VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Wed, 22 Apr 2026 18:27:55 +0200 Wed, 22 Apr 2026 18:27:55 +0200 TYPO3 news-38412 Wed, 22 Apr 2026 12:36:32 +0200 Größter offener Datensatz zur Kognition von Menschenaffen https://www.vbio.de/aktuelles/details/groesster-offener-datensatz-zur-kognition-von-menschenaffen Neue Ressource macht 18 Jahre Forschung zur Kognition von Menschenaffen für Wissenschaft und Lehre zugänglich.  In einer neuen Publikation präsentiert ein Forschungsteam unter der Leitung des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der University of Stirling in Großbritannien den EVApeCognition-Datensatz – eine umfangreiche Open-Access-Ressource, die die Forschung zur Kognition von Menschenaffen maßgeblich voranbringen soll. Er bündelt 262 Datensätze aus 150 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die zwischen 2004 und 2021 am Wolfgang-Köhler-Primatenforschungszentrum in Leipzig entstanden sind.

Die Erforschung der Kognition von Menschenaffen liefert wichtige Hinweise auf die evolutionären Ursprünge der menschlichen Intelligenz. Fortschritte in diesem Forschungsfeld wurden jedoch lange durch zwei wesentliche Herausforderungen erschwert: kleine Stichproben und ein begrenzter Zugang zu relevanten Daten. Studien zur individuellen Kognition von Menschenaffen umfassen oft nur wenige Studientiere und sind in der Regel auf spezifische Fragestellungen zugeschnitten. Dadurch ist es schwierig, übergreifende Muster über längere Zeiträume, verschiedene Aufgaben hinweg oder zwischen Individuen zu erkennen.

Um diesem Problem zu begegnen, hat ein Forschungsteam Daten, die über einen Zeitraum von 18 Jahren an einem der weltweit führenden Zentren für die Erforschung der Kognition von Menschenaffen erhoben wurden, kuratiert, standardisiert und veröffentlicht. Dieses Zentrum wurde vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und dem Zoo Leipzig 2001 gegründet.

Seltener Langzeitblick auf die Kognition von Menschenaffen

Der EVApeCognition-Datensatz umfasst Daten von 81 Menschenaffen, die an 150 Studien teilgenommen haben. Die große Mehrheit dieser Tiere (78) war an mehr als einer Studie beteiligt. Gerade diese wiederholte Teilnahme macht den Datensatz besonders wertvoll, da sich damit Fragestellungen untersuchen lassen, die einzelne Studien in der Regel nicht beantworten können, beispielsweise Entwicklungsverläufe, individuelle Unterschiede oder langfristige kognitive Muster.

Die Publikation präsentiert somit nicht nur ein einzelnes experimentelles Ergebnis, sondern schafft eine Forschungsinfrastruktur für das gesamte Fachgebiet. Den Autorinnen und Autoren zufolge ist dies der weltweit größte und umfassendste öffentlich verfügbare Datensatz zur Kognition von Menschenaffen. „Indem wir diese Daten zugänglich machen, ebnet unser Projekt den Weg für künftige Metaanalysen und Korrelationsanalysen. Diese können dazu beitragen, besser zu verstehen, wie unsere nächsten lebenden Verwandten denken, lernen und sich verhalten“, sagt Alejandro Sánchez-Amaro, Erstautor der Studie und Forscher an der University of Stirling im Großbritannien und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Entstanden durch breite wissenschaftliche Zusammenarbeit

Der Datensatz ist das Ergebnis einer umfangreichen Gemeinschaftsleistung. In den vergangenen fünf Jahren hat ein Kernteam mit mehr als 100 Forschenden eng zusammengearbeitet. Diese haben entweder Daten beigesteuert oder verschiedene Aspekte des Projekts unterstützt – von der technischen Infrastruktur bis hin zu Kommunikation und Koordination.

In den meisten Fällen nahm das Team direkt Kontakt zu den ursprünglichen Autorinnen und Autoren auf und lud sie ein, ihre Daten bereitzustellen. Diese Materialien wurden anschließend geprüft, standardisiert und für eine erneute Nutzung aufbereitet. Dieser Standardisierungsprozess war entscheidend, da sich experimentelle Datensätze häufig in Struktur, Terminologie und Dokumentation unterscheiden. Um diese Daten zu einer konsistenten, wiederverwendbaren Ressource zusammenzuführen, war eine enge Zusammenarbeit im gesamten Forschungsfeld erforderlich. Der fertige Datensatz ist nun über Zenodo frei zugänglich.

Unterstützung für Forschung, Lehre und die Erforschung menschlicher Ursprünge

Von dem Datensatz dürften Forschende, Lehrende und Studierende gleichermaßen profitieren. In der Hochschullehre kann er in Projekten der Psychologie, Biologie, vergleichenden Kognitionsforschung und evolutionären Anthropologie eingesetzt werden. Er ermöglicht Studierenden den Zugang zu realen Verhaltensdaten unserer nächsten lebenden Verwandten.

„Für die Wissenschaft liegt die Bedeutung des Datensatzes in seinem Umfang, seiner Zugänglichkeit und seiner zeitlichen Kontinuität“, sagt Daniel Haun, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Seniorautor der Studie. „Indem EVApeCognition zahlreiche kleinere Studien in einer standardisierten Ressource zusammenführt, schafft es die Grundlage dafür, umfassendere Fragen zur Kognition zu beantworten, die sich bislang nur schwer untersuchen ließen. Zugleich stärkt es die vergleichende Erforschung der evolutionären Ursprünge menschlicher Intelligenz.“

Die Veröffentlichung des Datensatzes fällt mit dem 25-jährigen Bestehen des Wolfgang-Köhler-Primatenforschungszentrums zusammen. Dies ist ein wichtiger Meilenstein für die Einrichtung und zugleich ein wesentlicher Fortschritt für Open Science in der vergleichenden Psychologie. Mit der öffentlichen Bereitstellung von Daten aus nahezu zwei Jahrzehnten Forschung zur Kognition von Menschenaffen legt der EVApeCognition-Datensatz den Grundstein für zukünftige Erkenntnisse. Er ermöglicht es Forschenden, über isolierte Einzelstudien hinauszugehen und ein umfassenderes Verständnis von Kognition, Entwicklung und Verhalten bei Menschenaffen zu erlangen.

MPI für evolutionäre Anthropologie


Originalpublikation:

Sánchez-Amaro, A., Ebel van Wijk, S.J., Molenaar, C. et al. EVApeCognition: An 18-Year Dataset of Great Ape Cognition. Sci Data (2026). doi.org/10.1038/s41597-026-07191-6

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Wissenschaft Sachsen
news-38411 Wed, 22 Apr 2026 12:28:34 +0200 Fossile Wanze mit markanter Schere https://www.vbio.de/aktuelles/details/fossile-wanze-mit-markanter-schere In fossilem Bernstein entdecken Forschende eine bislang unbekannte Wanzenart mit „Krabbenscheren“.  Im Bernstein aus der Kachin-Region in Myanmar haben sich sehr viele Fossilien erhalten, die einen Einblick in die Vielfalt der kreidezeitlichen Fauna eines 100 Millionen Jahre alten Waldökosystems ermöglichen. Immer wieder enthüllt die Fundstätte dabei auch bislang unbekannte Arten. 

LMU-Forschende entdeckten jetzt das Fossil einer Wanze, die ein für Insekten ungewöhnliches morphologisches Merkmal aufweist: Sie trägt an den Vorderbeinen große Scheren, die an die Greifwerkzeuge von Krabben und ähnlichen Krebsen erinnern. Wie Pinzetten oder Zangen funktionierende Scheren, sogenannte Chelae, sind bei Insekten eigentlich eher selten. 

„Krabbenscheren“ neu erfunden

„Bisher waren nur drei Insektengruppen bekannt, in denen solche Scheren auftreten. Dieser Fund ist somit erst das vierte bekannte Beispiel dafür, dass solche Strukturen evolutionär unabhängig voneinander in der Gruppe der Insekten entstanden sind“, erklärt Privatdozentin Carolin Haug, Zoologin an der Fakultät für Biologie der LMU. Mit ihrem Team und in Zusammenarbeit mit Forschenden aus Rostock sowie dem finnischen Oulu untersuchte sie das Fossil mit Hilfe von Mikro-Computertomographie, um alle Strukturen seiner Anatomie dreidimensional sichtbar zu machen. Die Ergebnisse erschienen nun im Fachmagazin Insects. 

Wie eine quantitative Analyse der Form von mehr als 2000 Scheren und ähnlichen Greifstrukturen verschiedener ausgestorbener und heute lebender Arten zeigte, unterscheiden sich die Scheren der fossilen Wanze stark von den entsprechenden Strukturen bei anderen Insektenarten. Vergleichbar gebaute Chelae gibt es stattdessen in der eher etwas weitläufigeren Verwandtschaft der Insekten, etwa bei Zehnfußkrebsen oder Scherenasseln. 

Wasserwanzen in K-Pop-Pose

Aufgrund dieses auffällig andersartigen Merkmals stellten die Forschenden die fossile Wanzenart mit den „Krabbenscheren“ in eine eigene, neue Gattung und tauften sie auf den wissenschaftlichen Namen Carcinonepa libererrantes. Der Gattungsname leitet sich vom lateinischen „Carcino" für Krabbe ab und endet mit „nepa", dem wissenschaftlichen Namen einer Gruppe von Wasserwanzen. 

„Der Artname libererrantes ist eine lateinische Form der aktuell sehr erfolgreichen K-Pop-Band Stray Kids. „Wir fanden den Namen sehr passend, weil die Haltung der Scheren des Fossils der charakteristischen Pose der Band sehr ähnelt – es ist die Lieblingsband einer der Autorinnen, Fenja Haug“, erzählt Carolin Haug. Anhand der erhaltenen morphologischen Merkmale von C. libererrantes ordnen die Forschenden die neue fossile Art innerhalb der Gruppe der Wanzen den Wasserwanzen (Nepomorpha) zu. Abgesehen von den auffälligen Scheren ähnelt der Körperbau dem von noch heute lebenden Vertretern der Untergruppe Gelastocoridae, die an ein Leben als terrestrische Räuber angepasst sind.

„Anhand der Morphologie von C. libererrantes lässt sich vermuten, dass diese Art ähnlich gelebt hat. Als Lebensraum darf man sich einem kreidezeitlichen Wald vorstellen, wahrscheinlich in Küstennähe.“ Die mit den auffälligen Scheren ausgestatteten Vorderbeine dienten der fossilen Wanze wohl dazu, kleine Insekten zu fangen.

Ludwig-Maximilians-Universität München


Originalpublikation:

Carolin Haug, Fenja I. Haug, Marie K. Hörnig, Florian Braig & Joachim T. Haug: A True Bug with a True but Unique Chela in 100-Million-Year Old Amber. Insects 2026, doi: https://doi.org/10.3390/insects17040431

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Wissenschaft Bayern
news-38410 Wed, 22 Apr 2026 11:29:31 +0200 Böden in Trockengebieten speichern Kohlenstoff über Jahrtausende – viel länger als erwartet https://www.vbio.de/aktuelles/details/boeden-in-trockengebieten-speichern-kohlenstoff-ueber-jahrtausende-viel-laenger-als-erwartet Trockengebiete bedecken über 40% der Landoberfläche unserer Erde und spielen eine wichtige Rolle im Austausch von Kohlenstoff zwischen dem Land und der Atmosphäre. Sie speichern den meisten Kohlenstoff in Böden. Radiokohlenstoff-Messungen zeigen, dass organischer Kohlenstoff in Oberböden von Trockengebieten deutlich älter ist als bisher angenommen, im Durchschnitt etwa 2.000 Jahre. Auch alter Kohlenstoff in Böden kann aber von Mikroorganismen abgebaut und als CO₂ freigesetzt werden, sobald diese befeuchtet werden. Die Ergebnisse beleuchten wie Kohlenstoff-Flüsse globaler Trockengebiete vom Klimawandel beeinflusst werden.  Trockengebiete wie Wüsten, Steppen und Savannen stellen gemeinsam die größten natürlichen Ökosysteme der Erdoberfläche dar. Sie sind Lebensraum für nahezu 40 % der Weltbevölkerung, unterliegen jedoch raschen Veränderungen ihrer Landnutzung. Aktuelle globale Bewertungen, darunter jene des Weltklimarats (IPCC), unterstreichen daher wie wichtig es ist, die Entwicklung von Trockengebieten unter zukünftigen Szenarien des Klimas und der Landnutzung zu verstehen. 

Nur wenn die biogeochemischen Prozesse dieser Ökosysteme verstanden sind, kann eine nachhaltige Entwicklung der Trockengebiete erfolgen. Der Kohlenstoffkreislauf spielt dabei eine besondere Rolle. Trockengebiete enthalten zwar nur etwa 10% des Kohlenstoffs der Landoberfläche, aber etwa 30% des Kohlenstoffs der global in den Böden gespeichert wird. 

Die Kohlenstoffaufnahme und -freisetzung der Böden hängt stark von der Verfügbarkeit von Wasser ab und kann je nach Niederschlagsmengen stark schwanken. Dies trägt auch zu Schwankungen des globalen Kohlenstoffaustauschs zwischen Land und Atmosphäre bei. Wie der organische Bodenkohlenstoff in Trockengebieten auf jährliche Schwankungen des Niederschlags und Veränderungen der Landbewirtschaftung genau reagiert, ist bisher nicht gesichert.

Forschende am Max-Planck-Institut für Biogeochemie nutzen Radiokohlenstoffmessungen, um das Alter und die Umschlagszeit von organischem Kohlenstoff in Böden zu ermitteln. Zur Untersuchung des Kohlenstoffkreislaufs in Wäldern und feuchten Ökosystemen werden solche Messungen bereits häufig eingesetzt. Die für feuchtere Systeme geltenden Prozesse müssen jedoch nicht unbedingt auf trockene, aride Systeme übertragbar sein. „Es gibt überraschend wenige Radiokohlenstoffmessungen für Trockengebiete, weshalb wir nur schwer verstehen, wie lange Böden dort Kohlenstoff speichern und freisetzen“, sagt Dr. Jianbei Huang, Gruppenleiter am Max-Planck-Institut für Biogeochemie und Letztautor der Studie. „Um diese wichtige Wissenslücke schließen zu können, untersuchten wir Bodenproben die entlang breiter Umwelt- und Klimagradienten in Trockengebieten gesammelt wurden.“

Dafür analysierte Hui Wang, Doktorandin und Erstautorin der in Nature Communications veröffentlichten Studie, den Gehalt an Radiokohlenstoff in organischen Bodenproben sowie in CO₂, das aus Böden freigesetzt wurde. Die Proben dafür wurden von internationalen Teams an 97 Standorten in Trockengebieten von sechs Kontinenten gesammelt. Der organische Kohlenstoff in Bodenproben war im Durchschnitt mehr als 2.000 Jahre alt, der in CO₂-Proben etwa 500 Jahre alt – beide deutlich älter als von Modellen vorhergesagt. „Der in Trockengebieten gespeicherte und auch der freigesetzte organische Kohlenstoff sind deutlich älter als früher geschätzt wurde“, sagt Wang.

Um zu verstehen, welche Faktoren das Alter des Kohlenstoffs steuern, untersuchte das Team, wie sich Klima-, Pflanzen- und Bodeneigenschaften darauf auswirken. Das Kohlenstoffalter sowohl in organischen Bodenproben und in freigesetztem CO₂ wurde stark von Trockenheit, pflanzlicher Produktivität und der Menge an organischem Kohlenstoff im Boden beeinflusst. „In Trockengebieten ist aber für die Alterung von Bodenkohlenstoff die Trockenheit wichtiger als die Temperatur, da Wasser das Pflanzenwachstum und somit die Zufuhr neuen Kohlenstoffs in den Boden steuert“, erklärt Wang. Wenn trockene Böden befeuchtet werden, wird selbst alter Kohlenstoff von Mikroorganismen abgebaut und als CO₂ freigesetzt.

Die neuen Ergebnisse tragen dazu bei, die Veränderungen des organischen Bodenkohlenstoffs und dessen Stabilität in Trockengebieten unter zukünftigen Klima- und Landnutzungsänderungen zu beleuchten. „Wenn Trockengebiete im Zuge des Klimawandels noch trockener werden, kann Kohlenstoff zwar länger im Boden verbleiben, doch die Böden könnten andererseits weniger zusätzlichen Kohlenstoff aus der Atmosphäre aufnehmen“, sagt Dr. Huang. „Landbewirtschaftungsmaßnahmen, die den Kohlenstoffeintrag durch Vegetation erhöhen, etwa durch Aufforstung, können Böden helfen, mehr Kohlenstoff zu speichern. Allerdings könnten sie gleichzeitig den Kohlenstoffumsatz beschleunigen und die Fähigkeit der Böden verringern, langfristig zusätzlichen Kohlenstoff zu speichern“, ergänzt Prof. Trumbore, Direktorin am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena.

Die Methode der Radiokohlenstoffmessung war entscheidend für diese Studie. Der natürliche radioaktive Zerfall von Radiokohlenstoff ermöglicht, das Alter von Bodenkohlenstoff über Zeiträume von Hunderten bis Tausenden von Jahren abzuschätzen. Darüber hinaus konnten durch die Messung zusätzlichen Radiokohlenstoffs, der aufgrund der Kernwaffentests in den 1960er Jahren entstand, in den letzten sechs Jahrzehnten die Kohlenstoffumsätze in organischer Substanz über kürzere Zeiträume von Jahren bis Jahrzehnten erfasst werden. „Radiokohlenstoff ist somit ein sehr leistungsfähiges empirisches Werkzeug, um zu untersuchen, wie lange Kohlenstoff gespeichert wurde und wie schnell er zwischen dem Land und der Atmosphäre zirkuliert“, sagt Prof. Susan Trumbore. 

Die Studie wurde im Rahmen eines interdisziplinären Projekts durchgeführt, das von Prof. Susan Trumbore und Dr. Jianbei Huang am Max-Planck-Institut für Biogeochemie (MPI-BGC) sowie von Prof. Bojie Fu und Prof. Nan Lu am Forschungszentrum für Öko-Umweltwissenschaften der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (CAS-RCEES) geleitet wurde. Die Studie profitierte in hohem Maße von den Probenahmen und den Laboranalysen eines großen internationalen Forschungsteams, das von Prof. Fernando T. Maestre an der King Abdullah University of Science and Technology, Saudi Arabien koordiniert wurde. „Diese Studie zeigt auch, wie wichtig die internationale Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist, um die komplexen Herausforderungen von Trockengebieten in einer sich wandelnden Welt zu bewältigen“, schließt Dr. Huang.

Max-Planck-Institut für Biogeochemie


Originalpublikation:

Wang, H., Maestre, F.T., Lu, N. et al. Persistence and turnover of soil organic carbon in global drylands. Nat Commun 17, 3565 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-70623-9

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Thüringen
news-38407 Wed, 22 Apr 2026 10:33:39 +0200 Rotbuche treibt immer früher aus https://www.vbio.de/aktuelles/details/rotbuche-treibt-immer-frueher-aus Die Rotbuche gehört zu den Spätzündern im Wald. Meist treibt sie Ende April die ersten Blätter aus. Auswertungen am Thünen-Institut für Waldökosysteme zeigen nun, dass der Austrieb Jahr für Jahr früher beginnt. Der Grund: klimawandelbedingt steigende Frühjahrstemperaturen.  In den Wäldern kehrt das Grün zurück. Während Ahorn und Hainbuche früh im Jahr ihre ersten Blätter zeigen, lässt sich die Rotbuche traditionell mehr Zeit. Aktuelle Beobachtungen zeigen allerdings einen veränderten Trend: Die Baumart treibt immer früher aus. Steigende Frühjahrstemperaturen verschieben die Vegetationsperiode nach vorne. Im Schnitt beginnt der Austrieb jedes Jahr etwa 0,3 Tage früher. Das belegen Daten der vergangenen 25 Jahre aus dem intensiven forstlichen Umweltmonitoring-Programm Level II.

Die Entwicklung ist nach Ansicht von Forschenden des Thünen-Instituts für Waldökosysteme in Eberswalde, wo Level II koordiniert wird, ein weiteres sichtbares Zeichen des Klimawandels in heimischen Wäldern. „Der verfrühte Austrieb bringt Chancen und Risiken mit. Er verlängert die Wachstumsphase, erhöht aber auch die Gefahr von Spätfrostschäden“, sagt Dr. Tanja Sanders, die am Eberswalder Institut das Level-II-Programm leitet. 

Im langjährigen Durchschnitt beginnt der Austrieb der Rotbuche um den 26. April. Doch regional und selbst zwischen einzelnen Bäumen gibt es große Unterschiede: Im Süden treiben die Buchen früher aus als im Norden. Auch die Höhenlage und die Art und Stärke, wie Bäume den Wettereinflüssen ausgesetzt sind, beeinflussen den Zeitpunkt. Der früheste Austrieb auf den Flächen des Level-II-Monitorings wurde 2017 am 27. März im Steigerwald in Bayern dokumentiert. Die spätesten Austriebe fanden 1998 im Bayerischen Wald und 2010 in Esslingen bei Stuttgart statt – jeweils am 26. Mai. 

Wie wird der Austrieb erfasst? Fachkundige Expert*innen beobachten die ausgewählten Bäume auf 19 Level-II-Flächen in ganz Deutschland mindestens einmal pro Woche und zu zwölf standardisierten Erhebungsbereichen. Unter anderem überprüfen sie den oberen Kronenraum mit Ferngläsern. Um die Erhebungen deutschlandweit vergleichbar zu machen, nehmen die Beteiligten regelmäßig an Vergleichsschulungen teil. 

Hintergrund: Das ist das Level II-Monitoring
Das Level-II-Monitoring ergänzt das Level-I-Monitoring, das die Zustände von Wald und Boden in regelmäßigen Abständen flächenrepräsentativ erhebt. Beide Zustandserhebungen sind Teil des Internationalen Kooperationsprogrammes Wälder (ICP Forests) unter dem Dach der Genfer Luftreinhaltekonvention (CLRTAP). Seit Mitte der 1990er Jahre werden mit Hilfe des Level-II-Monitorings Daten auf 112 Flächen im gesamten Bundesgebiet erhoben. Damit werden ökosystemar ausgerichtete Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge im Wald untersucht. Seit 2014 ist das Programm im deutschen Waldgesetz verankert. 

Die Daten werden für interne, auf Anfrage auch für nationale und internationale Auswertungen, zur Verfügung gestellt.

Johann Heinrich von Thünen-Institut


Originalpublikation:

Krause, S., Sanders, T. European beech spring phenological phase prediction with UAV-derived multispectral indices and machine learning regression. Sci Rep 14, 15862 (2024). https://doi.org/10.1038/s41598-024-66338-w

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Nachhaltigkeit/Klima Niedersachsen
news-38396 Tue, 21 Apr 2026 14:02:00 +0200 Klimawandel verändert Europas Pflanzenwelt je nach Ökosystem unterschiedlich https://www.vbio.de/aktuelles/details/klimawandel-veraendert-europas-pflanzenwelt-je-nach-oekosystem-unterschiedlich Der Klimawandel verändert Europas Pflanzenwelt je nach Ökosystem unterschiedlich: In Gebirgen gehen selbst wärmeliebende Arten zurück, während in Wäldern und Grasländern vor allem solche Arten zunehmen. Für Europa liefert die neue Studie nach Einschätzung der Forschenden einen bislang einzigartigen Vergleich der Reaktionen unterschiedlicher Ökosysteme auf den Klimawandel.  Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Forest and Nature Lab der Universität Gent untersuchte, wie sich Pflanzengemeinschaften in verschiedenen Lebensräumen Europas im Zuge der Erderwärmung verändern. Im Fokus stand die sogenannte Thermophilisierung – also die Verschiebung von Artgemeinschaften hin zu wärmeliebenden Arten infolge steigender Temperaturen.

Umfassende Datengrundlage über Jahrzehnte

„Grundlage der Analyse ist eine der bislang umfassendsten Datensammlungen zu Vegetationsveränderungen in Europa“, hebt Professor Martin Diekmann von der Universität Bremen hervor, Leiter der Arbeitsgruppe „Vegetationsökologie & Naturschutzbiologie“. Die Forschenden werteten mehr als 6.000 Dauer- und quasi Dauerbeobachtungsflächen in Wäldern, Grasländern und alpinen Gipfelregionen aus. „Auf diesen Flächen wurden Pflanzengemeinschaften über Zeiträume von 12 bis 78 Jahren mit vergleichbaren Methoden wiederholt erfasst. Berücksichtigt wurden ausschließlich Flächen ohne wesentliche Nutzungsänderungen, um klimabedingte Effekte gezielt untersuchen zu können.“ Die Forschenden erfassten jeweils das vollständige Artenspektrum und standardisierten die Abundanzdaten, also die Angaben zur Häufigkeit und Dominanz einzelner Arten, um Vergleiche zwischen den Ökosystemen zu ermöglichen.

Unterschiedliche Dynamiken in Europas Ökosystemen

Die Ergebnisse zeigen: Thermophilisierung verläuft je nach Lebensraum unterschiedlich. In Grasländern wird sie vor allem durch die Zunahme wärmeliebender Arten getragen. In Wäldern tragen sowohl der Rückgang kälteangepasster Arten als auch die Zunahme wärmeliebender Arten zur Veränderung bei. In Gebirgsregionen wie den Alpen zeigt sich hingegen ein anderes Bild: Dort nehmen sowohl kälteangepasste als auch wärmeliebende Arten ab. Diekmann: „Dennoch verschiebt sich die Zusammensetzung der Pflanzengemeinschaften in Richtung wärmeliebender Arten, da die kälteangepassten Arten besonders stark zurückgehen.“

Klimaschuld: Pflanzen reagieren langsamer als das Klima sich verändert

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist nach Angaben des Forschungsteams zudem das Phänomen der sogenannten Klimaschuld. Darunter verstehen die Autorinnen und Autoren der Studie die zeitliche Verzögerung, mit der sich Pflanzengemeinschaften an veränderte klimatische Bedingungen anpassen. „Pflanzengemeinschaften passen sich dem sich erwärmenden Klima langsamer an als dieses sich verändert. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Artenzusammensetzung und lokalen Klimabedingungen, was langfristig Risiken für Biodiversität und die Stabilität von Ökosystemen birgt“, erklärt der Biologe. Besonders häufig träten die Klimaschulden in Wäldern und Gebirgsregionen auf.

Gezielte Anpassungsmaßnahmen erforderlich

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Folgen des Klimawandels nicht einheitlich vollziehen, sondern stark von den jeweiligen ökologischen Bedingungen abhängen. Daraus leiten die Forschenden ab, dass Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität und zur Anpassung an den Klimawandel gezielt auf einzelne Lebensräume zugeschnitten werden müssten.
An der Studie waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Europa, Nordamerika und Asien beteiligt. Für Europa liefert die Arbeit nach Einschätzung der Forschenden einen bislang einzigartigen Vergleich der Reaktionen unterschiedlicher Ökosysteme auf den Klimawandel.

Universität Bremen


Originalpublikation:

Yue, K., Vangansbeke, P., Myers-Smith, I.H. et al. Contrasting thermophilization among forests, grasslands and alpine summits. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-025-09622-7

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Bremen
news-38405 Tue, 21 Apr 2026 12:24:52 +0200 Dynamische Wechselwirkungen zwischen Hirntumoren und Immunzellen https://www.vbio.de/aktuelles/details/dynamische-wechselwirkungen-zwischen-hirntumoren-und-immunzellen Das Glioblastom, der häufigste und aggressivste Hirntumor bei Erwachsenen, ist schwer zu behandeln, da dieser Krebs in das umliegende Gehirngewebe eindringen und sich weit über das ursprüngliche Tumorgebilde hinaus ausbreiten kann. Forschende des DZNE, des Universitätsklinikums Bonn (UKB) und des Exzellenzclusters „ImmunoSensation“ an der Universität Bonn haben diesen Infiltrationsprozess mittels Hightech-Mikroskopie im lebenden Gehirn beobachtet. Ihre Studie beruht auf Untersuchungen an Mäusen mit einer Form von Gehirntumor, die dem menschlichen Glioblastom sehr nahekommt.  Die im Fachjournal „Immunity“ veröffentlichten Ergebnisse zeigen komplexe und situationsabhängige Wechselwirkungen zwischen Glioblastomzellen und den Immunzellen des Gehirns, den sogenannten Mikroglia. Diese Zellen patrouillieren innerhalb des Gewebes auf der Suche nach Gefahren. Die Befunde legen nahe, dass sie nicht nur passive Beobachter sind, sondern sowohl Eindämmung als auch Ausbreitung des Tumors aktiv beeinflussen.

Die Forschenden erfassten diese Vorgänge mittels „Drei-Photonen-Mikroskopie“, die sich Infrarot-Licht bedient. Sie konzentrierten sich dabei auf die „entfernte Infiltrationszone“. Dieses Gewebeareal liegt mehrere Millimeter vom Primärtumor entfernt.

Sich veränderndes Verhalten

Unter anderem stellte das Team fest, dass sich das Verhalten der Mikroglia im Verlauf der Tumorausbreitung veränderte. Wenn nur wenige Tumorzellen vorhanden waren, zeigten sich die Mikroglia besonders beweglich und in ihrer „Überwachungsfunktion“ – also beim Abscannen des Gehirns – besonders aktiv. Mit zunehmender Infiltration ließ diese Immunreaktion jedoch nach. Die Forschenden untersuchten zudem die Folgen der Deaktivierung eines bestimmten Oberflächenrezeptors, über den Mikroglia ihre Umgebung wahrnehmen. Darüber hinaus analysierten sie, wie sich eine drastische Reduktion der Immunzellen auf die Tumorausbreitung auswirkte.

„Unsere Daten zeigen, dass Interaktionen zwischen Tumorzellen und Mikroglia eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung des Glioblastoms spielen“, sagt Dr. Felix Nebeling, Erstautor der Studie. „Eine gezielte Einwirkung auf die Mikroglia – etwa durch Medikamente – könnte daher ein vielversprechender Ansatz sein, um die Tumorausbreitung zu begrenzen und die Behandlungsergebnisse zu verbessern.“

Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)


Originalpublikation:
Felix Nebeling et al.: Microglia-glioblastoma crosstalk mediates glioblastoma invasion at the far infiltration zone, Immunity (2026), DOI: https://doi.org/10.1016/j.immuni.2026.03.010

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Wissenschaft Nordrhein-Westfalen
news-38400 Tue, 21 Apr 2026 12:06:15 +0200 Wenn die Zeit für das Herz abläuft https://www.vbio.de/aktuelles/details/wenn-die-zeit-fuer-das-herz-ablaeuft Zahllose Prozesse im Körper, darunter der Zellstoffwechsel und die Regulierung der Genexpression, folgen einer inneren Uhr, die auf Umwelt- und Verhaltensreize reagiert und diesen vorbeugt. Diese Phänomene, die als zirkadiane Rhythmen bekannt sind, werden im alternden Organismus schwächer. Die daraus resultierende Desynchronität zwischen den Geweben innerhalb des Körpers und zwischen dem Organismus und der Umwelt kann die Entwicklung von Krankheiten, wie z. B. chronischer Herzinsuffizienz, beschleunigen. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Herz- und Lungenforschung konnten nun nachweisen, dass der NAD+-Spiegel des Herzens im Alter sinkt und dass der NAD+-Spiegel direkt mit der Gesundheit der inneren Uhr korrespondiert. Die Erhöhung oder Aufrechterhaltung des NAD+-Spiegels durch Nahrungsergänzungsmittel könnte daher eine therapeutische Strategie zur Vorbeugung altersbedingter Krankheiten darstellen. Zirkadiane Rhythmen sind Verhaltensmuster, wie z. B. Nahrungsaufnahme/Fasten oder Schlaf-/Wachperioden, die in Abstimmung mit täglichen äußeren Reizen, wie z. B. dem Licht-/Dunkelzyklus, erfolgen. Die molekulare Basis dieser Rhythmen wird von den Zellen selbst aufrechterhalten, die dann aber innerhalb eines Organs zusammenarbeiten, um gewebespezifische Funktionen zu steuern. Diese Zusammenarbeit erstreckt sich auf den gesamten Organismus und synchronisiert die unzähligen Funktionen im gesamten Körper und mit der Umwelt. Mit zunehmendem Alter beginnen sowohl die molekularen Grundlagen als auch die physiologischen Prozesse sich zu verringern und zu verschieben, was zu einer Desynchronisation und damit zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für verschiedene chronische Krankheiten wie Herzversagen führt.

Wissenschaftler der Forschungsgruppe „Circadiane Rhythmen des kardialen Stoffwechsels“ am Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim konnten nun wichtige Zusammenhänge zwischen der Herzgesundheit und der Regulation der Rhythmik im Alter aufklären und haben ihre Studie in der Zeitschrift Communications Biology veröffentlicht.

Die beiden Forscher hatten zuvor festgestellt, dass NAD+ auch im Herzen rhythmisch verfügbar ist, was darauf hindeutet, dass das Molekül als Dreh- und Angelpunkt zwischen Rhythmik und Stoffwechsel fungiert. Nun haben die Forscher jedoch festgestellt, dass der NAD+-Spiegel im Herzen mit zunehmendem Alter abnimmt, parallel zur Schwächung der Uhr.

Um den Grund für den Rückgang der oszillierenden Genexpression weiter zu untersuchen, behandelten die Wissenschaftler alte Mäuse mit einem NAD+-Vorläufermolekül. „Diese pharmakologische Erhöhung des NAD+-Spiegels stellte die oszillierende Genexpression in alten Mäusen wieder her und entsprach besser den bei jungen Mäusen beobachteten Mustern“, erklärt Dierickx.

Anschließend untersuchten die Bad Nauheimer Forscher die Auswirkungen auf die Herzgesundheit der Tiere: Es zeigte sich, dass ältere Mäuse mit erhöhten NAD+-Spiegeln nicht nur eine verbesserte rhythmische Genexpression aufwiesen, sondern sich auch krankhafte Herzveränderungen - wie ein vergrößerter Herzmuskel - zurückbildeten. „Durch die Erhöhung des NAD+-Spiegels kehrten die alten Mäuse in einen jugendlicheren Zustand zurück“, erklärt Dierickx. In weiteren Experimenten soll untersucht werden, wie NAD+ als Ansatzpunkt für eine Therapie dienen könnte, denn die Forscher untersuchten mögliche Zielmechanismen, die sich die erhöhten NAD+-Spiegel zunutze machen, wie etwa das Protein SIRT1. „Im Idealfall finden wir einen Weg, die innere Uhr im Alter stabil zu halten und damit die Entwicklung von altersbedingten Krankheiten aufzuhalten“, sagt Dierickx.

Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung


Originalpublikation:

Carpenter, B.J., Lecacheur, M., Mangold, Y.N. et al. NAD+ controls circadian rhythmicity during cardiac aging. Commun Biol 9, 476 (2026). doi.org/10.1038/s42003-026-09818-1

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Wissenschaft Hessen
news-38409 Tue, 21 Apr 2026 11:25:00 +0200 Innovationspreis der BioRegionen Deutschlands 2026: Projekte aus Braunschweig, Frankfurt und Würzburg ausgezeichnet https://www.vbio.de/aktuelles/details/innovationspreis-der-bioregionen-deutschlands-2026-projekte-aus-braunschweig-frankfurt-und-wuerzburg-ausgezeichnet Anlässlich der German Biotech Days (DBT) 2026 in Leipzig hat der Arbeitskreis der BioRegionen Deutschlands am 21. April 2026 erneut seinen renommierten Innovationspreis vergeben. Der Preis würdigt seit 19 Jahren innovative, patentierte oder zur Patentierung angemeldete biotechnologische Ideen, die eine praxisnahe Umsetzung und große wirtschaftliche Perspektiven versprechen.  Insgesamt sechs Finalisten aus Dresden, Braunschweig, Berlin, Leipzig, Würzburg und Frankfurt am Main präsentierten ihre Forschungsprojekte einem internationalen Fachpublikum, darunter auch potenzielle Investoren. Die unabhängige Fachjury wählte daraus drei gleichwertige Preisträger aus, die jeweils mit einem Preisgeld von 2.000 Euro ausgezeichnet wurden. Organisiert wurde die Vergabe des Innovationspreises in diesem Jahr gemeinsam vom InfectoGnostics Forschungscampus Jena und von BioLago, dem Gesundheitsnetzwerk für die Bodensee-Region.

-- Innovativer Ansatz gegen resistente Infektionen --

Zu den Preisträgern zählt das Projekt „First-in-class small-molecule inhibitor of Staphylococcus aureus α-toxin“ von Dr. Aditya Shekhar (Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig).

Es adressiert eine zentrale Herausforderung der modernen Medizin: schwere bakterielle Infektionen angesichts zunehmender antimikrobieller Resistenzen. Der Ansatz setzt nicht auf die Abtötung des Erregers, sondern auf die Neutralisierung des α-Toxins von Staphylococcus aureus, eines entscheidenden Virulenzfaktors für Gewebeschädigungen.

Die Jury würdigte insbesondere die stringente wissenschaftliche und translationale Entwicklung, die in vivo validierte Wirkweise sowie die starke Schutzrechtsposition und den klaren Weg in Richtung klinischer Anwendung.

-- Neuer Angriffspunkt in der Krebstherapie --

Ausgezeichnet wurde auch das Projekt „SpliceTACs: First-in-class spliceosome-targeting degraders“ von Dr. Xinlai Cheng (Buchmann Institut for Molecular Life Sciences Chemical Biology, Goethe-Universität Frankfurt).

Der neuartige Ansatz zielt auf den gezielten Abbau des spliceosomalen Proteins USP39 ab, stört zentrale Prozesse der RNA-Verarbeitung und führt so zum Tumorzelltod. 
Die Jury hob hervor, dass ein lange als „undruggable“ geltender molekularer Zielmechanismus adressiert wird und der Ansatz tiefes mechanistisches Wissen mit modernen Wirkstoffentwicklungsstrategien wie KI-gestützter Ligandensuche und gezielter Proteindegradation verbindet. Zudem würdigte sie die solide IP-Strategie und das hohe transformative Potenzial des Projekts.

-- Plattformtechnologie für realistische Gewebemodelle --

Der dritte Innovationspreis ging an das Projekt „Vasc-on-Demand – Plattform für vaskularisierte Gewebemodelle“ das von Alexander Radüchel und Katinka Theis (Universitätsklinikum Würzburg) präsentiert wurde.

Die Plattform ermöglicht die standardisierte Herstellung vaskularisierter Gewebemodelle mithilfe sofort einsetzbarer künstlicher Blutgefäße und erlaubt so realistischere und reproduzierbarere Untersuchungen biologischer Prozesse und Wirkstoffeffekte.

Die Jury würdigte insbesondere den Plattformcharakter und das breite Anwendungspotenzial von der Wirkstoffentwicklung bis zur personalisierten Medizin sowie den klaren Weg in Richtung praktischer Umsetzung.

-- Würdigung, Publikumspreis für "MakulaPatch" und starke Partnerschaften --

Die Laudationes auf die Preisträger hielten die Preisgeldsponsoren Dr. Florian Rückerl (Dehmel & Bettenhausen Patentanwälte), Dr. Angelika Vlachou (High-Tech Gründerfonds) sowie Dr. Rosi Hermann (Fundess GmbH) und Dr. Christine Schreiber (BIOspektrum/ Springer Verlag GmbH).

Zusätzlich hatten alle Finalisten die Möglichkeit, den Publikumspreis 2026 zu gewinnen, der per Online-Voting vergeben wurde. Der Publikumspreis ging an Felix Wagner mit dem Projekt "MakulaPatch" von der Technischen Universiät Dresden, in dem Mini-Netzhäute entwickelt werden, die degenerative Augenerkrankungen wirkungsvoll bekämpfen sollen.

Als weitere Finalisten haben sich Dr. Anthea Wirges von der CARTemis Therapeutics GmbH aus Berlin und Dr. Ronny Frank vom Biotechnologisch-Biomedizinisches Zentrum der Universität Leipzig.

Die Moderation der Preisverleihung übernahmen Dr. Jens Hellwage (InfectoGnostics Forschungscampus Jena) und Eva Botzenhart-Eggstein (BioLAGO e. V.), die den Innovationspreis der BioRegionen Deutschlands in diesem Jahr gemeinsam organisierten.

Der Innovationspreis unterstreicht eindrucksvoll die hohe Innovationskraft der deutschen Biotechnologie und trägt wesentlich dazu bei, visionären Ideen Sichtbarkeit zu verschaffen sowie die Zusammenarbeit zwischen den BioRegionen und BIO Deutschland weiter zu stärken.

InfectoGnostics - Forschungscampus Jena e.V.

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Biobusiness Sachsen
news-38397 Tue, 21 Apr 2026 10:41:22 +0200 Nationale Forschungsdateninfrastruktur: Leibniz-Gemeinschaft begrüßt Empfehlungen zur Verstetigung https://www.vbio.de/aktuelles/details/nationale-forschungsdateninfrastruktur-leibniz-gemeinschaft-begruesst-empfehlungen-zur-verstetigung In einer Stellungnahme kommentiert die Leibniz-Gemeinschaft den Bericht des Wissenschaftsrats zur Strukturevaluation der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur und formuliert prioritäre Anforderungen für Governance, Betrieb und Gesamtarchitektur.  Die Leibniz-Gemeinschaft begrüßt die Strukturevaluation der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) durch den Wissenschaftsrat (WR) als zentralen Schritt auf dem Weg zu einem leistungsfähigen, nachhaltigen und zukunftsorientierten Forschungsdatenmanagement in Deutschland. Insbesondere die Empfehlung des WR zur Verstetigung der NFDI unterstützt die Leibniz-Gemeinschaft ausdrücklich. Mit ihren 96 Einrichtungen, die in vielen Disziplinen seit Jahren hochwertige Infrastrukturen und forschungsbasierte Dienstleistungen bereitstellen, sieht die Leibniz-Gemeinschaft in der NFDI einen wesentlichen Baustein für eine moderne Forschungsinfrastruktur und die internationale Anschlussfähigkeit des Wissenschaftsstandorts Deutschland.

„Die Empfehlung zur Verstetigung der NFDI ist ein wichtiges Signal“, betont der designierte Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Christoph M. Schmidt, da „Forschungsdateninfrastrukturen langfristig verlässlich, fachlich nah an den Communities und zugleich interoperabel organisiert sein müssen. Leibniz-Einrichtungen bringen dafür gewachsene Expertise, erprobte Betriebsmodelle und eine dezentrale Infrastrukturkompetenz ein. Diese Stärken sollten wir gezielt sichern, um eine möglichst enge Integration im Sinne von ‚One NFDI‘ zu unterstützen.“

In ihrer Stellungnahme, die unter der Federführung des Leibniz-Forschungsnetzwerks LeibnizData entstand, hebt die Leibniz-Gemeinschaft hervor, dass der Erfolg der NFDI maßgeblich auf fachgebundener, über Jahre aufgebauter Expertise beruht. Diese Expertise lasse sich nicht ohne Effizienzverluste und Risiken für Akzeptanz, Qualität und Nutzerbindung zentralisieren. Daher spricht sich die Leibniz-Gemeinschaft dafür aus, fachgebundene Dienste weiterhin dort zu betreiben, wo Expertise und Verantwortlichkeiten verankert sind, und langjährige Eigenleistungen, also nicht finanzielle Beiträge etwa in Form von Personal, Infrastruktur und Dienstleistungen, stärker anzuerkennen und planbar weiterzuentwickeln.

Zugleich formuliert die Leibniz-Gemeinschaft Empfehlungen für nachhaltige Betriebsmodelle und eine effiziente Aufgabenteilung: Statt eines zentralen Betriebs fachgebundener Dienste im NFDI-Trägerverein seien verteilte Modelle sinnvoll, die bestehende, bewährte Einrichtungen klug einbinden. Zudem regt die Leibniz-Gemeinschaft an, nutzungsorientierte Finanzierungsmodelle zu verankern, agile Entwicklungsprozesse stärker zu fördern und Evaluationsinstrumente so auszugestalten, dass sie der Vielfalt der Fachcommunities gerecht werden und Fehlanreize vermeiden.

Auch bei der Weiterentwicklung der Governance sieht die Leibniz-Gemeinschaft Handlungsbedarf: Die Steuerungsstrukturen der NFDI sollten flexibler und weniger ressourcenintensiv werden. Dafür sei eine klare Differenzierung zwischen Governance- und Betriebsaufgaben notwendig – verbunden mit einer von allen beteiligten Akteuren getragenen Strategie, klaren Entscheidungssphären und effizienten, innovationsfördernden Strukturen.

Die Leibniz-Gemeinschaft bekräftigt ihre Bereitschaft, die weitere Entwicklung der NFDI konstruktiv beratend und mitgestaltend zu begleiten und ihre Erfahrungen sowie Expertise in den Verstetigungsprozess einzubringen. 

Die „Stellungnahme der Leibniz-Gemeinschaft zum Bericht des Wissenschaftsrats betreffend die Strukturevaluation der NFDI“ ist im Volltext hier verfügbar.

 Leibniz-Gemeinschaft

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Wissenschaft Politik & Gesellschaft Bundesweit
news-38395 Tue, 21 Apr 2026 09:53:39 +0200 Mehr Immunschutz, weniger Dominanz: Neue Phase der Corona-Entwicklung? https://www.vbio.de/aktuelles/details/mehr-immunschutz-weniger-dominanz-neue-phase-der-corona-entwicklung  Forschende haben herausgefunden, dass die zuletzt dominierenden Varianten nicht durch eine neue, sich rasch weltweit ausbreitende Variante ersetzt werden. Stattdessen breitet sich eine ungewöhnlich Variante relativ langsam aus, BA.3.2. Diese Variante ist nicht in allen Ländern erfolgreich, infiziert allerdings häufig Kinder. Diese Beobachtungen von Infektionsforscher*innen am Deutschen Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen weisen darauf hin, dass sich durch Impfung und Infektionen eine komplexe Immunität aufgebaut haben könnte, die neue Varianten nur schwer durchbrechen können.  The WHO declared the global health emergency associated with the COVID-19 pandemic to be over in 2023, as most individuals had developed immune protection against the virus through vaccination and/or infection. However, even after 2023, the virus has continued to generate new variants that evade antibody responses and spread globally. This pattern may now be changing in a sustained way. Infection researchers at the German Primate Center – Leibniz Institute for Primate Research in Göttingen have found that the most recently dominant variants are not being replaced by a new variant that spreads rapidly worldwide. Instead, an unusual variant, BA.3.2, is spreading relatively slowly. This variant is not successful in all countries, but it frequently infects children. These observations suggest that a complex immunity may have developed through vaccination and infections, making it difficult for new variants to break through. 

A new pattern: From rapid replacement to parallel spread


Since 2020, new SARS-CoV-2 variants have emerged in rapid succession, each replacing the previously dominant strains. However, this dynamic may now be changing. The most recently dominant variants, NB.1.8.1 and XFG, have not been replaced, as expected, by a new globally dominant variant. Instead, the BA.3.2 variant - also referred to as "Cicada" - is spreading slowly but steadily.
BA.3.2, first detected in South Africa in November 2024, is characterized by unusual properties: unlike earlier variants, it spreads in parallel with existing variants. In some European countries and certain Australian states, it has become dominant, while in other regions it has been less successful.

What does this mean for the pandemic?

The researchers’ observations point to a significant shift: for the first time, a successful variant may not be replaced by a new globally dominant variant; instead, multiple variants may circulate simultaneously. “This could indicate that the immune protection generated by vaccinations and previous infections is difficult for new variants to overcome,” explains Stefan Pöhlmann, lead author of the study. “The parallel spread of multiple variants could suggest that the infection dynamics are transitioning into an endemic phase - that is, a persistent presence of the virus in the population, in which globally synchronized waves of infection are no longer expected, but rather regional and temporally staggered outbreaks.”

An unexpected observation: children more frequently infected
A comparison of the relative infection frequency across different age groups for currently circulating SARS-CoV-2 variants showed that BA.3.2 infects young children significantly more often than other variants. In Scotland and England, where the variant has spread widely, an increase in COVID-19 cases among children has been observed - while case numbers among older individuals remained stable. The reasons for this unusual preference are not yet known.

The significance of the study
The findings of Lu Zhang, Markus Hoffmann, and Stefan Pöhlmann at the German Primate Center shed new light on the dynamics of the COVID-19 pandemic. They suggest that the global immunity developed through vaccination and prior infections can now only be partially overcome by new variants.
These results and the researchers’ assessment of their significance were published in the international journal The Lancet Infectious Diseases as a commentary article.

SARS-CoV-2 is constantly producing new variants that spread rapidly around the world and trigger waves of COVID-19. This pattern may now be changing permanently.

Deutsches Primatenzentrum


Originalpublikation:

Lu Zhang, Markus Hoffmann, Stefan Pöhlmann. Does BA.3.2 epidemiology imply a change in SARS-CoV-2 evolution? The Lancet Infectious Diseases, published online April 17, 2026, DOI: 10.1016/S1473-3099(26)00192-1 

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Coronavirus-News Niedersachsen