VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Fri, 12 Jun 2026 11:25:45 +0200 Fri, 12 Jun 2026 11:25:45 +0200 TYPO3 news-39026 Fri, 12 Jun 2026 11:15:09 +0200 Die Vermessung der Natur https://www.vbio.de/aktuelles/details/die-vermessung-der-natur Eine neue Studie betont, dass der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in der Biodiversitätsforschung von Ethik, Fairness und globaler Zusammenarbeit geleitet sein sollte. Ein Forschungsteam stellt dafür das Konzept der „Ethical Collectomics“ vor. Es soll sicherstellen, dass die Digitalisierung und KI-gestützte Analyse wissenschaftlicher Sammlungen allen Ländern und indigenen Gemeinschaften gleichermaßen zugutekommt. Zudem enthält die Studie konkrete Handlungsempfehlungen zum verantwortungsvollen Umgang mit Sammlungen und zu deren Nutzung.  Über 3,6 Millionen Herbarbelege – getrocknete und wissenschaftlich dokumentierte Pflanzenproben – befinden sich in den Sammlungsschränken am Senckenberg Institut für Pflanzenvielfalt in Jena (SIP). „Das Herbarium Haussknecht gehört zu den europaweit bedeutendsten Herbarien und ist zugleich die größte botanische Regionalsammlung Deutschlands“, erklärt Dr. Sebastian Gebauer vom SIP und fährt fort: „Naturhistorische Sammlungen wie diese liefern einzigartige zeitlich und räumlich aufgelöste Daten darüber, wo Arten vorkommen, wie Ökosysteme vernetzt sind und zur Wechselwirkung zwischen der Natur und uns Menschen. Mit dem rasch zunehmenden Verlust der Biodiversität steigt auch die Erwartung, dass diese Sammlungen einen stärkeren Beitrag zur Planung von nachhaltigen Schutzmaßnahmen und zur Umweltpolitik leisten.“

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, gewinnt der neue Forschungsansatz „Collectomics“ zunehmend an Bedeutung. Unter „Collectomics“ versteht man die großskalige Erfassung, Verknüpfung und Auswertung von Daten, die direkt aus Sammlungsobjekten und allen dazugehörigen Informationen jetzt und in Zukunft gewonnen werden. Objekte und zugehörige Metadaten werden zum „Extended Specimen“, also zu einem erweiterten Sammlungsobjekt, das neben dem physischen Exemplar sämtliche damit verbundenen Informationen und Forschungsdaten umfasst. Diese Daten stammen aus naturhistorischen Sammlungen, deren vielfältige Sammlungsobjekte künftig in verschiedenen, räumlich verteilten Datenbanken verknüpft werden. Der Zugang zu diesen vernetzten Forschungsinfrastrukturen orientiert sich an den FAIR-Prinzipien (Findable, Accessible, Interoperable, Reusable). Zum Einsatz kommen moderne Technologien wie Digitalisierung, Bildanalyse, Genomik, Spektroskopie, vernetzte Dateninfrastrukturen, automatisierte Arbeitsabläufe – und Künstliche Intelligenz. „KI eröffnet viele neue Möglichkeiten, um wichtige globale Probleme besser zu verstehen, etwa den Verlust von Artenvielfalt, die Veränderung von Lebensräumen oder Fragen der Ernährungssicherheit. Gleichzeitig wirft diese technologische Entwicklung auch viele ethische Fragen auf“, erläutert Gebauer. „Ohne sorgfältige Aufsicht birgt KI-gestützte Forschung das Risiko, historische Ungleichheiten in Bezug auf Zugang, Autorität und wissenschaftliche Nutzung zu reproduzieren und zu verfestigen“, gibt er zu Bedenken.

In der neu veröffentlichten Studie fasst der Jenaer Botaniker und Kurator am Herbarium Haussknecht gemeinsam mit dem Erstautor Dr. Kamil E. Frankiewicz von der Universität Warschau und einem internationalen Forschungsteam die Ergebnisse einer Konferenz zusammen, die Ende 2025 an der Universität Warschau stattfand und an der Forschende aus einigen der weltweit bedeutendsten Pflanzensammlungen teilnahmen – darunter die Royal Botanic Gardens Kew, das Muséum National d’Histoire Naturelle in Paris und der Missouri Botanical Garden.
„Eines unserer Ergebnisse ist, dass viele Objekte in wissenschaftlichen Sammlungen aus kolonialen und imperialen Kontexten stammen. Deshalb stellt sich heute die Frage, wer über Objekte und Daten verfügen darf, wer von ihrer Nutzung profitiert und wie die rechtlichen und ethischen Ansprüche der Herkunftsgesellschaften berücksichtigt werden können. Besonders in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Umbrüche gewinnt die Verantwortung der beteiligten Institutionen an Bedeutung“, fasst Gebauer den Kern der Arbeit zusammen. Mit dem Einsatz von KI bestehe zudem die Gefahr, dass frühere Ungleichheiten unbewusst fortgeführt oder sogar neue Ungerechtigkeiten geschaffen werden, so die Forschenden.

Die Autor*innen fordern in ihrer neuen Publikation eine „ethische Sammlungsmobilisierung“ und betonen dabei Transparenz, gleichberechtigte Partnerschaften, die Rechte indigener Gruppen und lokaler Gemeinschaften, faire Vorteilsteilung sowie langfristige Investitionen in Expertise und Infrastruktur in biodiversitätsreichen Regionen. Als Beispiel verweisen sie auf erfolgreiche Initiativen der „digitalen Rückgabe“ wie das brasilianische REFLORA-Programm oder das „African Plants Portal“, die einen digitalen Zugang zu Sammlungsobjekten im Sinne des Konzepts des „shared heritage“ ermöglichen, der Forschenden aus den Herkunftsregionen zuvor oft verwehrt war. „Wir empfehlen zudem eine stärkere Einbindung der Herkunftsländer durch vertrauensvolle gemeinsame Sammlungsarbeit, den Aufbau einheitlicher Standards und Schulungsprogramme, die konsequente Prüfung rechtlich-ethischer Rahmenbedingungen sowie den Schutz sensibler Fundortdaten bei zugleich möglichst offenem Zugang zu Forschungsdaten“, so Gebauer. Ergänzend sollen auch bislang wenig beachtete Materialien wie Bodenproben oder Begleitorganismen systematisch erhalten werden, da sie künftig durch neue Technologien zusätzliche Erkenntnisse liefern können. In der Forschung sollen Projekte auf Partnerschaften, gemeinsame Autorenschaft und transparente Datenpraktiken nach FAIR- und CARE-Prinzipien setzen, heißt es in der Studie. Förderinstitutionen und Politik werden von dem Forschungsteam aufgefordert, naturhistorische Sammlungen als globales Kulturerbe anzuerkennen, langfristig in Infrastruktur und Sicherheit zu investieren und internationale Kooperationen zu stärken.

„Ziel ist es, naturhistorische Sammlungen verantwortungsvoll zu nutzen –wissenschaftlichen Fortschritt zu ermöglichen, ohne Fairness, Transparenz und globale Gerechtigkeit zu vernachlässigen. Sammlungen müssen als Teil eines gemeinsamen Erbes der Menschheit betrachtet werden, ihre öffentliche Zugänglichkeit, im Sinne von ‚Ethical Collectomics‘, ist eine der drängendsten wissenschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit“, schließt Gebauer.

Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung


Originalpublikation:

Kamil E Frankiewicz, Ana Rita Giraldes Simões, Magdalena Grenda-Kurmanow, Annika Engelhardt, Natalia M Shiyan, Sergei L Mosyakin, Marcelo R Pace, M Alejandra Jaramillo, Anthony R Magee, A Muthama Muasya, Oscar A Perez-Escobar, Carmen R Marcati, Melania Muñoz-García, Diego Sotto Podadera, Sebastian Gebauer, Ethical collectomics: A guide to the responsible and fair mobilization of natural history collections, BioScience, 2026;, biag069, https://doi.org/10.1093/biosci/biag069

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Künstliche Intelligenz Wissenschaft Thüringen
news-39025 Fri, 12 Jun 2026 11:09:46 +0200 Relevanz und Handlungsbereitschaft zu Umweltschutz weiterhin auf hohem Niveau https://www.vbio.de/aktuelles/details/relevanz-und-handlungsbereitschaft-zu-umweltschutz-weiterhin-auf-hohem-niveau Wie nehmen Bürgerinnen und Bürger ökologische Herausforderungen wahr? Und wie aktiv sind sie selbst in Sachen Umweltschutz? Diesen Fragen geht das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT in sich wiederholenden bevölkerungsrepräsentativen Umfragen auf den Grund und veröffentlicht die Ergebnisse unter dem Titel »Fraunhofer UMSICHT-Umweltindex (U-Index)«. Das erste Mal hat das Institut die Befragung Ende 2024 beauftragt und im September 2025 wiederholt.  Insgesamt wurden über 1000 Personen zu ökologischen Problemen, ihrer Bereitschaft zu Verhaltensänderungen und zur Umsetzung von Umweltschutzmaßnahmen im privaten und beruflichen Umfeld befragt. Ein Blick auf die zentralen Ergebnisse:

Entwicklung im Zeitverlauf: Die Daten zeigen, dass die Relevanz ökologischer Probleme im Vergleich zu 2024 nach wie vor hoch eingeschätzt wird, große Teile der Bevölkerung notwendige Anpassungen akzeptieren und die Handlungsbereitschaft im privaten Umfeld zunimmt.

Bewertung ökologischer Herausforderungen: Weniger als ein Drittel der Befragten geben an, dass ökologische Wirkungen im Vergleich zu Themen wie innere Sicherheit oder soziale Gerechtigkeit überbewertet werden. Rund 40 Prozent sehen die ökologische Dimension als nicht überbewertet an. Diejenigen, die sie als überbewertet ansehen, sind häufig männlich.

Konsumverzicht und Zukunftserwartungen: Rund die Hälfte der Befragten (49 Prozent) hält einen deutlichen Konsumverzicht für notwendig, um schädliche Umweltwirkungen zu vermeiden. Gleichzeitig glaubt knapp die Hälfte, dass es nicht mehr gelingen wird, diese ausreichend abzuwenden – insbesondere Frauen teilen diese Einschätzung häufiger.

Handlungsbereitschaft: Über ein Drittel (37 Prozent) der Befragten hat im privaten Umfeld in den vergangenen 12 Monaten aktiv Maßnahmen zum Umweltschutz umgesetzt. Eine vergleichbare Anzahl plant dies für die kommenden 12 Monate. Im beruflichen Umfeld liegt der Anteil bei etwa 18 Prozent.

»Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit trotz aller Krisen nach wie vor als wichtig eingestuft werden«, sagt UMSICHT-Wissenschaftler Jürgen Bertling. »Im Vergleich zum Vorjahr ist die positive Einstellung zu Umweltschutz 2025 gleichbleibend hoch. Die Zahlen widersprechen der häufig geäußerten Ansicht, dass die ökologische Modernisierung Deutschlands nicht mehrheitsfähig sei.« Die nächste Umfrage ist für Oktober 2026 geplant.

Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT


Originalpublikation:

Fraunhofer UMSICHT-Umweltindex - Relevanz von Umweltschutz in der Gesellschaft, http://www.doi.org/10.24406/publica-8836

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Nachhaltigkeit/Klima Politik & Gesellschaft Bundesweit
news-39024 Fri, 12 Jun 2026 10:58:49 +0200 Schlafen statt Fressen: Darm beeinflusst das Verhalten https://www.vbio.de/aktuelles/details/schlafen-statt-fressen-darm-beeinflusst-das-verhalten Der Darm regelt weit mehr als nur die Verdauung. Forschende haben bei Fruchtfliegen nun einen überraschenden Zusammenhang zwischen Darmfunktion, Nahrungsaufnahme und Schlaf entdeckt. Die Arbeit untermauert, dass der Darm mit dem Gehirn kommuniziert und das Verhalten beeinflusst.  Die ersten Stunden im Leben sind entscheidend für das Überleben und Gedeihen von Tieren. Dabei sind zwei Schritte besonders wichtig: Der erste Stuhlgang, um Abfallprodukte – das sogenannte Mekonium – auszuscheiden, sowie das erste Mal selbständig Nahrung aufzunehmen. Wie diese Schritte miteinander verknüpft sind und inwiefern der Darm das Ess- und Schlafverhalten steuert, war bislang unklar. Die Erforschung dieser Zusammenhänge ist von großem Interesse und wird auch beim Menschen intensiv untersucht, da die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn zunehmend mit Gesundheit und Krankheiten in Verbindung gebracht wird.

Fruchtfliegen, Drosophila melanogaster, müssen die beiden Aufgaben ebenfalls nach dem Schlüpfen bewältigen. Dabei ist die zeitliche Abfolge wichtig, wie das Team um Prof. Anissa Kempf vom Biozentrum der Universität Basel nun herausfand. Erst wenn die frisch geschlüpften Fliegen das Mekonium ausgeschieden haben, fangen sie an zu fressen. Bei Fliegen mit Darmverschluss geschieht dies nicht, sie verweigern die Nahrungsaufnahme, schlafen ungewöhnlich viel und sterben überdurchschnittlich früh. Die Darmfunktion beeinflusst demnach das Ess- und Schlafverhalten. 

Gendefekt verursacht Darmverschluss

Der Darmverschluss lässt sich auf ein Gen zurückführen, welches bei der Entwicklung von Fruchtfliegen eine wichtige Rolle spielt. Bereits 1914 hatten Forschende beobachtet, dass Fliegen mit einem Defekt im Apterous-Gen keine Flügel entwickeln und früh sterben. «Wir haben nun den Grund dafür gefunden und damit ein über hundert Jahre altes Rätsel gelöst», sagt Kempf. «Weil sich bei den Fliegen durch den Gendefekt auch der Hinterdarm nicht normal entwickelt, kommt es zum Darmverschluss.»

Darm beeinflusst Schlaf und Verhalten

Aufgrund der Blockade im Darm können die Fliegen nach dem Schlüpfen ihr Mekonium nicht ausscheiden. Sie werden mit der Zeit immer träger, schläfriger und fressen nicht, obwohl sie hungrig sind. «Wir vermuten, dass die Fliegen vermehrt schlafen, um Energie zu sparen und so länger zu überleben», erklärt Cindy Reinger, Erstautorin der Studie. «Und im Schlaf bewegen Fliegen ihren Saugrüssel rhythmisch, was möglicherweise die Darmaktivität anregen soll. Vielleicht ist das ein verzweifelter Versuch, das Mekonium loszuwerden.»

In ihrer Studie entdeckten die Forschenden zudem den Grund für den tödlichen Darmverschluss. «Bei gesunden Fliegen entstehen in der frühen Entwicklung vier sogenannte Rektalpapillen, welche dem Kot Flüssigkeit entziehen und so den Wasserverlust minimieren», erklärt Reinger. «Durch den Gendefekt bildet sich im Hinterdarm statt der vier Papillen jedoch ein Zapfen, der den Darm komplett verschliesst. Wir haben ihn Reingers-Knoten genannt.»

Parallelen zum Menschen

Die Arbeit zeigt eindrücklich, wie eng Darmfunktion, Schlaf und Essverhalten und damit das Überleben miteinander verbunden sind. Gleichzeitig ergeben sich daraus neue Fragen: Wie kommuniziert der Darm mit dem Gehirn? Wie steuert der Darm Schlaf und Essverhalten? Und wie merkt der Körper, dass er bereit ist, Nahrung aufzunehmen? Viele der bei den Fruchtfliegen beobachteten Symptome ähneln denen eines Darmverschlusses beim Menschen, darunter Verstopfung, Appetitverlust, Müdigkeit, ein aufgeblähter Darm und schliesslich Gewebeschäden, die zum Darmdurchbruch führen. Die Studie legt nahe, dass Signale aus dem Darm einige dieser Symptome auslösen könnten. Da viele grundlegende biologische Vorgänge bei Fruchtfliegen und Menschen ähnlich sind, bietet Drosophila einzigartige Möglichkeiten, um die Folgen von Darmerkrankungen und auch die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn genauer zu untersuchen.

Universität Basel


Originalpublikation:

Cindy Reinger, Laura Blackie, Alexandra M. Medeiros, Hugo Gillet, Carolin Kring, Pedro Gaspar, Dafni Hadjieconomou, Michèle Sickmann, Markus Affolter, Irene Miguel-Aliaga, Martin Müller, Anissa Kempf. Intestinal obstruction impairs feeding and promotes sleep in Drosophila melanogaster. Science Advances; 2026, https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.ady2183

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Wissenschaft International
news-39023 Fri, 12 Jun 2026 10:54:00 +0200 Das Altern im Schatten der Selektion https://www.vbio.de/aktuelles/details/das-altern-im-schatten-der-selektion Warum wir altern und warum sich die Alterungsraten zwischen Individuen und Arten unterscheiden, untersucht ein aktueller Übersichtsartikel mithilfe von Evolutionstheorie, vergleichender Genomik und Humangenetik. Die beiden Autorinnen zeigen, dass moderne Menschen heute in der Regel ein hohes Alter erreichen und daher die Folgen biologischer Prozesse erleben, die die natürliche Selektion für das frühe Leben optimiert hat, sowie die Folgen von Mutationen, deren schädliche Wirkung erst spät einsetzt. Sie verweist auf gemeinsame genetische Ursachen und konservierte Therapieziele.  Die Frage, warum und wie Organismen altern, gehört zu den zentralen Fragestellungen der Biologie. Klassische Evolutionstheorien erklären das Altern damit, dass die natürliche Selektion mit zunehmendem Alter an Wirksamkeit verliert. Das bedeutet, Eigenschaften, die den Fortpflanzungserfolg beeinflussen, sind für die Evolution besonders wichtig und werden daher in jungen Jahren ausgewählt (selektiert). Dagegen wirkt die Selektion nur schwach auf Merkmale, deren Auswirkungen erst im Alter auftreten, da dann viele Organismen bereits damit aufgehört haben, sich fortzupflanzen. Schädliche Effekte, die erst spät im Leben zum Tragen kommen, werden durch die Selektion kaum beseitigt und können sich im Verlauf der Evolution ansammeln. Dieser Effekt wird als „Selektionsschatten“ bezeichnet und bildet die Grundlage moderner Evolutionstheorien zum Altern.

Hinzu kommen sogenannte „Trade-offs“ – Interessenkonflikte innerhalb des Körpers –, wie zum Beispiel die Energie, über die ein Organismus verfügt. Da der Energievorrat begrenzt ist, muss der Organismus die Energie zwischen Fortpflanzung und Erhalt des Körpers aufteilen. Individuen, die früh im Leben viele Nachkommen zeugen, investieren daher oft weniger in langfristige Reparaturprozesse, was zu einer schnelleren Alterung ihres Körpers führen kann.

Auf genetischer Ebene lässt sich das Altern durch zwei zentrale Mechanismen erklären: Erstens durch die Ansammlung von Mutationen, bei der schadhafte Varianten des Erbguts, die erst spät im Leben zum Tragen kommen, nur schwach durch Selektion entfernt werden. Zweitens durch gegensätzliche Pleiotropie, bei der bestimmte Gene in jungen Jahren positive Auswirkungen haben, im Alter jedoch zur Entstehung von Krankheiten beitragen können.

Die Evolution des Alterns – damals und heute

Der neue Übersichtsartikel in „Nature Reviews Genetics“ erweitert diese Perspektive und untersucht, wie sich die Evolution des Alterns unter den Bedingungen der modernen menschlichen Gesellschaft vollzieht. In diesen Gesellschaften leben die Menschen deutlich länger, haben weniger Kinder und erhalten eine bessere medizinische Versorgung. Im Mittelpunkt steht dabei der demografische Wandel, nämlich der Übergang von Gesellschaften mit hohen Geburten- und Sterberaten zu solchen mit niedrigen Geburtenraten und hoher Lebenserwartung. 

Unter diesen Bedingungen gewinnen die klassischen Vorhersagen noch mehr an Bedeutung: Da heute weitaus mehr Menschen ein hohes Alter erreichen als jemals zuvor in der menschlichen Evolution, treten die Folgen des „Selektionsschattens“ – die Anhäufung von spät wirksamen schädlichen Varianten und von für die Jugend optimierten Stoffwechselwegen, die auch im späteren Leben aktiv bleiben – nun in einem Ausmaß zutage, mit dem die Selektion nie zu kämpfen hatte. Moderne Lebensbedingungen bringen eine weitere Dimension mit sich: Nahrungsüberfluss, geringere körperliche Aktivität und moderne Medizin unterscheiden sich deutlich von den Umgebungen, in denen sich die Humanbiologie entwickelt hat, und können Nachteile aufdecken, die zuvor nicht sichtbar waren.

Nach Ansicht von Dr. Melike Dönertaş vom Leibniz-Institut für Alternsforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena und Dame Linda Partridge vom University College London, UK, bedeutet dies nicht, dass das Alter nun in gleicher Weise der Selektion unterliegt wie einst die Jugend – eine längere Lebenserwartung erweitert zwar den Wirkungsbereich der Selektion auf das spätere Leben, doch die geringere Geburtenrate schwächt ihre Gesamtwirkung. Das Fazit lautet, dass biologische Prozesse, die in der evolutionären Vergangenheit kaum von der Selektion beeinflusst wurden, nun das Leben einer großen Zahl von Menschen prägen.

Altern ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren

Das Altern, so die Autorinnen, lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Es entsteht aus dem Zusammenspiel von genetischer Veranlagung, Lebensgeschichte, Umweltbedingungen und demografischen Falktoren. Welche Folgen sich daraus im Laufe des Lebens ergeben, wird maßgeblich durch die heutigen demografischen und ökologischen Bedingungen bestimmt.

Auf molekularer Ebene zeigt sich Altern in einer Reihe konservierter biologischer Prozesse, den sogenannten „Merkmalen des Alterns“. Dazu zählen unter anderem Veränderungen der DNA-Stabilität, der Verlust der Mitochondrienfunktion, Störungen des Nährstoffstoffwechsels sowie die Anreicherung geschädigter Proteine und alternder Zellen. Reguliert werden diese Prozesse durch zentrale Signalwege wie das Insulin/IGF-1- und das mTOR-System, die das Wachstum, den Energiehaushalt und die Reparaturmechanismen steuern. Da diese Signalwege bei vielen Arten konserviert sind, deutet vieles darauf hin, dass Altern auf grundlegenden biologischen Systemen beruht, die ursprünglich für Wachstum und Fortpflanzung optimiert wurden. Der Review zeigt zudem, dass Gene, die mit den Merkmalen des Alterns und mit Langlebigkeit in Verbindung stehen, bei Menschen und anderen Tieren über die Evolution hinweg ungewöhnlich stark erhalten geblieben sind.

Altern als Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklungen

Dieser Ansatz verbindet Evolutionsbiologie, Demografie und biomedizinische Forschung und betrachtet Altern nicht nur als biologischen Prozess, sondern auch im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen. Dies ist besonders relevant für das Verständnis alternsbedingter Erkrankungen wie Herz-Kreislauf- oder neurodegenerativer Erkrankungen. Die evolutionäre Perspektive hilft zu erklären, warum diese Krankheiten in modernen Gesellschaften so häufig auftreten, und gemeinsame biologische Ursachen haben. Viele von ihnen gehen auf dieselben grundlegenden Alternsprozesse zurück. 

„Eine evolutionäre Sichtweise auf das Altern ist nicht nur eine historische Besonderheit – sie verweist auf die konservierten, uralten Signalwege, deren anhaltende Aktivität im späteren Leben zu den alternsbedingten Krankheiten beiträgt und bei denen Interventionen daher am ehesten Erfolg versprechen“, betont Dr. Dönertaş, Forschungsgruppenleiterin am FLI.

„Darüber hinaus definiert sie auch das Ziel neu: nicht einfach die Lebensdauer zu verlängern, sondern die Kosten des höheren Lebensalters, die durch eine für das frühe Leben optimierte Biologie entstehen, teilweise zu verringern – damit ein größerer Teil des Lebens bei guter Gesundheit verbracht werden kann“, erläutert die britische Genetikerin. Dame Partridge ist Weldon-Professorin für Biometrie am Department of Genetics, Evolution, and Environment des University College London (UCL), Direktorin des UCL Institute for Healthy Aging, Gründungsdirektorin des Max-Planck-Instituts für Biologie des Alterns und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des FLI.

Ein ganzheitlicher Ansatz

Der Artikel führt Evolutionstheorie, die Molekularbiologie des Alterns sowie die demografischen und ökologischen Bedingungen des modernen Lebens in einem gemeinsamen Erklärungsansatz zusammen. Demnach ist der moderne Kontext nicht nur die Kulisse des Alterns, sondern trägt auch dazu bei, warum die Belastungen des hohen Alters heute so weit verbreitet sind. Eine evolutionäre Perspektive kann helfen, diese Belastungen besser zu verstehen und neue Ansatzpunkte für Interventionen zu identifizieren.

Daraus ergeben sich neue Forschungsfragen dazu, wie demografische Veränderungen – etwa steigende Lebenserwartung, sinkende Geburtenraten oder die Alterung der Bevölkerung – molekulare und physiologische Alternsprozesse beeinflussen. Zugleich zeigen genetische Studien, dass Altern ein hochkomplexes, polygenes Merkmal ist, an dem zahlreiche Gene mit jeweils kleinen Effekten beteiligt sind. Dies eröffnet neue Perspektiven für die Alternsforschung und das Verständnis von Alterungsprozessen in einer zunehmend alternden Weltbevölkerung.

Leibniz-Institut für Alternsforschung - Fritz-Lipmann-Institut e.V.


Originalpublikation:
Dönertaş HM, Partridge L.: Evolutionary genetics of ageing.  Nat Rev Genet. 2026, May 11. doi: 10.1038/s41576-026-00959-x. https://www.nature.com/articles/s41576-026-00959-x
 

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Wissenschaft Thüringen
news-39022 Fri, 12 Jun 2026 10:45:29 +0200 Experten fordern, ökologische Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt der EU-Politik zu stellen https://www.vbio.de/aktuelles/details/experten-fordern-oekologische-nachhaltigkeit-in-den-mittelpunkt-der-eu-politik-zu-stellen Die Europäische Gruppe für Ethik der Naturwissenschaften und der neuen Technologien (EGE) hat eine Stellungnahme zur Umsetzung der politischen Verantwortung der EU gegenüber der Natur erstellt. Die Stellungnahme „Valuing Nature: Implications for EU Governance“ wurde am 3. Juni im Rahmen des Ethics Advice Mechanism (EThAM) veröffentlicht, der der Europäischen Kommission und anderen europäischen Institutionen unabhängige ethische Beratung und politische Empfehlungen bietet. In der Stellungnahme wird empfohlen, wie die politischen Verpflichtungen der EU gegenüber der Natur konsequenter in die Entscheidungsfindung umgesetzt werden können, insbesondere unter Bedingungen ökologischer Interdependenz, des Verlusts an biologischer Vielfalt, der Klimainstabilität, des Systemrisikos und ökologischer Grenzen. EGE-Experten betonen, dass menschliche Gesellschaften nicht von der Natur getrennt sind, sondern Teil der ökologischen Systeme sind, von denen sie abhängen. Daher wird in der Stellungnahme argumentiert, dass ökologische Nachhaltigkeit kein zweitrangiges Ziel ist, sondern für die Widerstandsfähigkeit, den Wohlstand, die Sicherheit und die demokratische Legitimität Europas erforderlich ist, insbesondere vor dem Hintergrund geopolitischer Instabilität, wirtschaftlichem Druck, industriellem Wettbewerb und sozialer Belastung.

Die EGE empfiehlt den politischen Entscheidungsträgern:

  • Schaffung eines Rechts auf eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt in der EU
  • mehrere Arten der expliziten und konsequenten Bewertung der Natur in die Politikgestaltung zu integrieren, so dass ökologische, ethische, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Erwägungen Entscheidungen prägen können
  • wissenschaftlich ermittelte ökologische Grenzen und die Risiken erheblicher Schäden als Zwänge bei der Bewertung, Folgenabschätzung und politischen Entscheidungsfindung zu behandeln;
  • institutionelle Mechanismen zu entwickeln und zu stärken, damit ökologische Belange, einschließlich der Auswirkungen auf die nichtmenschliche Natur, angemessen berücksichtigt und bei der Governance und rechtlichen Entscheidungsfindung berücksichtigt werden;
  • ökonomische Bewertung unter klaren ethischen und ökologischen Bedingungen zu nutzen, so dass solche Instrumente das Wohlbefinden, die Widerstandsfähigkeit, die ökologische Integrität und verschiedene Arten der Bewertung der Natur unterstützen
  • Stärkung von Forschung, verantwortungsvoller Innovation und institutionellem Lernen zur Bewertung der Natur und zur Steuerung der menschlichen Auswirkungen auf die Natur
  • Stärkung gemeinsamer Verantwortlichkeiten, ökologischer Kompetenz und staatsbürgerlicher Kapazitäten für den Schutz der Natur
  • frühzeitige, sinnvolle und sich daraus ergebende Beteiligung an der lokalen, nationalen und EU-Governance mit Auswirkungen auf die Natur.
  • Gewährleistung der Kohärenz zwischen den internen Verpflichtungen der EU in Bezug auf Natur und Nachhaltigkeit und ihrem auswärtigen Handeln

Europäische Kommission (Die Pressemeldung wurde maschinell übersetzt)


Stellungnahme: European Commission: Directorate-General for Research and Innovation, Biller-Andorno, N., do Céu Patrão Neves, M., Laukyte, M., Łuków, P. et al., Ethics Advice Mechanism – Valuing nature – Implications for EU governance – European Group on Ethics in Science and New Technologies, Publications Office of the European Union, 2026, https://data.europa.eu/doi/10.2777/8270326

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Politik & Gesellschaft International
news-39021 Fri, 12 Jun 2026 10:34:57 +0200 Wenn Fledermäuse Geschichten erzählen: Forschung macht den Wandel heimischer Artenvielfalt sichtbar https://www.vbio.de/aktuelles/details/wenn-fledermaeuse-geschichten-erzaehlen-forschung-macht-den-wandel-heimischer-artenvielfalt-sichtbar Tief in alten Kellern, Bunkern und Höhlen beginnt vielerorts Jahr für Jahr dieselbe stille Routine: Ehrenamtliche Naturschützer*innen zählen überwinternde Fledermäuse, notieren Bestände und dokumentieren Veränderungen. Lange blieben diese wertvollen Daten auf verschiedene Archive und Datenbanken verteilt. Mit „BATLAS“, einer an der Universität Greifswald entwickelten Plattform für Fledermausmonitoring, entsteht daraus erstmals ein deutschlandweites Bild der Bestandsentwicklung heimischer Fledermäuse.  Drei aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen, wie das Zusammenspiel von ehrenamtlichem Engagement, innovativen Analysemethoden und digitaler Vernetzung neue Möglichkeiten für den Schutz der biologischen Vielfalt eröffnet.

Im Mittelpunkt des Bundesweiten digitalen Atlas zur Analyse von Fledermaus-Populationsdaten (BATLAS) steht die Zusammenführung und Analyse bundesweiter Daten. Das an der Universität Greifswald konzipierte Tool wird heute in enger Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Behörden, Ehrenamtlichen und der Kompetenzstelle für Fledermausschutz Sachsen-Anhalt weiterentwickelt. Aktuell enthält die Plattform rund 150 000 Datensätze von Winterquartierzählungen aus dem gesamten Bundesgebiet und liefert erstmals deutschlandweite Populationstrends für 16 heimische Fledermausarten. Damit schafft BATLAS eine Grundlage, um die Entwicklung heimischer Fledermauspopulationen deutschlandweit zu verfolgen und Bestandsveränderungen einzelner Arten verlässlich zu bewerten.

Die Auswertungen zeigen ein differenziertes Bild: Während sich einige Arten – etwa die Kleine Hufeisennase – positiv entwickeln, verzeichnen andere wie das Graue Langohr weiterhin Bestandsrückgänge. Die Ergebnisse liefern damit wichtige Hinweise für den Naturschutz und helfen dabei, Schutzmaßnahmen gezielter zu planen und ihre Wirksamkeit zu bewerten. „BATLAS zeigt, was möglich wird, wenn Menschen ihre Daten teilen und gemeinsam an einem Ziel arbeiten“, sagt Dr. Marcus Fritze, der die Plattform gemeinsam mit Dr. Saskia Schirmer, Stefan Mayr und weiteren Forschenden an der Universität Greifswald entwickelt hat. „Viele Fledermausdaten wurden über Jahrzehnte hinweg ehrenamtlich erhoben, lagen jedoch in unterschiedlichen Datenbanken, Tabellen und Archiven verteilt. BATLAS schafft daraus erstmals ein gemeinsames, analysierbares System“, ergänzt Schirmer.

Drei veröffentlichte Studien – ein gemeinsames Ziel
Die drei Studien betrachten das Projekt aus unterschiedlichen Perspektiven. Eine Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Ecological Indicators stellt neue statistische Verfahren vor, mit denen sich auch aus lückenhaften Monitoringdaten belastbare Populationstrends ableiten lassen. Eine zweite Studie in Ecological Informatics beschreibt BATLAS als digitale Plattform zur Zusammenführung, Standardisierung und Auswertung bundesweiter Fledermausdaten. Die dritte Veröffentlichung in Natur und Landschaft rückt die Menschen hinter den Daten in den Mittelpunkt und zeigt, wie entscheidend das langjährige Engagement von Ehrenamtlichen für den Fledermausschutz ist. Gemeinsam schaffen die drei Arbeiten wichtige Grundlagen für die Naturschutzplanung, die Bewertung von Schutzmaßnahmen sowie die Berichterstattung zum Zustand geschützter Arten.

Die Grundlage von BATLAS bilden derzeit Winterquartierzählungen, die vielerorts seit Jahrzehnten mit hohem persönlichem Einsatz – meist durch Ehrenamtliche, Arbeitsgemeinschaften, Naturschutzverbände oder lokale Fachgruppen – durchgeführt werden. „Ohne dieses Engagement gäbe es BATLAS nicht“, betont Prof. Dr. Gerald Kerth, Leiter der Arbeitsgruppe Angewandte Zoologie und Naturschutz an der Universität Greifswald. „Die Plattform lebt vom Vertrauen, vom persönlichen Austausch und vom gemeinsamen Interesse am Schutz der Fledermäuse.“

Ehrenamt als Fundament des Fledermausschutzes
Die drei Studien zeigen, dass wirksamer Naturschutz auf langfristigen Daten und langfristigem Engagement beruht. Die Ergebnisse liefern wichtige Grundlagen für die Naturschutzplanung, die Berichterstattung Deutschlands zum Zustand geschützter Arten im Rahmen der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH Richtlinie) sowie für Rote-Liste-Bewertungen. Zugleich zeigen sie, wie wertvoll langfristige Bürgerforschung für den Schutz der biologischen Vielfalt ist. BATLAS macht deutlich, wie ehrenamtlich erhobene Daten durch moderne Analyseverfahren und digitale Werkzeuge zu einer belastbaren Grundlage für Forschung, Naturschutz und politische Entscheidungen werden können.

Die Forschenden sehen in BATLAS zugleich ein Modell für den zukünftigen Umgang mit Biodiversitätsdaten. Das Projekt zeigt beispielhaft, wie Citizen Science, moderne Forschung und digitale Infrastruktur zusammenwirken können, um verlässliche Grundlagen für den Schutz der biologischen Vielfalt zu schaffen.

BATLAS: Portal für Fledermauspopulationstrends https://batlas.info/

Universität Greifswald


Originalpublikationen:

Schirmer, S., Fritze, M. & Scheuerlein, A., (2026): How to estimate overall population trends when sites show varying population counts over time? Ecological indicators 183, 114588. https://doi.org/10.1016/j.ecolind.2025.114588

Fritze, M., Mayr, S., Scheuerlein, A., Kerth, G., Schirmer, S. (2026): BATLAS: A scalable citizen science platform for integrating biodiversity monitoring data with automatic population trend analysis. Ecological Informatics, 103817. https://doi.org/10.1016/j.ecoinf.2026.103817 

Fritze, M. et al.: BATLAS: Bundesweiter digitaler Atlas zur Analyse von Fledermaus-Populationsdaten. Natur und Landschaft101 (1), S. 2-13. 2026, https://doi.org/10.19217/NuL2026-01-01
 

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Wissenschaft Mecklenburg-Vorpommern
news-39020 Thu, 11 Jun 2026 10:54:15 +0200 Diversität im Wald: Mehr Arten durch Totholz und Lücken https://www.vbio.de/aktuelles/details/diversitaet-im-wald-mehr-arten-durch-totholz-und-luecken Unordnung bringt mehr Leben in den Wald: Darauf reagieren Vögel und Fledermäuse unterschiedlich, wie eine aktuelle Studie zeigt. Über Jahrhunderte wurden die Wälder in Europa für die Holzproduktion optimiert. Das Ergebnis sind oft sehr ordentliche, gleichförmige Bestände, in denen alte, morsche Bäume oder natürliche Lichtungen fehlen.

Diese Monotonie kann für die Artenvielfalt zum Problem werden. Eine Forschungsgruppe aus dem Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) hat nun gemeinsam mit Forschenden der Universitäten Marburg und München sowie des Nationalparks Bayerischer Wald im Projekt BETA FOR untersucht, wie sich gezielte Eingriffe zur Wiederherstellung einer abwechslungsreicheren Waldstruktur auf die Vielfalt an Fledermäusen und Vögeln auswirken.

Die Ergebnisse sind im Fachmagazin Current Biology veröffentlicht. Das Team des Waldökologen Professor Jörg Müller zeigt: Wenn der Mensch im Wald Lücken im Blätterdach schafft und Totholz liegen lässt, steigert das den Reichtum beider Artengruppen auf Ebene der Waldlandschaft. Dabei reagieren Vögel und Fledermäuse aber unterschiedlich auf die Veränderungen in ihrem Lebensraum.

Vögel als Heimwerker, Fledermäuse als Pendler

Vögel verhalten sich wie Heimwerker: Sie besetzen feste Reviere, wenn sie dort alles finden, was sie brauchen – vom Nistplatz bis zum Futter. Sie profitieren davon, wenn ihr angestammtes Waldstück mit Totholz und Lücken möglichst komplex strukturiert ist. Fledermäuse dagegen sind wie Pendler: In einer Nacht legen sie weite Strecken zurück und besuchen dabei verschiedene „Spezialgeschäfte“. Mal jagen sie Insekten in einer dunklen, dichten Ecke des Waldes, mal nutzen sie helle Lücken als Einflugschneisen. Für sie ist es wichtig, dass sich die einzelnen Waldabschnitte räumlich voneinander unterscheiden.

Welche Arten neu auftauchten

Die Würzburger Studie zeigt, wie die Vielfalt durch Kronendachlücken und Totholz zunimmt. Bei den Fledermäusen kamen in unordentlicheren Wäldern im Schnitt zwei Arten neu dazu. „Das klingt wenig, ist aber dennoch viel, weil es in Deutschland insgesamt nur 25 Fledermausarten gibt“, sagt Doktorandin Clara Wild, die Erstautorin der Studie. Die strukturreicheren Wälder zogen zum Beispiel Arten an wie die Nordfledermaus oder die Zweifarbfledermaus. Beide bevorzugen sonst offenes Gelände und sind in dichten, gleichförmigen Wäldern eher selten. Die Vögel profitierten besonders stark von lokalen Eingriffen, wie künstlich geschaffenen Waldlücken mit Totholz. Bei ihnen stieg vor allem die sogenannte funktionelle Vielfalt – das heißt, es kamen Arten mit sehr eigenen Lebensweisen dazu – etwa Totholzspezialisten wie verschiedene gefährdete Spechtarten.

Das Experiment: 234 Waldflächen in sechs Regionen

Die Forschenden führten die Studie in sechs Regionen in Deutschland durch: bei Lübeck, im Saarland, im Forst der Universität Würzburg, bei Passau, im Nationalpark Hunsrück-Hochwald und im Nationalpark Bayerischer Wald. Insgesamt untersuchten sie 234 exakt definierte Waldflächen von 50 mal 50 Metern. Dort manipulierten sie gezielt den Wald für diversere Strukturen: Auf einigen Flächen sorgten sie für Lücken im Blätterdach, auf anderen platzierten sie Totholz wie Baumstümpfe oder liegende Stämme. Wie sich daraufhin die Artenvielfalt änderte, untersuchten sie in den vier bis sieben Jahren danach.

Akustische Überwachung der Rufe und Gesänge

Um herauszufinden, welche Tiere in den Waldstücken leben, nutzten die Forschenden ein akustisches Monitoring. Zu Zeiten, zu denen die Tiere am aktivsten sind, nahmen Rekorder die Rufe oder Gesänge auf. Die unsichtbaren Spione überwachten den Wald über drei Monate hinweg, ohne dass die Tiere durch die Anwesenheit von Menschen gestört wurden. Auf diese Weise identifizierte das Forschungsteam insgesamt 17 Fledermaus- und 72 Vogelarten. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir auch in monotonen artenarmen Wäldern die Artenvielfalt fördern können“, erklärt Clara Wild. „Durch kleine Eingriffe, die die Strukturvielfalt erhöhen, können wir wertvolle Nischen schaffen. Das macht den Wald vielfältiger und zieht Schädlingsbekämpfer wie Vögel und Fledermäuse gleichermaßen an.“

Forstwirtschaft sollte Mut zur Lücke zeigen

Die neuen Erkenntnisse sind eine weitere Orientierungshilfe für die Forstwirtschaft. „Ein strukturreicher Wald ist durch seine Vielfalt viel widerstandsfähiger gegen den Klimawandel“, sagt Jörg Müller. Für Forstbetriebe bedeute das: Mut zur Lücke: „Totholz im Wald zu lassen, kostet kurzfristig zwar etwas Holzertrag, sichert aber langfristig die Stabilität des gesamten Ökosystems.“

Julius-Maximilians-Universität Würzburg


Originalpublikation:

Wild C. et al.: Restoring structural complexity in temperate forests increases bat and bird diversity. Current Biology, 20. Mai 2026, https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.04.058

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Bayern
news-39019 Thu, 11 Jun 2026 10:43:51 +0200 Mehr Eisberge in der Arktis https://www.vbio.de/aktuelles/details/mehr-eisberge-in-der-arktis Die Zahl der Eisberge in der Arktis ist seit den 2000er-Jahren sprunghaft angestiegen. Ursache sind die Destabilisierung großer Gletscher in Nordostgrönland und Teilen der russischen Arktis sowie die zunehmende Mobilität des Meereises. Die Folge: Aus den schmelzenden Eisbergen regnet es Steine, die auf dem weichen Meeresboden neue Siedlungsflächen für Lebewesen bilden. Dadurch verändern sich mit der Zeit die bestehenden Lebensgemeinschaften der Tiefsee. Gleichzeitig wächst mit der steigenden Eisbergpräsenz auch das Risiko für Schifffahrt und Fischerei.  Die meisten Eisberge in der Arktis tragen Spuren ihrer Herkunft in sich: Beim Kalben großer Gletscher werden nicht nur gewaltige Eisblöcke freigesetzt, sondern auch Geröll und Sedimente, die über Jahre im Eis mitgeführt wurden. So gelangen Steine in die Eisberge – sichtbar als dunkle Flecken und Adern an der Oberfläche und an den Flanken.

Doch was Forschende im Jahr 2021 auf mehreren Eisbergen in der Framstraße sahen, überraschte selbst erfahrene Expeditionsteilnehmende. Dr. Melanie Bergmann, Biologin am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), erblickte die Eisberge aus einem Helikopter des Forschungseisbrechers Polarstern: „Einige der Eisberge trugen ungewöhnlich große Mengen an Geröll und sahen von oben fast schwarz aus.“ Um diesem ungewöhnlichen Befund nachzugehen, dokumentierte das Expeditionsteam die Gesteinsverteilung und entnahm Material. Melanie Bergmann berichtet: „Uns wurde sofort klar: Hier treiben tonnenweise Gestein durch den Arktischen Ozean, hunderte Kilometer entfernt von jedem Gletscher.“

Hinweise zur Herkunft der Eisberge fanden die Forschenden rund 2500 Meter tiefer, auf Bildern aus dem Langzeit-Observatorium „AWI-Hausgarten“: Auf dem Tiefseeboden hatten die Steine, die beim Schmelzen aus den Eisbergen herabregnen, bereits eine deutliche Fährte hinterlassen. Dr. Kirstin Meyer-Kaiser, Wissenschaftlerin an der Woods Hole Oceanographic Institution (WHOI) in den USA, hat die Tiefsee-Fotos aus der Region ausgewertet, die von Expeditionen vergangener Jahre stammen: „Wo zuvor nur vereinzelte Steine verschiedener Größen lagen, finden wir nun deutlich größere Ansammlungen, häufig in kleinen Gruppen. Und mit jedem neuen Stein entsteht am Meeresboden ein fester Siedlungsplatz. Dort können sich Schwämme, Anemonen und andere Tiere, die Hartsubstrate bevorzugen, niederlassen. Die Biodiversität in der Tiefsee nimmt dadurch also zu.“ Den Nachweis, dass die Steine am Meeresgrund tatsächlich von den Eisbergen stammen, erbrachte ein Vergleich der Beobachtungen vom Eisberg und der Tiefsee. Kirstin Meyer-Kaiser: „Die Steine zeigen eine klare Übereinstimmung in Größe und mineralogischer Zusammensetzung.“

Doch ist das ein regional begrenztes Phänomen oder eine Folge des Klimawandels, der die Gletscher immer schneller schmelzen lässt und das Eisbergvorkommen mitsamt seiner steinernen Fracht erhöht? Melanie Bergmann betont: „Solche Rätsel lassen sich nur interdisziplinär lösen. Deshalb haben wir Biologinnen und Biologen uns mit Fachleuten aus Glaziologie, Ozeanographie, Geologie, Tiefsee- und Atmosphärenforschung zusammengeschlossen und uns über Jahre hinweg immer wieder ausgetauscht.“

Dr. Thomas Krumpen, Meereisphysiker am AWI und zusammen mit Kirstin Meyer-Kaiser Hauptautor der Studie, beschreibt die zentrale Herausforderung: „Um den Nachweis zu erbringen, dass der Klimawandel den Prozess verstärkt, mussten wir zeigen, dass sich die Häufigkeit der Eisberge in der Region verändert hat.“ Das sei jedoch nicht trivial, „weil kleinere Eisberge und ihre Fragmente im Packeis kaum per Satellit zu erkennen sind. Darum konnte bisher niemand sagen, ob es heute mehr Eisberge gibt als früher.“

Um diese Lücke zu schließen, wertete das Team schließlich einen besonderen Schatz aus: die synoptischen Beobachtungen, die seit rund 40 Jahren von der Brücke der Polarstern durchgeführt werden. Neben vielen anderen Faktoren wird dort dokumentiert, ob und wie viele Eisberge in Schiffsnähe zu sehen sind. „Eigentlich ist dieser Datensatz ein Nebenprodukt der regulären Wetteraufzeichnungen, das sich für diese Frage jedoch als entscheidend erwies“, so Thomas Krumpen. Die Analyse zeigte deutlich: Seit den frühen 2000er-Jahren passieren immer mehr Eisberge die Framstraße und zunehmend auch in größeren Gruppen – ein Hinweis darauf, dass der Eintrag von Steinen einem systematischen, klimabedingten Muster folgt.

Doch woher kommen all diese Eisberge? Mithilfe eines satellitengestützten Verfahrens zur Rekonstruktion der Eisbewegung im Ozean konnten die Forschenden einen Teil der beobachteten Eisberge bis zu ihrem Ursprungsort zurückverfolgen: Viele stammen aus zwei großen Gletschern in Nordostgrönland sowie aus Teilen der russischen Arktis. Besonders die Gletscher in Nordostgrönland haben seit Beginn der 2000er-Jahre an Stabilität verloren und kalben heute deutlich schneller. Der zeitliche Verlauf dieser Destabilisierung stimmt eng mit dem beobachteten Anstieg der Häufigkeit von Eisbergen weiter südlich in der Framstraße überein und ist eine Folge der globalen Erwärmung. Inwieweit auch das schnell schmelzende arktische Meereis zu der Häufung beigetragen haben könnte, untersuchten die Forschenden mithilfe eines Meereis-Ozean-Modells. Die Simulationen zeigen, dass Eisberge in einem zunehmend dynamischen und rückläufigen Packeis rascher und effizienter Richtung Arktisausgang transportiert werden und insgesamt mehr Kontakt mit offenem Wasser haben, was wiederum ihr Schmelzen beschleunigt.

Die Ergebnisse unterstreichen, wie eng Prozesse an Land und in der Tiefsee miteinander verflochten sind – und wie sensibel und weitreichend dieses arktische Gefüge auf eine fortschreitende Erwärmung reagiert. Diese Erkenntnisse sind jedoch nicht nur für die Klima- und Biodiversitätsforschung relevant, sondern haben auch unmittelbare Bedeutung für maritime Sicherheit und Planung. „Eine zunehmende Eisbergpräsenz in bestimmten Regionen der Arktis birgt erhebliche Risiken, beispielsweise für Kreuzfahrt- und Frachtschiffe, die in immer größeren Zahlen im Eis oder in der Nähe der Eiskante unterwegs sind, ebenso wie Explorationsaktivitäten nach Öl und Gas“, sagt Thomas Krumpen. „Mit dem Vordringen der Fischerei in nördlichere Gefilde könnten neu abgelagerte Steine in flacheren Bereichen künftig auch für die Grundschleppnetzfischerei zum Risiko werden.“

Der wachsende Bedarf an verlässlichen Informationen zur Eis- und Eisbergverteilung hat am AWI bereits vor einigen Jahren zur Ausgründung der Firma Drift+Noise Polar Services geführt, die Schiffe in eisbedeckten Regionen mit entsprechenden Lageinformationen unterstützen. Die vorliegende Studie liefert nun eine wichtige wissenschaftliche Grundlage, um Eisberggefahren künftig besser einschätzen und Produkte zur Routenplanung im Eis weiterentwickeln zu können.

Alfred-Wegener-Institut


Originalpublikation:

Krumpen, T., Meyer-Kaiser, K.S., Wekerle, C. et al. Amplified Arctic iceberg traffic reshapes benthic biodiversity. Nature (2026). doi.org/10.1038/s41586-026-10630-4

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Bremen
news-39018 Thu, 11 Jun 2026 10:27:06 +0200 Läuserückfallfieber: Wie der Erreger dem Immunsystem entkommt https://www.vbio.de/aktuelles/details/laeuserueckfallfieber-wie-der-erreger-dem-immunsystem-entkommt Das Läuserückfallfieber wird durch das Bakterium Borrelia recurrentis ausgelöst und zählt zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten des Menschen. Gegenwärtig werden Ausbrüche in den Ländern um das Horn von Afrika verzeichnet. Forschende haben jetzt fünf Proteine bei Borrelia recurrentis identifiziert, die jeweils in der Lage sind, Teile der angeborenen Immunabwehr zu blockieren und so das Überleben des Bakteriums im Blut zu ermöglichen. Die Aufklärung von Struktur und Funktion der Proteine hat bereits zur Entwicklung diagnostischer Tests beigetragen und könnte zum Ansatzpunkt künftiger Impfstoffe werden.  Das Läuserückfallfieber wird durch das Spiralbakterium Borrelia recurrentis ausgelöst, das durch Körperläuse (nicht Kopfläuse) übertragen wird. Erstmals wurde die Erkrankung von Hippokrates (460-370 v. Chr.) erwähnt. Erste Symptome der Infektion sind hohes Fieber über mehrere Tage; danach schließt sich ein fieberfreies Intervall an. In der Regel folgen mehrere (rezidivierende) Fieberepisoden aufeinander. Die Erkrankung kann antibiotisch behandelt werden. Unbehandelt verlaufen Infektion mit Borrelia recurrentis jedoch in bis zu 20 Prozent der Fälle tödlich – vor allem in Regionen der Welt, wo eine flächendeckende medizinische Versorgung nicht gewährleistet ist.

Denn das Läuserückfallfieber zählt zu den armutsassoziierten und vernachlässigten Erkrankungen, den sogenannten „Poverty-Related Neglected Diseases“. Im vergangenen Jahrhundert gab es noch große, epidemische Ausbrüche in Europa. Aktuell sind afrikanische Länder um das Horn von Afrika von vereinzelten Ausbrüchen betroffen: Eritrea, Äthiopien, Somalia und Süd-Sudan. In Europa kommen vereinzelten Studien zufolge mit Borrelien infizierte Körperläuse nicht vor. Diese Infektionserkrankung erlangte jedoch größere Aufmerksamkeit im Jahr 2015, als das Läuserückfallfieber in verschiedenen europäischen Ländern vermehrt bei Flüchtlingen diagnostiziert wurde. 

Chi-Proteine sichern Überleben des Erregers

Ein Forschungsteam um Prof. Peter Kraiczy, Leiter der Arbeitsgruppe „Borrelien“ am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene der Universitätsmedizin Frankfurt und der Goethe-Universität, gemeinsam mit Wissenschaftler*innen der Justus-Liebig-Universität Gießen hat jetzt fünf einander ähnliche Proteine identifiziert und charakterisiert, die für das Überleben von Borrelia recurrentis im menschlichen Körper entscheidend sind. Die sogenannten Chi-Proteine stammen offenbar von einem gemeinsamen Vorläufer ab und werden daher als homolog bezeichnet. Sie verhindern durch spezifische Bindung an Proteine im Blut, dass ein wichtiger Teil der angeborenen Immunabwehr aktiviert wird, das humane Komplementsystem. Damit verhindern die Chi-Proteine, dass das Komplementsystem die eindringenden Bakterien markiert und abtötet.

Zusätzlich können die Chi-Proteine die im Blut vorhandene Enzymvorstufe Plasminogen binden und zu aktivem Plasmin spalten. Kraiczy erklärt: „Von anderen Erregern wissen wir, dass sie das körpereigene Plasmin dazu verwenden, um in Gewebe einzudringen. Zusammen mit der Fähigkeit der Chi-Proteine, das Komplementsystem zu blockieren, verschafft sich Borrelia recurrentis viele Vorteile, um nach dem Eindringen in den menschlichen Körper zu überleben und sich auszubreiten.“ 

Diagnostische Tests entwickelt

Auf Basis dieser Erkenntnisse haben die Forschenden um Kraiczy bereits diagnostische Tests entwickelt, auch für die Entwicklung von Impfstoffen kämen diese Proteine potenziell in Frage. Kraiczy: „Fieber unklarer Genese tritt ja bei vielen Infektionskrankheiten auf, so dass Erreger-spezifische, Tests es ermöglichen, rasch eine passende Antibiose gegen den Erreger einzuleiten. Hier sind wir aktuell schon sehr weit vorangeschritten und führen derzeit Studien in Kenia und Nigeria mit in unserem Labor entwickelten, serologischen Tests durch.“ Impfstoffe könnten wichtig sein, um für größere Epidemien gewappnet zu sein, so der Mikrobiologe. „Obwohl europäische Körperläuse derzeit den Erreger noch nicht in sich tragen, müssen wir davon ausgehen, dass infolge zukünftiger Unruhen und Krisen erneut erkrankte Menschen nach Europa gelangen und infizierte Körperläuse einschleppen, die dann hier zu Krankheitsausbrüchen führen können“, erläutert Kraiczy. 
 

Universitätsmedizin Frankfurt und Goethe-Universität Frankfurt


Originalpublikation:

Florian Röttgerding, Flavia Reyer, Eva Gerlach, Martin Amborn, Nadine Duschek, Tilman G. Schultze, Volker Fingerle, Chris M. Roome, Michaela Stumpf, Katja Becker, Stefan Rahlfs, Jude M. Przyborski, Peter Kraiczy, Karin Fritz-Wolf: Complement inhibition by a unique cluster of immunomodulatory outer surface proteins of Borrelia recurrentis. Nature Communications (2026) https://doi.org/10.1038/s41467-026-72359-y

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Wissenschaft Hessen
news-39017 Thu, 11 Jun 2026 10:12:59 +0200 Manakins: Die evolutionären Ursprünge ihrer beeindruckenden Tänze https://www.vbio.de/aktuelles/details/manakins-die-evolutionaeren-urspruenge-ihrer-beeindruckenden-taenze Die Balztänze der Manakins – eine äußerst charismatische Vogelgruppe – sind auf tiefgreifende Veränderungen in der Abstammungsgeschichte zurückzuführen und hängen vielleicht mit ihrer fruchtreichen Ernährung zusammen. Manakins haben – wie Kolibris, Singvögel und Spechte – den süßen Geschmackssinn im Laufe der Evolution wiedererlangt, indem sie den Rezeptor für Herzhaftes umfunktionierten. Sie gehören zu den am intensivsten erforschten Vogelgruppen und mit dem in einer aktuellen Studie gewonnenen Genom-Set können nun die genetischen Grundlagen ihrer einzigartigen Verhaltensweisen und Physiologien erforscht werden. Nur wenige Tiere setzen sich so in Szene wie die Manakins. In den Regenwäldern Mittel- und Südamerikas versammeln sich die Männchen dieser kleinen tropischen Vögel mit ihrem auffallend bunten Gefieder oft an gemeinsamen Balzplätzen, sogenannten Leks. Dort räumen sie ihre Tanzflächen frei und verbringen den Großteil ihres Lebens damit rasante Rückwärtssaltos zu vollführen, rhythmisch mit den Flügeln zu schlagen und gemeinsam mit anderen Männchen choreografierte Tänze aufzuführen – alles, um eine Partnerin anzulocken. Hinter diesen scheinbar mühelosen Darbietungen steckt weit mehr, als man auf den ersten Blick erahnen mag: jahrelanges Training, Weibchen, die die Brut alleine großziehen, und, wie sich herausstellt, eine Ernährungsumstellung, die bereits bei ihren entfernten Vorfahren begann.

Es wird davon ausgegangen, dass der unerbittliche Wettbewerb um Partnerinnen über Millionen von Jahren hinweg das Gefieder und die Tänze der Manakins zu immer größeren Extremen getrieben hat. Die evolutionäre Kraft dahinter ist die sexuelle Selektion, welche auch für extravagante Merkmale wie den Pfauenschwanz und das Hirschgeweih verantwortlich ist. In der Regel wird nur eine kleine Anzahl der attraktivsten Männchen als Partner ausgewählt. Durch diese intensive Selektion seitens der Weibchen werden die bevorzugten Merkmale über Generationen hinweg noch weiter verstärkt. 

Bei Manakins könnte auch die Ernährung eine Rolle bei der Entwicklung ihrer beeindruckenden Darbietungen spielen. Eine neue Studie in Current Biology hat nun einen Zusammenhang zwischen der Ernährung der Vögel und Veränderungen im Balzverhalten aufgedeckt. Geleitet wurde die Arbeit von Chris Balakrishnan (East Carolina University), Yasuka Toda (Institute of Science Tokyo und Meiji University) und Maude Baldwin (Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz) in Zusammenarbeit mit einem internationalen Team von fast sechzig Forschenden. Sie sequenzierten die Genome von Manakins, die sich auf Leks paaren, und detektierten genetische Fingerabdrücke, die sowohl auf eine starke sexuelle Selektion sowie auf Veränderungen im Geschmack und in der Verdauung hindeuten. Durch die Rekonstruktion von Ernährungsgewohnheiten sowie genomweite Untersuchungen und Laborexperimente untersuchten sie die zeitliche Reihenfolge dieser Veränderungen in der Evolutionsgeschichte der Vögel.

„Die Stärke der sexuellen Selektion variiert speziesübergreifend enorm, manchmal sogar zwischen nah verwandten Arten, und wir verstehen noch immer nicht ganz, warum“, sagt Christopher Balakrishnan, der die Genomanalyse leitete. „Wir wollten untersuchen, wie Manakins solch spektakuläre Balzrituale entwickelten – im Gegensatz zu ihren nahen Verwandten, die sich hauptsächlich von Insekten ernähren. Unser Hauptaugenmerk war zunächst nicht die Ernährung. Wir interessierten uns eher für die auffallenden Merkmale: die Muskeln, das Gefieder, die Tänze. Doch als wir das Erbgut der Manakins mit denen anderer Vögel verglichen, stachen die Gene für den Geschmackssinn und die Verdauung von Früchten hervor. Diese Veränderungen gehen weit zurück im Stammbaum der Vögel, lange bevor die aufwendigen Balzrituale und Verhaltensweisen zur Fortpflanzung entstanden sind.“

Zuerst Ernährungsumstellung, dann spektakuläre Balztänze

Männliche Manakins sind nicht nur Selbstdarsteller, sondern auch außergewöhnliche Athleten: Bei einigen Arten gehören die Flügelmuskeln zu den sich am schnellsten kontrahierenden in der Natur. Der Puls eines balzenden Männchens kann innerhalb von Sekunden von der Ruhephase fast bis ans Maximum ansteigen. Außerdem verbringen Männchen fast das ganze Jahr bis zu neunzig Prozent am Tag mit ihren Vorführungen. Das verbraucht viel Energie, und Manakins beziehen diese zum Großteil aus ihrer fruchtbasierten Ernährung. Doch das Fressen von Früchten ist für einen Vogel nicht ganz unkompliziert: Viele Pflanzen schützen ihre unreifen Früchte mit giftigen Bestandteilen, die schwer zur verdauen sind. Zudem können viele Vögel Süßes gar nicht schmecken, da sie den dafür notwendigen Rezeptor schon früh in ihrer Evolutionsgeschichte verloren haben.

Bemerkenswerterweise haben einige Vogelarten durch unabhängige evolutionäre Innovationen einen Weg gefunden, diese Probleme zu lösen. Frühere Studien unter der Leitung von Maude Baldwin und Yasuka Toda haben gezeigt, dass Kolibris, Singvögel und Spechte den Geschmacksinn für Süßes zurückerlangt haben. Dabei führten zufällige Veränderungen des Rezeptors für herzhaften Geschmack dazu, dass dieser auf Zucker reagiert. Die neue Studie fügt dieser Auflistung nun Manakins hinzu, was durch Tests an im Labor gezüchteten Zellen bestätigt wurde.

„Manakins haben den Geschmackssinn für Süßes neu entwickelt – und das auf ihre eigene Art und Weise, indem sie einen anderen Teil des Rezeptors veränderten als Singvögel“, sagt Yasuka Toda, die die Laborarbeit an den Geschmacksrezeptoren der Vögel leitete. „Die Evolution kam auf unterschiedlichen Wegen zur selben Antwort. Der Geschmack ist dabei Teil eines größeren Ganzen: Früchte in tropischen Wäldern sind auffällig und das ganze Jahr über reichlich vorhanden. Sie liefern wahrscheinlich die Energie, die die Weibchen benötigen, um die Jungen alleine aufzuziehen, und für Männchen, um ihre unglaublichen Balzrituale aufzuführen.“

Eine zweite entscheidende Veränderung betraf die Verdauung: Das Enzym Laktase, das bei Säugetieren Milchzucker abbaut, hat bei den Manakins einen Großteil seiner Aktivität verloren. Wenn Laktase aktiv ist, baut sie auch bestimmte Pflanzenstoffe ab, die in unreifen Früchten vorkommen. Dabei werden Abbauprodukte freigesetzt, die die Zuckeraufnahme blockieren. Dank der verminderten Laktaseaktivität können die Manakins diese Pflanzenstoffe möglicherweise unprozessiert ausscheiden und so mehr Energie aus den Früchten gewinnen. Die Veränderung lässt sich bis zu dem Zeitpunkt zurückverfolgen, als sich die Abstammungslinie der Manakins erstmals Früchten zuwandte. Die Einordnung dieser Veränderungen in einen Stammbaum von mehr als 1.300 verwandten Vogelarten ergab eine klare Reihenfolge: Tief in der Abstammungslinie der Manakins ereigneten sich zuerst die Ernährungsumstellungen – das ausgefeilte Paarungssystem und die Balzrituale folgten viel später.

„Als wir das Signal bei der Laktase zum ersten Mal sahen, war unsere Reaktion: Warum Laktase bei einem Vogel? Sie trinken doch keine Milch“, sagt Meng-Ching Ko vom Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz, die die Analyse der Verdauung leitete. „Aber dieser Verlust an Enzymaktivität könnte den Manakins helfen, mit den Giftstoffen in unreifen Früchten umzugehen. Es klingt kontraintuitiv, da ein Funktionsverlust nicht unbedingt wie ein Vorteil erscheint. Für die Manakins verwandelt sich das, was wie eine Einschränkung in der Verdauung aussieht, allerdings in eine Chance. Das Wissen, in welcher Abfolge diese Veränderungen passiert sind, wirft weitere Fragen auf: Wie wirken sich Veränderungen in der Verdauung und der Enzymfunktion auf andere Aspekte der Lebensgeschichte aus? Etwas so Einfaches wie eine Ernährungsumstellung kann die gesamte Biologie eines Tieres neu formen – und führt bei Manakins zu den spektakulärsten Balztänzen im Wald.“

Manakins sind faszinierend und ziehen seit langem das Interesse einer breiten Forschungsgemeinschaft auf der ganzen Welt auf sich. Sie waren Gegenstand vielfältiger Studien zu Biomechanik und Hormonen sowie jahrzehntelanger Feldstudien, die ihre Verhaltensökologie und sexuelle Selektion untersuchten. Diese Forschungsarbeit ist Teil einer Reihe von Studien, die aus einem Förderungsprojekt des US-amerikanischen National Science Foundation Research Coordination Network hervorgegangen sind. Ziel war es, Forschende, die sich mit dem Verhalten, der Ökologie und der Physiologie von Manakins beschäftigen, mit Genombiolog*innen zusammenzubringen. Drei weitere Studien, die kürzlich in PNAS, Molecular Ecology und Science Advances veröffentlicht wurden, untersuchten verschiedene Facetten der Biologie der Manakins. Darunter sind Gefiedermerkmale, Gehirnregionen, die am Sozialverhalten beteiligt sind, und Gene, die in den einzigartigen „superschnellen“ Muskeln exprimiert werden. Weitere Erkenntnisse über diese ungewöhnlichen Vögel dürften bald folgen.

MPI für biologische Intelligenz


Originalpublikation:

Christopher N. Balakrishnan et al.: Genomic and physiological changes in a sexually selected and frugivorous bird radiation, Current Biology, 2026, DOI: 10.1016/j.cub.2026.05.021

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Wissenschaft Bayern