VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Fri, 05 Jun 2026 11:59:22 +0200 Fri, 05 Jun 2026 11:59:22 +0200 TYPO3 news-38998 Fri, 05 Jun 2026 11:14:52 +0200 Europäisches Damwild vor 120.000 Jahren – dem Verlust genetischer Vielfalt auf der Spur https://www.vbio.de/aktuelles/details/europaeisches-damwild-vor-120000-jahren-dem-verlust-genetischer-vielfalt-auf-der-spur Europäische Damhirsche haben seit der letzten Warmzeit dramatisch an genetischer Vielfalt verloren. Dies enthüllen 120.000 Jahre alte Überreste der Tiere aus Neumark-Nord in Sachsen-Anhalt, die Forschende der Universität Potsdam, des MONREPOS – Archäologisches Forschungszentrum und Museum in Neuwied sowie der Universität Leiden analysiert haben. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen wurden nun im internationalen Journal „iScience“ veröffentlicht. Modernes Damwild repräsentiert demzufolge nur einen Bruchteil der Vielfalt seiner Warmzeit-Vorfahren. In ihrer Studie beleuchten die Forschenden zudem, wie Klima und menschliches Handeln eine einst diverse Art grundlegend umgestalteten und könnte daher auch für Schutzmaßnahmen hilfreich sein. Damhirsche waren während der vergangenen Warmzeiten weit über Mitteleuropa verbreitet, zogen sich in den kalten Perioden des Eiszeitalters jedoch immer wieder nach Süden zurück. Einzigartige Einlagerungsbedingungen in den Seesedimenten von Neumark-Nord – einem fossilen Biotop in der Nähe von Merseburg in Sachsen-Anhalt – ermöglichten eine exzellente DNA-Erhaltung dieser Tierart unter den milden klimatischen Bedingungen Mitteleuropas. 

Dem Forschungsteam von der Universität Potsdam, vom MONREPOS Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution in Neuwied als Teil des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) und von der Universität Leiden (Niederlande) gelang es, alte DNA aus den Überresten von zehn Damhirschen aus Neumark-Nord zu extrahieren. Bei deren Analyse stellten die Forschenden fest, dass die warmzeitliche Population aus Neumark-Nord eine genetische Vielfalt aufwies, die vergleichbar ist mit der heutiger Damhirsche über ihr gesamtes europäisches Verbreitungsgebiet, von Spanien bis zur Türkei. Moderne Damhirsche zeigen zudem eine ungewöhnlich geringe genetische Variation im Vergleich zu verwandten Arten wie Rothirsch oder Sambarhirsch.
Stammbaumrekonstruktionen belegen, dass moderne Damhirsche genetisch eng mit der Neumark-Nord-Linie verwandt sind. „Dieses Muster deutet darauf hin, dass sich in Mitteleuropa einst mehrere genetische Linien entwickelt oder diese Region kolonisiert haben, aber nur eine einzige nach der Eiszeit überlebte“, erklärt Alberto Rocha-Méndez, Paläogenetiker an der Universität Potsdam und Erstautor der Studie. 

Die Analysen datieren die Trennung zwischen modernen europäischen Damhirschen und jenen von Neumark-Nord auf etwa 200.000 Jahre vor heute, also inmitten der Klimaschwankungen des Eiszeitalters. Eiszeitliche Abkühlungsphasen löschten wahrscheinlich diverse mitteleuropäische Populationen aus, sodass Damhirsche nur in südlichen Rückzugsorten wie Anatolien und dem Balkan überlebten. Während des römischen Reichs, im Mittelalter und in der Neuzeit verbreitete der Mensch dann die wenig diverse Reliktpopulation aus Anatolien zu Jagdzwecken wieder in ganz Europa und später sogar weltweit.

Wegen ihrer abweichenden Anatomie, insbesondere der Form des Geweihs, wurden die Damhirsche aus Neumark-Nord lange als eigene Unterart Dama (dama) geiselana beschrieben. Die nun nachgewiesene geringe genetische Differenzierung zu modernem Damwild spricht jedoch gegen einen separaten Status. „Das Damwild zeigte einst eine hohe Variabilität im Erscheinungsbild, welche sich jedoch auf lokale Anpassung zurückführen lässt und eher nicht auf unterschiedliche genetische Abstammungslinien hinweist“, sagt Lutz Kindler, Archäologe am MONREPOS und Mitautor der Studie. Zukünftige Arbeiten an vollständigen Genomen könnten die demografische Geschichte der Art detaillierter klären, so die Hoffnung der Forschenden.

Hintergrund zur Ausgrabungsstelle: Am Fundplatz Neumark Nord 1 entdeckte der Geologe Matthias Thomae 1985 ein fossiles Seebiotop, das durch den Archäologen Dietrich Mania zwischen 1985 und 1996 geborgen und erforscht wurde. Seinen Ergebnissen zufolge bestand hier ein großes Seebecken, das in die letzte Warmzeit von vor 120.000 Jahren, dem sogenannten Eem, datiert wird. Ein Team des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) Mainz und der Universität Leiden untersuchte zwischen 2004 und 2008 ein weiteres Seebecken am Fundort Neumark-Nord 2. Die Forschungen an beiden Stellen erschlossen ein einmaliges Umweltarchiv. Die Funde werden im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt verwahrt.

Universität Potsdam


Originalpublikation:
 Alberto Rocha-Méndez, Patrick Arnold, Lutz Kindler, Sabine Gaudzinski-Windheuser, Wil Roebroeks, Fulco Scherjon, Michael Hofreiter, Eemian palaeogenetics demonstrates loss of diversity in modern fallow deer (Dama dama), 2026, iScience 29, 116204, https://doi.org/10.1016/j.isci.2026.116204

]]>
Wissenschaft Brandenburg
news-38997 Fri, 05 Jun 2026 11:09:24 +0200 Verborgene Vielfalt in der Tiefsee https://www.vbio.de/aktuelles/details/verborgene-vielfalt-in-der-tiefsee Neue Familie ungewöhnlicher Ruderfußkrebse im Nordatlantik entdeckt  Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung von Dr. Nancy Mercado Salas vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) hat eine neue Familie von Ruderfußkrebsen (Copepoda) beschrieben. Die Entdeckung stammt aus mehr als 2.500 Metern Tiefe im Irminger Becken südöstlich von Grönland und eröffnet neue Einblicke in die Evolution einer bislang wenig verstandenen Tiergruppe.

Die sogenannten Monstrilloida gelten als eine der ungewöhnlichsten Gruppen mariner Ruderfußkrebse. Ihre Larven leben parasitisch in anderen Meeresorganismen, während die erwachsenen Tiere frei im Wasser schwimmen und keine Nahrung aufnehmen. Aufgrund ihrer besonderen Anatomie – ihnen fehlen unter anderem die für Krebstiere typischen Antennen und Mundwerkzeuge – ist ihre stammesgeschichtliche Einordnung seit langem Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen.

Seit 1852 war innerhalb der Ordnung Monstrilloida lediglich eine einzige Familie bekannt: die Monstrillidae. Die nun beschriebene Familie Thalassodoridae stellt daher eine außergewöhnliche Erweiterung des bekannten Stammbaums dieser Tiergruppe dar. Grundlage der Beschreibung waren sowohl detaillierte morphologische Untersuchungen als auch genetische Analysen.

Das einzige bislang bekannte Exemplar wurde in einer Tiefe von 2.537 Metern gesammelt. Es weist mehrere Merkmale auf, die sich deutlich von allen bisher bekannten Monstrilloiden unterscheiden. Dazu gehören außergewöhnlich lange, nach hinten gerichtete Antennen sowie bislang unbekannte Körperstrukturen, die neue Hinweise auf die Evolution und Lebensweise dieser Tiere liefern könnten.

„Die Entdeckung der neuen Familie Thalassodoridae zeigt, dass die Tiefsee der Ozeane noch immer Lebensformen beherbergt, die der Wissenschaft bislang unbekannt sind“, sagt Dr. Nancy Mercado Salas vom LIB. „Sie eröffnet uns zudem neue Perspektiven auf die Biologie, Morphologie und Evolution dieser außergewöhnlichen Gruppe von Ruderfußkrebsen.“

Auch der wissenschaftliche Name verweist auf die Besonderheit des Fundes: Die neu beschriebene Art Thalassodoron bathyale bedeutet sinngemäß „Geschenk aus der Tiefsee“ – ein Hinweis auf die unerwartete Entdeckung dieses außergewöhnlichen Krebstiers.

Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels


Originalpublikation:

Suárez-Morales, E., Martínez, A., Martinez Arbizu, P., Khodami, S., Mercado-Salas, N. F. et al. (2026): A new family of the order Monstrilloida (Copepoda) from deep waters of the North Atlantic supported by morphological and genetic evidence. PeerJ 14. https://doi.org/10.7717/peerj.21176

]]>
Wissenschaft Hamburg
news-38996 Fri, 05 Jun 2026 11:03:43 +0200 Forschung aus Jena entschlüsselt neue Form bakterieller Virusabwehr https://www.vbio.de/aktuelles/details/forschung-aus-jena-entschluesselt-neue-form-bakterieller-virusabwehr Krankheitserreger reagieren äußerst sensibel auf ihre Umwelt – etwa auf Stress, Nährstoffmangel oder die Dichte ihrer Population. Ein Forschungsteam der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat jetzt gezeigt, dass auch Cholera-Bakterien solche Signale nutzen, um die Aktivität eines gefährlichen Virus in ihrem Inneren zu steuern.  Mikrobielle Krankheitserreger entwickeln sich kontinuierlich weiter, um sich an neue Umweltbedingungen und Wirte anzupassen. Eine zentrale Rolle spielen dabei Bakteriophagen – Viren, die Bakterien infizieren und häufig neue genetische Eigenschaften übertragen. Im Fall des Cholera-Erregers Vibrio cholerae ist ein solcher Phage entscheidend für die Krankheitsentstehung: Der sogenannte CTXϕ-Phage trägt die Gene für das Cholera-Toxin und macht das Bakterium erst zu einem gefährlichen humanen Pathogen. Wie Bakterien die Aktivität solcher Viren kontrollieren, war bislang jedoch nur unzureichend verstanden.

Ein Forschungsteam der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Exzellenzclusters „Balance of the Microverse“ hat nun einen bislang unbekannten Regulationsmechanismus entdeckt. Im Zentrum der Studie steht ein kleines regulatorisches RNA-Molekül namens „CisR“, das direkt in den Lebenszyklus des Cholera-Phagen eingreift. CisR wirkt dabei wie eine molekulare Bremse: Es reduziert die Produktion eines wichtigen Phagenbestandteils und beeinflusst dadurch die Bildung neuer Viruspartikel.

„Unsere Ergebnisse zeigen erstmals, dass kleine regulatorische RNAs direkt die Vermehrung eines krankheitsrelevanten Phagen kontrollieren können“, erklärt Kai Papenfort. „Damit haben wir einen neuen Mechanismus identifiziert, mit dem Bakterien die Aktivität von Viren an ihre jeweilige Umwelt anpassen.“

Die Forschenden konnten nachweisen, dass CisR die Herstellung eines Hüllproteins des CTXϕ-Phagen hemmt. Dieses Protein ist essenziell für die Bildung und Freisetzung neuer Viruspartikel aus der Bakterienzelle. Besonders aktiv wird CisR unter Stressbedingungen sowie bei hoher Zelldichte oder eingeschränkter Nährstoffverfügbarkeit. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Vibrio cholerae die Vermehrung des Phagen gezielt reguliert, um auf veränderte Umweltbedingungen zu reagieren.

Für die Studie kombinierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler moderne RNA-Sequenzierung mit genetischen und molekularbiologisAlsi Herr Papenfort sagt im Zitat, chen Analysen. Zunächst kartierten sie systematisch RNA-Wechselwirkungen in Bakterienzellen unter virulenzfördernden Bedingungen. Anschließend konnten sie direkt zeigen, wie CisR an die RNA des Phagen bindet und deren Aktivität unterdrückt.

Die neuen Erkenntnisse liefern wichtige Einblicke in das komplexe Zusammenspiel zwischen Bakterien und ihren Viren. Dieses Forschungsfeld gewinnt zunehmend an Bedeutung, da Phagen nicht nur bakterielle Evolution antreiben, sondern auch die Gefährlichkeit vieler Krankheitserreger beeinflussen. Langfristig könnten solche Mechanismen neue Ansätze für antimikrobielle Strategien eröffnen – etwa indem nicht die Bakterien selbst abgetötet, sondern gezielt ihre krankheitsrelevanten Regulationsnetzwerke beeinflusst werden.

Die Studie entstand im Rahmen des Exzellenzclusters „Balance of the Microverse“. Dort untersuchen Forschende, wie Mikroorganismen miteinander und mit ihrer Umwelt interagieren. Im Mittelpunkt stehen mikrobielle Netzwerke, Kommunikationsmechanismen und deren Bedeutung für Gesundheit, Umwelt und biotechnologische Anwendungen. Die aktuellen Ergebnisse verdeutlichen, wie präzise molekulare Prozesse die Anpassungsfähigkeit und Krankheitsentstehung mikrobieller Erreger steuern.

Friedrich-Schiller-Universität Jena


Originalpublikation:

A. Lippegaus et al.: A 3’UTR-derived small RNA modulates the life cycle of the cholera toxin–encoding filamentous phage, CTXϕ, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (23) e2535142123, https://doi.org/10.1073/pnas.2535142123 (2026).

]]>
Wissenschaft Thüringen
news-38995 Thu, 04 Jun 2026 12:48:00 +0200 Neues antivirales Antibiotikum https://www.vbio.de/aktuelles/details/neues-antivirales-antibiotikum Bakterien produzieren auch antiviral wirkende Moleküle. Forschende haben jetzt das antiviral wirkende Molekül Daunorubicin untersucht und seine Wirkungsweise gegen Viren entschlüsselt. Diesen Mechanismus, der sich vor allem gegen eine bestimmte Gruppe von Viren, die Bakteriophagen richtet, beschreiben sie in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).  Beim sommerlichen Spaziergang durch den Wald fällt der frische Duft des Waldbodens angenehm auf. Dieser Geruch rührt aber nicht vom Wald selbst her, sondern er ist ein Gemisch kleiner flüchtiger Moleküle, die unter anderem von Bodenbakterien produziert werden – den Streptomyceten. Und diese Moleküle sind auch anderweitig relevant: Tatsächlich werden mehr als zwei Drittel der medizinisch eingesetzten Wirkstoffe natürlichen Ursprungs von Streptomyceten produziert. 

Die Bakterien nutzen diese Moleküle, um sich damit gegen andere Mikroorganismen zu schützen. Und es hat sich gezeigt, dass diese Stoffe oft auch gut beim Menschen wirken. Zusätzlich zu den bekannten Antibiotika gegen bakterielle Infektionen produzieren die Bodenbakterien auch Moleküle, die vor Viren – sogenannten Bakteriophagen – schützen.

Ein bekanntes Molekül, das eine solche antivirale Aktivität zeigt, ist „Daunorubicin“. Dieses zellwachstumshemmende Molekül wird besonders in der Krebstherapie verwendet. In einer Studie von Forschenden der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) und des Forschungszentrums Jülich (FZJ) unter der Leitung von Prof. Dr. Julia Frunzke (Institut für Mikrobielle Interaktionen) zeigten die Forschenden, dass Daunorubicin die erfolgreiche Reproduktion diverser Bakteriophagen effektiv unterbindet: Während der Infektion eines Bakteriums mit einem Bakteriophagen wird ein gegenseitiger Zerstörungsprozess ausgelöst. An der im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms SPP 2330 geförderten Studie waren das Max-Planck-Institut für Terrestrische Mikrobiologie in Marburg und die ETH Zürich beteiligt. Mitgewirkt haben außerdem Kollaborationspartner des Sonderforschungsbereichs SFB1535 „MibiNet“, der von der HHU koordiniert wird.

Prof. Frunzke, Korrespondenzautor der nun in PNAS erschienenen Untersuchung: „Wir konnten zeigen, dass Daunorubicin den Infektionszyklus im frühen Stadium anhält oder verzögert. Dadurch werden toxische virale Proteine, die für eine erfolgreiche Infektion normalerweise in strikt regulierten Mengen benötigt werden, vermehrt gebildet. Sie töten die Bakterienzelle vorzeitig und unterbinden somit auch die Virusreplikation.“

Dr. Larissa Ernst, Erstautorin und Postdoc in Frunzkes Arbeitsgruppe: „Sind hingegen noch weitere bakterielle ‚Verteidigungsmechanismen‘ vorhanden, dann erhöht die Anwesenheit von Daunorubicin deren Effektivität und ermöglicht das Überleben der Zelle, ohne dass sich die Viren in der Zelle reproduzieren können.“

Prof. Frunzke zu den weiteren Perspektiven der Ergebnisse: „Die vergangenen Jahre haben unser Verständnis bakterieller Immunsysteme grundlegend verändert. Mit unserer Forschung tragen wir dazu bei, besser zu verstehen, wie diese verschiedenen Abwehrsysteme zusammenwirken. Dieses Wissen ist besonders wichtig für die Weiterentwicklung effektiver Phagentherapien. In Zeiten zunehmender Antibiotikaresistenzen bieten Phagen eine vielversprechende Alternative zur Behandlung von Infektionen durch multiresistente Krankheitserreger. Da solche Therapien häufig mit Antibiotika kombiniert werden, ist es entscheidend, die bakteriellen Abwehrmechanismen im Detail zu verstehen und therapeutisch nutzbar zu machen.“

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf


Originalpublikation:

L. Ernst et al.: DNA-intercalating antiphage molecules trigger abortive infection through mutual destruction and synergize with bacterial immunity, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (23) e2602073123, https://doi.org/10.1073/pnas.2602073123 (2026). 

]]>
Wissenschaft Nordrhein-Westfalen
news-38994 Thu, 04 Jun 2026 11:15:30 +0200 Fossilien ermöglichen neue Erkenntnisse zur Entwicklung des Lebens https://www.vbio.de/aktuelles/details/fossilien-ermoeglichen-neue-erkenntnisse-zur-entwicklung-des-lebens Ein internationales Forschungsteam hat erstmals Fossilien von Moostierchen aus dem frühen Kambrium identifiziert. Die außergewöhnlich gut erhaltenen Funde belegen, dass die Tiergruppe bereits vor rund 520 Millionen Jahren existierte – und dass das Zusammenleben vieler Individuen in Kolonien früher auf der Erde begann als bisher angenommen. Der Ursprung vieler Tiergruppen liegt im sogenannten Kambrium – dem Erdzeitalter vor rund 500 Millionen Jahren, in dem sich die Vielfalt des Lebens in den Ozeanen rasant auszuweiten begann. Damals entwickelten sich zahlreiche Neuerungen im Tierreich wie beispielsweise harte Körperteile, die als Fossilien die Zeit überdauerten. Diese Schalen und Skelette ermöglichen Forschenden heute Einblicke in die Entwicklung des Lebens auf der Erde.

Nun konnte ein Team aus China, Schweden, Australien und Deutschland außergewöhnlich gut erhaltene Fossilien sogenannter Moostierchen oder Bryozoen untersuchen. Diese wirbellosen Tiere gibt es noch immer, wenn auch nicht exakt in ihrer früheren Form. Charakteristisch ist ihre Lebensweise in Kolonien: Viele einzelne mikroskopisch kleine Individuen formen ein gemeinsames, komplexes, oft aus Kalk bestehendes Gebilde.

Die untersuchten Fossilien stammen aus der Xiangdong-Formation: Einer im Kambrium entstandenen Gesteinsschicht in der chinesischen Provinz Shaanxi. In ihr entdeckte das Forschungsteam neue Exemplare der bereits bekannten Moostierchen-Art Protomelission gatehousei und identifizierte mit Dayingomelission hexaclitia eine bislang unbekannte Spezies. Beide Organismen lebten vor rund 520 Millionen Jahren. Bislang fehlten Nachweise der Tiere aus dieser Zeit.

„Die Ergebnisse unserer Arbeit zeigen, dass die Moostierchen im Kambrium früher auftraten und weiter verbreitet waren als bisher gedacht“, sagt Dr. Andrej Ernst, Mitautor der Studie vom Fachbereich Erdsystemwissenschaften der Universität Hamburg. Zudem liefern die Untersuchungen neue Einblicke in eine zentrale evolutionäre Innovation: Das Zusammenleben von Individuen in komplexen Kolonien mit einer ausgeprägten Arbeitsteilung zwischen den Mitgliedern.

Neben den Skelettstrukturen enthielten die Fossilien sogar Teile des inneren Weichgewebes, weil dieses durch Phosphat mineralisiert worden war. Moderne Bildgebungsverfahren ermöglichten den Nachweis feiner anatomischer Details, darunter membranartige Strukturen, charakteristische Stacheln sowie einzelne Muskelfasern. Gleichzeitig zeigen die Fossilien die für Moostierchen typischen modular aufgebauten Skelette.

„Die Ergebnisse unserer Arbeit zeigen, dass die Bryozoen eine signifikante Entwicklung im Kambrium durchlaufen haben, die bis vor Kurzem noch unentdeckt war“, sagt Dr. Ernst. „Weitere Funde aus dieser Zeit werden künftig noch mehr Licht in die Entwicklung des Lebens auf der Erde bringen.“

Universität Hamburg


Originalpublikation:

Song, B., Zhang, Z., Strotz, L.C. et al. High-fidelity modular skeletons authenticate a Cambrian origin for Bryozoa. Nature (2026). doi.org/10.1038/s41586-026-10590-9

]]>
Wissenschaft Hamburg
news-38993 Thu, 04 Jun 2026 11:09:39 +0200 Arktische Flussdeltas unter Druck https://www.vbio.de/aktuelles/details/arktische-flussdeltas-unter-druck Forschende berechnen erstmals detailliert die Menge des gespeicherten Permafrost-Kohlenstoffs in arktischen Fluss-Deltas. In einer neuen Studie im Fachmagazin Nature Communications weisen sie auf die Risiken für die Speicherfunktion dieser hochsensiblen Landschaften durch den schnellen Klimawandel hin.  Viele Flüsse münden nördlich des Polarkreises in den Arktischen Ozean – darunter etwa die Lena in Sibirien und der Mackenzie River in Kanada. Die Deltas dieser großen und kleinen Ströme speichern viel Kohlenstoff, der dort in gefrorenen Böden und Sedimenten gebunden ist. Doch der Klimawandel destabilisiert die Deltas von Ozean- und Landseite und auch aus der Luft. Wie bedeutsam diese lange nur wenig beachtete und hoch vulnerable Permafrostregion zwischen Land und Meer ist, hat nun ein internationales Team unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) erstmals mit Zahlen belegt. Demnach sind in arktischen Flussdeltas mit 57,5 Gigatonnen auf nur einem Prozent der globalen Permafrostfläche rund 5 Prozent des dort gebundenen Kohlenstoffs gespeichert. Ein besseres Verständnis dieser für den arktischen Kohlenstoffkreislauf so wichtigen Region ist somit dringend geboten. 

Die Permafrostregion umfasst etwa ein Viertel der Landfläche auf der Nordhalbkugel und speichert Unmengen von organischem Kohlenstoff in Form von abgestorbenen Pflanzenresten. Über viele Jahrtausende war dieser arktische Eisschrank weitgehend stabil. Doch steigende globale Temperaturen lassen den Permafrost tauen. Großflächig werden dann Mikroorganismen aktiv, bauen das organische Material ab und setzen verstärkt Kohlenstoff als CO2 und Methan in die Atmosphäre frei.

„Der tauende Permafrost könnte den Klimawandel also potentiell verstärken. Deshalb arbeiten Forschende auf der ganzen Welt seit Jahren daran, das System Permafrost bis ins Detail zu verstehen, den enthaltenen Kohlenstoff und die relevanten Abbauprozesse genau zu quantifizieren, um letztlich mit numerischen Modellen verlässliche Zukunftsprognosen zu erstellen“, erklärt Guido Grosse, Leiter der Sektion Permafrostforschung am Alfred-Wegener-Institut. „Ein Bereich wurde dabei allerdings bisher etwas vernachlässigt: die Deltas der kleinen und großen arktischen Flüsse. Genau diese Mündungsbereiche speichern eigentlich langfristig sehr viel von den Flüssen gelieferten Kohlenstoff in gefrorenen Böden und Sedimenten. Doch nun steht genau dieser Grenzbereich zwischen Ozean und Land gleich von mehreren Seiten massiv unter Druck. Das Meereis zieht sich zurück, der Meeresspiegel steigt, das Land senkt sich ab, der Permafrost taut, die Tausaison verlängert sich, das Flusswasser wird wärmer. Sämtliche destabilisierende Faktoren treffen in den ohnehin sehr dynamischen arktischen Deltas aufeinander.“

Das internationale Forschungsteam um Studienerstautor und AWI-Postdoc Matthias Fuchs, der mittlerweile an der University of Colorado Boulder, USA, weiterforscht, hat deshalb nun erstmals sämtliche verfügbaren Daten zum Kohlenstoffgehalt arktischer Deltas zusammengetragen und die Größe des Speichers berechnet. „Bislang war die Studienlage zu arktischen Deltas sehr dürftig“, berichtet Matthias Fuchs. „Die wenigen Publikationen konzentrierten sich vor allem auf die Mega-Deltas der großen Flüsse Lena in Sibirien und Mackenzie in Kanada. Wir haben nun zusätzlich viele neue publizierte und teilweise noch nicht publizierte Daten von mehr als 1.600 Bodenproben aus 17 arktischen Deltas zusammengetragen. Im Vergleich zu den zuvor veröffentlichten Studien hat sich die Anzahl der untersuchten Bohrkerne so fast verdreifacht.“

Im Ergebnis wird die große Bedeutung der arktischen Flussdeltas deutlich. So speichern diese nach den Berechnungen des Studienteams auf einer Fläche von knapp 100.000 km2 (Fläche von Südkorea, doppelte Fläche von Niedersachsen) 57,5 Gigatonnen Kohlenstoff. Zum Vergleich: Der jährliche Zuwachs von Kohlenstoff in der Atmosphäre durch menschliche Aktivitäten beträgt etwa 4,5 Gigatonnen. Damit sind in den Deltas rund 5 Prozent des globalen Permafrostkohlenstoffs auf „nur“ 1 Prozent seiner Fläche gebunden. „Noch deutlicher wird die große Bedeutung, wenn man sämtliche Böden der Erde miteinbezieht“, erklärt Guido Grosse. „Dann binden die arktischen Deltas rund 2 Prozent allen Bodenkohlenstoffs auf nur 0,08 Prozent der globalen Bodenfläche. Damit ist klar, dass die arktischen Deltas aktuell ein besonders kritisches Element im globalen Kohlenstoffkreislauf sind. Sie speichern vergleichsweise viel Kohlenstoff auf kleiner Fläche und sind den Folgen des Klimawandels gleich in mehrfacher Hinsicht ausgesetzt. Für präzise Prognosen müssen wir also in der Forschung künftig verstärkt auch die Mündungen der großen und kleinen Arktisströme in den Blick nehmen.“

Alfred-Wegener-Institut


Originalpublikation:

Fuchs, M., Sachs, T., Jongejans, L.L. et al. Large stocks of permafrost soil organic carbon and nitrogen in Arctic river deltas. Nat Commun (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-73092-2

]]>
Nachhaltigkeit/Klima Bremen
news-38992 Thu, 04 Jun 2026 10:57:43 +0200 Fett-Trick schützt vor Zelltod https://www.vbio.de/aktuelles/details/fett-trick-schuetzt-vor-zelltod Als Reaktion auf Stress oder Schäden reagieren Zellen mit Seneszenz und stellen ihr Wachstum ein. Sammeln sich seneszente Zellen jedoch langfristig im Gewebe an, kommt es zu chronischer Entzündung und die Krebsgefahr steigt sogar. Forschende haben nun einen bislang unbekannten Mechanismus entdeckt, mit dem sich seneszente Zellen vor oxidativem Stress und einer speziellen Form des Zelltods, der Ferroptose, schützen. Die Ergebnisse könnten langfristig neue Ansatzpunkte für Krebstherapien und die Behandlung altersassoziierter Erkrankungen liefern.  Seneszenz entsteht, wenn Zellen auf Stress oder schädliche Veränderungen reagieren und dauerhaft ihr Wachstum einstellen. Dieser Prozess gilt als Schutzmechanismus gegen Krebs. Zellen, die z.B. ein durch Mutationen dauerhaft aktiviertes Onkogen tragen, werden gleichsam eingefroren, bevor sie sich unkontrolliert vermehren können – ein biologisches Notfallprogramm. Problematisch wird es jedoch, wenn sich seneszente Zellen im Gewebe ansammeln, dort chronische Entzündungen fördern und damit die Tumorentwicklung begünstigen. Wissenschaftler suchen daher nach Wegen, seneszente Zellen auszuschalten, bevor sie Unheil anrichten können.

Das Forschungsteam um Almut Schulze vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) untersuchte an Bindegewebszellen, wie sich der Stoffwechsel seneszenter Zellen verändert, die durch das mutierte Onkogen BRAFV600E ausgelöst wurden. Die BRAFV600E-Mutation kommt häufig z.B. bei Melanomen vor. Bei den Experimenten zeigte sich, dass die Zellen große Mengen an Triglyceriden, also Speicherfetten, bilden und in kleinen Lipidtröpfchen einlagern. 

Diese Fettumverteilung hat weitreichende Folgen: Besonders empfindliche mehrfach ungesättigte Fettsäuren werden aus Zellmembranen entfernt und stattdessen in Speicherfette eingebaut. Dadurch werden die Zellmembranen widerstandsfähiger gegen oxidative Schäden. Die Zellen schützen sich so vor Ferroptose, einer Form des programmierten Zelltods, die durch Lipidoxidation ausgelöst wird. 

Als einen zentralen Schlüsselfaktor dieses Schutzmechanismus identifizierten die Forschenden das Stoffwechsel-Enzym DGAT1. Blockierten sie es, so gelangten die empfindlichen Fettsäuren wieder verstärkt in die Zellmembranen – und die seneszenten Zellen verloren ihre Resistenz gegenüber dem Zelltod Ferroptose. 

Darüber hinaus beeinflusst der veränderte Fettstoffwechsel offenbar auch die Entzündungsreaktionen der Zellen. Seneszente Zellen produzierten vermehrt sogenannte Oxylipine – entzündungsfördernde Lipidbotenstoffe. Die Kombination aus der Hemmung von DGAT1 und der Blockade der Oxylipin-Produktion stellte die Empfindlichkeit der Zellen gegenüber Ferroptose vollständig wieder her. 

„Die Ergebnisse liefern uns neue Einblicke in die Biologie seneszenter Zellen“, sagt Studienleiterin Almut Schulze. „Sie zeigen, wie eng Fettstoffwechsel, Entzündungsprozesse und Zellüberleben miteinander verknüpft sind.“ Die Forschenden sehen die Arbeit als Grundlage, um langfristig neue therapeutische Strategien zu entwickeln, die seneszente Zellen gezielt beseitigen können. Das wäre nicht nur eine Option gegen Krebs, sondern möglicherweise auch bei altersbedingten Erkrankungen.

DKFZ


Originalpublikation:
Markus S. Hess, Kamal M. Al-Shami, Carolina Dehesa Caballero, Julie Haenlin Adriano B. Chaves-Filho, Lisa Schlicker, Philipp Poeller, Felix C. E. Vogel, Ioanna Koltsaki, Deniz Gedik, Marta Campos Alonso, Susanne Walz, Carsten P. Ade, Martin Eilers, Beate K. Straub, Jochen S. Utikal, Svenja Meierjohann, Mathias T. Rosenfeldt, Marteinn T. Snaebjornsson and Almut Schulze: Fatty acid channelling into triglycerides and oxylipins drives ferroptosis resistance during oncogenic BRAF-induced senescence. Cell Death & Differentiation 2026, https://doi.org/10.1038/s41418-026-01766-x

]]>
Wissenschaft Baden-Württemberg
news-38991 Thu, 04 Jun 2026 10:51:28 +0200 Acht Empfehlungen für Europas Seegraswiesen: Ein Fahrplan für Schutz und Wiederherstellung https://www.vbio.de/aktuelles/details/acht-empfehlungen-fuer-europas-seegraswiesen-ein-fahrplan-fuer-schutz-und-wiederherstellung Wie lassen sich Europas Seegraswiesen wirksam schützen und wiederherstellen? Mehr als 50 Forschende aus 17 europäischen Ländern haben dazu erstmals gemeinsame Empfehlungen erarbeitet. Die jetzt veröffentlichten „European Seagrass Recommendations 2026“ formulieren acht konkrete Handlungsempfehlungen für Politik, Behörden, Förderinstitutionen und Praxis. Für Deutschland waren Forschende des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und vom Forschungsverbund Sea-Store an der Ausarbeitung beteiligt. Die Empfehlungen sollen dazu beitragen, den Verlust von Seegraswiesen zu stoppen und ihre Wiederansiedlung in Europa voranzubringen.  Seegraswiesen gehören zu den wertvollsten Lebensräumen Europas. Sie filtern das Meerwasser, speichern Kohlenstoff, bieten zahlreichen Tierarten Schutz und Nahrung und dämpfen die Kraft von Wellen an den Küsten. Dennoch sind Seegraswiesen in vielen europäischen Regionen in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen. Steigende Wassertemperaturen, Algenwachstum, Küstenbebauung und intensive Nutzung setzen den Unterwasserwiesen zu.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hat die European Seagrass Restoration Alliance (ESRA) nun erstmals europaweite Empfehlungen für den Schutz, die Wiederansiedlung und das Management von Seegraswiesen veröffentlicht. Die „European Seagrass Recommendations 2026“ wurden von mehr als 50 Forschenden aus 17 Ländern gemeinsam erarbeitet. Sie bilden den ersten europaweiten wissenschaftlichen Konsens darüber, wie Seegraswiesen künftig geschützt, überwacht und wiederhergestellt werden können.

„Wir verfügen über die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Werkzeuge, um das Blatt zu wenden“, sagt Dr. Esther Thomsen, Meeresbiologin am GEOMAR, die an der Ausarbeitung der Empfehlungen beteiligt war. Ihre Kollegin Dr. Maike Paul vom Ludwig-Franzius-Institut der Leibniz Universität Hannover ergänzt: „Um Seegraswiesen erfolgreich zu schützen und wiederherzustellen, braucht es den politischen Willen und entsprechende Rahmenbedingungen. Die Empfehlungen bieten hierfür einen klaren, evidenzbasierten Fahrplan.“ Sie können dazu beitragen, die Umsetzung der EU Wiederherstellungsverordnung zu erleichtern, sind aber gleichermaßen auf Nicht-Mitgliedstaaten anwendbar.

Von Schutz bis Wiederansiedlung 

Die Empfehlungen decken den gesamten Prozess der Wiederherstellung von Seegraswiesen ab. Dazu gehören der Schutz bestehender Bestände, die Verringerung menschlicher Belastungen, großflächige Wiederansiedlungsmaßnahmen, langfristige Überwachung sowie der Aufbau nachhaltiger Quellen für Pflanzmaterial. Darüber hinaus fordern die Autor:innen eine bessere Verzahnung von Umweltpolitik und praktischer Umsetzung, vereinfachte Genehmigungsverfahren und eine langfristige Finanzierung. Auch die Einbindung lokaler Gemeinschaften, transparente Datennutzung und gemeinsame ethische Standards spielen eine wichtige Rolle.

Europäische Zusammenarbeit als Schlüssel

Die Empfehlungen wurden im Anschluss an den zweiten European Seagrass Restoration Workshop im April 2025 in Frankreich entwickelt und bei einem Autor:innentreffen im Februar 2026 in den Niederlanden fertiggestellt. Sie stehen im Einklang mit der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur, der UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen und dem Globalen Rahmenwerk für Biodiversität von Kunming-Montreal. Prof. Dr. Thorsten Reusch vom GEOMAR begleitete den Prozess als wissenschaftlicher Gutachter.

Wie wichtig die europäische Vernetzung beim Thema Seegraswiesen ist, betont Esther Thomsen: „Alleine können wir nur kleine Schritte gehen, aber gemeinsam können wir so viel mehr bewirken!“

Die ESRA fördert dafür die Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg und hilft, Forschung und Politik besser miteinander ins Gespräch zu bringen. Die jetzt gemeinsam formulierten Empfehlungen stärken das wachsende Bewusstsein und unterstützen die Akteure dabei, Seegraswiesen effektiv und verantwortungsvoll wiederherzustellen.

GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung


Originalpublikation:

Govers, L., Fauvel, T., Mayot, N., Lilley, S. J., & Lilley, R. (2026). European Seagrass Recommendations 2026 - On the future of seagrass restoration in Europe (Version 2026). Zenodo. 
https://doi.org/10.5281/zenodo.20055164

]]>
Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Schleswig-Holstein International
news-38990 Thu, 04 Jun 2026 10:45:00 +0200 Eiszeitkrimi: Taimeringer Mammut wurde vermutlich zerlegt von Jägern und Sammlern https://www.vbio.de/aktuelles/details/eiszeitkrimi-taimeringer-mammut-wurde-vermutlich-zerlegt-von-jaegern-und-sammlern Neues vom Wollhaarmammut aus Taimering: Das 2020 entdeckte Mammut wurde nach seinem Tod in einen ehemaligen eiszeitlichen Tümpel eingebettet. Pollenfunde und Altersdatierungen belegen, dass das Mammut während der unwirtlichen Bedingungen des Kältemaximums der Würmeiszeit lebte und starb. Schnittspuren an mehreren Rippen deuten darauf hin, dass altsteinzeitliche Menschen sich an dem Kadaver zu schaffen machten. Ein interdisziplinäres Forscherteam initiiert von SNSB-Paläontologin Gertrud Rößner und FAU-Geograph Christoph Mayr präsentiert nun die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Untersuchungen.  Bei Bauarbeiten in Taimering nahe Regensburg entdeckten Mitarbeitende des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege (BLfD) vor sechs Jahren einen fast 2,5 m langen, spiralig verdrehten Stoßzahn, der zu einem Wollhaarmammut, Mammuthus primigenius, gehörte. In der Nähe fanden die Archäologen außerdem über 70 weitere Knochen und Knochenbruchstücke, vor allem die des Brustkorbs sowie Hand- und Fußknochen. Die meisten Langknochen des großen Säugers fehlen. „Stoßzahn und Knochen des Mammuts waren aufgrund ihrer jahrtausendelangen Konservierung im Feuchtbodenmilieu außergewöhnlich gut erhalten“, sagt Dr. Christoph Steinmann, stellvertretender Leiter des Referates Bodendenkmalpflege Niederbayern/Oberpfalz am BLfD. Nach seiner Bergung wurde der Fund an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) präpariert, und von dort die weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen koordiniert.

Die paläontologische Begutachtung zeigte: Alle Knochen sowie der Stoßzahn gehören zu einem einzigen sehr großen, aber noch nicht ausgewachsenen Individuum mit etwa drei Metern Schulterhöhe. Das Taimeringer Wollhaarmammut kam vermutlich direkt an oder zumindest nahe seiner Fundstelle zu Tode. Die bis ins Detail unversehrt erhalten gebliebenen Knochenoberflächen lassen sowohl einen längeren Transport durch Wasser ausschließen als auch eine Zerlegung durch Raubtiere. Eingebettet wurde das Tier in den Sedimenten eines Tümpels oder langsam fließenden Zulaufs der eiszeitlichen Ur-Donau, so die Forschenden. Altersdatierungen ergaben ein Alter der Knochen zwischen 27.000 und 25.000 Jahren vor heute.

Ungewöhnliche Strukturen auf der Oberfläche entpuppten sich als Schnittmarken und geben eindeutige Hinweise auf menschliche Aktivitäten. Ausschließlich auf den Rippen finden sich zahlreiche solcher Einkerbungen – verursacht von altsteinzeitlichen Jägern und Sammlern, die das Tier zerlegten. Eine der Rippen wurde sogar als Schneidebrett verwendet. Ob das Mammut von Menschen getötet wurde oder ob es bereits tot war, als diese den Kadaver verarbeiteten, bleibt laut Erstautorin PD Dr. Kerstin Pasda, Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), die die osteoarchäologischen Untersuchungen zu den anthropogenen Einflüssen durchführte, unklar.

Pollenanalysen von Dr. Philipp Stojakowits an der Universität Augsburg verraten den Forschenden viel über die Umgebung, in der das Mammut lebte und starb. Sie zeigen eine krautige Tundra-artige Steppen-Vegetation mit vereinzelten Zwergsträuchern. Die sogenannte Mammutsteppe war ein gewaltiges baumloses Ökosystem in Eurasien, das während der Hochphase der letzten Kaltzeit vor etwa 30.000 – 20.000 Jahren vor heute in Europa zwischen dem skandinavischen Eisschild und den südlichen Gletschern der Alpen lag. Seine nährstoffreichen Kräuter und Zwergsträucher ernährten eine Vielzahl an großen Säugetieren, so auch das Taimeringer Mammut.

„Eine kleine Sensation ist unser Fund in vielerlei Hinsicht: Zum einen sind Skelettfunde von Mammuten in unseren Breiten äußerst selten. Wir kennen Funde hauptsächlich aus weiter östlich gelegenen Regionen Eurasiens“, so PD Dr. Gertrud Rößner, Paläontologin an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. „Zum anderen gibt es aus dieser Hochphase der Kaltzeit nahezu keine Nachweise menschlicher Aktivität aus dieser Region. Jäger- und Sammlergemeinschaften zogen sich klimabedingt in Europa nach Süden und Osten zurück“ ergänzen die Archäologieprofessoren Andreas Maier von der Universität zu Köln und Thorsten Uthmeier von der FAU Erlangen-Nürnberg.

Beteiligte Institutionen
Insgesamt beteiligten sich 14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachdisziplinen an der Mammut-Studie, darunter Forschende der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, der Reiss-Engelhorn-Museen mit dem Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim und der Universität Augsburg, der LMU München sowie der Universitäten Köln und Bremen, ebenso wie das Museum für Ur- und Ortsgeschichte in Bottrop.

Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayern


Originalpublikation:

Pasda, K, Rössner, GE, Steinmann, C, Maier, A, Mayr, C, Rosendahl, W, Lindauer, S, Friedrich, R, Sto-jakowits, P, Kevrekidis, C, Uthmeier, T, Reiss, L, Zolitschka, B. A cold case from the Last Glacial Maxi-mum: a partial mammoth skeleton from southern Germany (Danube Valley, Germany) – Part 1: traces of human activity and archaeological context. Journal of Archaeological Science: Reports, Volume 73, 2026, 105839, ISSN 2352-409X, https://doi.org/10.1016/j.jasrep.2026.105839.

Stojakowits, P, Christoph Mayr, C, Steinmann, C, Reiss, L, Lutz, P., Rössner, GE, Kevrekidis, C, Ro-sendahl, W, Pasda, K,Maier, A, Uthmeier, T, Zolitschka, B. A cold case from the last glacial maximum: A partial mammoth skeleton from southern Germany (Danube Valley, Germany) – Part 2: Fossil re-cord, sedimentology and palaeoenvironment. Journal of Archaeological Science: Reports, Vol 73, 2026 https://doi.org/10.1016/j.jasrep.2026.105793

]]>
Wissenschaft Bayern
news-38989 Thu, 04 Jun 2026 10:18:24 +0200 Bundeskabinett verabschiedet Bundesbericht Forschung und Innovation 2026 https://www.vbio.de/aktuelles/details/bundeskabinett-verabschiedet-bundesbericht-forschung-und-innovation-2026 Das Bundeskabinett hat den Bundesbericht Forschung und Innovation 2026 (BuFI) verabschiedet. Der Bericht ist das zentrale Überblickswerk der Bundesregierung zur Forschungs- und Innovationspolitik von Bund und Ländern. Er informiert über aktuelle Entwicklungen im deutschen Forschungs- und Innovationssystem, ordnet politische Maßnahmen und die Empfehlungen der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) ein. Mit einer FuE-Quote (Forschung und Entwicklung) von 3,17 Prozent (2024) erfüllt Deutschland erneut das Drei-Prozent-Ziel der Europäischen Union. Dazu erklärt die Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Dorothee Bär:

„Mit der Hightech Agenda Deutschland bringen wir Hightech ‚Made in Germany‘ wieder nach vorn. Neue Technologien und Innovationen eröffnen enorme Möglichkeiten für Wachstum, Wohlstand und Fortschritt. Diese Chance müssen wir entschlossen nutzen. Der BuFI 2026 zeigt: Deutschland ist ein starker Forschungs- und Innovationsstandort. Gerade im internationalen Wettbewerb kommt es jetzt darauf an, technologische Stärke schneller in Wachstum, Wertschöpfung und gute Arbeitsplätze zu übersetzen. Mit klaren technologischen Prioritäten, steigenden Investitionen und einer modernen Innovationspolitik stärken wir unsere Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität.“

Der Bericht dokumentiert erneut steigende Investitionen in Forschung und Entwicklung. Die FuE-Ausgaben erreichten 2024 mit 137,1 Milliarden Euro einen neuen Höchststand – ein Plus von 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Forschung und Innovation leisten damit einen wichtigen Beitrag zu Wachstum, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit. Rund 840.000 Menschen arbeiteten 2024 in Forschung und Entwicklung.

Der BuFI 2026 beschreibt den Übergang zur Hightech Agenda Deutschland (HTAD) mit neuen strategischen Schwerpunkten. Die Bundesregierung richtet ihre Forschungs- und Innovationspolitik noch stärker auf Wettbewerbsfähigkeit, technologische Handlungsfähigkeit und industrielle Wertschöpfung aus. Ziel ist es, wissenschaftliche Exzellenz schneller in marktfähige Innovationen zu überführen, den Transfer in die Anwendung zu beschleunigen und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen gezielt weiterzuentwickeln. Im Fokus stehen dabei Zukunftstechnologien, Fachkräftesicherung sowie die Stärkung des Innovationsstandorts Deutschland im internationalen Wettbewerb.

Der Bundesbericht Forschung und Innovation erscheint alle zwei Jahre und ist das zentrale Berichtsformat der Bundesregierung zur Forschungs- und Innovationspolitik in Deutschland.

Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt


Weitere Informationen

Bundesbericht Forschung und Innovation (bundesbericht-forschung-innovation.de)

]]>
Politik & Gesellschaft Bundesweit