VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Thu, 02 Jul 2026 11:56:15 +0200 Thu, 02 Jul 2026 11:56:15 +0200 TYPO3 news-39214 Thu, 02 Jul 2026 11:48:57 +0200 Mechanismus der bakteriellen Signalübertragung entschlüsselt https://www.vbio.de/aktuelles/details/mechanismus-der-bakteriellen-signaluebertragung-entschluesselt Bestimmte lichtempfindliche Enzyme – sogenannte Sensor-Histidinkinasen (SHKs) – geben ihr Signal über eine lichtgesteuerte Änderung von Asymmetrie weiter. In einer aktuellen Studie tragen die Forschenden zum besseren Verständnis eines zentralen Mechanismus bakterieller Signalverarbeitung bei. Das kann dabei helfen, neue optogenetische Werkzeuge zu entwickeln, mit denen sich biologische Prozesse gezielt durch Licht steuern lassen. Relevant ist dies insbesondere für Anwendungen in der Biotechnologie oder Biomedizin. SHKs sind Teil sogenannter Zwei-Komponenten-Systemen in Signalwegen von Bakterien. Sie bestehen aus einem Sensor, der Umweltreize wie Licht erkennt, und einem Regulator, der die Antwort auf den Reiz, beispielsweise eine veränderte Genexpression, steuert. Je nach System können SHKs bei Licht oder Dunkelheit unterschiedliche Reaktionen auslösen: Sie übertragen Phosphatgruppen auf einen Regulator oder entfernen sie wieder. Dieser Regulator steuert anschließend weitere molekulare Prozesse in der Zelle, etwa Veränderungen der Genaktivität. Obwohl SHKs in Bakterien für eine Vielzahl an Signalwegen zuständig sind und auch in der Optogenetik – einer biologischen Technologie, die zelluläre Aktivität mit Licht kontrolliert – genutzt werden, sind die genauen Mechanismen der Signalübertragung weitestgehend unverstanden. Dieses Problems hat sich ein Forschungsteam der Universität Bayreuth und des Forschungszentrums Jülich angenommen.

„In unserer Studie haben wir neue künstlich erzeugte lichtempfindliche SHKs, die als optogenetische Werkzeuge genutzt werden können, sowohl strukturell als auch funktionell untersucht. Dabei haben wir Kristallstrukturdaten mit Analysen der Proteine in Lösung und funktionellen Tests kombiniert“, sagt Prof. Dr. Ulrich Krauss vom Lehrstuhl Biochemie I der Universität Bayreuth, der gleichzeitig Gastwissenschaftler am Institut für Molekulare Enzymtechnologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, das zugleich Teil des Jülicher Instituts für Bio- und Geowissenschaften IBG-1 ist.

Die Kombination der Methoden ermöglichte es den Forschenden, die aktive Dunkelform und die durch Licht ausgelöste Strukturänderung der SHKs präzise zuzuordnen. „Für die Entschlüsselung des Mechanismus der Signalübertragung waren die enge Zusammenarbeit verschiedener Institute und Arbeitsgruppen des Forschungszentrums Jülich und der Universität Bayreuth entscheidend“, so Prof. Dr. Renu Batra-Safferling, Leiterin der Arbeitsgruppe Protein Biochemie am Forschungszentrum Jülich.

Bei den untersuchten SHKs liegt im Dunkeln eine asymmetrisch abgeknickte Form vor, während Licht eine symmetrische, gerade Struktur begünstigt. „Der Wechsel zwischen diesen beiden Formen ist dabei eng mit der Kinaseaktivität des Enzyms verknüpft, also der Übertragung von Phosphatgruppen auf den Regulator“, so Batra-Safferling. Funktionelle und strukturellen Untersuchungen des Enzyms in Lösung legen dabei nahe, dass die asymmetrisch abgeknickte Form Kinaseaktivität besitzt, während die symmetrische, gerade Form Phosphataseaktivät zeigt, d.h. Phosphatgruppen vom Regulator entfernt. Damit entscheidet die räumliche Struktur der SHK wesentlich darüber, ob Phosphatgruppen übertragen oder entfernt werden – ein zentraler Schritt bei der Regulation der Genaktivität durch Zwei-Komponenten-Systeme. „Einfach ausgedrückt liegen wichtige Teile des Enzyms in der asymmetrischen Form so zueinander orientiert, dass Kinaseaktivität möglich ist. Der Wechsel zur symmetrischen, geraden Form verändert diese Anordnung und macht die Bestandteile für die Kinasefunktion inkompatibel. So wird die Phosphataseaktivität gegenüber Kinaseaktivität begünstigt“, ergänzt Krauss. 

Wie universell dieser Mechanismus für andere SHKs ist und welche Rolle Proteindynamik allgemein bei der Signalweiterleitung in lichtsensitiven Proteinen spielt, untersuchen die Forschenden aktuell in einem weiteren Projekt.

Universität Bayreuth


Originalpublikation:

Vladimir Arinkin, Andreas M. Stadler, Stefanie S.M. Meier, Karl-Erich Jaeger, Andreas Möglich, Ulrich Krauss, Renu Batra-Safferling. Dimer asymmetry in signaling of blue-light sensor histidine kinases. Science Advances (2026)
DOI: https://doi.org/10.1126/sciadv.aed8943

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Wissenschaft Bayern
news-39213 Thu, 02 Jul 2026 10:39:11 +0200 Wenn braune Blätter nicht Herbst bedeuten https://www.vbio.de/aktuelles/details/wenn-braune-blaetter-nicht-herbst-bedeuten Aufgrund zunehmender Hitze und Dürre verfärben sich Wälder immer öfter schon vor dem normalen, herbstlichen Laubfall braun. Oft ist unklar, ob die Bäume das Laub aktiv abwerfen oder ob das unumkehrbare Blattschäden durch Hitze und Trockenheit sind. Dadurch könnte die Widerstandskraft der Wälder gegen Klimaextreme überschätzt werden, warnen WSL-Forschende in einem Kommentar.  Wegen steigender Temperaturen nehmen Dürre und Hitzewellen weltweit zu. Deshalb verfärben sich Laubbäume immer öfter vorzeitig – 2018 zum Beispiel hatten Buchen im Raum Schaffhausen schon Mitte August braune Kronen. Das kann zwei Ursachen haben: Entweder ist es eine Art vorgezogener Herbst, wobei der Baum seine Blätter kontrolliert abbaut und abwirft, oder ein Hitzeschaden, der das Blatt zerstört. 

Keine Nährstoff-Rückgewinnung

Hitzeschäden waren in unseren Breiten bisher etwas Ungewohntes: Bei den Schaffhauser Buchen waren sogar manche Waldökologen der Ansicht, dass die Bäume die Blätter aktiv und kontrolliert verfärbten. In dem Fall hätten sie die Nährstoffe in den Blättern «gerettet», indem sie diese mobilisiert und zurück ins Gewebe gezogen hätten – wie sie es jeden Herbst tun. Doch viele der Buchen trieben im folgenden Jahr nicht mehr gut aus. Sie waren klar geschädigt. 

Um abzuschätzen, wie Wälder künftig Kohlenstoff binden, den Wasserhaushalt regulieren und andere wichtige Ökosystemleistungen erbringen werden, ist es wesentlich, die Dauer und Veränderungen der Vegetationsperiode zu ermitteln. Zu diesem Zweck nutzen Forscher zunehmend Fernerkundung, zum Beispiel Satellitendaten, die den «Grünheitsgrad» der Wälder messen. Aktuelle Fernerkundungsstudien unterscheiden aber oft nicht zwischen zwei sehr unterschiedlichen Prozessen: einerseits stressbedingten Blattschäden («Blattverbrennungen») durch Dürre oder Hitzewellen und andererseits der natürlichen Farbveränderung während der Herbstalterung der Blätter. Zwar lassen beide Prozesse die Wälder aus dem Weltraum brauner erscheinen, doch haben sie sehr unterschiedliche biologische Folgen.

Irreversible Schäden

Das sei ein Problem, argumentiert ein Forschungsteam der WSL in einem Kommentar im Fachjournal Nature Climate Change. Anders als der herbstliche Laubfall sind stressbedingte Blattverbrennungen unumkehrbare Schäden und die Bäume verlieren wertvolle Nährstoffe, bevor sie diese aus den Blättern zurückholen können. Wenn dies wiederholt geschieht, können Bäume sich weniger gut von extremen Wetterereignissen erholen. Das schwächt die Gesundheit des Waldes, er wächst weniger gut und kann weniger Kohlendioxid (CO₂) aufnehmen.

«Wenn die beiden Prozesse verwechselt werden, bilden Modelle zum Laubfall die Realität weniger gut ab und wir überschätzen womöglich die Widerstandsfähigkeit der Wälder gegenüber Klimaextremen», warnen Maxwell Bergström und Zhaofei Wu, die beiden Hauptautoren des Kommentars.

«Blattschäden durch Hitze und Trockenheit werden mit der Erwärmung des Klimas voraussichtlich immer häufiger», betont Projektleiter Yann Vitasse, der sich mit saisonalen Prozessen bei Bäumen befasst. «Hitzewellen und Trockenheit sind eine explosive Kombination für Wälder; das ist ein wirklich alarmierender Trend.»

Was ist zu tun? Die Autoren schlagen kontrollierte Experimente vor, um die physiologischen Schwellenwerte zwischen angepasster Blattalterung und irreversiblen Schäden zu bestimmen. «Dies würde die Fernerkundung des Waldzustands und die Vorhersagen über zukünftige Reaktionen des Ökosystems auf den Klimawandel verbessern», so die Autoren.

Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL


Originalpublikation:

Bergström, M., Wu, Z., Grossiord, C. et al. Distinguishing leaf scorching from senescence under climate extremes. Nat. Clim. Chang. (2026). https://doi.org/10.1038/s41558-026-02682-1

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft International
news-39212 Thu, 02 Jul 2026 10:33:40 +0200 Ameisen: Wer in einer Kolonie die Verletzten pflegt https://www.vbio.de/aktuelles/details/ameisen-wer-in-einer-kolonie-die-verletzten-pflegt Rossameisen amputieren verletzte Beine ihrer Artgenossinnen, um Infektionen zu minimieren. Eine neue Studie zeigt: Darum kümmern sich vor allem Ameisen, die vom Innen- in den Außendienst umsatteln.  Wer im Krankenhaus als Patientin oder Patient ist, vertraut in der Regel den Pflegekräften. Schließlich durchlaufen diese eine Ausbildung und bringen gegebenenfalls mehrere Jahre Berufserfahrung mit. Bei Rossameisen entscheidet nicht die Pflege-Expertise, wer die Patientinnen versorgt: „In den Kolonien gibt es keine spezialisierten ‚Krankenpflegerinnen‘. Vielmehr übernehmen diese Aufgabe Arbeiterinnen, die sich im Übergang von der Brutpflege zur Nahrungssuche befinden“, so Dr. Erik Frank, Seniorautor der Studie und Leiter einer Emmy Noether-Forschungsgruppe am Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie der Universität Würzburg. Diese Übergangsphase der Ameisen dauert in der Regel 20 Tage.

Entscheidend sei zudem, wie viele vorherige Interaktionen die Pflegerin mit der verletzten Ameise gehabt habe, sagt Alba Motes-Rodrigo, Co-Autorin von der Universität Lausanne (Schweiz). Dazu zählen soziale Interaktionen wie sich gegenseitig zu säubern oder sich zufällig im Nest zu begegnen und sich gegenseitig zu antennieren, also sich mit den Fühlern abzutasten. Ameisen im Übergang zwischen Innen- und Außendienst streifen durch das ganze Nest und sind dadurch besser vernetzt als andere Artgenossinnen. Die Beobachtungen veröffentlichte das Forschungsteam in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).

Vollautomatisches Tracking: 660 Ameisen genauestens im Blick

Für die Studie untersuchte das Team sechs Kolonien mit je 110 Ameisen der Art Camponotus fellah, die zur Gattung der Rossameisen zählt und vor allem im Nahen Osten lebt. Mithilfe eines vollautomatischen Trackingsystems konnten die Forschenden über Wochen die Bewegungen und hunderttausende von Interaktionen einer jeden Ameise sowie deren Wundversorgungen genauestens nachvollziehen. 

„Wir wissen seit Langem, dass die räumliche Organisation einer Kolonie alltägliche Aufgaben wie Brutpflege oder Nahrungssuche steuert. Unsere Ergebnisse gehen aber noch weiter“, erklärt Dr. Ebi George, Co-Autor von der Universität Lausanne. Sie zeigen, dass auch die alltägliche räumliche und soziale Überschneidung zwischen den Arbeiterinnen vorübergehende Aufgaben wie die lebensrettende Wundversorgung bestimme, führt George aus.

Rossameisen: Meister der Amputation

In einer vorherigen Studie hat Frank mit seinem Team bereits beobachtet, wie Rossameisen Wunden versorgen: Sie amputieren die verletzten Beine ihrer Artgenossinnen, indem sie diese abbeißen und mit antimikrobiellen Stoffen behandeln. Dabei gilt stets die Devise: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Die Ameisen nehmen prophylaktische Amputationen vor. Das schützt nicht nur die Kolonie vor Infektionen, sondern verdoppelt auch die Überlebensrate der verletzten Arbeiterinnen. „Wir konnten damals zeigen, wie die Wunden behandelt werden. Unsere aktuelle Studie zeigt nun, wer sich vorwiegend darum kümmert“, so Frank.

Universität Würzburg


Originalpublikation:

Ebi Antony George, Alba Motes-Rodrigo, Laurent Keller, Erik T. Frank: “Social and Spatial Affinity Drive Wound Care in Ants”; in PNAS, 1. Juli 2026, https://doi.org/10.1073/pnas.2614400123

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Wissenschaft Bayern
news-39210 Thu, 02 Jul 2026 09:48:39 +0200 Komplexe Nahrungsnetze stärken Ökosystem-Funktionen https://www.vbio.de/aktuelles/details/komplexe-nahrungsnetze-staerken-oekosystem-funktionen Gesunde Ökosysteme brauchen nicht nur viele Arten. Entscheidend sind die komplexen Beziehungen zwischen ihnen. Das zeigt eine internationale Studie unter Leitung der University of Waikato und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). Die Studie zeigt: Je höher die Artenvielfalt eines Ökosystems ist, desto besser erfüllt es wichtige Funktionen. Besonders entscheidend ist dabei die Vielfalt der Räuber. Sie trägt dazu bei, natürliche Prozesse wie Schädlingskontrolle, Klimaregulation sowie die Stabilität von Ökosystemen aufrechtzuerhalten.  Nahrungsnetze stabilisieren Ökoystem-Funktionen

„Ökosysteme funktionieren durch die Beziehungen zwischen Arten“, sagt Erstautor und iDiv-Alumnus Dr. Andrew Barnes von der University of Waikato. Entscheidend sei, wie Energie durch das Nahrungsnetz fließt und welche Rolle Räuber dabei spielen, das ökologische Gleichgewicht zu erhalten.

„Verschwinden Räuber – etwa durch Lebensraumverlust, Umweltverschmutzung oder den Klimawandel –, hat das Folgen für das gesamte Nahrungsnetz. Diese Veränderungen können sich durch das gesamte Ökosystem fortpflanzen und wichtige Ökosystemfunktionen schwächen“, so Barnes.

Globale Analyse vieler Ökosysteme

Für die Studie untersuchte das internationale Forschungsteam mehr als 300 Nahrungsnetze verschiedener Ökosysteme – darunter Meere, Seen, Fließgewässer und Böden. Beteiligt waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehr als 20 Forschungseinrichtungen. Laut der Analyse spielen Räuber eine Schlüsselrolle für funktionierende Ökosysteme – von winzigen Bodenmilben bis zu Haien. In artenreichen Ökosystemen war die Häufigkeit von Räuber-Beute-Interaktionen bis zu 70-mal höher als in Ökosystemen mit geringerer Artenvielfalt.

Die Studie zeigt so umfassend wie keine zuvor, welchen Einfluss Biodiversität auf ganze Nahrungsnetze hat. Frühere Untersuchungen betrachteten meist nur einzelne Organismengruppen.

Komplexität entscheidend

„Arten existieren nicht isoliert voneinander – Ökosysteme funktionieren als Netzwerke vielfältiger Wechselwirkungen“, sagt Senior-Autor Dr. Benoit Gauzens von iDiv und der Friedrich-Schiller-Universität Jena. „Wenn wir die Folgen des Biodiversitätswandels verstehen und vorhersagen wollen, dürfen wir uns nicht darauf beschränken, Arten vor dem Aussterben zu bewahren. Wir müssen auch die ökologischen Beziehungen schützen, die Ökosysteme produktiv und widerstandsfähig machen.“

Basierend auf einer Pressemitteilung der University of Waikato, Neuseeland

Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig – iDiv


Originalpublikation:

Barnes, A.D., Brose, U., Eisenhauer, N. et al. Food web complexity underlies biodiversity effects on ecosystem functioning. Nature (2026). doi.org/10.1038/s41586-026-10710-5

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Wissenschaft Sachsen International
news-39209 Thu, 02 Jul 2026 09:45:08 +0200 Geplante Kürzung von Förderprogrammen in der internationalen Hochschulzusammenarbeit schwächt Deutschlands Interessen https://www.vbio.de/aktuelles/details/geplante-kuerzung-von-foerderprogrammen-in-der-internationalen-hochschulzusammenarbeit-schwaecht-deutschlands-interessen Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen kritisiert nachdrücklich die Ankündigung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), bis 2031 schrittweise alle Hochschulkooperationsprogramme der Entwicklungszusammenarbeit – mit Ausnahme eines Alumniprogramms – einzustellen.  Mit den BMZ-Programmen zum individuellen und institutionellen Kapazitätsaufbau in Forschung, Lehre und Hochschulmanagement haben deutsche Hochschulen über mehr als drei Jahrzehnte hinweg gemeinsam mit Partnern in Ländern des Globalen Südens erfolgreich Bildungs- und Wissenschaftssysteme vor Ort gestärkt und die Zusammenarbeit mit Deutschland vertieft. Die bislang insbesondere mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) sowie der Alexander von Humboldt-Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) realisierte Hochschul- und Wissenschaftsförderung des BMZ hat dazu beigetragen, dass Generationen junger Menschen im Globalen Süden Perspektiven in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik entwickeln konnten. Die Zukunft vieler Staaten in Afrika, Asien und Lateinamerika und ihr Verhältnis zu Deutschland und Europa entscheidet sich maßgeblich an ihren Bildungsangeboten und ihrer Innovationsfähigkeit. 

„Wer akademische Kooperationen – sowohl institutionelle als auch individuelle – zurückfährt, beschneidet international Potenziale für Wohlstand und die Fähigkeit, global vernetzt Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit zu finden. Die nachhaltig verankerte Hochschulzusammenarbeit mit Entwicklungs- und Schwellenländern dient dezidiert Deutschlands Interessen in Wissenschaft, Wirtschaft und Außenpolitik: Sie eröffnen Zugänge zu Fachkräften, Innovationsräumen, Forschungsdaten, Zukunftsmärkten und tragfähigen politischen wie gesellschaftlichen Netzwerken. Ohne die bisherigen Kooperationsprogramme verliert Deutschland nachhaltig Einfluss in Regionen, in denen andere Staaten ihre wissenschafts- und bildungspolitische Präsenz derzeit gezielt ausbauen“, erläutert Prof. Dr. Walter Rosenthal, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz und 2026 Sprecher der Allianz der Wissenschaftsorganisationen.

Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen appelliert an die Bundesregierung und den Deutschen Bundestag, im weiteren Haushaltsprozess tragfähige Lösungen zu finden, damit die Zusammenarbeit zwischen deutschen Hochschulen und Partnern im Globalen Süden weiterhin die nötige Unterstützung erhält.

Allianz der Wissenschaftsorganisationen
 

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Politik & Gesellschaft Berlin
news-39208 Thu, 02 Jul 2026 09:35:00 +0200 Erfolgsmodell Braunbär: 3D-Analyse enthüllt das Geheimnis ihrer Klimaresilienz https://www.vbio.de/aktuelles/details/erfolgsmodell-braunbaer-3d-analyse-enthuellt-das-geheimnis-ihrer-klimaresilienz Europäische Braunbären sind Überlebenskünstler: Die Tiere trotzen den pleistozänen Klimaschwankungen und überlebten die Wechsel von Eiszeiten und Warmzeiten bis heute. Zoologinnen gingen dieser evolutionären Flexibilität jetzt auf den Grund: 3D-Analysen an Bärenkiefern zeigen, dass sich bestimmte Kaustrukturen am Unterkiefer der Braunbären offenbar sehr flexibel an die wechselnden klimatischen Verhältnisse angepasst haben. Braunbären (Ursus arctos) leben schon seit 175.000 Jahren bis heute in Europa. Eine neue Studie zeigt nun: Im Laufe ihrer Evolution veränderte sich die Kaufunktion der Unterkiefer europäischer Braunbären immer wieder signifikant – und zwar im selben Rhythmus wie das Klima, mit dem Wechsel von Warm- und Kaltzeiten. Zu diesem Ergebnis kam die Zoologin Anneke van Heteren von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) und ihre Kollegin von der Universidad del País Vasco, Donostia-San Sebastián. Die beiden Forscherinnen verglichen in ihrer Studie die Unterkiefer fossiler und moderner Braunbären mit deren nächsten Verwandten, darunter auch zwei ausgestorbene Höhlenbärenarten (Ursus spelaeus und Ursus deningeri) sowie Eisbären (Ursus maritimus).

Detaillierte geometrische 3D-Analysen zeigen, dass der grundlegende Bauplan des Kiefers, das sogenannte Kauschema, bei europäischen Braunbären über Jahrtausende hinweg bemerkenswert stabil geblieben ist. Im Gegensatz zum spezialisierten pflanzenfressenden Höhlenbären oder dem fleischfressenden Eisbären behielt der Braunbär eine vielseitige, allesfressende Kieferstruktur bei. Diese hat sich seit dem Pleistozän nicht drastisch verändert. Die entscheidende Flexibilität liegt allerdings im Detail: Die Forscherinnen fanden feine Unterschiede der Unterkiefermorphologie im Bereich der Ansatzstelle des großen Kaumuskels Musculus masseter. Hier schwankt die Morphologie bei Braunbären im Laufe ihrer Entwicklung, je nachdem, ob sie in warmen oder kalten Klimaperioden lebten. Die Unterkiefer fossiler Braunbären aus Kaltzeiten ähneln denen heutiger Bären, die in kühleren Regionen der Nordhalbkugel und in großen Höhenlagen heimisch sind. Die Kiefer fossiler Braunbären aus Warmzeiten, egal welchen geologischen Alters, unterscheiden sich davon deutlich. Offenbar spiegelten sich Veränderungen im verfügbaren Nahrungsangebot bei Braunbären in der flexiblen Anpassung ihrer Kaumuskulatur wider.

“Diese morphologische Flexibilität der Kaustrukturen bei den Braunbären zeigt uns, dass die Tiere offensichtlich in der Lage waren, sich optimal an die selektiven Anforderungen ihrer Umgebung anzupassen. Ihre Fähigkeit, so extreme Klimaschwankungen zu bewältigen, spielte wahrscheinlich eine entscheidende Rolle für ihren evolutionären Erfolg. Braunbären sind seit dem mittleren Pleistozän kontinuierlich in Europa präsent. Spezialisiertere Arten wie der Höhlenbär starben hingegen aus”, erläutert Anneke van Heteren, Kuratorin für Säugetiere an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB), Hauptautorin der Studie.

SNSB – Zoologische Staatssammlung München


Originalpublikation:

van Heteren A. H. & Villalba de Alvarado M. 2026. — Functional morphology of Pleistocene and Holocene brown bears (Ursus arctos Linnaeus, 1758): a 3D geometric morphometric approach to masseter biomechanics and evolutionary ecology. Comptes Rendus Palevol 25 (11): 189-205. https://doi.org/10.5852/cr-palevol2026v25a11

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Wissenschaft Bayern
news-39207 Thu, 02 Jul 2026 08:56:18 +0200 Aktionsplan Meer – Meeresschutz für Mensch und Natur https://www.vbio.de/aktuelles/details/aktionsplan-meer-meeresschutz-fuer-mensch-und-natur Das Bundesumweltministerium hat heute erste Eckpunkte für einen Aktionsplan Meer vorgelegt. Dazu gehören unter anderem Maßnahmen gegen Geisternetze im Meer, in denen sich sonst Meereslebewesen verfangen können. Um den Sauerstoffmangel in der Ostsee zu lindern, ist ein Modellprojekt zu meeresfreundlicher Landwirtschaft geplant. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Bergung von Altmunition aus Nord- und Ostsee. Auf Basis der Eckpunkte soll in den kommenden Monaten zusammen mit den anderen Ministerien ein Aktionsplan erarbeitet werden, der als strategisches Dach für die Meeresschutzpolitik der Bundesregierung dienen wird. Dabei sollen auch die Positionen all derjenigen einbezogen werden, die für das Gelingen von Meeresschutz wichtig sind. Bundesumweltminister Carsten Schneider: "Unseren Meeren geht es nicht gut. Aber die Natur kann sich erholen, wenn wir die nötigen Rückzugsräume schaffen, in denen es keine schädliche menschliche Nutzung gibt. Geisternetze und anderer umhertreibender Müll sind ein echtes Problem für die Meeresumwelt und ihre Bewohner. Daher wollen wir dafür sorgen, dass verlorene Netze besser geborgen werden können und weitere gar nicht erst in die Meere gelangen. Meeresschutz beginnt an Land, indem weniger Nährstoffe über die Flüsse ins Meer gelangen, wo sie zu Sauerstoffmangel führen und jedes Leben ersticken. Wie das gelingen kann, wollen wir in einem Modellprojekt für meeresfreundliche Landwirtschaft zeigen. In den letzten Jahren ist schon einiges in Bewegung gesetzt worden, um die Meere zu schützen – national wie international. Darauf will ich aufbauen und weiter vorangehen. Für die Meere lohnt sich jede Anstrengung. Denn gesunde Meere schützen unser Leben. Sie sind nicht nur wichtig für die Umwelt, sie tun auch uns Menschen gut - gerade im Sommer."

Kaum ein anderes Ökosystem bietet so viel für Mensch, Umwelt und Klima wie die Meere. Doch die Meere weltweit – auch unsere Hausmeere Nord- und Ostsee - sind schwer belastet. Es zeigt sich immer stärker, wie die Erderwärmung, Versauerung durch zu viel CO₂, Überfischung, hohe Nährstoffeinträge, Plastikmüll und andere Belastungen den Meeren massiv schaden - und die Probleme verstärken sich gegenseitig.

Deutschland treibt national, in der EU und international den Meeresschutz durch verschiedenste Initiativen voran. Der "Aktionsplan Meer" soll an die Fortschritte der vergangenen Jahre anknüpfen und ressortübergreifend eine ambitionierte Agenda für saubere, gesunde und lebendige Meere entwickeln.

Geisternetze und andere Hinterlassenschaften der Fischerei sind ein massives Problem für die Meeresumwelt. Die Folgen für das Leben im Meer sind fatal: Fische, Wale, Vögel und viele andere Lebewesen verfangen sich in den umhertreibenden Netzen und verenden qualvoll darin. Darüber hinaus zerfallen die Netze zu Mikroplastik und gefährden dadurch auch die Gesundheit der Menschen, wenn sie in die Nahrungskette gelangen. Mit einem übergreifenden Ansatz soll das Problem neu angegangen werden, indem unter anderem mit Hilfe klugen Produktdesigns die Kreislaufführung verbessert wird. Auch werden Sammel- und Entsorgungsstrukturen in Häfen geschaffen. Zudem soll die Identifizierung und Bergung verbessert werden, zum Beispiel mit Markierung von Fanggeräten oder gemeinsamen Datenbanken. Das Projekt soll noch in diesem Jahr vergeben werden. Das Bundesumweltministerium stellt hierfür umfangreiche Finanzmittel zur Verfügung.

Wichtig bleibt darüber hinaus, die Qualität der Schutzgebiete als Rückzugs- und Ruheräume für bedrohte Arten zu verbessern. Sie sind eine der wichtigsten und effektivsten Maßnahmen, damit sich Tiere, Pflanzen und ihre Lebensräume erholen und stärken können. Zur Verbesserung dieser Gebiete wurden bereits entscheidende Schritte unternommen, etwa indem in bestimmten Gebieten Fischereimethoden wie Schleppnetz- oder Stellnetzfischerei eingeschränkt wurden. Die Bundesregierung hat außerdem einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, damit künftig keine Gas- und Ölförderungen in den Meeresschutzgebieten in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) von Nord- und Ostsee mehr zugelassen werden. Auch bei einer künftig möglichen CO₂-Speicherung unter dem Meeresboden sind Meeresschutzgebiete ausgeschlossen.

Eines der größten Probleme der Ostsee – wie auch der Nordsee – ist die Eutrophierung. Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor gelangen aus Landwirtschaft, Abwasserbehandlung, Verkehr oder Industrie ins Meer. Zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern aus Landwirtschaft, Fischerei, den Küstenbundesländern sowie aus Tourismus und Verbänden sollen mit einem Modellprojekt praktische Maßnahmen im Sinne einer meeresfreundlichen Landwirtschaft vorangetrieben werden. Damit soll es landwirtschaftlichen Betrieben ermöglicht werden, mit alternativen Methoden meeresfreundlich zu wirtschaften und vom Meer abhängige Wirtschaftsbereiche, wie Fischerei oder Tourismus, zu entlasten.

Meere gehören zu den wichtigsten Verbündeten im Klimaschutz. In der Weiterentwicklung des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz (ANK) sollen zusätzliche Maßnahmen entwickelt werden, die auf den bisherigen aufbauen. Dabei werden gezielt Projekte gefördert, die Seegraswiesen, Salzmarschen und Algenwälder an und vor den deutschen Küsten erhalten und wiederherstellen. Die Methoden des natürlichen Klimaschutzes stärken marine Ökosysteme und binden zugleich mehr CO₂.

Dass Fortschritte beim Meeresschutz trotz geopolitisch schwieriger Lage auch international möglich sind, zeigt das UN-Hochseeschutzabkommen (BBNJ-Abkommen), das im Januar in Kraft getreten ist. Es ist ein historischer Meilenstein für den internationalen Meeresschutz und den Multilateralismus gleichermaßen. Dieses Abkommen ist der Schlüssel dafür, die globalen Meeresschutzziele zu erreichen. Die Hohe See umfasst rund die Hälfte der Erdoberfläche und zwei Drittel des gesamten Ozeans. Bislang gab es für dieses riesige Gebiet keine einheitlichen Umweltregeln. Deutschland wird das Abkommen im September ratifizieren und auch im Rahmen des "Aktionsplans Meer" engagiert umsetzen.

Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit


Eckpunkte für einen Aktionsplan Meer: https://www.bundesumweltministerium.de/DL3514

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Politik & Gesellschaft Berlin
news-39205 Wed, 01 Jul 2026 11:37:24 +0200 Der Insektentaschenrechner: Wie drastisch sich Mähen auswirkt https://www.vbio.de/aktuelles/details/der-insektentaschenrechner-wie-drastisch-sich-maehen-auswirkt Wie viele Insekten und Spinnen leben in einem Quadratmeter Wiese? Welchen Einfluss haben Menschen auf diese Vielfalt in gemähten Wiesen, Rasenflächen und Straßenrandstreifen? Diese Fragen beantwortet ein neues Online-Tool: Der von Forschenden der TU Darmstadt entwickelte Insektentaschenrechner.  Der Rechner (https://insektentaschenrechner.de) sagt die Anzahl und Vielfalt von Insekten und Spinnen vorher – und macht dieses Wissen direkt erfahrbar. Eindrucksvoll zeigt der Taschenrechner den dramatischen Einfluss des Mähens: Ein Mähvorgang kann die Anzahl von Insekten und Spinnen auf einer Wiese um bis zu 73 Prozent reduzieren. Bereits seit dem vergangenen Jahr können Nutzer:innen selbst herausfinden, welchen Einfluss verschiedene Mähtechniken haben. Nun erschien auch die entsprechende wissenschaftliche Studie im Fachjournal „Ecological Solutions and Evidence“. In dieser Veröffentlichung wird die Formel mit zwölf Einflussfaktoren zur Berechnung der Insekten pro Quadratmeter hergeleitet. Sie basiert auf den bislang verfügbaren Daten aus verschiedenen Regionen Deutschlands und der Schweiz, die auch den Taschenrechner speisen.

“Unser Wissen über die Biodiversitätskrise wird immer größer, aber trotzdem mangelt es immer noch an wirksamen Maßnahmen und Umsetzungen”, erklärt Erstautorin Johanna Berger, die die umfangreichen Analysen und Visualisierungen für das Webtool im Rahmen ihrer Promotion an der Technischen Universität Darmstadt durchführte. "Eine entscheidende Lösung für uns aus der Wissenschaft besteht darin, unsere Erkenntnisse mit der Praxis zu verbinden und sie besser zu vermitteln, beispielsweise durch digitale und datengestützte Tools wie unseren Insektentaschenrechner." Dieser soll einen Beitrag zur heimischen Artenvielfalt leisten, denn Wiesen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen in Europa. 

Entstanden ist der Insektentaschenrechner im Rahmen des Projekts BioDivKultur, bestehend aus einem interdisziplinären Forschungsteam der TU Darmstadt mit Projektpartnern aus der Praxis. Das Projekt ist Teil der Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt (FedA), die vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMBFTR, ehemals BMBF) gefördert wird. Umgesetzt wurde die Studie zusammen mit weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Deutschland und der Schweiz. In Darmstadt und Umgebung weisen von BioDivKultur entwickelte Schilder mit 'Points of Insects' an vielen Orten auf die Bedeutung verschiedener Grünflächen für Insekten hin – und sind per QR-Code mit dem Insektentaschenrechner verbunden.

Seniorautor Nico Blüthgen, Projektsprecher von BioDivKultur, erklärt: „Für den Insektentaschenrechner haben wir einen umfangreichen Datensatz aus standardisierten Ein-Quadratmeter-Proben von Insekten und Spinnen aus Deutschland und der Schweiz zusammengestellt. Auf dieser Grundlage lässt sich anschaulich zeigen, wie verschiedene Parameter des Mähens und die versiegelte Fläche um Grünflächen sich auf die Anzahl und Vielfalt von Insekten und Spinnen auswirken.“

Der Insektentaschenrechner präsentiert einen „Spaziermodus“ für Interessierte und einen „Profimodus“ für Fachleute im Bereich der Grünlandbewirtschaftung. In der Studie kommen auf ungemähten Wiesen beispielsweise 73 Prozent mehr Arthropoden vor als auf gemähten Flächen, und dieser Effekt zeigt sich deutlich im Taschenrechner. Dies gilt für Spinnen, Zikaden, Wanzen, Heuschrecken und andere Gruppen in ähnlicher Weise – aber unterschiedlich stark. 

In weniger isolierten ländlichen Bereichen ist die Dichte der Insekten und Spinnen höher als in stärker versiegelten städtischen Bereichen, Mulcher führen im Vergleich zu Balkenmähern zu einem stärkeren Rückgang der Insektenpopulationen und die unterschiedlich starken Auswirkungen der Mahdfrequenz, Schnitthöhe und anderer Parameter werden sichtbar. Ko-Autorin Margarita Hartlieb, die ebenfalls an der Implementierung des Online-Tools beteiligt war, fügt hinzu: "Unser Webtool bietet zusätzliche Informationen, etwa die Verknüpfung mit Beobachtungen aus dem Citizen-Science-Projekt iNaturalist vom angegebenen Standort, FAQs und Einblicke in die Forschungsprozesse."

Erstautorin Berger erklärt: „Ein Hauptaspekt zeigt, dass Änderungen am Mähverhalten zwar etwas bewirken können, etwa insektenschonendere Mäher oder weniger Schnitte, das Mähen selbst jedoch den größten Einfluss hat. Dies unterstreicht die Bedeutung von ungemäht gelassenen Flächen – sogenannten Refugien. Sie sind eine wirkungsvolle Maßnahme für den Schutz von Insekten und Spinnen, in denen Ressourcen erhalten bleiben und in die sie während beziehungsweise nach dem Mähen flüchten können.” 

Refugien lassen sich auch mit Konzepten wie der Rotationsmahd gut verwirklichen, indem immer nur ein Teil der Fläche gemäht wird, während der andere Teil dann zu einem späteren Zeitpunkt gemäht wird. Zu diesem Thema stellt das Webtool Insektentaschenrechner auch eine Beispiel-Rechnung unter https://insektentaschenrechner.de/refuge vor. Nach dem Mähen einer 100 Quadratmeter großen Fläche finden sich etwa 13.000 Insekten und Spinnen. Bleiben jedoch zehn Prozent der Fläche ungemäht, steigt die Zahl auf 14.350, bei 20 Prozent auf 15.700 und bei 30 Prozent auf 17.050. Eine vollständig ungemähte Wiese beherbergt sogar 26.500 Insekten und Spinnen.

Ungemähte Refugien schaffen Lebensraumvielfalt, Schutz vor dem Mähen, sowie Entwicklungsräume für Larven und Winterquartiere. Der Insektentaschenrechner ermöglicht es also, Argumente mit belastbaren Daten zu stützen und so eine sachliche, wissensbasierte Kommunikation über die Nutzung von Grünflächen zu unterstützen.

TU Darmstadt


Originalpublikation:

Berger, J.L., Hartlieb, M., von Berg, L., Brion, A., Entling, M. H., Frank, J., Humbert, J.-Y., Mody, K., Sann, M., Staab, M., Weisser, W.W., & Blüthgen, N.: “The Insect Calculator: A web tool to predict meadow arthropods based on mowing impacts”, in: “Ecological Solutions and Evidence”, 2026, e70271, Volume7, Issue 3, https://doi.org/10.1002/2688-8319.70271

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Künstliche Intelligenz Wissenschaft Hessen
news-39204 Wed, 01 Jul 2026 11:25:32 +0200 Hoffnung bei Huntington https://www.vbio.de/aktuelles/details/hoffnung-bei-huntington Ein experimenteller Wirkstoff lindert die Symptome der Huntington-Krankheit in Mausmodellen und kann die Lebensspanne der Tiere verlängern. Ob sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, erfordert weitere Studien.  Die Erbkrankheit Chorea Huntington gilt bislang als unheilbar. Zum klinischen Bild zählen gestörte Motorik und psychische Symptome. Ein wenig Hoffnung macht jetzt eine neue Studie. Sie zeigt: Ein spezieller Wirkstoff mit dem Namen anle138b kann die für die Krankheit typische giftige Proteinverklumpung im Gehirn deutlich reduzieren.

Erkrankte Mäuse, die diesen Wirkstoff verabreicht bekamen, blieben länger beweglich, ihr Gehirn schrumpfte weniger stark und sie hatten eine höhere Lebenserwartung, verglichen mit unbehandelten Tieren. Das Besondere dabei: Der Wirkstoff lindert nicht nur die Symptome, sondern setzt direkt an der Ursache an, indem er verhindert, dass krankheitstypisch veränderte und verklumpte Proteine die Nervenzellen und deren Verbindungen zerstören. Auch in Tests mit menschlichen Stammzellen von Huntington-Patienten bestätigten sich diese Ergebnisse. 

Vielversprechender Kandidat für einen neuen Therapieansatz

Das sind die zentralen Ergebnisse einer Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift EMBO Molecular Medicine erschienen ist. Verantwortlich dafür waren Professorin Irina Dudanova, seit April 2026 Inhaberin des Lehrstuhls für Anatomie und Zellbiologie I der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU), und ihr Doktorand Miguel da Silva Padilha. 

Entwickelt wurde die Substanz anle138b von Teams um Christian Griesinger, Direktor am Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften in Göttingen, und Armin Giese von der Ludwig-Maximilians-Universität München, jetzt MODAG GmbH. Weitere Beteiligte der Studie kommen vom MPI für biologische Intelligenz in Martinsried und der Universität Köln. 

„Unsere Daten zeigen, dass die gezielte Beeinflussung toxischer Proteinaggregate mit dem Wirkstoff anle138b ein vielversprechender Weg ist, um die neuronale Gesundheit langfristig zu stabilisieren“, kommentiert Irina Dudanova die Ergebnisse der Studie.

Zellmüll zerstört die Nervenzellen

Zum Hintergrund: Huntington ist eine erbliche Bewegungsstörung, die durch einen Defekt an einer Stelle der DNA, dem Gen für das Protein Huntingtin, ausgelöst wird. In Deutschland sind nach Angaben der AOK etwa 10.000 Menschen daran erkrankt. Pro Jahr kommen einige hundert neue Fälle dazu. Eine fehlerhafte Wiederholung des genetischen Codes (die sogenannten CAG-Wiederholungen) führt bei ihnen dazu, dass das Huntingtin-Protein eine falsche Form annimmt und verklumpt.

Diese Eiweißverklumpug lässt sich mit „Zellmüll“ vergleichen, der sich in den Nervenzellen ansammelt. Die Proteinaggregate stören die lebenswichtige Kommunikation der Zellen und führen zu deren Absterben, insbesondere in Hirnarealen, die für Bewegung und Kognition zuständig sind. Eine wirksame Therapie, die an den Ursachen ansetzt, ist nicht verfügbar. Hier setzt der jetzt untersuchte Wirkstoff anle138b an, der verhindert, dass sich die schädlichen Strukturen bilden.

An zwei unterschiedlichen Mausmodellen haben die Forschenden die Wirksamkeit von anle138b untersucht: Während die eine Gruppe an einer schweren, früh einsetzenden Form erkrankt war, glich die zweite Gruppe der genetischen Situation bei erwachsenen Patientinnen und Patienten. In beiden Modellen zeigte der Wirkstoff positive Effekte.

Bei der Huntington-Krankheit wird auch das Protein PDE10A, das fast ausschließlich in jenen Nervenzellen vorkommt, die bei Huntington absterben, abgebaut. Die Konzentration von PDE10A nimmt bei Patienten drastisch ab, lange bevor sie erste schwere Symptome zeigen. „Sinkt der PDE10A-Spiegel, ist das also ein klares Signal dafür, dass die Krankheit fortschreitet. Das Protein eignet sich somit gut als Biomarker für die Huntington-Krankheit“, erklärt Miguel da Silva Padilha. Sterben weniger Nervenzellen ab, wird auch weniger PDE10A abgebaut. Auch hier fanden die Wissenschaftler eine deutliche Wirkung: Durch die Einnahme von anle138b wurde in beiden Mausmodellen der PDE10A-Spiegel stabilisiert. 

Wirksamkeit an menschlichen Stammzellen nachgewiesen

Ein zentraler Meilenstein der Studie ist die Bestätigung dieser Effekte in menschlichen Zellen. „Wir konnten auch in unseren Experimenten mit induzierten pluripotenten Stammzellen – also aus Patientenzellen gewonnenen Vorläuferzellen – beobachten, wie die Zugabe von anle138b die Menge an Huntingtin-Aggregaten reduzierte“, sagt Irina Dudanova.

Da der Wirkstoff an einem grundlegenden Mechanismus der Proteinverklumpung ansetzt, ist er in der Forschung auch mit dem Blick auf andere neurodegenerative Erkrankungen interessant. Entsprechende Studien an Mausmodellen waren so erfolgreich, dass nach entsprechenden Vorarbeiten vor knapp zwei Jahren eine umfangreiche klinische Studie zur Behandlung der Multisystematrophie – einer parkinsonähnlichen Erkrankung, die durch schwere Störungen der Motorik, des Gleichgewichts und des vegetativen Nervensystems geprägt ist, gestartet wurde.

Universität Würzburg


Originalpublikation:

da Silva Padilha, M., Koyuncu, S., Chabanis, E. et al. Anle138b ameliorates pathological phenotypes in mouse and cellular models of Huntington’s disease. EMBO Mol Med (2026). doi.org/10.1038/s44321-026-00459-9

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Wissenschaft Biobusiness Bayern
news-39203 Wed, 01 Jul 2026 11:11:57 +0200 Biologie erleben: Karl-von-Frisch-Preis 2026 des VBIO LV Bayern am Biozentrum der LMU verliehen https://www.vbio.de/aktuelles/details/biologie-erleben-karl-von-frisch-preis-2026-des-vbio-lv-bayern-am-biozentrum-der-lmu-verliehen Der Karl-von-Frisch-Preis wird jährlich an Schülerinnen und Schüler vergeben, die in der gymnasialen Oberstufe und im Abitur im Fach Biologie herausragende Leistungen erzielt haben. Seit 2024 erfolgt die Vergabe bundesweit nach einheitlichen Kriterien und damit auch seit knapp 20 Jahren wieder im Landesverband Bayern. Neben sehr guten fachlichen Leistungen fließen auch Kurzgutachten der Lehrkräfte sowie besonderes Engagement oder weitere Auszeichnungen in die Bewertung ein. Der Preis umfasst eine Urkunde sowie eine kostenfreie VBIO-Mitgliedschaft und soll junge Menschen darin bestärken, ihr Interesse an den Biowissenschaften weiterzuverfolgen.  34 Grad im Schatten konnten sie nicht abschrecken: Mehr als die Hälfte der diesjährigen bayerischen Karl-von-Frisch-Preisträgerinnen und -Preisträger machte sich am Donnerstag, den 25. Juni 2026, auf den Weg nach Martinsried, um ihre Auszeichnung persönlich entgegenzunehmen. Im Biozentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München würdigte der Landesverband Bayern im Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland e. V. herausragende Leistungen im Fach Biologie.

36 der insgesamt 72 ausgezeichneten Abiturientinnen und Abiturienten kamen gemeinsam mit Eltern, Lehrkräften und weiteren Begleitpersonen zur feierlichen Preisverleihung an die Fakultät für Biologie. Schon ab 14 Uhr wurden die Gäste im Foyer des Biozentrums empfangen – bei großer Hitze waren kalte Getränke nach teils stundenlanger Anreise aus ganz Bayern besonders willkommen.

Nach der Begrüßung führte Dr. Simon Häußler aus der VBIO-Geschäftsstelle München in den Preis, den VBIO und die Bedeutung der Biowissenschaften ein. Anschließend überreichte Franz Hammerl-Pfister, Karl-von-Frisch-Beauftragter des Landesverbandes Bayern im VBIO, den Preisträgerinnen und Preisträgern ihre Urkunden. Die Freude war dabei nicht nur den ausgezeichneten jungen Menschen anzusehen, sondern auch den Eltern und Lehrkräften, die sie auf ihrem Weg begleitet und unterstützt haben.

Ein wissenschaftlicher Höhepunkt des Nachmittags war der Festvortrag von Prof. Dr. Christof Osman. In englischer Sprache gab er den Abiturientinnen und Abiturienten einen Einblick in die Wissenschaftssprache und stellte seine Forschung zur Erhaltung und Vererbung mitochondrialer DNA vor. Zugleich berichtete er von seinem eigenen wissenschaftlichen Werdegang, der ihn unter anderem bis nach San Fransisco führte. Den jungen Gästen gab er mit auf den Weg, neugierig zu bleiben, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und Wissenschaft auch als Möglichkeit zu begreifen, die Schönheit und Vielfalt der Natur immer wieder neu zu entdecken.

Beim anschließenden Get-together mit Buffet und Getränken bot sich Gelegenheit für Gespräche zwischen Preisträgerinnen und Preisträgern, Familien, Lehrkräften, Vertreterinnen und Vertretern des VBIO sowie Angehörigen der LMU und der Graduate School Life Science Munich (LSM). Parallel erhielten Eltern und Lehrkräfte bei einer Führung mit Dr. Andreas Brachmann vom Biozentrum Einblicke in das Institut und die Forschungsumgebung.

Für die Preisträgerinnen und Preisträger selbst wurde es ab 17 Uhr noch einmal besonders praktisch: Bei der Laborführung durch die Labore von Prof. Dr. Christof Osman, die von seinem Team durchgeführt wurde, erhielten sie Einblicke in aktuelle Forschung an Mitochondrien. Unter dem Mikroskop konnten sie Mitochondrien in Hefezellen (Saccharomyces cerevisiae) bestaunen, die durch Fluoreszenzmarker sichtbar gemacht wurden. Ergänzend stellte Dr. Simon Häußler in den Laboren von PD Dr. Tamara Mikeladze-Dvali den Fadenwurm Caenorhabditis elegans vor – ein weiterer Modellorganismus in der Zell- und Entwicklungsbiologie. Besonders eindrucksvoll wurde es, als auch diese Tiere durch ein eingeschleustes GFP-Gen unter dem Mikroskop zum Leuchten gebracht wurden. Spätestens in diesem Moment leuchteten auch die Augen der jungen Biologietalente.

Die Preisverleihung in Martinsried zeigte damit eindrucksvoll, worum es beim Karl-von-Frisch-Preis geht: um Anerkennung für außergewöhnliche Leistungen, um Begegnung mit aktueller Forschung und um die Ermutigung, Begeisterung für Biologie weiterzutragen. Der VBIO Bayern dankt der Fakultät für Biologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, Prof. Dr. Christof Osman und seinem Team, PD Dr. Tamara Mikeladze-Dvali und ihrem Labor, Dr. Andreas Brachmann sowie allen Beteiligten, die diesen besonderen Nachmittag ermöglicht haben.

LV Bayern im VBIO

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VBIO Bayern