VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Fri, 20 Mar 2026 12:56:26 +0100 Fri, 20 Mar 2026 12:56:26 +0100 TYPO3 news-38074 Fri, 20 Mar 2026 12:44:35 +0100 Wenn Tierpersönlichkeit und Umwelt gemeinsam bestimmen, wie Tiere leben https://www.vbio.de/aktuelles/details/wenn-tierpersoenlichkeit-und-umwelt-gemeinsam-bestimmen-wie-tiere-leben Leben „mutige“ Individuen in der Natur — also solche, die eher Risiken eingehen — zwangsläufig schneller und sterben früher? Eine neue Studie in Ecology and Evolution zeigt, dass es so einfach nicht ist: Der Zusammenhang zwischen Risikobereitschaft und Lebensspanne hängt stark von der Umwelt ab. Wie beim Menschen zeigen auch viele Tiere konsistente Verhaltensunterschiede. Manche Individuen sind durchgängig explorativer, risikofreudiger oder aggressiver als andere — ein Phänomen, das in der Forschung als Tierpersönlichkeit bezeichnet wird. Forschende am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie konnten nun zeigen, dass die Wirkung solcher Persönlichkeitsunterschiede auf die Lebensgeschichte eines Tieres entscheidend von den Umweltbedingungen abhängt. Durch die Beobachtung des gesamten Lebensverlaufs von Hunderten Hausmäusen (Mus musculus domesticus) zeigte das Team, dass manche Tiere „zum Erkunden geboren“ sind — diese Eigenschaft aber nur dann zu einem schnelleren Lebenstempo führt, wenn die Futterqualität geringer ist. 

Eine zentrale Frage der Verhaltensökologie 

Seit Jahrzehnten diskutieren Ökologinnen und Verhaltensbiologen die sogenannte Pace-of-Life-Syndrome-Hypothese (POLS). Dahinter steht die Annahme, dass Persönlichkeitsmerkmale wie Explorationsverhalten und Risikobereitschaft mit lebensgeschichtlichen Merkmalen wie Wachstum, Fortpflanzung und Überleben verknüpft sind. Theoretisch lassen sich Individuen entlang eines schnell-langsam-Spektrums einordnen. „Schnelle“ Individuen gehen mehr Risiken ein, erschließen Ressourcen rascher, pflanzen sich früher fort, haben aber oft eine kürzere Lebensspanne. „Langsame“ Individuen verhalten sich vorsichtiger, entwickeln sich gradueller und investieren eher in ein längeres Leben mit geringeren Risiken. Persönlichkeit könnte also Teil umfassender Lebensstrategien sein, mit denen Tiere überleben und sich fortpflanzen. 

Ob solche Zusammenhänge in natürlichen Populationen tatsächlich konsistent auftreten, ist bislang jedoch offen. Die empirischen Befunde sind widersprüchlich. Neuere Arbeiten deuten darauf hin, dass der ökologische Kontext entscheidend sein könnte, um diese Unterschiede zu erklären.

Vier Populationen, zwei Umweltbedingungen 

Um dieser Frage nachzugehen, richteten die Forschenden vier große Populationen ein, in denen Hausmäuse ihr gesamtes Leben weitgehend ungestört verbrachten. Zwei der Gehege erhielten hochwertiges Futter, die beiden anderen Standardfutter und damit eine vergleichsweise nährstoffärmere Umgebung. Über die gesamte Versuchsdauer hinweg erfasste das Team Verhalten und Lebensverlauf aller Tiere — darunter Explorations- und Risikoverhalten, das Alter bei Geschlechtsreife, den Fortpflanzungserfolg und die Überlebensdauer. 

Persönlichkeit wirkt nur im passenden Kontext 

Die Ergebnisse zeigen deutlich: Der Kontext ist entscheidend. Ein klarer Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Lebensgeschichte trat nur in den Umwelten mit Standardfutter auf. Unter diesen vergleichsweise ungünstigeren Bedingungen zeigten besonders explorative Weibchen eine klassische „schnelle“ Lebensstrategie: Sie wurden früher geschlechtsreif und reproduzierten schneller. Das passt zu der Idee, dass mutiges Verhalten helfen kann, Ressourcen rascher zu erschließen — allerdings um den Preis eines erhöhten Sterblichkeitsrisikos. 

Anders sah es aus, wenn hochwertiges Futter verfügbar war. Dann war Explorationsverhalten nicht mehr in gleicher Weise mit der Lebensgeschichte verknüpft. Stattdessen wurden Verhaltensunterschiede relevant, die mit Stressbewältigung zusammenhängen. Individuen, die aktiver mit Stress umgingen, folgten eher einer langsameren Lebensstrategie: Sie verschoben ihre Fortpflanzung nach hinten und lebten länger. Das deutet darauf hin, dass bei reichlich vorhandener Energie andere Verhaltensaspekte — etwa im Umgang mit sozialen oder ökologischen Herausforderungen — stärker prägen, wie Tiere leben.

Warum die Ergebnisse wichtig sind 

Insgesamt spricht die Studie dafür, dass der Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Lebensentscheidungen nicht fest vorgegeben ist, sondern aus dem Zusammenspiel von Verhaltenstendenzen und Umweltbedingungen entsteht. Vor allem die Qualität der verfügbaren Ressourcen kann darüber entscheiden, ob Persönlichkeitsunterschiede tatsächlich zu unterschiedlichen Lebensverläufen führen. Anders gesagt: Mutig zu sein bedeutet nicht automatisch, schnell zu leben — entscheidend ist der ökologische Kontext. 

Für eine breitere Öffentlichkeit eröffnet die Studie einen spannenden Blick darauf, wie die Natur Risiken und Chancen austariert. Für die Forschung ist sie zugleich ein wichtiger Hinweis: Wenn sich in einer Population kein Pace-of-Life-Syndrom nachweisen lässt, heißt das nicht zwangsläufig, dass es nicht existiert — möglicherweise wurde die Umweltvariation einfach nicht ausreichend berücksichtigt.

Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie


Originalpublikation:

Darmis, F., and A.Guenther. 2026. “Evidence for Environment-Specific Pace-of-Life Syndromes.” Ecology and Evolution16, no. 3: e73234. https://doi.org/10.1002/ece3.73234.

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Wissenschaft Schleswig-Holstein
news-38061 Fri, 20 Mar 2026 11:55:30 +0100 Karrierechancen auf der digitalen Jobmesse: Der jobvector career day 2026 https://www.vbio.de/aktuelles/details/karrierechancen-auf-der-digitalen-jobmesse-der-jobvector-career-day-2026 Am 23. April 2026 bietet die digital Jobmesse jobvector career day erneut die ideale Plattform, um talentierte Fachkräfte aus IT, Technologie und Wissenschaft mit führenden Arbeitgebern zu vernetzen. Das kostenfreie Online-Event umfasst unter anderem persönliche Videogespräche, spannende Fachvorträge sowie einen professionellen Lebenslaufcheck. Auf dem jobvector career day haben Teilnehmende die Möglichkeit, ohne Umwege direkt mit Personalverantwortlichen ins Gespräch zu kommen und sich über aktuelle Stellenangebote, Karrierewege und Entwicklungsmöglichkeiten auszutauschen. In individuellen Videointerviews können sie konkrete Detailfragen stellen und ihre beruflichen Perspektiven direkt mit den Unternehmensvertretern besprechen.

Ergänzt wird die Karrieremesse durch ein vielfältiges Liveprogramm mit spannenden Unternehmenspräsentationen und Fachvorträgen. Diese gewähren wichtige Einblicke in Projekte, Arbeitsmethoden und die jeweilige Unternehmenskultur. Dadurch sichern sich Jobsuchende wertvolle Informationen rund um den erfolgreichen Berufseinstieg, langfristige Karrierechancen und Gehaltsentwicklungen. Abgerundet wird das Angebot durch einen fundierten Lebenslaufcheck, bei dem erfahrene Karriereexperten hilfreiche Ratschläge zur Optimierung der eigenen Unterlagen geben.

jobvector


www.jobvector.de/karrieremesse/

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Biobusiness Bundesweit
news-38060 Fri, 20 Mar 2026 11:45:55 +0100 Vielversprechender Wirkstoff gegen Hepatitis E identifiziert https://www.vbio.de/aktuelles/details/vielversprechender-wirkstoff-gegen-hepatitis-e-identifiziert Etwa 70.000 Menschen sterben jedes Jahr an Infektionen mit dem Hepatitis-E-Virus. Gegen das Virus gibt es bislang weder eine Impfung noch einen spezifischen Wirkstoff. Ändern könnte sich das durch die Identifikation von Bemnifosbuvir als gegen Hepatitis-E-Viren (HEV) wirksame Verbindung. Ein internationales Forschungsteam aus Bochum, Heidelberg und Peking hat dieses sogenannte Nukleotid/Nukleosid-Analogon aus einer Bibliothek solcher Wirkstoffe herausgefiltert.  Viren falsche Bausteine zur Verfügung stellen

Ausgangspunkt der Suche nach einem Wirkstoff gegen HEV war eine kommerziell erhältliche Bibliothek von Nukleotid/Nukleosid-Analoga. „Diese synthetisch hergestellten Moleküle sind ähnlichen aufgebaut wie die Bausteine unseres Erbguts und eben auch wie das der Viren“, erklärt Dr. Mara Klöhn von der Ruhr-Universität Bochum. 
Um herauszufinden, ob einer der in der Bibliothek enthaltenen rund 500 Wirkstoffe HEV an der Vermehrung hindern kann, nutzten die Forschenden ein neues Reportervirus, das ein fluoreszierendes Molekül enthielt. Sie infizierten Zellkulturen mit Hepatitis-E-Viren, die dieses Reportergen enthielten, und gaben dann die verschiedenen Wirkstoffkandidaten hinzu. Anhand der Fluoreszenz konnten sie dann feststellen, ob sich das Virus weiter vermehrt hatte oder nicht. „Bei Bemnifosbuvir konnten wir sehen, dass sich das Virus nicht weiter vermehrt hatte, während die behandelten Zellen aber gesund blieben“, berichtet Jungen Hu von der Universität Heidelberg. Im Tierversuch konnten die chinesischen Forschenden die Wirksamkeit der Substanz gegen HEV und Leber-Entzündung bestätigen. „Sofern die laufenden klinischen Tests von Bemnifosbuvir gegen Hepatitis C erfolgreich sind, könnte der Wirkstoff auch gegen Hepatitis E im Rahmen eines Off-Label-Use bald zur Verfügung stehen“, meinen Dr. Viet Loan Dao Thi und Prof. Dr. Eike Steinmann. 

Hepatitis E

Das Hepatitis-E-Virus (HEV) ist der Hauptverursacher akuter Virushepatitiden. Rund 70.000 Menschen sterben jährlich an der Krankheit. Nach dem ersten dokumentierten epidemischen Ausbruch 1955 bis 1956 vergingen mehr als 50 Jahre, bis Forschende sich intensiv des Themas annahmen. Akute Infektionen heilen bei Patientinnen und Patienten mit intaktem Immunsystem normalerweise von selbst aus. Bei Betroffenen mit reduziertem oder unterdrücktem Immunsystem wie Organtransplantatempfängern oder HIV-Infizierten kann HEV chronisch werden. Auch für schwangere Frauen ist HEV besonders bedrohlich. Eine Impfung oder einen spezifischen Wirkstoff gibt es nicht.

Ruhr-Universität Bochum


Originalpublikation:

Jungen Hu et al.: The Nucleotide Analogue Bemnifosbuvir Inhibits Hepatitis E Virus Replication in Preclinical Models, in: Gut, 2026, DOI: 10.1136/gutjnl-2025-336714, https://gut.bmj.com/content/early/2026/03/05/gutjnl-2025-336714

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Wissenschaft Nordrhein-Westfalen
news-38059 Fri, 20 Mar 2026 11:32:44 +0100 Vom Gewebeschnitt zur Datenquelle: KI-Werkzeug eröffnet neue Möglichkeiten für Klinik und Forschung https://www.vbio.de/aktuelles/details/vom-gewebeschnitt-zur-datenquelle-ki-werkzeug-eroeffnet-neue-moeglichkeiten-fuer-klinik-und-forschung Mikroskopische Bilder menschlicher Gewebe sind ein Grundpfeiler der biomedizinischen Forschung und der klinischen Diagnostik. Trotz ihrer zentralen Bedeutung lassen sich diese Bilder jedoch häufig nur schwer systematisch auswerten und mit anderen biologischen Datentypen verknüpfen. Eine neue Studie stellt mit „LazySlide“ ein Open-Source-Softwaretool vor, das die Möglichkeiten von KI, die mit großen Daten trainiert wird (sog. „Foundation Models“) nutzt und die Analyse digitaler Pathologie demokratisieren soll.  Eine entzündete Arterie, ein Tumor, der in die Lunge einwächst, oder feine Schäden in einem Organ – wenn Ärzt:innen oder Forschende verstehen wollen, was im Inneren eines Gewebes geschieht, gehört das Mikroskop nach wie vor zu den verlässlichsten Werkzeugen. Heute sind diese Untersuchungen weitgehend digitalisiert: Eine einzelne Gewebeprobe kann als sogenanntes „Whole-Slide-Bild“ gescannt werden, das so detailreich ist, dass man von einer Übersicht des gesamten Gewebes bis hinunter zu einzelnen Zellen zoomen kann. 

Diese riesigen Bilder enthalten enorme Informationsmengen über Gewebe auf unterschiedlichen Skalen, sind jedoch auch sehr komplex und oft schwer mit modernen, datengetriebenen Methoden zu analysieren. Während sich in der Genetik und der Einzelzellbiologie effektive Standards für den Austausch und den Vergleich von Daten etabliert haben, lassen sich digitale Pathologiebilder nur schwer integrieren – sie liegen häufig in softwarespezifischen Formaten vor, werden mit inkompatiblen Werkzeugen verarbeitet und sind schwer mit molekularen Informationen wie RNA-Sequenzierungsdaten zu verknüpfen. Dadurch bleiben digitalisierte Gewebebilder in vielen Forschungs- und klinischen Bereichen weitgehend ungenutzt.

Eine neue Studie aus der Forschungsgruppe von CeMM Principal Investigator André Rendeiro stellt nun LazySlide vor, eine Open-Source-Anwendung, die die Analyse von Whole-Slide-Bildern zugänglicher, kompatibler und besser in jene rechnergestützten Workflows integrierbar machen soll, die bereits die moderne Genomik prägen.

Aus „schönen Bildern“ wird durchsuchbare Biologie

LazySlide ermöglicht es Wissenschaftler:innen, Whole-Slide-Bilder in kleinere, handhabbare Bereiche zu unterteilen und diese mit fortgeschrittenen KI-Modellen zu analysieren. Diese Modelle erkennen Muster in der Gewebestruktur, identifizieren unterschiedliche Zelltypen und quantifizieren feine Veränderungen der Gewebearchitektur – ohne dass aufwendige manuelle Anmerkungen erforderlich sind.

Allem voran zeigt die Studie, wie sich visuelle Informationen aus Gewebebildern direkt mit molekularen Daten wie Genexpressionsprofilen verknüpfen lassen. In einem Beispiel analysierten die Forschenden Arteriengewebe mit und ohne Verkalkung, einem pathologischen Prozess, der mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert ist. LazySlide unterschied nicht nur gesundes von erkranktem Gewebe allein anhand der Bildmerkmale, sondern machte auch biologische Signalwege wie entzündliche Signalprozesse sichtbar, die erst durch die gemeinsame Analyse von Bilddaten und RNA-Sequenzierungsdaten erkennbar wurden.

„Die Histologie enthält eine enorme Menge biologischer Information, ist aber oft nur schwer zugänglich für computerunterstützte Verfahren“, sagt Yimin Zheng, Erstautor der Studie. „Mit LazySlide wollten wir ein Werkzeug bereitstellen, das es Forschenden erlaubt, Gewebebilder systematisch und quantitativ zu untersuchen und das, was sie unter dem Mikroskop sehen, mit den zugrunde liegenden molekularen Prozessen zu verbinden.“

Gewebe mit Worten durchsuchen

Eine für die Forschenden besonders praktische Funktion von LazySlide ist die Möglichkeit, Bilder mit natürlicher Sprache zu verknüpfen. Mithilfe von KI-Modellen, die visuelle Muster mit textlichen Konzepten verbinden, können sie Fragen stellen wie etwa, wo in einer Gewebeprobe Anzeichen von „Verkalkung“ auftreten. Die Software hebt entsprechende Regionen hervor und erzeugt quantitative Scores, wodurch visuelle Eindrücke in messbare Daten überführt werden.

Dieser Ansatz ermöglicht auch sogenannte „Zero-Shot“-Analysen: LazySlide kann das Ursprungsorgan von Gewebeproben erkennen oder gesundes von krankem Gewebe unterscheiden, ohne für jede einzelne Fragestellung spezifisch trainiert worden zu sein. Dadurch sinkt die Hürde für den Einsatz fortgeschrittener Bildanalysemethoden in der biomedizinischen Forschung erheblich.

Ein offenes und kompatibles Werkzeug

LazySlide wurde so konzipiert, dass es sich nahtlos in bestehende rechnergestützte Werkzeuge der Biologie integriert, die in der Genomik und Einzelzellforschung weit verbreitet sind. Indem digitale Pathologie besser mit diesen etablierten Workflows verzahnt wird, trägt die Software dazu bei, Gewebebildgebung stärker in das Ökosystem datengetriebener Lebenswissenschaften einzubinden.

„Unser Ziel war es, die Analyse von Whole-Slide-Bildern zugänglicher zu machen und besser mit den Datentypen zu verknüpfen, die Forschende im Alltag nutzen“, sagt André Rendeiro. „Indem wir Gewebebilder als reichhaltige Datensätze und nicht als statische Abbildungen behandeln, können wir neue Einblicke gewinnen, wie Krankheiten die menschliche Biologie prägen.“

Die in Nature Methods veröffentlichte Studie zeigt, dass Open-Source-Werkzeuge wie LazySlide die Forschung beschleunigen und helfen können, die Lücke zwischen Gewebestruktur und molekularer Funktion zu schließen – ein wesentlicher Beitrag zu einem ganzheitlichen Verständnis von Gesundheit und Krankheit.

CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften


Originalpublikation: Zheng, Y., Abila, E., Chrenková, E. et al. LazySlide: accessible and interoperable whole-slide image analysis. Nat Methods (2026). doi.org/10.1038/s41592-026-03044-7

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Künstliche Intelligenz Wissenschaft International
news-38058 Fri, 20 Mar 2026 11:23:38 +0100 Impressionistische Meeresschnecken https://www.vbio.de/aktuelles/details/impressionistische-meeresschnecken Nacktkiemer, eine Form maritimer Nacktschnecken, erzeugen ihre bunten Muster durch Strukturfarben und nicht wie bislang angenommen durch Pigmente. Die Strukturfarben der Meeresschnecken entstehen durch photonische Kristalle des DNA-Bausteins Guanin. In Nacktkiemern sind die Strukturfarben ähnlich wie in impressionistischen Gemälden oder in Fernsehern in Punkten organisiert und erzeugen so vielfältige Farbeindrücke. Nacktkiemer gelten als Schmetterlinge der Meere. Die Nacktschnecken leben weltweit vor allem in warmen flachen Meeresregionen und fallen durch extravagante Farbenpracht und Formenvielfalt auf. Wie sie ihre bunten Muster erzeugen, hat nun ein Team des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam und der Universität Cambridge herausgefunden. Demnach entsteht die Farbe durch Nanostrukturen, die jeweils einen bestimmten Farbeindruck erzeugen. „Dass Nacktkiemer Strukturfarben verwenden, hat uns überrascht“, sagt Samuel Humphrey, der die Untersuchungen am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung gemacht hat. „Denn Biologen gingen bislang davon aus, dass die Farben durch Pigmente entstehen.“ Pigmente sind chemische Verbindungen, deren Farbe von der chemischen Zusammensetzung abhängt.

Im Gegensatz dazu entsteht die Farbe von Strukturfarben nicht durch unterschiedliche chemische Zusammensetzungen, sondern durch die Abmessungen der Nanokristalle, aus denen das Material besteht. Bei den Nanostrukturen handelt es sich um sogenannte photonische Kristalle, die auch Chamäleons sowie vielen Vögeln und Schmetterlingen ihre Farbe geben. In solchen Strukturen wird die Farbe durch die regelmäßige Anordnung von Materialien mit unterschiedlichem Brechungsindex erzeugt. Im Fall der Nacktkiemer wie auch bei Chamäleons handelt es sich bei einer Komponente um den DNA-Bausteins Guanin. Die Guaninmoleküle können Kristalle formen, wobei deren Abmessungen bestimmen, welche Farbe der Kristall reflektiert. „Dank dieses raffinierten Mechanismus der Farbgebung sind diese Tiere in der Lage, aus einem einzigen Material eine erstaunliche Vielfalt an Farben zu erzeugen“, sagt Humphrey.

Matter Farbeindruck durch tupfenförmige Anordnung der Strukturfarben

Die Farben der Nacktkiemer wurden auch deshalb bislang Pigmenten zugeschrieben, weil ihre Muster matt erscheinen. Dagegen schillern die Strukturfarben photonischer Kristalle gewöhnlich. Das ist bei Nacktkiemern nicht der Fall, weil ihre Strukturfarben in Form mikroskopischer Pixel organisiert sind. Anders ausgedrückt ähnelt der Farbauftrag dem von impressionistischen Malern, die in ihren Bildern Tupfer unterschiedlicher Farben nebeneinander setzten. Das fanden Samuel Humphrey und seine Kollegen heraus, indem sie sechs Arten von Nacktschnecken mit einer Kombination aus optischer und Elektronenmikroskopie untersuchten. In den mikroskopischen Farbtupfern der Nacktkiemer sind die Guaninkristalle jeweils unterschiedlich orientiert. „Sie reflektieren das Licht einer Farbe daher in ganz verschiedene Richtungen, sodass die Farben nicht schillern wie bei Schmetterlingen, sondern matt wirken“, sagt Samuel Humphrey.

Der pixelförmige Farbauftrag ermöglicht es Nacktschnecken zudem, unterschiedliche Farben auf zwei verschiedene Weisen zu erzeugen. Zum einen können sie die Eigenschaften der einzelnen Kristalle variieren, zum anderen können sie ähnlich wie in einem impressionistischen Bild oder einem Fernseher verschiedenfarbige Tupfer beziehungsweise Pixel mischen und so etwa aus rot und blau etwa violett erzeugen. „Oft lassen wir uns bei der Entwicklung neuer Materialien und Techniken von der Natur inspirieren“, sagt Silvia Vignolini, in deren Abteilung am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung die Studie stattfand. „Es könnte möglich sein, nachhaltige Farben zu entwickeln, die auf denselben Prinzipien beruhen wie die Farben der Nacktkiemer.“

MPI für Kolloid- und Grenzflächenforschung


Originalpublikation:

S. Humphrey et al.: Nudibranch color diversity shares a common physical basis in guanine photonic structure ‘pixels’, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (12) e2525419123, https://doi.org/10.1073/pnas.2525419123 (2026). 

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Wissenschaft Brandenburg
news-38057 Fri, 20 Mar 2026 10:53:52 +0100 Wie alt sind wir wirklich? https://www.vbio.de/aktuelles/details/wie-alt-sind-wir-wirklich Altern ist ein hochindividueller Prozess. Ein internationales Konsortium hat eine Methode entwickelt, mit der sich anhand von Biomarkern das biologische Alter einer Person bestimmen lässt – ein wertvolles Werkzeug für die Alterungsforschung und die Entwicklung neuer Ansätze in der Präventivmedizin.  Lässt sich aus dem Alter einer erwachsenen Person auf ihre körperliche Verfassung schließen? Die Antwort lautet: „Jein“. Zwar ist hinlänglich bekannt, dass die Funktionsfähigkeit des Körpers mit steigendem Alter abnimmt und das Risiko für altersbedingte Krankheiten steigt. Dennoch können sich zwei gleichaltrige Menschen erheblich in ihrer körperlichen Alterung und Gesundheit unterscheiden. Das chronologische Alter stimmt also nur bedingt mit dem biologischen Alter überein. Letzteres spiegelt die tatsächliche körperliche Alterung wider und wird von verschiedenen Faktoren wie Lebensstil, Genetik und Umwelt beeinflusst.

Doch wie lässt sich das biologische Alter eines Menschen möglichst präzise bestimmen? Mit dieser Frage beschäftigte sich das internationale MARK-AGE-Konsortium. In einer europaweiten Querschnittsstudie identifizierten die Forschenden bei Frauen und Männern die altersbedingten Veränderungen von je zehn Messwerten im Blut – sogenannte Biomarker –, die gemeinsam die Berechnung des biologischen Alters einer Person ermöglichen. In einer aktuellen Publikation unter Federführung von Maria Moreno-Villanueva und Alexander Bürkle von der Universität Konstanz stellte das Konsortium diesen „Bioage-Score“ nun auf den Prüfstand und nutze ihn, um weitere klinisch relevante Biomarker zu identifizieren, die im Zusammenhang mit dem biologischen Alter stehen.

Ein einzelner Messwert reicht nicht aus
Bereits in der Vergangenheit hat die Alterungsforschung verschiedene Biomarker zur Bestimmung des biologischen Alters vorgeschlagen, von denen jedoch keiner für sich genommen aussagekräftig genug ist. „Der biologische Alterungsprozess ist sehr komplex. Er betrifft alle Gewebe und Organe des Körpers und lässt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Die Auswertung einzelner Biomarker reicht daher für eine verlässliche Bestimmung des biologischen Alters eines Menschen nicht aus“, erklärt Moreno-Villanueva. „Außerdem gibt es Unterschiede bei der Alterung von Männern und Frauen.“ 

Das MARK-AGE-Konsortium verfolgte daher den Ansatz, für jedes Geschlecht eine eigene Kombination an Biomarkern zu entwickeln, die sich dann zur Ermittlung des individuellen biologischen Alters einsetzen lässt. Dafür analysierten die Forschenden die Daten von rund 3.300 Proband*innen aus acht europäischen Ländern, die jeweils auf 362 unterschiedliche Biomarker getestet wurden. Die Auswertung dieses umfänglichen Datensatzes führte schließlich zur Auswahl von zehn Biomarkern pro Geschlecht, die zusammen die Berechnung des Bioage-Scores einer Person ermöglichen – eines Wertes, der das biologische Alter einer Person abbildet.

Altern als individueller Prozess
„Betrachten wir die Bioage-Scores einer Vielzahl von Menschen aus demselben Geburtsjahrgang, so haben diese Werte eine große Spannbreite. Daran zeigt sich sehr gut, dass jeder Mensch seinen individuellen biologischen Alterungsprozess durchlebt und dass zum Beispiel einige Personen biologisch gesehen deutlich jünger sind, als ihr chronologisches Alter vermuten lässt“, so Moreno-Villanueva. Über die Berechnung, ob Personen bestimmter Untergruppen in zu erwartendem Ausmaß biologisch älter oder jünger als ihr chronologisches Alter sind, konnten die Forschenden auch die Gültigkeit ihres Ansatzes bestätigen.

So zeigte sich anhand der Scores, dass die Differenz aus biologischem und chronologischem Alter bei Menschen mit Trisomie 21 – einer genetischen Besonderheit, bei der auch der Alterungsprozess schneller abläuft – deutlich erhöht ist. Frauen über 50, die sich nach Beginn der Menopause einer Hormonersatztherapie unterzogen, waren dagegen biologisch jünger als Frauen vergleichbaren Alters ohne entsprechende Therapie. Bei Raucherinnen wiederum fällt die Differenz umso höher aus, je mehr Zigaretten die Frauen kumulativ in ihrem Leben bereits geraucht haben – sprich Zigarettenkonsum beschleunigt die Alterung bei Frauen aus der MARK-AGE-Population. „All diese Ergebnisse sind vor dem Hintergrund aktueller Forschung zu den Alterungs-Effekten von Rauchen, Hormonersatztherapie oder Trisomie 21 plausibel und bestätigen die Aussagekraft unseres Bioage-Scores“, ordnet Bürkle ein.

Ein Schritt in Richtung neuartiger Präventivmedizin
Die Forschenden nutzten den Bioage-Score außerdem dafür, in ihrem Datensatz klinisch relevante Biomarker zu identifizieren, die in einem Zusammenhang mit dem biologischen, nicht aber mit dem chronologischen Alter stehen. Sie fanden heraus, dass dies für bestimmte Laborwerte gilt, die üblicherweise erhoben werden, um den Knochen-Status, den Fettstoffwechsel oder die Funktion des Immunsystems eines Patienten zu überprüfen – genauer 25-Hydroxy-Vitamin-D, HDL (Abkürzung für „High-Density Lipoprotein“) und den Anteil von T-Helferzellen bei den Leukozyten (CD3+CD4+/CD45+-Verhältnis). Je niedriger das biologische Alter einer Person war, desto mehr lagen ihre Werte für diese Marker in einem Bereich, der allgemein als gesundheitsförderlich gilt. Dies lässt vermuten, dass die genannten Marker eine direkte Rolle beim Alternsprozess spielen.

Zusammengenommen liefern die Studienergebnisse wichtige Erkenntnisse für die Ermittlung des biologischen Alters von Menschen und eröffnen neue Möglichkeiten – sowohl für die Alterungsforschung als auch für die Medizin. „Verlässliche Biomarker für das biologische Altern sind wichtige Werkzeuge, um Alterungsprozesse auch bei gesunden Menschen nachzuvollziehen oder um Personen zu identifizieren, die ein hohes Risiko tragen, später eine altersbedingte Krankheit oder körperliche Einschränkung zu entwickeln. Sie können dadurch auch den Weg für neue Ansätze in der individualisierten Präventivmedizin ebnen“, schließt Bürkle.

Universität Konstanz




Originalpublikation: 

M. Moreno-Villanueva, M. Junk, […], A. Bürkle (2026) Biologically Younger Individuals, as Identified by MARK-AGE Biological Age Scores, Display a Distinct Favourable Blood Chemistry Profile Regardless of Age. Aging Cell; doi: 10.1111/acel.70437, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/acel.70437

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Wissenschaft Baden-Württemberg
news-37924 Thu, 19 Mar 2026 12:20:06 +0100 Neue Sicht auf die Steuerung unserer Gene https://www.vbio.de/aktuelles/details/neue-sicht-auf-die-steuerung-unserer-gene Wie Gene im menschlichen Erbgut gesteuert werden, ist eine zentrale Frage der modernen Medizin. Fehler in diesen Prozessen können zur Entstehung von Krankheiten beitragen – etwa bei Krebs oder bei altersbedingten Veränderungen von Zellen. Forschende des Instituts für Biochemie und Zellbiologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg haben gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Alternsforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena nun ein seit Jahrzehnten verbreitetes Modell der Genregulation infrage gestellt. In einem Artikel in der Fachzeitschrift Nature Genetics kommen sie zu dem Schluss, dass sich Gene im menschlichen Erbgut vermutlich deutlich seltener gegenseitig behindern als lange angenommen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schlagen deshalb eine Neubewertung vor. Wenn Gene aufeinander zulaufen

Damit Zellen funktionieren, müssen Gene regelmäßig „abgelesen“ werden. Dabei entsteht ein RNA-Molekül, eine Art Arbeitskopie der genetischen Information, das später zur Herstellung von Eiweißen dienen kann. Dieser Prozess beginnt an bestimmten Startstellen auf der DNA, den sogenannten Promotoren.

Im menschlichen Erbgut kann es vorkommen, dass zwei solcher Startstellen einander gegenüberliegen. Dann laufen die Ableseprozesse gewissermaßen aufeinander zu. Lange stellten sich Forschende dies wie zwei große Fahrzeuge auf einer engen Straße vor: Früher oder später müsste eines anhalten. Man spricht dabei von dem Modell der Transkriptionsinterferenz – also der Annahme, dass sich zwei Ableseprozesse gegenseitig behindern können, wenn sie auf überlappenden Abschnitten der DNA aufeinandertreffen.

„Dieses Bild hat unser Verständnis der Genregulation über viele Jahre geprägt“, sagt Prof. Dr. Dr. Martin Fischer, Direktor des Instituts für Biochemie und Zellbiologie Magdeburg. „Unsere Auswertung neuer genomweiter Studien zeigt jedoch, dass solche Konflikte im menschlichen Genom deutlich seltener messbar sind als lange angenommen.“

Ausgangspunkt der neuen Perspektive sind frühere Arbeiten des Forschungsteams zu sogenannten konvergenten Promotoren – Startpunkten der Genaktivität, die sich auf der DNA gegenüberliegen. Auf dieser Grundlage und unter Einbeziehung mehrerer aktueller Studien mit großen Datensätzen schlagen die Forschenden nun eine Neubewertung des bisherigen Modells vor.

„Die Abläufe an der DNA sind viel dynamischer, als wir lange angenommen haben“, sagt Fischer. „Eine mögliche Erklärung: Proteine binden häufig nur kurzzeitig an das Erbgut und lösen sich wieder. Diese schnellen Veränderungen laufen auf ähnlichen Zeitskalen ab wie mögliche kurze Unterbrechungen durch kollidierende Ableseprozesse. Dadurch können potenzielle Störungen oft unmittelbar ausgeglichen werden. Diese Dynamik könnte erklären, warum sich mögliche Konflikte zwischen Ableseprozessen in vielen Fällen kaum nachweisen lassen.“

Bedeutung für die medizinische Forschung

Ein besseres Verständnis der Gensteuerung ist für viele Bereiche der Medizin wichtig. Die Arbeit lenkt den Blick stärker auf die zeitliche Dynamik der Genregulation. Künftige Studien müssen daher genauer untersuchen, warum manche Bereiche des Genoms empfindlich auf solche Störungen reagieren, während andere offenbar weitgehend unempfindlich bleiben.

„Unsere Untersuchung zeigt, dass wir einige Modelle der Genregulation noch einmal kritisch prüfen müssen“, sagt Fischer. „Wenn wir genauer verstehen, wie Gene in einer Zelle reguliert werden, können wir auch besser einschätzen, an welchen Stellen Veränderungen mit Krankheiten zusammenhängen.“

Die Autorinnen und Autoren betonen, dass dafür künftig verstärkt Methoden benötigt werden, die genetische Prozesse über kurze Zeiträume und in einzelnen Zellen beobachten können. Solche Untersuchungen könnten neue Einblicke in die grundlegenden Mechanismen der Genregulation liefern.

Universitätsmedizin Magdeburg


Originalpublikation: 

Fischer, M., Hoffmann, S. Transcriptional interference revisited. Nat Genet (2026). doi.org/10.1038/s41588-026-02536-8

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Wissenschaft Sachsen-Anhalt
news-37887 Thu, 19 Mar 2026 11:12:25 +0100 Hummel-Challenge 2026: Hummeln per App melden https://www.vbio.de/aktuelles/details/hummel-challenge-2026-hummeln-per-app-melden Bürgerinnen und Bürger können vom 20. März bis zum 9. April wieder Hummeln fotografieren und ans Thünen-Institut melden. Die Hummel-Challenge nutzt das Potential der Vielen, um Vielfalt und Verbreitung von Hummelarten in Deutschland zu erfassen. Von März bis April stehen die Frühjahrsblüher im Fokus.  In den vergangenen Jahren hat die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an der Forschung zu einer Reihe wichtiger Entdeckungen geführt: Seltene Arten wie die Mooshummel an der Nordseeküste, die Eisenhuthummel und die Pyrenäenhummel im Alpenraum konnten so nachgewiesen werden. Noch bedeutender war die Dokumentation der Tonerdhummel im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, die damit erstmals in Deutschland nachgewiesen wurde. „Wir sind sehr gespannt, welche Hummel-Schätze die Bürgerinnen und Bürger in diesem Jahr finden“, sagt Dr. Sophie Ogan, Projektverantwortliche für die Hummel-Challenge am Thünen-Institut.

Das Team des Wildbienen-Monitorings in Agrarlandschaften am Thünen-Institut richtet die Mitmach-Aktion deutschlandweit in Kooperation mit dem BUND Naturschutz Bayern aus. „Frühlingszeit ist Königinnenzeit. Jetzt im Frühjahr sind vor allem die Hummelköniginnen unterwegs, die haben es aber oft nicht leicht“, erklärt Martina Gehret, Projektverantwortliche beim BUND Naturschutz Bayern, und ergänzt: „Kühles und nasses Wetter sowie ein geringes Blüten- und damit Nahrungsangebot machen den Start ins Jahr für die Königinnen zu einer echten Herausforderung.“

Keine Artenkenntnis nötig: Jede und jeder kann mitmachen
Ob mit Vorkenntnissen oder ohne: Bei der Hummel-Challenge kann jede und jeder mitmachen. Alles, was es braucht, ist ein Smartphone. Einfach die kostenlose App ObsIdentify herunterladen, einen Benutzeraccount anlegen und draußen in der Natur möglichst viele verschiedene Hummeln fotografieren. Artenkenntnisse sind nicht erforderlich, denn eine integrierte KI bestimmt die Hummeln anhand der Fotos. Zusätzlich prüfen erfahrene Hummel-Expertinnen und -Experten die Meldungen.

Hummeln in der Natur finden und fotografieren
Die besten Chancen, verschiedene Hummelarten zu entdecken, haben Hummelsuchende dort, wo viele verschiedene Blütenpflanzen zu finden sind. Dr. Sophie Ogan beschreibt, wie gute Fotos von Hummeln gelingen: „Am einfachsten lassen sich Hummeln beim Blütenbesuch fotografieren. Beim Sammeln von Pollen und Nektar halten sie einen Moment kurz still. Wichtig ist, dass die Hummel vollständig und scharf abgebildet ist. Für die Forschung besonders wertvoll ist es, wenn auch die Pflanze erkennbar ist, auf der das Tier sitzt.“
Ein besonders wichtiger Hinweis gilt dem Schutz der Tiere: Hummeln sind gesetzlich geschützt und dürfen weder gestört noch gefangen oder gar getötet werden!

Datengrundlage für die Forschung
Hummeln gehören zu den wichtigsten Bestäubern unserer Agrarlandschaften und vieler Wildpflanzen. Die Fotos der Hummel-Challenge liefern deshalb eine bedeutende Datengrundlage für die Wissenschaft „Wir wünschen uns, dass möglichst viele Interessierte mitmachen und so dabei helfen, das Wissen über Hummeln zu vergrößern“, sagt Martina Gehret.

Bürgerinnen und Bürger, die Interesse haben, sich über die Challenge hinaus für Hummeln zu engagieren, können sich zusätzlich für das Wildbienen-Monitoring des Thünen-Instituts anmelden. Im Projekt haben Ehrenamtliche die Möglichkeit, einen Beitrag zur Forschung zu leisten und zugleich ihr eigenes Wissen über Wildbienen zu vertiefen. Das Wildbienen-Monitoring ist Teil des Verbundprojektes MonViA, dem bundesweiten Monitoring der biologischen Vielfalt in Agrarlandschaften. 

Die Hummel-Challenge findet zweimal im Jahr statt: im Frühjahr vom 20. März bis zum 9. April und im Sommer vom 20. Juni bis zum 3. Juli.

Johann Heinrich von Thünen-Institut

Weitere Informationen: https://wildbienen.thuenen.de/hummel-challenge

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news-37886 Thu, 19 Mar 2026 11:06:50 +0100 Neandertaler könnten Birkenpech zur Behandlung von Wunden genutzt haben https://www.vbio.de/aktuelles/details/neandertaler-koennten-birkenpech-zur-behandlung-von-wunden-genutzt-haben Studie zur Herstellung von Birkenpech und den antibiotischen Eigenschaften gibt Hinweise zu dessen Nutzung zu Zeiten der Neandertaler Forschende der Universität Köln, Oxford, Lüttich sowie der kanadischen Cape Breton University haben für eine neue Studie Birkenpech mit Methoden hergestellt, die schon Neandertaler nutzen, um dessen antibakterielles Potenzial zu analysieren. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bereits Neandertaler das Birkenpech neben der Werkzeugherstellung auch für medizinische Zwecke genutzt haben könnten. 

Birkenpech ist eine zähflüssige Masse, die aus Birkenrinde gewonnen wird und sich in vielen archäologischen Neandertaler-Fundstellen Europas findet. Da die Birkenpechreste oft direkt an Steinartefakten angebracht sind, gingen Archäolog*innen lange davon aus, dass es hauptsächlich als Klebemittel für die Schäftung genutzt wurde. Schäften ist eine Methode, bei der mehrere Werkstücke, zum Beispiel bei der Werkzeugherstellung, miteinander verbunden werden. „Neue Studien deuten darauf hin, dass das Birkenpech jedoch auch für andere Zwecke genutzt worden sein könnte“, sagt Tjaark Siemssen von den Universitäten Köln und Oxford, der die aktuelle Studie geleitet hat. Ethnographische Befunde aus verschiedensten globalen Kontexten zeigen, dass es unter anderem auch medizinische Anwendung findet. „Da es neben diesen Befunden auch immer mehr Nachweise für medizinische Verhaltensweisen und Pflanzennutzung bei Neandertalern gibt, hat uns die Nutzung des Birkenpechs in diesem Kontext interessiert“, so Siemssen.

Die Forschenden stellten zunächst experimentell Birkenpech aus Birkenarten her, die es bereits zur Zeit der Neandertaler gab. Sie verwendeten dabei gezielt Methoden, die aufgrund früherer archäologischer Funde nachweislich auch bei den Neandertalern geläufig waren. Für ein Verfahren wurde etwa Birkenrinde unterirdisch in einer verschlossenen Grube verbrannt. Der Sauerstoffabschluss führt zu einer Trockendestillation, so dass von der Rinde lediglich das Birkenpech zurückbleibt. Eine andere Methode bestand darin, Birkenpech neben einer harten Oberfläche, beispielsweise einem Stein, zu verbrennen. Im Verlauf dieses Prozesses kondensiert das Pech an der Steinoberfläche.

Die gewonnenen experimentellen Birkenpechproben unterzogen die Forschenden weiteren Tests, um die antimikrobiellen Eigenschaften zu untersuchen. Es zeigte sich, dass alle Proben das Wachstum von Staphyloccocus aureus hemmen. S. aureus ist ein Bakterium, das bei Wundinfektionen eine große Rolle spielt und heute zu den Multiresistenten Krankenhauskeimen zählt. Die antibiotischen Eigenschaften von Birkenpech finden sich quer durch alle Produktionsmethoden. „Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass antimikrobielle Eigenschaften schon zu Zeiten der frühen Neandertalern eine Rolle spielten und gezielt eingesetzt werden konnten“, erläutert Siemssen.

Neben den archäologischen Erkenntnissen, die zu einem besseren Verständnis der Neandertaler-Kultur beitragen, sind die Ergebnisse auch im Hinblick auf die weltweit erhöhten Resistenz von Bakterien gegenüber gängigen Antibiotika relevant. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es sich lohnen kann, sich intensiver mit gezielt wirkenden Antibiotika aus ethnographischen Kontexten oder, wie hier, auch prähistorischen Kontexten auseinanderzusetzen“, so Siemssen.

Universität Köln


Originalpublikation:

Siemssen T, Oludare A, Schemmel M, Puschmann J, Bierenstiel M (2026) Antibacterial properties of experimentally produced birch tar and its medicinal affordances in the Pleistocene. PLoS One 21(3): e0343618. doi.org/10.1371/journal.pone.0343618

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Wissenschaft Nordrhein-Westfalen
news-37878 Thu, 19 Mar 2026 10:32:57 +0100 Neuer Bericht zur Wissenschaftsfreiheit weltweit veröffentlicht https://www.vbio.de/aktuelles/details/neuer-bericht-zur-wissenschaftsfreiheit-weltweit-veroeffentlicht Die institutionelle Autonomie ist für die Wahrung der Wissenschaftsfreiheit unerlässlich. Weltweit ist sie vergleichsweise stabil, mit bemerkenswerten Ausnahmen in sich autokratisierenden Demokratien. Der diesjährige Bericht zum Academic Freedom Index (AFI), der auf einem Projekt von Forschenden der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und des Varieties of Democracy (V-Dem) Instituts der Universität Göteborg basiert, gibt einen Überblick über den weltweiten Stand der Wissenschaftsfreiheit. Er präsentiert Daten, die einen Zusammenhang zwischen der institutionellen Autonomie von Universitäten und der individuellen Freiheit von Forschenden nahelegen. Außerdem analysiert er den dramatischen Rückgang der Autonomie der Universitäten in den Vereinigten Staaten von Amerika aus einer vergleichenden Perspektive. Stand der Wissenschaftsfreiheit 2025

Die Wissenschaftsfreiheit nimmt weltweit weiter ab. In den letzten zehn Jahren hat sie sich in 50 Ländern verschlechtert, während nur 9 Länder Verbesserungen verzeichnen konnten. Zu den Ländern, in denen ein Rückgang zu verzeichnen ist, gehören mehrere Demokratien, darunter u.a. die Vereinigten Staaten von Amerika, Griechenland, Finnland und Argentinien. Weltweit ist der Rückgang in der individuellen Dimension der Wissenschaftsfreiheit und der Campus-Integrität am stärksten. Im Gegensatz dazu gibt es weniger Länder, in denen die institutionelle Autonomie abnimmt. Es gibt jedoch gute Gründe, sich mit den Angriffen auf die institutionelle Autonomie der Universitäten zu beschäftigen.

Institutionelle Autonomie weltweit und im Westen

Zwischen 2015 und 2025 nahm die institutionelle Autonomie in 43 Ländern ab, von denen 21 vorwiegend in Europa, Nordamerika und Lateinamerika liegen. Dies deutet auf eine besorgniserregende Schwächung der Hochschulautonomie in liberalen Demokratien hin, beispielsweise in Kanada, den Niederlanden, der Schweiz und den Vereinigten Staaten, wenn auch in sehr unterschiedlichem Ausmaß.

Die institutionelle Autonomie spielt eine wichtige Rolle beim Schutz der Wissenschaftsfreiheit. Obwohl einige Forschende und politische Akteure kürzlich argumentierten, dass eine starke institutionelle Autonomie Universitäten begünstigen könnte, die die Vielfalt der Ansichten und Forschungsansätze unterdrücken, deuten die AFI-Daten auf einen positiven Zusammenhang zwischen institutioneller Autonomie und der individuellen Freiheit zu forschen und zu lehren hin. Universitäten mit stärkerer Autonomie bieten eher zuverlässigere Garantien für die Wissenschaftsfreiheit von Einzelpersonen. Umgekehrt werden sowohl Universitäten als auch einzelne Forschende anfälliger gegenüber nicht-akademischen Druck, wenn die institutionelle Autonomie geschwächt wird.

Vereinigte Staaten von Amerika und Hochschulautonomie

Das diesjährige AFI-Update untersucht die Entwicklung der institutionellen Autonomie in den Vereinigten Staaten (USA) und vergleicht diese Entwicklung mit den regionalen Durchschnittswerten für Westeuropa und Nordamerika zwischen 2015 und 2025. Die Analyse zeigt deutlich, dass die Autonomie der Universitäten in den USA weit hinter der Vergleichsgruppe zurückgefallen ist.

Der Bericht vergleicht außerdem die Entwicklung in den USA mit anderen ehemals demokratischen Ländern, die sich autokratisiert haben und heute nicht mehr als Demokratien gelten. In Indien, Ungarn, und der Türkei kam es nach ursprünglich gut geschützter Wissenschaftsfreiheit im Zuge der Autokratisierung zu einem graduellen und schleichenden Rückgang der institutionellen Autonomie, der unterschiedlich stark ausfiel. Im Gegensatz dazu verlief der Rückgang in den Vereinigten Staaten vergleichsweise abrupt: Die institutionelle Autonomie sank von 2,4 im Jahr 2024 auf 1,7 im Jahr 2025 (auf einer Skala von 0 bis 4). Dieser deutliche Einbruch innerhalb nur eines Jahres wurde vor allem durch Maßnahmen der amerikanischen Bundesregierung verursacht. Der Rückgang setzte erstmals im Jahr 2020 mit Maßnahmen einzelner Bundesstaaten ein, die die Universitäten auch heute weiterhin unter Druck setzten. Im Jahr 2019 lag der Wert für die institutionelle Autonomie in den USA noch bei 3,3, was im globalen und auch im regionalen Vergleich ein hoher Wert war.

Trotz der besorgniserregenden Aushöhlung der Hochschulautonomie in den Vereinigten Staaten hat sich durch rechtliche und institutionelle Gegenmaßnahmen Widerstand gebildet. Die Maßnahmen von Gerichten, akademischen Akteuren und zivilgesellschaftlichen Organisationen deuten darauf hin, dass es noch Wege gibt, diese gefährliche Erosion der institutionellen Autonomie abzuschwächen oder umzukehren.

Datengrundlage

Das diesjährige Update des Academic Freedom Index basiert auf V-Dem Daten der Version 16, die auf Bewertungen von 2.357 Länderexperten weltweit zurückgreift. Die Daten decken den Zeitraum von 1900 bis 2025 ab. Alle Daten sind öffentlich zugänglich und umfassen insgesamt mehr als eine Million Datenpunkte auf Kodiererebene. Der aggregierte Index setzt sich aus fünf Indikatoren zusammen: der Freiheit von Forschung und Lehre, der Freiheit des akademischen Austauschs und der Wissenschaftskommunikation, der institutionellen Autonomie von Universitäten, der Campusintegrität und der akademischen und kulturellen Ausdrucksfreiheit.

Open Access und Visualisierungen

Die für das AFI-Update 2026 verwendeten Daten sind für weitere Studien frei zugänglich. Auf der Website des Academic Freedom Index gibt es eine interaktive Visualisierung der Daten, Länderprofile und weiterführende Informationen zum Indexprojekt, der Bericht selbst ist auf der Webseite des AFI als PDF verfügbar. Die VolkswagenStiftung ermöglicht die Erstellung und wissenschaftliche Auswertung der Index-Daten seit 2021; sie fördert das Index-Projekt für insgesamt fünf Jahre.

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 


https://academic-freedom-index.net/

academic-freedom-index.net/research/Academic_Freedom_Index_Update_2026.pdf

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Politik & Gesellschaft Bayern International