forscher empfehlen Integration des Artenschutzes in Waldnutzung

„Die Gelbbauchunke hat in Baden-Württemberg nicht trotz, sondern wegen der Forstwirtschaft überlebt“, betont Prof. Dr. Dieterich. Der Artenschutz müsse im Fall der Unke daher in die Waldnutzung integriert werden. Dafür hat das Forschungsteam einen praxisnahen Leitfaden entwickelt. Die Empfehlung lautet: Fahrspuren im Wald sollen während der Laichsaison der Gelbbauchunke über den Sommer erhalten bleiben und dann eingeebnet werden. Durch gezieltes Befahren der Gassen können die Spuren anschließend wieder neu entstehen.

Da die Fahrspuren bei Waldarbeiten ohnehin entstehen, fällt in der Forstwirtschaft kein besonderer Mehraufwand für den Artenschutz an. „Eine Win-Win-Situation für die Gelbbauchunke und für die Bewirtschafter“, fasst Prof. Dr. Dieterich zusammen. Um Laichgewässer auch außerhalb der Rückegassen zu schaffen, können im Frühjahr zudem Fahrspuren auf Wildäckern angelegt und im Zuge der regulären Bodenbearbeitung im Herbst wieder beseitigt werden.

Integrierter Artenschutz erfordert Akzeptanz in Bevölkerung und Naturschutz

Oft werden Fahrspuren auf Rückegassen unmittelbar nach den Waldarbeiten eingeebnet oder die Gassen vorbeugend mit Reisig bedeckt, sodass sich keine Pfützen bilden. Dadurch versuchen Forstleute mögliche Beschwerden aus der Bevölkerung oder von Naturschutzverbänden zu vermeiden – denn in der öffentlichen Wahrnehmung gelten die Fahrspuren gemeinhin als Zerstörung des Ökosystems Wald. „Dabei wird vergessen, dass Rückegassen gerade für den Bodenschutz im Wald ausgewiesen werden“, gibt Prof. Dr. Dieterich zu bedenken. „Denn so bleibt die Befahrung von Waldböden zur Holz-Ernte auf die Rückegasse beschränkt. Die bereits vorgeschädigten Bereiche dienen im Fall der Gelbbauchunke dem Artenschutz.“

Die fehlende Akzeptanz erschwert einen nachhaltigen Schutz der Gelbbauchunke. „Wir möchten der Bevölkerung vermitteln: Artenschutz und Waldbewirtschaftung passen bei der Gelbbauchunke zusammen“, sagt Felix Schrell. Ein wichtiger Aspekt des Schutzkonzepts ist daher die Öffentlichkeitsarbeit: Mit Exkursionen, Vorträgen, Flyern und Infotafeln informiert das Projekt über den Nutzen der Fahrspuren.

Infos und Praxis-Leitfaden: https://www.unkenschutz-bw.de

Universität Hohenheim

]]>
Wissenschaft Baden-Württemberg