VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Wed, 01 Apr 2026 09:09:36 +0200 Wed, 01 Apr 2026 09:09:36 +0200 TYPO3 news-38181 Tue, 31 Mar 2026 11:39:12 +0200 Agrarproduktion ist Hauptursache für verheerende Waldbrände in Südamerikas Trockenwäldern https://www.vbio.de/aktuelles/details/agrarproduktion-ist-hauptursache-fuer-verheerende-waldbraende-in-suedamerikas-trockenwaeldern Mit Hilfe von Satellitendaten wurde die Feuergeschichte des Gran Chaco, einer der größten Trockenwaldregionen der Welt rekonstruiert. Demnach sind Brände vor allem auf die Ausweitung der Landwirtschaft und Rinderzucht zurückzuführen und nur in begrenztem Maße auf Klimaveränderungen.  Jedes Jahr brennen riesige Waldflächen im südamerikanischen Chaco, einer tropischen Trockenwaldregion, die sich über die Länder Argentinien, Bolivien und Paraguay erstreckt und nach dem Amazonas die zweitgrößte Waldregion auf dem Kontinent bildet. Die zunehmenden Brände in Südamerikas Wäldern wurden bisher oft dem Klimawandel und den zunehmenden extremen Dürren zugeschrieben. Dies widerlegt nun eine in der Fachzeitschrift Nature Sustainability veröffentlichte Studie, die von Wissenschaftler*innen der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) in Zusammenarbeit mit Partner*innen aus Bolivien und Argentinien erstellt wurde. 

Rekonstruktion der Feuergeschichte mit Satellitenbildern

Mittels rund 175.000 Satellitenbilder rekonstruierten sie die Feuergeschichte in der Chaco-Region und fanden heraus, dass auf zwei Dritteln der Fläche seit 1985 mindestens einmal ein Feuer ausgebrochen ist. In Dürrejahren brennt der Wald öfter, jedoch kann die Studie einen engen Zusammenhang zwischen Feuern und Agrarproduktion zeigen: In Trockenjahren werden besonders viele Wälder für den Anbau von Soja und die Ausweitung der industrialisierten Rinderzucht gerodet, und die anschließende Bewirtschaftung dieser Flächen führt in trockenen Jahren oft dazu, dass Feuer ausbrechen. Das Ergebnis ist gesellschaftlich relevant, da die Brände massive Mengen an Treibhausgasen freisetzen und die biologische Vielfalt sowie die Lebensgrundlagen Indigener Gemeinschaften bedrohen. 

Besondere Bedeutung gewinnen die Erkenntnisse auch im Hinblick auf die neue EU-Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten (EUDR), die für große Unternehmen ab dem 30. Dezember 2026 gelten wird. Die EUDR schreibt unternehmerische Sorgfaltspflichten für sieben Rohstoffe und daraus hergestellte Erzeugnisse vor. Demnach dürfen Rohstoffe wie Soja und Rindfleisch nicht auf Flächen erzeugt worden sein, die nach dem 31. Dezember 2020 entwaldet wurden.

Da der Chaco ein globaler Hotspot für die Produktion von Exportgütern wie Soja und Rindfleisch ist, liefert die Studie die wissenschaftliche Grundlage, um die Einhaltung solcher Regulierungen zu überwachen, und zeigt, dass strengere Abholzungsverbote und ein verbessertes Feuermanagement unerlässlich sind, um die ökologischen Kosten der landwirtschaftlichen Expansion zu begrenzen.

Feuerdynamiken im Chaco sind kein natürliches Phänomen

„Wenn man auf die Satellitenbilder blickt, sieht man kein natürliches Phänomen, sondern Feuerdynamiken, die eng mit der landschaftlichen Struktur zusammenhängen“, erklärt Dr. Matthias Baumann, Hauptautor der Studie und Senior Scientist am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. „Unsere Daten zeigen deutlich, dass Dürreperioden oft als günstiges Zeitfenster genutzt werden, um Land billig mit Hilfe von Feuer zu roden. Das Feuer ist also ein Werkzeug der Landwirtschaft.“

Prof. Dr. Tobias Kümmerle, Professor am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin und Projektleiter des vom European Research Council (ERC) geförderten Projektes SystemShift, in dessen Kontext die Studie entstand, ergänzt: „Die Vorstellung, dass der Wald einfach von selbst in Flammen aufgeht, weil es trockener wird, greift zu kurz. Klimawandel und Landnutzungswandel wirken gemeinsam: im Chaco brennt es zwar in trockenen Jahren mehr, aber vor allem dort, wo der Mensch den Wald für Soja und Rindfleischproduktion zurückdrängt. Ein Teil dieser Agrarprodukte findet dann seinen Weg zu uns nach Europa.“ 

„Das gibt uns aber auch Hoffnung“, sagt Oswaldo Maillard, Co-Autor der Studie der für die Bolivianische Stiftung Fundación para la Conservación del Bosque Chiquitano arbeitet. „Wenn Landwirte und Rinderzüchter besseres Feuermanagement betreiben und wir die Landnutzung durch Instrumente wie die EUDR besser steuern, haben wir einen direkten Hebel, um die Feuerkatastrophen zu stoppen“. Die Studie zeige deutlich, dass die zerstörerischen Feuer im Chaco kein unausweichliches Klimaschicksal seien, sondern durch kluge Politik und nachhaltiges Handeln wieder eingedämmt werden können.

Humboldt-Universität zu Berlin


Originalpublikation:

Baumann, M., Maillard, O., Gasparri, I. et al. Fire dynamics in the South American Chaco and their link to agriculture and drought. Nat Sustain (2026). doi.org/10.1038/s41893-026-01793-z

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Berlin
news-38172 Tue, 31 Mar 2026 10:38:46 +0200 Neue Erkenntnisse zur Regulation der Nahrungsaufnahme bei Säugetieren https://www.vbio.de/aktuelles/details/neue-erkenntnisse-zur-regulation-der-nahrungsaufnahme-bei-saeugetieren Forschende haben wichtige neue Erkenntnisse zur Regulation der Nahrungsaufnahme bei Säugetieren gewonnen. Ihre Studie zeigt, dass die relative Verfügbarkeit von gesättigten und einfach ungesättigten Fettsäuren im verzweigten Membransystem der Zelle (endoplasmatisches Retikulum – kurz ER) eine zentrale Rolle bei der Regulation der Nahrungsaufnahme spielt. Zudem wurde ein möglicher genetischer Vorläufer der Rezeptorgruppe GLP-1R/GIPR identifiziert. Dies könnte neue Wege für die Entwicklung von Therapien gegen Adipositas und metabolische Störungen eröffnen. Ein internationales Team unter Beteiligung von Forschenden der Universität Leipzig untersuchte die Nahrungsaufnahme im Fadenwurm C. elegans und liefert neue evolutionäre Einblicke in den Regulationsprozess. Dieser Fadenwurm wird in der Forschung oft verwendet, um Entwicklungsprozesse und Genetik zu studieren. Das Besondere an ihm ist, dass er im Gegensatz zu Säugetieren weder das Hormon Leptin noch Leptinrezeptoren zur Nahrungsregulation besitzt. Er reguliert die Nahrungsaufnahme über das endoplasmatische Retikulum – über ein Gleichgewicht zwischen gesättigten und einfach ungesättigten Fettsäuren. Aktiviert wir dieser Prozess durch den Stressmelder, den IRE-1-Sensor (Inositol-Requiring Enzyme 1), der in der Zellmembran des ER sitzt und das Verhalten durch neuronales Serotonin und das G-Protein-gekoppelte Ligand/Rezeptor-Paar PDF-1/PDFR-1 steuert – ein Signalpaar, das in der Zellkommunikation hilft, bestimmte Prozesse im Körper zu steuern. Hierdurch werden vergnügungsbezogene (hedonische) Signale, die mit einem Lustempfinden beim Essen verbunden sind, oder homöostatische Signale, die die physiologischen Bedürfnisse des Körpers widerspiegeln, ausgelöst.

Beide Signalarten interagieren, um die Nahrungsaufnahme zu regulieren. Die Studie zeigt, dass dieses System homolog zu den GLP-1/GIP-verwandten Systemen bei Säugetieren ist, die in der Regulierung des Blutzuckerspiegels und der Nahrungsaufnahme eine wichtige Rolle spielen. Das Signalpaar PDF-1/PDFR-1 wirkt dabei zwar nur schwach, aber es hilft beispielsweise bei Mäusen, weniger Gewicht zu haben und ihren Blutzucker besser zu kontrollieren. Das könnte vielversprechend für zukünftige Behandlungen von Übergewicht oder Diabetes sein.

Die Kooperation der Forschenden auf diesem Gebiet wurde im Jahr 2024 initiiert, als Prof. Dr. Ronald Kahn von der Harvard Medical School (USA) und Prof. Dr. Annette Beck-Sickinger von der Universität Leipzig gemeinsam am Internationalen Symposium „Obesity Mechanism“ des Sonderforschungsbereichs 1052 an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig teilnahmen. Hauptverantwortlich für das Projekt waren Forschende des Joslin Diabetes Centers in Boston und der Harvard University in Cambridge (USA), die das Forschungsprojekt maßgeblich konzipierten und die entscheidenden in vivo-Studien an Fadenwürmern und Mäusen durchführten. Unterstützt wurden sie von mehreren renommierten Universitäten und Forschungsinstituten aus den USA, China und Japan. In Leipzig entwickelte, synthetisierte und testete die Nachwuchswissenschaftlerin Hannah Lentschat in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Annette Beck-Sickinger die untersuchten Peptide, also kleine Eiweißmoleküle, die eine zentrale Rolle bei der Regulation des Stoffwechsels spielen. Zudem führten sie entscheidende in vitro-Versuche durch, die wertvolle Erkenntnisse über die Wirkweise dieser Substanzen lieferten.

Die Ergebnisse der Forschung werden nun im Exzellenzcluster Leipzig Center for Metabolic Research (LeiCeM) weiterverfolgt – einem zentralen Forschungszentrum für Stoffwechselkrankheiten an der Universität Leipzig. Der Sonderforschungsbereich 1423 „Structural Dynamics of GPCR Activation and Signaling“ hat die Kooperation nicht nur fachlich und strukturell unterstützt, sondern auch wesentliche Ressourcen bereitgestellt, insbesondere für die komplexen Peptidsynthesen. „Diese Studie präsentiert ein neues Paradigma für das Verständnis der Appetitregulation in Reaktion auf metabolische Signale. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Nahrungsaufnahme durch ein komplexes Zusammenspiel von vergnügungsbezogenen und physiologischen Signalen gesteuert wird“, sagt Prof. Dr. Annette Beck-Sickinger, Sprecherin des SFB 1423 und eine der Hauptautor:innen der Studie.

Die Forschenden planen, die Ergebnisse in weiteren Studien zu vertiefen, um die genauen molekularen Mechanismen und die evolutionären Parallelen zwischen Fadenwürmern und Säugetieren zu klären. Dies könnte zu neuen Therapien gegen Adipositas und metabolische Störungen führen, die auf der Regulation der Nahrungsaufnahme durch metabolische und neuronale Signale basieren.

Universität Leipzig


Originalpublikation:

F. Zhu et al.: Fatty acid regulation of feeding in Caenorhabditis elegans reveals the potential ancestral origin of a GLP-1-like multiagonist signaling system, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (14) e2530979123, https://doi.org/10.1073/pnas.2530979123 (2026)

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Wissenschaft Sachsen
news-38171 Tue, 31 Mar 2026 10:32:38 +0200 It Takes Two: Ungewöhnlicher Zucker-Transport bei Meeresbakterien https://www.vbio.de/aktuelles/details/it-takes-two-ungewoehnlicher-zucker-transport-bei-meeresbakterien Die Ozeane sind ein großer Kohlenstoffspeicher und winzige Mikroorganismen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Sie bauen komplexe Zuckerverbindungen, sogenannte Glykane, ab und steuern damit, wie Kohlenstoff im Meer gespeichert oder wieder freigesetzt wird. Wie genau diese Prozesse funktionieren, ist jedoch noch in vielen Fällen unbekannt. Forschende der Universität Greifswald und der Universität Bremen haben nun einen neuen Mechanismus entdeckt, mit dem Meeresbakterien eine bestimmte Gruppe solcher Zucker aufnehmen und verwerten können.  Im Mittelpunkt der Studie stehen Fructane – Zuckerketten, die aus vielen Fructose-Bausteinen bestehen. Sie sind in terrestrischen Ökosystemen weit verbreitet. Welche Rolle sie im Meer spielen, ist bislang jedoch kaum untersucht. Das Forschungsteam um die Erstautorin der internationalen Studie, Dr. Marie-Katherin Zühlke vom Institut für Pharmazie, Pharmazeutische Biotechnologie, der Universität Greifswald, konnte nun zeigen, dass Fructane auch im Ozean vorkommen und von bestimmten Bakterien gezielt genutzt werden. 

Dabei verwenden marine Gammaproteobakterien als eine weit verbreitete Gruppe von Meeresbakterien einen überraschenden Mechanismus: Für die Aufnahme der Zucker arbeiten zwei Proteine zusammen, um die Stoffe in die Zelle hineinzubefördern. Neben einem Enzym aus der Familie der GH32-Glykosidhydrolasen, das die Fructane in kleinere Zuckerbausteine spaltet, identifizierten die Forschenden außerdem ein glykanbindendes, sogenanntes SusD-ähnliches Protein. Das ist ein Protein, das Zucker an der Zelloberfläche erkennt und bindet. Sie machten auch einen SusC-ähnlichen Transporter aus, also ein Protein, das die Zucker durch die Zellhülle transportiert.

In Bakterien des Phylums Bacteroidota – einer großen Bakteriengruppe, zu der viele Darmbakterien gehören – bilden diese beiden Proteine normalerweise einen Komplex, der große Zuckermoleküle in die Zelle transportiert. In marinen Gammaproteobakterien wurden solche Transportsysteme bislang jedoch nicht beschrieben. Die Analyse zeigt außerdem, dass diese SusC/D-ähnlichen Transporter in marinen Gammaproteobakterien ausschließlich gemeinsam mit Fructan-spezifischen GH32-Enzymen auftreten. „Das deutet darauf hin, dass sich diese Mikroorganismen gezielt auf die Nutzung dieser Zucker spezialisiert haben“, so Zühlke, die als Nachwuchsgruppenleiterin im Sonderforschungsbereich CONCENTRATE die Studie betreut. 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass SusC/D-ähnliche Glykan-Transporter nicht ausschließlich dem Phylum Bacteroidota vorbehalten sind“, ergänzt Prof. Dr. Thomas Schweder, Sprecher des TRR 420 CONCENTRAT. Die Daten dieser Studie weisen darauf hin, dass Fructane einen bislang unterschätzten Beitrag zum marinen Glykan-Pool leisten und von spezialisierten mikrobiellen Gemeinschaften im Meer genutzt werden.

Universität Greifswald


Originalpublikation:

 Zühlke, M.-K.; Bahr, A.; Bartosik, D.; Solanki, V.; Teune, M.; Welsch, N.; Unfried, F.; Barbeyron, T.; Ficko-Blean, E.; Schoppmeier, P.; Schiller, L.; Busse, N.; Banerjee, D.; Cladière, L.; Jeudy, A.; Susemihl, A.; Hartmann, F.; Jouanneau, D.; Jam, M.; Höhne, M.; Delcea, M.; Reintjes, G.; Bornscheuer, U. T.; Becher, D.; Hehemann, J.-H.; Czjzek, M.; Schweder, T.: Fructan utilization by members of marine Gammaproteobacteria involves SusC/D-like proteins. The ISME Journal (2026), wrag030. https://doi.org/10.1093/ismejo/wrag030

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Wissenschaft Mecklenburg-Vorpommern
news-38166 Tue, 31 Mar 2026 09:38:20 +0200 CO2 im großen Stil neutralisieren https://www.vbio.de/aktuelles/details/co2-im-grossen-stil-neutralisieren Industrieabwässer aus der Stahl- oder Zementproduktion sind bestens geeignet, um Kohlendioxid langfristig und sicher chemisch zu binden. Das ist das Ergebnis einer Studie, die das Helmholtz-Zentrum Hereon durchgeführt hat. Bislang werden die Abwässer ungenutzt in Flüsse eingeleitet. Künftig könnten sie Millionen Tonnen von CO2 neutralisieren – eine interessante und anwendbare Option zur Minderung des Klimawandels. Trotz des Pariser Klimaabkommens und aller Energiesparmaßnahmen nimmt der Kohlendioxidausstoß weltweit zu. Die bisherigen Klimaschutzbemühungen wie der Ausbau der Photovoltaik und des Windstroms reichen bislang nicht aus, um diesen Trend zu stoppen. Seit mehreren Jahren drängen Klimaexperten deshalb darauf, das CO2 direkt zu bekämpfen, es aus der Atmosphäre zu holen und für lange Zeit unschädlich zu machen. 

Im Fokus steht dabei eine Methode, die einen natürlichen Prozess nachahmen soll, der seit Milliarden von Jahren die Konzentration des CO2 in der Atmosphäre kontrolliert – die chemische Bindung durch sogenannte Karbonate. Karbonate, die man für gewöhnlich etwa als Backpulver kennt, gelangen durch die Verwitterung von kalkhaltigem Gestein in die Natur. Der Regen spült sie in die Flüsse und ins Meer, wo sie dann mit dem CO2 reagieren. Das Klimagas bleibt so für lange Zeit chemisch gebunden und der Atmosphäre entzogen. Forschenden des Hereons ist es jetzt gelungen, nach diesem Prinzip einen Prozess von industriellem Maßstab marktreif zu machen, der künftig pro Jahr viele Millionen Tonnen Kohlendioxid binden und unschädlich machen könnte.

Reaktion von Kohlensäure 

„Unser Verfahren basiert im Grunde auf einer Reaktion, die man noch aus dem Chemieunterricht kennt – der Neutralisierung einer Lauge durch eine Säure“, erklärt Prof. Helmuth Thomas, Leiter des Hereon-Instituts für Kohlenstoffkreisläufe. Der Klassiker aus der Schule ist die Reaktion von Natronlauge mit Salzsäure, bei der Kochsalz entsteht. Ähnlich verhält es sich mit dem CO2. CO2 aus der Luft reagiert im Wasser zu Kohlensäure. Lässt man die Kohlensäure dann mit einer Lauge – einer „alkalischen“ Flüssigkeit – reagieren, entsteht Hydrogenkarbonat, welches das CO2 langfristig im Wasser bindet. Die Idee besteht nun darin, nicht Karbonat aus Gesteinen für die Reaktion mit der Kohlensäure zu nutzen, sondern alkalische Industrieabwässer. „Diese alkalischen Abwässer fallen in großen Mengen an – in der Zement- oder in der Stahlproduktion zum Beispiel“, sagt Thomas. Bislang werden sie mit Schwefelsäure oder Salzsäure vermischt, um die Lauge zu zerstören. Erst dann dürfen die Abwässer in die Flüsse eingeleitet werden. Mit anderen Worten: Das Potential der Abwässer, CO2 binden zu können, bleibt bislang ungenutzt. 

Doch wie wäre es, wenn man die alkalischen Abwässer künftig mit CO2 beziehungsweise mit Kohlensäure neutralisierte, statt mit Schwefelsäure? Auf diese Weise ließen sich große Mengen des Klimagases in industriellem Maßstab im Hydrogenkarbonat binden. Offen war die Frage, wie viel Kohlendioxid sich mit diesem Prozess tatsächlich binden ließe. Um das zu beantworten, nutzte Helmuth Thomas seine Chemieexpertise. Für bestimmte Industrieanlagen rechnete Helmuth Thomas exakt den Kohlendioxid-Umsatz aus. Klare Antwort: Es lohnt sich, auf diese Weise CO2 zu neutralisieren, vor allem, auch weil der Energieverbrauch der Anlagen gering ist. Umweltschutzvorgaben, insbesondere hinsichtlich des pH-Wertes werden durch die automatische Anpassung der eingeleiteten Abwässer an die ursprünglichen Gegebenheiten des Flusses, direkt berücksichtigt 

Weltweites Potential

Schon länger diskutiert die Fachwelt, wie sich Kohlendioxid mit Karbonaten chemisch binden lässt. Es gibt die Idee, Gesteinsmehl aus den Bergen mit Zügen und Lkw ans Meer zu transportieren, auf Schiffe zu verladen und auf See ins Wasser zu streuen. Doch der logistische Aufwand wäre immens. Zudem weiß niemand, wie gut und wie schnell die Karbonate aus dem Gesteinsmehl mit dem CO2 im Wasser reagieren – und ob sie nicht im Meer versinken, ehe die Reaktion stattgefunden hat. Nicht so bei einer Industrieanlage; da findet die gesamte Reaktion auf dem Industriegelände statt, und die Massenbilanz lässt sich exakt berechnen. „Das Großartige daran ist, dass die Anlagentechnik bereits verfügbar ist“, sagt Thomas. Es könne sofort losgehen; anders als bei vielen anderen Konzepten zur Verringerung des atmosphärischen CO2. Rechnet man alle alkalischen Industrieabwässer zusammen, könnten mit diesem Verfahren künftig weltweit pro Jahr 30 Millionen Tonnen CO2 gebunden werden. 

Spitzenforschung für eine Welt im Wandel

Das Ziel der Wissenschaft am Helmholtz-Zentrum Hereon ist der Erhalt einer lebenswerten Welt. Dafür erzeugen rund 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Wissen und erforschen neue Technologien für mehr Resilienz und Nachhaltigkeit – zum Wohle von Klima, Küste und Mensch. Der Weg von der Idee zur Innovation führt über ein kontinuierliches Wechselspiel zwischen Experimentalstudien, Modellierungen und künstlicher Intelligenz bis hin zu Digitalen Zwillingen, die die vielfältigen Parameter von Klima und Küste oder der Biologie des Menschen im Rechner abbilden. Damit wird interdisziplinär der Bogen vom grundlegenden wissenschaftlichen Verständnis komplexer Systeme hin zu Szenarien und praxisnahen Anwendungen geschlagen. Als aktives Mitglied in nationalen und internationalen Forschungsnetzwerken und im Verbund der Helmholtz-Gemeinschaft unterstützt das Hereon mit dem Transfer der gewonnenen Expertise Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bei der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft.

Helmholtz-Zentrum Hereon


Originalpublikation:

Thomas, Helmuth et al.: Carbon Dioxide Sequestration and Carbon Crediting Using CO2-Neutralized Alkaline Wastewaters, Environmental Science & Technology Letters
 2026, doi: 10.1021/acs.estlett.6c00081, https://pubs.acs.org/doi/10.1021/acs.estlett.6c00081

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Schleswig-Holstein
news-38165 Tue, 31 Mar 2026 09:28:53 +0200 Proteinkomplex schützt zentrale RNA-Qualitätskontrolle vor Störungen https://www.vbio.de/aktuelles/details/proteinkomplex-schuetzt-zentrale-rna-qualitaetskontrolle-vor-stoerungen Das gezielte Zusammenspiel dreier Proteine spielt eine zentrale Rolle im Nonsense mediated mRNA Decay (NMD). NMD ist ein Mechanismus in den Zellen, der fehlerhafte RNA zerstört. Gemeinsam sorgen die Proteine SMG1, SMG8 und SMG9 dafür, dass dieser Mechanismus aktiviert wird und zuverlässig funktioniert. Mutationen in den Genen SMG8 und SMG9 werden mit genetischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Innerhalb des Komplexes war jedoch lange unklar, welche Rolle die von ihnen codierten Proteine in menschlichen Zellen spielen. Ein Forschungsteam unter der Leitung von Professor Dr. Niels Gehring vom Institut für Genetik konnte dies nun genauer aufzeigen. Nonsense mediated mRNA Decay (NMD) gehört zu den wichtigsten Kontrollsystemen der Zelle. Er sorgt dafür, dass fehlerhafte Boten-RNAs, also Abschriften genetischer Baupläne, erkannt und abgebaut werden, bevor daraus funktionslose oder potenziell schädliche Proteine entstehen können. Eine zentrale Rolle in diesem Prozess spielt das Enzym SMG1, das den NMD aktiviert und so den Abbau fehlerhafter mRNAs auslöst. In menschlichen Zellen arbeitet SMG1 jedoch nicht allein. Zusammen mit den Proteinen SMG8 und SMG9 bildet es einen stabilen Proteinkomplex.

Um die Funktion von SMG8 und SMG9 im zellulären Kontext zu untersuchen, erzeugten die Forschenden gezielt Zelllinien, in denen die beiden Proteine ausgeschaltet wurden. „So konnten wir analysieren, welche Rolle SMG8 und SMG9 in lebenden Zellen tatsächlich spielen“, erklärt Gehring. „Im Reagenzglas lassen sich einzelne Effekte isoliert betrachten, aber erst in der Zelle zeigt sich, wie stabil oder empfindlich ein komplexes Kontrollsystem wirklich ist.“
Überraschenderweise funktionierte der NMD-Mechanismus auch ohne SMG8 oder SMG9 weiterhin, wenn auch etwas weniger effizient. Fehlerhafte mRNAs wurden also nach wie vor erkannt und abgebaut. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass SMG8 und SMG9 keine unverzichtbaren Hauptakteure des NMD sind“, sagt Dr. Volker Böhm, einer der Autoren der Studie. „Sie tragen vielmehr dazu bei, dass der Mechanismus stabiler und zuverlässiger funktioniert.“

Ihre eigentliche Bedeutung zeigte sich jedoch, als die Forschenden das System zusätzlich belasteten. Wurde die Aktivität von SMG1 mit einem spezifischen Hemmstoff reduziert, reagierten Zellen ohne SMG8 oder SMG9 deutlich empfindlicher als normale Zellen. Schon geringe Störungen reichten aus, um den NMD-Mechanismus stark zu beeinträchtigen. „Solange der Komplex vollständig ist, bleibt der NMD-Prozess auch unter veränderten Bedingungen stabil. Fehlt eine Komponenten SMG8 oder SMG9, wird das System aber deutlich anfälliger“, sagt Dr. Sabrina Kueckelmann, Erstautorin der Studie. Dies ist vergleichbar mit einem fahrenden Auto. Ein SMG1-Auto fährt auch ohne SMG8 und SMG9 gut. Bei erschwerten Bedingungen funktionieren SMG8 und SMG9 aber ähnlich wie ABS oder Traktionskontrolle als Assistenzsysteme, so dass die Fahrt auch bei Nässe oder Glatteis sicher und zuverlässig ist.

Die Studie liefert neue Einblicke in die Organisation des SMG1:SMG8:SMG9-Komplexes und zeigt, wie zusätzliche Proteine zur Stabilität eines zentralen Kontrollsystems der Zelle beitragen. Die Arbeiten wurden im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Sonderforschungsbereichs SFB 1678 „Systemische Konsequenzen von Fidelitätsänderungen der mRNA- und Proteinbiosynthese“ durchgeführt.

Universität Köln


Originalpublikation:

Sabrina Kueckelmann, Sophie Theunissen, Fenja Meyer zu Altenschildesche, Leonie von Ondarza, Jan-Wilm Lackmann, Marek Franitza, Kerstin Becker, Volker Boehm, Niels H Gehring, SMG1:SMG8:SMG9-complex integrity supports efficient execution of nonsense-mediated mRNA decay, Nucleic Acids Research, Volume 54, Issue 5, 24 March 2026, gkag193, https://doi.org/10.1093/nar/gkag193

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Wissenschaft Nordrhein-Westfalen
news-38164 Tue, 31 Mar 2026 09:20:04 +0200 Mehr Schutz für Haie, Aale und Sturmvögel https://www.vbio.de/aktuelles/details/mehr-schutz-fuer-haie-aale-und-sturmvoegel Die globale Konferenz zum Schutz wandernder Arten (CMS COP 15) erneuert die Warnung vor dem fortschreitenden Artenrückgang und verstärkt den Schutz vieler Arten. Die nächste COP wird 2029 in Bonn stattfinden. In Brasilien hat die Weltgemeinschaft bei der 15. Konferenz des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder Tierarten 40 bedrohte wandernde Tierarten unter Schutz gestellt. Die einzige wandernde Eulenart in Europa, die Schneeeule (Bubo scandiacus), unterliegt nun dem Schutz der Konvention und im konkreten sollen Gefährdungsursachen bekämpft und die Habitate besser verbunden werden. Ein großer Erfolg der Konferenz war die Unterschutzstellung von 21 Sturmtaucher- und Sturmvogelarten. Diese sind überwiegend auf dem offenen Meer oder während der Brut auf einsamen Inseln anzutreffen. Im marinen Bereich, für den sich Deutschland seit Jahren engagiert, wurden wichtige Fortschritte erzielt: es profitieren nun auch der Bogenstirn-Hammerhai (Sphyrna lewini), der Großer Hammerhai (Sphyrna mokarran) und mehrere Fuchshaie (Alopias spec.) von der strengsten Schutzkategorie. Fänge auch dieser Arten sind damit für die Vertragsparteien verboten. Die nächste Konferenz wird 2029 in Bonn stattfinden. Damit wird Bonn im 50. Jubiläumsjahr der „Bonner Konvention“ erneut zum globalen Treffpunkt des Schutzes der wandernden Tierarten und die Weltgemeinschaft kehrt dann dorthin zurück, wo 1979 alles begann – in die UN-Stadt Bonn.

Bundesumweltminister Carsten Schneider: „Die Konferenz zum Schutz wandernder Tierarten kommt nach Hause. Wir freuen uns sehr, dass die Vertragsstaaten auf unsere Initiative hin beschlossen haben, die nächste Vertragsstaatenkonferenz 2029 in Bonn abzuhalten - an jenem Ort, an dem die Konvention 1979 unterzeichnet wurde. Den 50jährigen Geburtstag der „Bonner Konvention" in genau dieser Stadt feiern zu können, ist ein schönes Symbol für die besondere Verbundenheit Deutschlands, Zugvögel, Meeresschildkröten, Haie, Großkatzen und andere wandernde Tierarten vor dem Aussterben zu schützen. Dass die Weltgemeinschaft dann schon ein halbes Jahrhundert gemeinsam im Einsatz sein wird, macht Mut für die weitere Zusammenarbeit."

Für die Populationen des Hundshai (Galeorhinus galeus) im Mittelmeer und Nordostatlantik wurde ein internationaler Aktionsplan beschlossen. Der Aktionsplan beinhaltet unter anderem Maßnahmen zum nachhaltigen Fischereimanagement. Da der Nachwuchs des Hundshais auch im deutschen Wattenmeer anzutreffen ist, ist auch Deutschland hier direkt verantwortlich.

Zudem beschloss die Konferenz ein Anlandeverbot versehentlicher Fänge für alle strengst geschützten Arten. Das versehentliche Fangen von Arten beider Schutzkategorien soll vermieden werden.
Der neue internationale Aktionsplan zum Schutz des stark bedrohten Europäischen Aals (Anguilla anguilla) fordert u.a. alle Staaten mit Vorkommen der Art dazu auf, Maßnahmen zu ergreifen, damit die Aalfischerei im Einklang mit wissenschaftlichen Empfehlungen zur nachhaltigen Nutzung steht.

Die Vertragsparteien stärkten darüber hinaus den Schutz von Zugvögeln, indem sie eine Initiative gegen illegale und nicht nachhaltige Entnahme ins Leben riefen. Die Initiative fördert insbesondere die weltweite Zusammenarbeit und den Daten- sowie Wissensaustausch.

Der im Vorfeld der 15. Konferenz veröffentlichte Zwischenbericht des Globalen Berichts zum Zustand wandernder Arten verdeutlicht, wie dringend die Tierarten stärkeren Schutz und internationale Zusammenarbeit benötigen. Der Zustand hat sich bei fast der Hälfte der geschützten Arten weiter verschlechtert. Ein Viertel ist vom Aussterben bedroht. Hauptgründe sind die anhaltenden Habitatverluste und -verschlechterung, Unterbrechung der Zugwege sowie nicht nachhaltige Bejagung und Befischung.  

Während der Konferenz wurde die Internationale Naturschutzakademie am Bundesamt für Naturschutz für ihr jahrelanges Engagement zum Schutz der wandernden Tierarten in der Zentralasiatischen Säugetierinitiative (Central Asia Mammals Initiative - CAMI) geehrt. Unter CAMI werden die Schutzbedürfnisse von 17 Arten in Zentralasien adressiert. Die Initiative bringt die Staaten mit Vorkommen dieser Art zusammen um gemeinsam die grenzüberschreitende Umsetzung von Artenschutzmaßnahmen voranzubringen.

Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit

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Politik & Gesellschaft Berlin
news-38159 Mon, 30 Mar 2026 12:11:39 +0200 Schmetterlinge automatisch analysiert https://www.vbio.de/aktuelles/details/schmetterlinge-automatisch-analysiert Das Fangen und Sammeln von Schmetterlingen im tropischen Regenwald ist eine kräftezehrende Angelegenheit. Noch weit mühseliger ist jedoch die wissenschaftliche Auswertung der gesammelten Exemplare, die einzeln in Augenschein genommen und per Hand vermessen werden. Eine neuartige Software misst, sortiert und analysiert jetzt Fotos von Schmetterlingen in kürzester Zeit. Sie wurde entwickelt von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die die vielen Schritte zur Analyse der Merkmale von Schmetterlingen (Lepidoptera) automatisiert haben Von Hand messen wäre eine Mammutaufgabe 

Prinzipiell könnten die Falter per Hand vermessen und analysiert werden, sagt Dr. Gunnar Brehm, auf dessen Idee hin die Software entwickelt wurde. Allein die große Zahl der Tiere würde das jedoch zu einer Mammutaufgabe machen: In den Anden von Peru, wo Doktorandin Yenny Correa-Carmona Feldforschung betreibt, wurden bereits Tausende Falter gesammelt, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die extrem artenreichen Insektengemeinschaften zu untersuchen. Darunter seien etwa 1.000 bisher noch nicht wissenschaftlich beschriebene Arten, was das Material wissenschaftlich außergewöhnlich wertvoll mache, sagt Brehm. Unterschieden werden die Tiere unter anderem nach ihrer Größe und Färbung ihrer Muster. Insgesamt schätzen Experten die Zahl aller Schmetterlinge der Welt auf rund 180.000 bekannte Arten. Sie werden in Tag- und Nachtfalter unterteilt, wobei die nachtaktiven Falter mit etwa 160.000 Arten bei weitem überwiegen.

Produktive Kooperation über Fachgrenzen hinweg 

Das Kürzel „LEPY“ steht für Lepidoptera, also Schmetterlinge, und Python, eine bekannte Programmiersprache. Der Informatiker Dimitri Korsch hat mit Unterstützung von Dr. Paul Bodesheim von der Universität Jena die technische Seite des neuen Programms entwickelt. Gunnar Brehm, Yenny Correa-Carmona und Dennis Böttger stellten Material und Fragestellungen bereit und testeten die Daten. Brehm spricht von einer produktiven Kooperation über Fachgrenzen hinweg. Die präparierten Falter werden zuerst mit ausgestreckten Flügeln in einer speziellen Vorrichtung fotografiert, die auch Aufnahmen im UV-Bereich ermöglicht. LEPY extrahiert dann aus dem Foto die Umrisse des Falters und berechnet automatisiert die Länge der Flügel, die Körperlänge und -breite sowie den Flächeninhalt der Flügel. Außerdem erstellt der Algorithmus Farbhistogramme der Tiere und berücksichtigt auch UV-Aufnahmen. „Wie Vögel, die wichtigsten Fressfeinde der Falter, sehen auch Insekten im UV-Bereich“, sagt Brehm. Für die Wissenschaftler gebe LEPY eine neue objektive Möglichkeit, die Tiere voneinander zu unterscheiden.

Das System hilft, die Biodiversität zu überwachen 

Das neu entwickelte System steht Forscherinnen und Forschern weltweit zur Verfügung, sagt Brehm. Die von LEPY gelieferten Ergebnisse sind ein wichtiger Beitrag, um aktuelle Forschungsfragen zu beantworten. „Das System hilft uns, die Biodiversität zu überwachen, globale Merkmalsdatenbanken aufzubauen und ökologische Zusammenhänge besser zu verstehen.“ Schon jetzt sei erkennbar, dass der durch den Klimawandel bedingte Temperaturanstieg im tropischen Tiefland die Falter zum Ausweichen in höhere Lagen zwingt. Wo Berge allerdings fehlen, drohen zahlreiche Arten auszusterben. Mit LEPY gewonnene Daten zeigen, dass Arten, die höhere Regionen besiedeln, im Durchschnitt größer sind. Das könnte mit den besonderen Bedingungen in höheren Lagen zusammenhängen, etwa dünnerer Luft, die eine größere Flugmuskulatur erfordert, sagt Brehm. Tendenziell nehmen die Farbigkeit und der Kontrast der Falter in Höhenlagen ab. Eine Erklärung dafür ist das Fehlen geeigneter Nahrungspflanzen für die Raupen und fehlende Hautflügler, deren Aussehen die Falter sonst nachahmen, um Fressfeinde zu verwirren.

Universität Jena


Originalpublikation:

Yenny Correa-Carmona, Dennis Böttger, Dimitri Korsch, Kim L. Holzmann, Pedro Alonso-Alonso, Andrea Pinos, Felipe Yon, Alexander Keller, Ingolf Steffan-Dewenter, Paul Bodesheim, Marcell K. Peters, Gunnar Brehm: LEPY: A Python pipeline for automated trait extraction from standardised Lepidoptera images, Ecological Informatics, https://doi.org/10.1016/j.ecoinf.2026.103680

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Künstliche Intelligenz Wissenschaft Thüringen
news-38158 Mon, 30 Mar 2026 11:24:15 +0200 Die innere Uhr lässt sich an einer Haarprobe ablesen https://www.vbio.de/aktuelles/details/die-innere-uhr-laesst-sich-an-einer-haarprobe-ablesen Einen Test, der den Chronotyp eines Menschen anhand seiner Haarwurzeln bestimmen kann, wurde jetzt von einem Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin entwickelt. Er soll die Basis für die zirkadiane Medizin legen – also eine Medizin, die sich stärker an der inneren Uhr des Menschen orientiert. Angewendet bei rund 4.000 Personen, offenbart die neue Methode außerdem, dass Frauen und Männer sich in ihren Biorhythmen ein klein wenig unterscheiden, und dass der Einfluss des Lebensstils größer ist als bisher angenommen.  Die Uhrzeit ist umgestellt, der Körper noch nicht: Viele Menschen nehmen ihre innere Uhr nach der Zeitumstellung besonders deutlich wahr, sie empfinden eine Art Jetlag, weil Uhrzeit und Körperrhythmus nicht mehr übereinstimmen. Der Biorhythmus beeinflusst jedoch nicht nur den Schlaf, sondern auch den Stoffwechsel und sogar die Wirkung von Medikamenten. „Zum Beispiel zeigen Studien, dass die Tageszeit, zu der bestimmte Krebsimmuntherapien verabreicht werden, deren Wirksamkeit entscheidend beeinflussen kann“, sagt Prof. Achim Kramer, Leiter des Arbeitsbereichs Chronobiologie an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin der Charité. „Das liegt vermutlich daran, dass – wie die meisten Organe unseres Körpers – auch das Immunsystem einem etwa 24-stündigen Rhythmus folgt. Und der ist individuell unterschiedlich.“

Diesen individuellen Takt der inneren Uhr in Diagnostik und Therapie systematisch zu berücksichtigen, ist Ziel der zirkadianen Medizin. In einem neuen Sonderforschungsbereich unter Leitung von Achim Kramer arbeiten Wissenschaftler:innen der Charité und der Universität zu Lübeck daran, das Forschungsfeld voranzubringen. Voraussetzung für eine zirkadiane Medizin sind Methoden, die es erlauben, den Biorhythmus möglichst unkompliziert feststellen zu können. Das war bisher schwierig: „Die bisherige Standardmethode misst das Dunkelhormon Melatonin im Speichel, und zwar bei schwachem Licht über mehrere Stunden“, erklärt Achim Kramer. „Das lässt sich nur im Labor umsetzen und ist zu aufwändig für die breite Anwendung.“

17 Gene in Haarwurzeln zeigen die Uhrzeit an

Mit seinem Team hat Achim Kramer nun einen Test entwickelt, der den Takt der inneren Uhr anhand von Haaren ermittelt, oder genauer: anhand der Zellen von wenigen Haarwurzeln. „In diesen Zellen bestimmen wir die Aktivität von 17 Genen, die zur molekularen Uhr gehören oder durch sie gesteuert werden“, erklärt der Chronobiologe. „Aus diesem Muster lässt sich mithilfe maschinellen Lernens berechnen, zu welchem Zeitpunkt im Tagesrhythmus sich die Person befindet. Eine einzige Probe reicht dafür aus.“

In der aktuellen Studie zeigten die Forschenden, dass der neue Test den individuellen zirkadianen Rhythmus ähnlich gut ermittelt wie die bisherige Standardmethode. „Die Haaranalyse ist allerdings ungleich einfacher durchzuführen, das macht die Methode so wertvoll“, betont Achim Kramer. Dass sich der Test für die Anwendung in der Breite eignet, konnte das Team schon belegen: Mehr als 4.000 Menschen sendeten von zu Hause ihre Haarproben ein, um ihren Chronotyp bestimmen zu lassen. 

Genetische Veranlagung, Alter, Geschlecht und Lebensstil stellen die innere Uhr

Die Analyse dieser Stichprobe bestätigte erstmals in großem Umfang anhand von biologischen Messungen Erkenntnisse, auf die schon Befragungen hingedeutet hatten: Zum Beispiel dass der Biorhythmus vom Alter abhängt, Menschen mit Mitte 20 also im Mittel rund eine Stunde später müde werden als Über-50-Jährige. Und dass die innere Uhr bei den getesteten Frauen im Schnitt etwas früher die Nacht einläutet als bei den Männern. Der Unterschied, den die aktuelle Studie ergeben hat, ist mit sechs Minuten allerdings kleiner als der in Fragebogen-Studien ermittelte. „Wir gehen dennoch davon aus, dass sich das Geschlecht auf die innere Uhr auswirkt, denn Geschlechtshormone haben auch in anderen Studien einen Einfluss auf die biologische Taktung gezeigt“, erläutert Achim Kramer. 

Insgesamt entsteht der Chronotyp eines Menschen aus mehreren Faktoren. „Genetische Veranlagung, Alter, Geschlecht und Lebensstil spielen zusammen“, sagt der Chronobiologe. „Und deshalb können sich die inneren Uhren einzelner Menschen deutlich unterscheiden.“ Überrascht hat die Forschenden, wie stark der Lebensstil den Biorhythmus beeinflusst: Wie die Daten zeigen, ist der innere Taktgeber bei erwerbstätigen Menschen rund eine halbe Stunde früher aktiv als bei nicht erwerbstätigen Personen.

Nächster Schritt: zirkadiane Medizin

Um den neuen Test weiter zu etablieren, arbeitet das Forschungsteam daran, ihn für Routine-Labore zu standardisieren. Dann kann er künftig noch einfacher medizinisch genutzt werden – beispielsweise als Basis für eine Schlafberatung oder zur Diagnose von Schlafrhythmusstörungen. Auch die zirkadiane Medizin rückt näher. Mit dem Test lässt sich nun überprüfen, ob Therapien, die sich nach dem individuellen Takt der inneren Uhr richten, besser wirken oder weniger Nebenwirkungen haben als ohne zeitliche Anpassung.

Charité – Universitätsmedizin Berlin


Originalpublikation:

Maier B et al. HairTime: A noninvasive assay for estimating circadian phase from a single hair sample. PNAS 2026 Mar 25. doi: 10.1073/pnas.2514928123, https://doi.org/10.1073/pnas.2514928123

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Wissenschaft Biobusiness Berlin
news-38157 Mon, 30 Mar 2026 11:19:52 +0200 Immunsystem des Gehirns funktioniert einfacher als gedacht https://www.vbio.de/aktuelles/details/immunsystem-des-gehirns-funktioniert-einfacher-als-gedacht Erkrankungen wie Morbus Alzheimer, Multiple Sklerose oder Hirntumoren verlaufen sehr unterschiedlich. Dennoch nutzt die Immunabwehr des menschlichen Gehirns dabei ähnliche Reaktionsmuster. Das konnten jetzt Forschende der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg gemeinsam mit einem internationalen Team in Analysen von menschlichem Hirngewebe und Mausmodellen zeigen. Zudem erstellten sie detaillierte Karten des Gehirns, die zeigen, wo bestimmte Immunzellen bei Erkrankungen auftreten. Daraus lassen sich wichtige Rückschlüsse auf ihre Funktion ziehen. Die Ergebnisse verbessern das Verständnis der Immunabwehr im Gehirn und könnten langfristig helfen, neue Therapien gezielter zu entwickeln. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Immunzellen im Gehirn bei unterschiedlichen Erkrankungen nach ähnlichen Mustern reagieren. Das Immunsystem hat eine überschaubare Menge an Bausteinen und Programmen, die unterschiedlich kombiniert werden“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Marco Prinz, Ärztlicher Direktor des Instituts für Neuropathologie des Universitätsklinikums Freiburg und Mitglied im Exzellenzcluster Centre for Integrative Biological Signalling Studies (CIBSS) der Universität Freiburg. Zu diesen Bausteinen gehören unter anderem der Schutz von Nervenzellen, Entzündungsreaktionen, Zellteilung und die Aktivierung anderer Hirnzellen. „Das hilft uns, krankheitsrelevante Prozesse genauer zu beschreiben und mögliche Ansatzpunkte für künftige Therapien besser zu erkennen.“

Mikroglia übernehmen wichtige Aufgaben im Gehirn

Im Mittelpunkt der Studie standen Mikroglia. Das sind Immunzellen, die dauerhaft im Gehirn vorkommen. Sie überwachen das Nervengewebe, beseitigen Zellreste und reagieren auf Entzündungen, Verletzungen oder den Untergang von Nervenzellen. Für die Studie untersuchte das Forschungsteam Immunzellen aus menschlichem Hirngewebe von Patient*innen mit unterschiedlichen Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Ergänzend analysierten die Forschenden Mausmodelle mit denselben experimentellen und computergestützten Verfahren. So konnten sie zeigen, dass sich wichtige Muster der Immunabwehr in menschlichem Gewebe wiederfinden und in Mausmodellen in ähnlicher Form auftreten.

Nicht nur die Art der Reaktion, sondern auch ihr Ort ist wichtig

„Entscheidend war für uns nicht nur zu sehen, welche Programme der Mikroglia es gibt, sondern auch, wo sie im erkrankten Gewebe auftreten“, sagt Dr. Chintan Chhatbar, Erstautor der Studie am Institut für Neuropathologie des Universitätsklinikums Freiburg. „Erst dadurch wird sichtbar, welche Reaktionen wahrscheinlich direkt mit typischen Krankheitsprozessen zusammenhängen.“ So fanden sich bei Morbus Alzheimer bestimmte Mikroglia-Aktivierungen in der Nähe typischer Eiweißablagerungen, bei Multipler Sklerose eher an den Rändern von Läsionen und bei Hirntumoren in unmittelbarer Nähe von Tumorzellen.

Die Arbeit erweitert frühere Studien, bei denen die Verteilung einzelner Zelltypen im Gehirn kartiert wurde, um eine krankheitsübergreifende und räumlich aufgelöste Einordnung.

Wichtige Grundlage für künftige Anwendungen

Die Ergebnisse schaffen eine wichtige Grundlage, um die Immunabwehr im menschlichen Gehirn bei verschiedenen Erkrankungen besser zu vergleichen und mögliche Angriffspunkte für Behandlungen genauer zu bestimmen. In den nächsten Schritten wollen die Forschenden prüfen, welche dieser Programme sich gezielt beeinflussen lassen und welche Rolle sie künftig für Diagnostik, Verlaufskontrolle und Therapie spielen könnten.

Universitätsklinikum Freiburg


Originalpublikation:

Chhatbar, C., Sankowski, R., Schulz, M. et al. A transcriptomic microglia taxonomy across mouse and human pathologies. Nat Immunol (2026). doi.org/10.1038/s41590-026-02472-z

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Wissenschaft Baden-Württemberg
news-38056 Fri, 27 Mar 2026 13:20:00 +0100 VBIO Online-Webinarreihe: „Lungengesundheit – Der Einfluss von inhalierten Stäuben“ https://www.vbio.de/aktuelles/details/vbio-online-webinarreihe-lungengesundheit-der-einfluss-von-inhalierten-staeuben Die Online-Webinarreihe „Faszination Biologie“ des VBIO wird fortgeführt am 21.04.2026 von 17.00 bis 19.00 Uhr mit dem Thema: „Lungengesundheit – Der Einfluss von inhalierten Stäuben“ mit Dr. Tobias Stöger vom Institute of Lung Health and Immunity (LHI),Helmholtz Zentrum München. Dieses wissenschaftliche Webinar richtet sich nicht nur an Unterrichtende, sondern an alle Interessierten. Unsere Lunge steht mit ihrer über 100 m2 großen respiratorischen Oberfläche in ständigem Kontakt mit der Außenwelt. Diese von fast 500 Millionen Lungenbläschen, den Alveolen, gebildete fragile Grenzfläche ist notwendig, um den Gasaustausch effektiv zu bewerkstelligen, stellt aber zwangsläufig auch eine empfindliche Eintrittspforte für luftgetragene Eindringlinge wie schädliche Partikel oder Krankheitserreger dar. Wie bei anderen anatomischen Barrieren unseres Körpers schützt uns auch hier das fein abgestimmte Zusammenspiel des Immunsystems mit speziellen Epithelien vor Schäden, um damit die Funktionalität des Organs zu gewährleisten. Trotzdem gefährden Luftverschmutzung, hier insbesondere Zigarettenrauch, aber auch Pathogene wie Viren und Bakterien diese Balance und damit unsere Gesundheit. 

Der Vortrag soll einen verständlichen Überblick darüber geben und die folgenden Fragen sollen mit Beispielen der aktuellen Forschung erläutert werden:

-   Welche zellulären Mechanismen schützen unsere Lunge vor Eindringlingen?

-   Wie können inhalierte Stäube schädigend auf die Lungengesundheit wirken?

-   Welche Stäube und Partikel sind besonders gefährlich und welche Erkrankungen werden damit verbunden?

-    Was wissen wir zur Inhalation von Mikroplastik?

Der VBIO konnte für dieses Webinar Herrn Dr. Tobias Stöger (Group Leader ‘Dynamics of Pulmonary Inflammation’am Institute of Lung Health and Immunity (LHI)), Comprehensive Pneumology Center (CPC-M), Helmholtz Zentrum München gewinnen. 

Im Rahmen dieser Online-Webinarreihe „Faszination Biologie“ berichten Wissenschaftler/-innen zu ihrem Forschungsfeld und treten in den Dialog. Monatlich werden andere biologische und biomedizinische Inhalte in den Blick genommen, vertiefend erläutert und anschaulich erklärt. Anschließend werden in der Regel Text- und Bildmaterialien für den Privat- und Dienstgebrauch in z. B. Schule zur Verfügung gestellt. Anknüpfungspunkte zu den Bildungsstandards im Fach Biologie (KMK 18.06.2020) lassen sich in allen Vorträgen finden.

Weitere Vorträge (https://www.vbio.de/informationsangebote/faszination-biologie) folgen und sind schon in der Ankündigung zu finden; hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind angefragt. Im Mittelpunkt der Vorträge stehen wissenschaftliche Erkenntnisse und der Weg dorthin. Relevante Fachmethoden werden ebenfalls vorgestellt – und selbstverständlich werden Ihre Fragen beantwortet. 

Bitte registrieren Sie sich so rasch wie möglich – spätestens am Veranstaltungstag bis 16 Uhr. Bei Anmeldung nach 16 Uhr kann eine Teilnahme nicht garantiert werden. 

Melden Sie sich an unter

https://eu01web.zoom.us/webinar/register/WN_w0xVj6f5RLCn1is-cmWtrQ

Alle Informationen finden Sie auch auf dem Veranstaltungsposter.

VBIO

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VBIO-Online: Faszination Biologie Bundesweit