VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Tue, 19 May 2026 11:46:09 +0200 Tue, 19 May 2026 11:46:09 +0200 TYPO3 news-38763 Tue, 19 May 2026 11:06:44 +0200 Bundesdelegiertenkonferenz des VBIO mit spannenden Rück- und Ausblicken https://www.vbio.de/aktuelles/details/bundesdelegiertenkonferenz-des-vbio-mit-spannenden-rueck-und-ausblicken Die diesjährige Bundesdelegiertenversammlung (BDV) des VBIO fand am 18. Mai 2026 im virtuellen Format statt. Teilgenommen haben Vertreter/-innen aus 14 Landesverbänden und 22 Fachgesellschaften. Neben Berichten zu Aktivitäten und zur finanziellen Lage standen insbesondere Überlegungen zur Weiterentwicklung zur Stärkung der Sichtbarkeit des Verbandes im Fokus  Eine Kurzpräsentation machte die Vielfalt der Aktivitäten des VBIO deutlich: Von der Nachwuchsförderung bis zur Herausforderung „Access and Benefit Sharing“ und von der Rolle der Biotechnologie auf EU-Ebene bis zum Parlamentarischen Abend zum Thema „Versorgungssicherheit“. Auf politischer Ebene hat der VBIO frühzeitig auf die Gefährdung biowissenschaftlich relevanter Datenbanken hingewiesen und konnte so Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema lenken und einiges erreichen. Nachzulesen auch im aktuellen Jahresbericht des VBIO der zur BDV erschienen ist und auf der Homepage eingesehen werden kann.

Henryk Flachowsky wies als Sprecher der Fachgesellschaften im VBIO auf die Notwendigkeit einer verstärkten Zusammenarbeit hin. Gelegenheit dazu bieten die regelmäßigen Treffen der Fachgesellschaftsvorsitzenden.

Die Landesverbände des VBIO tragen das Gesicht des VBIO in die Fläche, wie die Sprecherin der Landesverbände, Marga Radermacher deutlich machte. Sie fördern exzellente Abiturienten, veranstalten Biologentage zu aktuellen biowissenschaftlichen Themen und organisieren Vortragsveranstaltungen. Hervorzuheben ist, dass die Veranstaltungen der Landesverbände offen sind für alle – auch außerhalb des jeweiligen Landesverbandes. In diesem Zusammenhang sei auch auf den virtuellen Stammtisch des Landesverbandes Hessen hingewiesen, der sich großer Beliebtheit erfreut, sowie die „CRISPR-Roadshow“, die bereits in verschiedenen Bundesländern Station machte.

Schatzmeister Christian Lindermayr erläuterte die finanzielle Lage des VBIO und stellte den Abschluss für das Jahr 2025 vor. Auf der Basis des Berichtes der Kassenprüfer, der ohne Beanstandungen war, entlastete die Bundesdelegiertenversammlung das Präsidium des VBIO einstimmig. Es wurde aber auch deutlich, dass die finanzielle Lage weiterhin sehr eng ist. Das strukturelle Defizit muss dringend angegangen werden, um den VBIO zukunftsfähig aufzustellen. Da der VBIO sehr sparsam wirtschaftet, ist auf der Ausgabenseite wenig Spielraum für Einsparungen. Daher wird es notwendig sein, mehr Einnahmen zu erzielen. 

VBIO-Präsident Markus Engstler stellte in einem Impulsbeitrag Überlegungen zur Rolle der Biowissenschaften und der Biowissenschaftler/-innen, insbesondere der Fachgesellschaften vor. Letztere sind Träger der inhaltlichen Expertise – sollten sich allerdings nicht allein auf diese zurückziehen, sondern auch die Interessen der Biowissenschaften insgesamt im Blick behalten. Der VBIO stelle in diesem Kontext den „Katalysator“ dar, über den Wirkung erzielt werden könne. Unabhängig davon könne der VBIO Fachgesellschaften mit seiner Expertise auch bei formalen Erfordernissen entlasten, sodass für die inhaltlichen Aktivitäten der Fachgesellschaften mehr Raum bliebe.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass eine strategische Stärkung des VBIO als „Stimme der Biowissenschaften“ bei allen Teilnehmenden als absolut notwendig erachtet wird. Wie genau dies zu bewerkstelligen sein wird und was dies auch für die Beteiligung der Fachgesellschaften heißt, wird noch gemeinsam weiterzuentwickeln sein. Insofern versteht sich der Impuls des Präsidenten nur als Auftakt eines längeren Prozesses.

VBIO

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VBIO Bundesweit
news-38762 Tue, 19 May 2026 10:33:04 +0200 Generative künstliche Intelligenz kann Tierversuchszahl deutlich verringern https://www.vbio.de/aktuelles/details/generative-kuenstliche-intelligenz-kann-tierversuchszahl-deutlich-verringern Eine neue Künstliche Intelligenz zur Reduktion von Tierversuchen haben Forschende der Goethe-Universität und der Philipps-Universität Marburg in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Translationale Medizin und Pharmakologie ITMP entwickelt. Die KI namens genESOM wurde darauf trainiert, die Struktur kleiner Datensätze zu “lernen“. Das Gelernte nutzt die KI, um neue Datenpunkte zu generieren. Diese Datenpunkte geben die Eigenschaften der im Versuch erhobenen Daten so korrekt wieder, als ob sie ebenfalls im Laborexperiment erhoben worden wären. Künftig könnten mittels „genESOM“ bei der Testung neuer Wirkstoffe zwischen 30 und 50 Prozent weniger Versuchstiere benötigt werden. In frühen Phasen der Arzneimittelentwicklung werden neue Wirkstoffe – neben zahlreichen anderen Versuchsmethoden – auch in Tieren getestet. Dabei stehen die Forschenden vor einem Dilemma: Einerseits halten sie aus ethischen Gründen die Zahl der Tiere, die in einem Experiment verwendet werden, möglichst klein. Andererseits müssen Tierversuche genug Tiere einschließen, damit das Experiment zu verlässlichen und repräsentativen Ergebnissen führt, die zum Beispiel darauf schließen lassen, ob ein neuer Arzneimittelkandidat eine bestimmte Wirkung erzeugt oder nicht.

Netz aus Tausenden künstlichen Neuronen

Prof. Jörn Lötsch, Datenwissenschaftler und klinischer Pharmakologe an der Goethe-Universität, hat in Kooperation mit dem Informatiker Prof. Alfred Ultsch von der Philipps-Universität Marburg, die beide selbst nicht tierexperimentell arbeiten, eine generative Künstliche Intelligenz namens genESOM entwickelt. genESOM basiert auf einem Netzwerk Tausender künstlicher Neuronen, dass die innere Struktur eines Datensatzes „erlernt“. Dadurch kann sie das experimentell gewonnene Datenvolumen vergrößern und simulieren, dass die Zahl der Tiere im Versuch größer war als in Wirklichkeit.

Integrierte Fehlerüberwachung

Zum Training der KI nutzten die Wissenschaftler vorhandene Daten aus einer am Fraunhofer ITMP in Mäusen durchgeführten und bereits veröffentlichten Studie. Dabei gelangen dem Forschungsteam zwei entscheidende Innovationsschritte: Zum einen die KI darauf zu trainieren, neue Datenpunkte auf Grundlage der Studiendaten zu generieren, die sich so in die erlernte Datenstruktur einfügen, als wären sie in echten Experimenten gewonnen worden.

Der zweite Innovationsschritt war die Integration einer Fehlerüberwachung direkt in den Generierungsprozess der neuen Datenpunkte. Generative KI-Methoden riskieren generell, neben dem relevanten Signal auch Rauschen und Zufallsvariation zu verstärken. Dieses Problem ist als Fehlerinflation bekannt und kann dazu führen, dass eigentlich nicht bedeutsame Variablen fälschlicherweise als behandlungsrelevant erscheinen (so genannte falsch-positive Variablen).

Durch eine gezielte Trennung der Lernphase von der Synthesephase ist es möglich, ein künstliches Fehlersignal in den Prozess einzuspeisen, dessen Ausbreitung präzise gemessen wird. Daraus ergibt sich ein datengesteuertes Abbruchkriterium, das die Datengenerierung stoppt, bevor die wissenschaftliche Validität beeinträchtigt wird.

KI-Training mit veröffentlichten Studiendaten

Einen Praxistest bestand genESOM mit Daten aus einer präklinischen Studie zum Multiplen Sklerose-Modell. In der Originalstudie waren 26 Mäuse in drei Behandlungsgruppen aufgeteilt worden, um die Effekte eines experimentellen Wirkstoffs zu untersuchen. Lötsch und Ultsch reduzierten den Datensatz auf 18 Tiere (sechs pro Gruppe), um ein kleineres Experiment zu simulieren. Als sie diesen reduzierten Datensatz auswerteten, verschwanden alle zuvor nachgewiesenen Behandlungseffekte vollständig: Statistische Tests signalisierten nichts Signifikantes, und maschinelle Lernverfahren konnten die Behandlungsgruppen nicht voneinander unterscheiden. Nachdem der reduzierte Datensatzes mithilfe von genESOM weitere Datenpunkte erhalten hatte, traten alle Effekte des vollständigen Experiments auf dem ursprünglichen Signifikanzniveau wieder auf, ohne das relevante falsch positive Befunde dazu kamen. Alternative KI-Methoden bis hin zu komplexen „deep-learning“ neuronalen Netzwerken, die die Forscher testeten, versagten hier.

Lötsch erläutert: „Wir haben mittlerweile eine Reihe von Datensätzen ähnlich getestet und können heute sagen: Mit genESOM lässt sich die die Zahl genutzter Tiere bei explorativen Forschungsfragen um 30 bis 50 Prozent reduzieren, und die Ergebnisse bleiben wissenschaftlich valide.“ Der Datenwissenschaftler weist jedoch darauf hin, dass genESOM nur aus den Daten lernen könne, die in realen Tierexperimenten gewonnen worden seien. Auch lasse sich die Zahl der Versuchstiere nicht beliebig reduzieren: „Wenn man zu wenige Tiere ins Experiment aufnimmt und die Anzahl dann durch generative KI einfach ergänzt, könnte das Experiment wegen der Verstärkung von Zufallsbefunden sehr schnell wissenschaftlich wertlos werden.“ Trotzdem ist Lötsch überzeugt: „Mit genESOM können wir einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der Tierversuchszahlen in großen Bereichen der präklinischen Forschung leisten.“

Das Projekt wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unter dem Titel „Generative artificial intelligence-based algorithm to increase the predictivity of preclinical studies while keeping sample sizes small“ gefördert.

Philipps-Universität Marburg


Originalpublikationen:

Jörn Lötsch, Benjamin Mayer, Natasja de Bruin, Alfred Ultsch: Self-organizing neural network-based generative AI with embedded error inflation control enhances effective knowledge extraction from preclinical studies with reduced sample size. Pharmacological Research (2026) https://doi.org/10.1016/j.phrs.2026.108159

Jörn Lötsch, André Himmelspach, Dario Kringel: Dimensionality-modulated generative AI for safe biomedical dataset augmentation. iScience (2026) https://doi.org/10.1016/j.isci.2025.114321

Alfred Ultsch, Jörn Lötsch: Augmenting small biomedical datasets using generative AI methods based on self-organizing neural networks Open Access. Briefings in Bioinformatics (2024) https://doi.org/10.1093/bib/bbae640

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Künstliche Intelligenz Wissenschaft Hessen
news-38760 Tue, 19 May 2026 08:23:11 +0200 Schlafende Riesen: Wie verborgene Viren in Algen erwachen und an künftige Generationen weitergegeben werden https://www.vbio.de/aktuelles/details/schlafende-riesen-wie-verborgene-viren-in-algen-erwachen-und-an-kuenftige-generationen-weitergegeben-werden Riesenviren von denen lange angenommen wurde, sie existierten nur als flüchtige, frei lebende Partikel können sich dauerhaft im Genom eines mehrzelligen Wirts einbetten, über Generationen hinweg ruhen und dann auf Kommando wieder aktiv werden. Eine aktuelle Studie stellt grundlegende Annahmen über die Funktionsweise von Riesenviren infrage und etabliert ein neues Modell zur Untersuchung viraler Latenz in komplexen Organismen.  Riesenviren gehören zu den bemerkenswertesten biologischen Einheiten auf der Erde: Sie sind größer und genomisch komplexer als viele Bakterien und können in marinen Ökosystemen erhebliche Probleme verursachen, indem sie Algen und Mikroben in allen Weltmeeren infizieren. Doch trotz ihrer Häufigkeit und ihrer ökologischen Rolle sind ihre Infektionsstrategien in mehrzelligen Wirten bislang kaum erforscht worden. So war es bisher nicht bekannt, ob Riesenviren zur Latenz fähig sind – also die Fähigkeit haben ruhend im Wirt zu verharren, bevor sie wieder aktiv werden.

Diese neue Studie von Forschenden am Max-Planck-Institut für Biologie Tübingen beantwortet diese Frage. Bei Studien mit Ectocarpus, einer Braunalge, die als Modellorganismus für die Biologie mehrzelliger Organismen dient, entdeckte das Team, dass das Genom der Alge vollständige, intakte Riesenvirus-Sequenzen enthält, die als „giant endogenous viral elements“ (GEVEs) bekannt sind. Diese GEVEs sind voll funktionsfähig und in der Lage, infektiöse Viruspartikel zu produzieren.

„Das sind keine genomischen Fossilien“, sagte Carole Duchêne, Postdoc in der Abteilung für Entwicklung und Evolution der Algen. „Sie sind aktiv, reguliert und übertragbar. Das Virus hat sich im Genom des Wirts regelrecht heimisch gemacht und einen Weg gefunden, über Generationen hinweg zu überdauern.“

Ein präzise gesteuertes Erwachen

Die Forschenden fanden heraus, dass das ruhende Virus nicht zufällig wieder reaktiviert wird. Im Gegenteil, sein Erwachen wird durch zwei unterschiedliche Signale genau gesteuert: den Entwicklungsstand des Wirts und die Umgebungstemperatur. Das Virus schaltet sich gezielt in den Fortpflanzungszellen der Alge ein, den sogenannten Gametangien und Sporangien, wo es diese Strukturen kapert, sie in Virus-Produktionsfabriken verwandelt und die Bildung von Gameten und Sporen verhindert. Außerhalb dieser spezifischen Zellen und Bedingungen bleibt es völlig inaktiv.
Mithilfe von Long-Read-Genomsequenzierung, Transkriptomik, klassischer Genetik und CRISPR/Cas-Geneditierung konnte das Team die genauen Stellen bestimmen, an denen sich das virale Genom in die Chromosomen des Wirts integriert, den Integrationsmechanismus aufklären und zeigen, dass das integrierte Element zur autonomen Vervielfältigung fähig ist. Entscheidend ist, wie sie mit der Löschung des gesamten viralen Elements aus dem Wirtsgenom mit Hilfe von CRISPR, direkt bestätigten konnten, dass die integrierte Sequenz – und nicht irgendeine externe Quelle – für die Produktion infektiöser Viruspartikel verantwortlich ist.

Vererbt wie ein Gen, übertragen wie ein Virus

Am auffälligsten ist vielleicht, dass das Forschungsteam zeigte, dass das virale Element stabil über die Keimbahn des Wirts von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird und sich genetisch gesehen wie ein Supergen verhält. Das bedeutet, dass das Virus zwei Übertragungswege hat: vertikal, also über das Genom von den Eltern auf die Nachkommen, und horizontal, über die infektiösen Partikel, die es bei der Reaktivierung produziert. Diese Doppelstrategie von latenter Vererbung kombiniert mit periodischer Reaktivierung und Freisetzung wurde bisher noch nie für ein Riesenvirus in einem mehrzelligen Eukaryoten dokumentiert.

„Das Virus hat eine bemerkenswert ausgeklügelte Strategie entwickelt“, sagte Susana Coelho, Direktorin der Abteilung für Entwicklung und Evolution der Algen. „Es versteckt sich im Wirt, wird an jeden Nachkommen weitergegeben und erwacht dann selektiv genau im richtigen Moment und genau im richtigen Zelltyp“.

Warum das wichtig ist: Ökologie, Evolution und ein neues Modellsystem

Braunalgen sind die drittkomplexesten mehrzelligen Organismen auf dem Planeten und haben völlig unabhängig von Tieren und Pflanzen komplexe Körperbaupläne entwickelt. Sie sind eine grundlegende Art in marinen Küstenökosystemen, deren ökologische Bedeutung mit der von Bäumen in einem Wald vergleichbar ist. Braunalgen sind zunehmend durch den Klimawandel bedroht. Das Verständnis der Viren, die sie befallen, und wie diese Viren die Evolution des Wirts und die Populationsdynamik beeinflussen, ist daher von großer ökologischer Bedeutung.

Allgemeiner betrachtet stellen die Ergebnisse lang gehegte Annahmen in der Virologie infrage. Latenz wurde bei Tierviren, insbesondere bei Herpesviren und Retroviren wie HIV, bereits umfassend untersucht, doch die Vorstellung, dass riesige dsDNA-Viren – eine phylogenetisch eigenständige und enorm vielfältige Gruppe – dieselbe Strategie in einem mehrzelligen Wirt anwenden könnten, eröffnet völlig neue Forschungswege. Das Ectocarpus–Phaeovirus-System bietet der wissenschaftlichen Gemeinschaft nun ein handhabbares, genetisch manipulierbares Modell, um die molekularen Mechanismen der viralen Latenz, Vererbung und Reaktivierung außerhalb der traditionellen Tier- und Pflanzenrahmen zu untersuchen.

Max-Planck-Institut für Biologie 


Originalpublikation:

Carole Duchêne, Rory J. Craig, Claudia Martinho, Rémy Luthringer, Ferran Agullo, Katharina Hipp, Pedro Escudeiro, Vikram Alva, Fabian B. Haas, Susana M. Coelho, "Latent endogenous giant viruses drive active infection and inheritance in a multicellular host", ", Nat Microbiol (2026). https://doi.org/10.1038/s41564-026-02361-z

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Wissenschaft Baden-Württemberg
news-38757 Mon, 18 May 2026 12:42:52 +0200 Genscheren zeigen Potenzial bei seltener Immunkrankheit https://www.vbio.de/aktuelles/details/genscheren-zeigen-potenzial-bei-seltener-immunkrankheit Forschende weisen im Mausmodell einen grundsätzlichen Therapieansatz für erbliche Defekte im Immunsystem nach. Das Sicherheitsprofil der Genomeditierung unterscheidet sich je nach Methode und Zelltyp deutlich. Forschende der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg haben im Labor gezeigt, dass sich ein erblicher Fehler im Immunsystem gezielt mit Hilfe von Genscheren verändern lässt. Im Mausmodell einer seltenen Immunkrankheit stellte der Ansatz die Funktion wichtiger Abwehrzellen wieder her und schützte vor einer lebensgefährlichen Entzündungsreaktion. Gleichzeitig zeigen die Wissenschaftler*innen, dass die Sicherheit von Genscheren von deren Typ und Einsatzort abhängt. Die Ergebnisse wurden am 13. Mai 2026 im Fachmagazin Cell Stem Cell veröffentlicht. 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Genomeditierung ein vielversprechender Ansatz für die Korrektur seltener erblicher Erkrankungen sein kann“, sagt Prof. Dr. Toni Cathomen, Letztautor der Studie und Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin und Gentherapie am Universitätsklinikum Freiburg. 

Wie Genscheren im Erbgut arbeiten

Genscheren sind molekularbiologische Werkzeuge, mit denen Forschende gezielt einzelne Stellen im Erbgut verändern können. Sie erkennen eine bestimmte DNA-Sequenz und schneiden den DNA-Strang oder verändern gezielt einzelne Bausteine der Erbinformation. Die Zelle repariert diese Stelle anschließend selbst. So lassen sich krankheitsverursachende genetische Fehler direkt im Erbgut gezielt verändern.

Fehlerhafte Immunreaktion kann durch Genscheren korrigiert werden

Untersucht wurde die familiäre hämophagozytische Lymphohistiozytose. Bei dieser seltenen Erbkrankheit können bestimmte Abwehrzellen infizierte Körperzellen nicht mehr wirksam beseitigen. Dadurch kann das Immunsystem außer Kontrolle geraten. Die Freiburger Forschenden veränderten mit Hilfe von Genscheren gezielt den krankheitsverursachenden Fehler im Erbgut von Mäusen. Dadurch konnten die Zellen wieder korrekt arbeiten und die Tiere waren vor der schweren Entzündungsreaktion geschützt. 

Sicherheit muss genau zum Verfahren passen

Zugleich verglich das Team verschiedene Verfahren der Genomeditierung in unterschiedlichen Zelltypen. Dabei zeigte sich, dass sich unerwünschte Veränderungen im Erbgut je nach Methode und Zelltyp deutlich unterscheiden. Für die Entwicklung neuer Therapien ist das eine zentrale Erkenntnis. „Die Sicherheit von Verfahren zur Genomeditierung muss immer im konkreten klinischen Zusammenhang bewertet werden“, sagt Cathomen.

Universitätsklinikum Freiburg


Originalpublikation:

Lei L, Kaufmann M, Lao J ...: Genotoxicity profiling reveals distinct platform- and cell type–specific effects in therapeutic gene editing for genetic hyperinflammation, Cell Stem Cell, 2026, DOI: 10.1016/j.stem.2026.04.014 DOI: 10.1016/j.stem.2026.04.014

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Wissenschaft Baden-Württemberg
news-38722 Mon, 18 May 2026 09:38:49 +0200 Du bist, was du isst: Wie Ernährung die Evolution antreibt https://www.vbio.de/aktuelles/details/du-bist-was-du-isst-wie-ernaehrung-die-evolution-antreibt Verschiedene Schnabel- und Kieferformen sind sichtbare Beispiele dafür, wie sich Tierarten an verschiedene Nahrungsquellen angepasst haben. Wie die Ernährung selbst die Zusammensetzung des Darmgewebes prägt, zeigen Forschende nun am Beispiel der artenreichen Buntbarsche im Fachjournal «Nature».  Im Tanganjikasee in Afrika findet sich eines der beeindruckendsten Beispiele der Evolution. Rund 250 verschiedene Arten von Buntbarschen haben sich hier entwickelt und im begrenzten Lebensraum des Sees auf unterschiedliche ökologische Nischen spezialisiert. Es gibt Algen- und Planktonfresser, aber auch räuberische Arten, die anderen Fischen die Schuppen abfressen oder kleinere Fische verzehren.

Die Nahrungsquelle ist ihnen meist schon am Maul abzulesen: Ihre Kiefer sind so geformt, dass sie sich perfekt für die jeweilige Nahrung eignen, beispielsweise um Algen von Felsen abzuschaben oder Fischschuppen abzureissen. Auch der Zusammenhang zwischen Ernährung und Länge des Darms wurde für viele dieser Arten beschrieben.

Ein Team um Dr. Antoine Fages, Prof. Dr. Patrick Tschopp und Prof. Dr. Walter Salzburger von der Universität Basel zeigt nun eine weitere Ebene der Anpassung an verschiedene Nahrungsquellen auf. «Bisher wusste man wenig darüber, wie sich der Verdauungstrakt auf Ebene der Zellen und zellulärer Prozesse an die jeweilige Ernährung angepasst hat», erklärt Antoine Fages, Erstautor der Studie, die genau diese Anpassungen nun am Beispiel der Buntbarsche in «Nature» beschreibt. 

Von äusseren Merkmalen bis zu Zellen der Darmschleimhaut 

Erstmals verknüpften die Forschenden die zelluläre Zusammensetzung des Darms mit den anatomischen Merkmalen und den ökologischen Nischen der verschiedenen Buntbarscharten. Das Team untersuchte mithilfe moderner Einzelzell-Sequenziermethoden bei 24 Buntbarscharten die Darmzellen und die darin aktiven Gene. 

Die Ergebnisse zeigen, dass sich keineswegs nur sichtbare Merkmale der Tiere angepasst haben: Bei den fleischfressenden Buntbarschen waren in der Darmschleimhaut mehr Zellen vorhanden, die auf die Aufnahmen von Fetten und Nährstoffen spezialisiert sind. Diese spielen für die Verarbeitung energiereicher Nahrung eine wichtige Rolle.

Spielraum für evolutive Anpassungen

«Dies deutet darauf hin, dass die ökologische Nische hier - indirekt - Einfluss auf die Zelltyp-Spezifizierung, und damit auf die Gewebezusammensetzung im Darm nimmt», erklärt Patrick Tschopp. Die Ergebnisse zeigen zudem: In diesen Zellen sind viele Gene aktiv, die besonders grossen Spielraum für evolutive Anpassungen haben. Dieser Freiraum ist möglich, weil Veränderungen an diesen Genen andere Prozesse im Organismus weniger beeinflussen. 

Walter Salzburger fasst zusammen: «Wir zeigen hier auf Ebene einzelner Zellen, wie Anpassungen an unterschiedliche Ernährungsweisen zur evolutionären Diversifizierung beitragen.»

Das Projekt wurde durch einen Sinergia-Grant des Schweizerischen Nationalfonds finanziert. Ganz im Sinne dieser interdisziplinären Förderung verbindet die Arbeit Evolutionsbiologie und Ökologie mit Zell- und Gewebeforschung, von äusseren Merkmalen und Ernährungsweisen bis hin zu einzelnen Zellen und Molekülen im Verdauungstrakt.

Universität Basel


Originalpublikation:

Fages, A., Luxey, M., Ronco, F. et al. Adaptive cellular evolution in the intestine of hyperdiverse cichlid fishes. Nature (2026). doi.org/10.1038/s41586-026-10494-8

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Wissenschaft International
news-38719 Mon, 18 May 2026 08:55:00 +0200 Biologie sichtbar machen - der neue online Jahresbericht 2025 des VBIO https://www.vbio.de/aktuelles/details/biologie-sichtbar-machen-der-neue-online-jahresbericht-2025-des-vbio Der neue Jahresbericht 2025 des VBIO ist online und setzt ein deutliches Zeichen: Die Biowissenschaften stehen im Zentrum gesellschaftlicher Zukunftsfragen – und der VBIO sorgt dafür, dass ihre Bedeutung sichtbar bleibt. Der VBIO zeigt auch 2025 eindrucksvoll, wie breit und wirkungsvoll der Verband die biowissenschaftliche Community unterstützt. In einer Zeit rasanter wissenschaftlicher und politischer Veränderungen stärkt der Verband die Sichtbarkeit der Lebenswissenschaften und vertritt die Interessen von Biologinnen und Biologen mit Nachdruck.

Mit der erfolgreichen Online-Reihe „Faszination Biologie“ haben wir ein Format etabliert, das Einblicke in neue wissenschaftliche Erkenntnisse bietet. Wir fördern den wissenschaftlichen Nachwuchs durch Berufsfeld-Infoabende, Soft-Skill-Seminare und praxisnahe Formate wie die Bakterien-Summerschool, die Studierende unmittelbar an aktuelle Forschung heranführt.

Auch wissenschaftspolitisch haben wir uns zu Wort gemeldet und frühzeitig auf die Gefährdung von zentralen internationalen Datenbanken hingewiesen, die eine Folge der massiven Budgetkürzungen in den USA gewesen sind. Beim Thema Access and Benefit Sharing bleibt der VBIO ebenfalls aktiv – ob Nagoya-Protokoll, Saatgutvertrag oder Seerechtsübereinkommen: Der Umgang mit Digitalen Sequenzinformationen bleibt entscheidend für Forschung, Biodiversitätsschutz und globale Kooperation. Zur neuen „Strategy for European Life Sciences“ der EU-Kommission haben wir auch klar Stellung bezogen: Grundlagenforschung einbinden, Daten sichern, Bürokratie abbauen.

Der Jahresbericht 2025 zeigt erneut, wie vielfältig der VBIO wirkt – für Wissenschaft und Gesellschaft, für Ausbildung und Karriere, für eine starke biowissenschaftliche Community.

Hier geht es zum VBIO Jahresbericht 2025

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VBIO Bundesweit
news-37324 Fri, 15 May 2026 21:26:00 +0200 Neue Studienorientierungskampagne von "Wissenschaft verbindet" https://www.vbio.de/aktuelles/details/neue-studienorientierungskampagne-von-wissenschaft-verbindet Welche Rolle spielen Mathematik und Naturwissenschaften in einer sich wandelnden Welt? Und welche Perspektiven eröffnen sich jungen Menschen nach einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Studium? Mit dem Start der neuen Studienorientierungskampagne von Wissenschaft verbindet greifen die fünf beteiligten mathematisch-naturwissenschaftlichen Gesellschaften DVGeo, DMV, DPG, GDCh und VBIO genau diese Fragen auf. Angesprochen sind Schülerinnen und Schüler der Oberstufe.  Im Zentrum der Kampagne stehen zwei Poster und die Website https://wissenschaft-verbindet.de/studieren

Die Website bietet Einblicke in mathematisch-naturwissenschaftliche Studiengänge. Neben Informationen zu Aufbau und Inhalten der Fächer stehen vor allem konkrete Einblicke in berufliche Werdegänge von Absolventinnen und Absolventen („Role Models“) im Fokus: Diese berichten aus ihrem Berufsalltag und zeigen, wie vielfältig der Berufseinstieg und die Wege nach dem Studium sein können. Begleitend zur Website werden bundesweit Poster an Schulen versendet, die Aufmerksamkeit erregen und über QR-Codes direkt auf die Kampagnenwebsite verweisen.

Die Kampagne möchte Oberstufenschülerinnen und -schülern Orientierung bieten und ihnen dabei helfen, eigene Interessen einzuordnen und Studienentscheidungen auf einer belastbaren Informationsbasis zu treffen.

(VBIO)

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VBIO Schule Bundesweit
news-38721 Fri, 15 May 2026 12:33:36 +0200 Aktualisierte ERA Living Guidelines zum verantwortungsvollen Einsatz von generativer KI in der Forschung https://www.vbio.de/aktuelles/details/aktualisierte-era-living-guidelines-zum-verantwortungsvollen-einsatz-von-generativer-ki-in-der-forschung Die EU-Kommission hat eine Aktualisierung der EFR-Leitlinien für den verantwortungsvollen Einsatz generativer KI in der Forschung veröffentlicht – eine Reihe von Empfehlungen, die der Forschungsgemeinschaft einfache und operative Leitlinien zur Förderung der Annahme und des verantwortungsvollen Einsatzes generativer künstlicher Intelligenz (KI) bieten.  Die aktualisierten Lebensleitlinien wurden verfeinert, um den raschen Fortschritten in der generativen KI Rechnung zu tragen und sicherzustellen, dass sie den neuesten technologischen Entwicklungen und ihren Auswirkungen auf die wissenschaftliche Gemeinschaft Rechnung tragen. Ihr einfacher und praktischer Ansatz wird beibehalten, während die Grundsätze der Forschungsintegrität wie Rechenschaftspflicht, Transparenz und Verantwortung an den derzeitigen Einsatz generativer KI angepasst sind.

Diese Überarbeitung war begrenzt und technisch, was zu der Klarheit und dem Bildungswert der Lebensleitlinien beiträgt. Es enthält neue Empfehlungen, beispielsweise zu Interaktionen mit Dritten, die KI bei Sitzungen oder im Rahmen des Informationsmanagements einsetzen, und die damit verbundenen Risiken. Es wird auch betont, dass sich Organisationen der „versteckten Aufforderungen“ bewusst sein müssen – Anweisungen für KI-Systeme, die der menschlichen Aufsicht verborgen bleiben. 

Diese Arbeit wurde unter Mitwirkung und Zusammenarbeit von Ländern und Interessenträgern im gesamten Europäischen Forschungsraum (EFR) entwickelt. Sein integrativer Ansatz ist nach wie vor von zentraler Bedeutung für den Prozess und wird durch einen offenen Feedback-Prozess für laufende Beiträge und Vorschläge unterstützt.

EU-Kommission


Leitlinien zu KI

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Politik & Gesellschaft International
news-38720 Fri, 15 May 2026 11:52:42 +0200 Wenn Zellen ihr Inneres nach außen tragen https://www.vbio.de/aktuelles/details/wenn-zellen-ihr-inneres-nach-aussen-tragen Alle menschlichen Zellen sind von einer Zuckerhülle – der Glycocalyx – umgeben. Sie interagiert nicht nur mit ihrer Umgebung, sondern verrät auch viel über den inneren Zustand der Zellen. Forschende haben mit einer hochauflösenden Mikroskopiemethode Zuckerstrukturen auf Zelloberflächen kartiert. In ersten Studien konnten sie die räumliche Anordnung der Zuckerstrukturen mit bestimmten physiologischen Zellzuständen korrelieren. Die Ergebnisse könnten die Tür für neue diagnostische Wege beispielsweise in der Tumordetektion öffnen.  Die Glycocalyx ist eine Zuckerstruktur, die wie ein Art Mantel alle menschlichen Zellen umgibt. Als erster Teil der Zelle interagiert sie mit der Umgebung. Dabei ist die räumliche Anordnung der hochkomplexen Zuckerstrukturen keineswegs starr, sondern verändern sich fortwährend. Die unabhängige Forschungsgruppe ›Physikalische Glycowissenschaften‹ unter der Leitung von Prof. Leonhard Möckl am Max-Planck-Instituts für die Physik des Lichts (MPL) erforscht die Zellbiologie der Glycocalyx. 

Mit einer neuen Methode namens ›Glycan Atlassing‹ konnten die Wissenschaftler*innen erstmals nachweisen, wie die räumliche Anordnung der Zuckerstrukturen mit dem physiologischen Zellzustand zusammenhängt. Unter Einsatz modernster superhochauflösender Mikroskopietechnologie wurden unterschiedliche Zelloberflächen, von Zellkulturlinien bis hin zu primären menschlichen Blutzellen und primären Gewebeschnitten, auf der Ebene einzelner Zuckerstrukturen kartiert. Auf diese Weise erstellte die Forschungsgruppe eine „Landkarte“ der Glycocalyx. Mit diesem Ansatz konnte gezeigt werden, dass sich die räumliche Anordnung der Glycocalyx auf molekularer Ebene bei Änderung des Zellzustandes „verschiebt“. Zum Beispiel waren auf Immunzellen die Zuckerbausteine anders zueinander angeordnet, wenn die Immunzellen stimuliert wurden, so wie es bei der Immunantwort der Fall wäre. Es wurde erstmals der direkte Nachweis erbracht, dass die Glycocalyx auf der Zelloberfläche wie ein „Bildschirm“ Informationen über den Zellzustand nach außen anzeigt.

Die gewonnenen Daten zur räumlichen Anordnung der Glycocalyx im Nanometerbereich trennen die Profile unterschiedliche Zellzustände zuverlässig. Die Forscher*innen konnten verschiedene Stadien der Krebsentwicklung unterscheiden, aktivierte gegenüber nicht-aktivierten Immunzellen erkennen und Tumor- gegenüber Nicht-Tumor-Bereichen in menschlichem Brustgewebe abgrenzen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse belegen, dass die Zelloberfläche als strukturierte Anzeige nach außen funktioniert und sich mit einem standardisierbaren Verfahren auslesen lässt. „Die Ergebnisse liefern eine vielversprechende Grundlage für die Entwicklung zukünftiger Diagnoseverfahren, da Glycan Atlassing auch in komplexen Proben validierte Ergebnisse liefert“, erläutert Möckl, Studienleiter und Korrespondenzautor.

Im nächsten Schritt soll die Methode auf weitere Zielstrukturen angewendet und automatisiert werden. Ziel des Teams ist es, die Probenzahl zu erhöhen, um das Verfahren für die routinemäßige medizinische Anwendung nutzbar zu machen. „In breit angelegten Studien möchten wir prüfen, welche Oberflächenmuster mit bestimmten Krankheitsverläufen oder Therapieantworten zusammenhängen und wie sich Zellzustände über die Oberfläche früh und objektiv erfassen lassen“, erläutert Möckl die künftigen Vorhaben seines Teams.

Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts


Originalpublikation:

Moonnukandathil Joseph, D., Yurekli, N., Fritsche, S. et al. Glycan atlassing enables functional tracing of cell state. Nat. Nanotechnol. (2026). DOI: https://doi.org/10.1038/s41565-026-02151-y

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Wissenschaft Bayern
news-38718 Fri, 15 May 2026 10:00:52 +0200 Neue antimikrobielle Peptide in Ameisengift entdeckt https://www.vbio.de/aktuelles/details/neue-antimikrobielle-peptide-in-ameisengift-entdeckt Im Gift von Rossameisen, Waldameisen und Co. steckt mehr als bislang angenommen: Ein Forscherteam hat erstmals nachgewiesen, dass das säurehaltige Sprühgift dieser Ameisen ein komplexer Cocktail aus Peptiden (kleinen Eiweißen) und weiteren bioaktiven Substanzen ist. Diese schützen die Nester vor Krankheitserregern. Die Entdeckung der neuen Peptide hat Bedeutung für die medizinische Wirkstoffforschung und eröffnet neue Perspektiven auf die Immunabwehr und den Umgang mit Mikroben in sozialen Insektengemeinschaften. Ameisengift ist komplexer als bisher angenommen

Das Gift von Schuppenameisen, zu denen auch die Waldameisen gehören, galt bislang als vergleichsweise einfach zusammengesetzt: Ameisensäure wurde seit ihrer Entdeckung im 17. Jahrhundert als zentraler und nahezu alleiniger Inhaltsstoff dieser Ameisengifte betrachtet. „Wir sind in unserem Projekt einer jahrzehntealten und weitgehend unbeachteten Publikation nachgegangen, in der erwähnt wurde, dass diese Gifte vielleicht auch eiweißartige Stoffe enthalten“, sagt der Projektleiter und Professor für Pharmazeutische Biologie am Institut für Pharmazie der Freien Universität Berlin, Timo Niedermeyer. Er ergänzt: „Wir haben nun zwei völlig neue Peptid-Familien in den Giften von Schuppenameisen nachgewiesen. Diese Peptide sind einzigartig in diesen Ameisen, kommen dort aber weit verbreitet vor. Ihr Gift ist wesentlich komplexer als bisher angenommen.“

Ameisengift schützt Brut vor Pilzerkrankungen

Die im Gift identifizierten Peptide leisten offenbar einen Beitrag zur Nesthygiene: So schmieren die Ameisen ihre Brut mit ihrem Gift ein – die Peptide bleiben nach dem Verdunsten der Ameisensäure auf den Puppen zurück und wirken dort Infektionen entgegen. „Einige der Peptide zeigen eine ausgeprägte Wirkung gegen Pilze. Das ist interessant vor dem Hintergrund einer Bedrohung sozialer Gemeinschaften durch Umweltmikroben und Krankheitserreger sowie zunehmender Resistenzen dieser Mikroben gegen antimikrobielle Wirkstoffe“, betont Dr. Simon Tragust, Projektleiter am Institut für Biologie der Universität Halle. „Mit über 3.700 Arten eröffnet die Unterfamilie Formicinae (Schuppenameisen) ein enormes Potenzial für die Entdeckung weiterer bioaktiver Substanzen.“

Die Forschungsergebnisse untermauern, dass das Gift von Schuppenameisen vielfältige Funktionen erfüllt. Die Ameisen verwenden es nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zur Desinfektion, zur Steuerung ihrer Darmflora und zur Kommunikation mit Artgenossen.

Internationale Spitzenforschung

Für ihre Arbeit kombinierten die Forschenden Methoden aus Biologie, Chemie und Pharmazie. Mithilfe moderner Proteotranskriptomik wurden Protein- und RNA-Daten zusammengeführt, um die im Gift enthaltenen Peptide und ihre Gensequenzen zu identifizieren. Ergänzend kamen chemische Analysen, synthetische Verfahren und funktionelle Bioaktivitätsassays zum Einsatz. Weitere Einblicke in Struktur und Evolution der Giftbestandteile lieferten biophysikalische Experimente, Genomanalysen sowie computergestützte Modellierungen.

Durch die interdisziplinäre Herangehensweise und die Untersuchung der Giftsekrete mehrerer Ameisenkolonien verschiedener Ameisenarten zählt die Arbeit zu den bisher umfassendsten vergleichenden Analysen von Ameisengiften. 

Freie Universität Berlin und Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg


Originalpublikation:

Lukas Koch et al.: Beyond formic acid: Peptides in carpenter ant venoms aid in disease protection.Sci. Adv.12,eaed4078(2026).DOI:10.1126/sciadv.aed4078

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