VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Tue, 10 Mar 2026 13:04:25 +0100 Tue, 10 Mar 2026 13:04:25 +0100 TYPO3 news-37559 Tue, 10 Mar 2026 12:57:00 +0100 Ein neuer "molekularer Schalter" für angeborene Immunität identifiziert https://www.vbio.de/aktuelles/details/ein-neuer-molekularer-schalter-fuer-angeborene-immunitaet-identifiziert Eine bisher unbekannte Signalkaskade, die bestimmt, wie stark unser angeborenes Immunsystem auf Virusinfektionen reagiert, wurde jetzt von Forschenden entdeckt. Diese Entdeckung hat weitreichende Auswirkungen für die Behandlung von Entzündungskrankheiten, Krebs und Neurodegeneration. Sensoren des angeborenen Immunsystems – sogenannte Mustererkennungsrezeptoren (Pattern Recognition Receptors; PRRs) – erkennen spezifische molekulare Bestandteile von bakteriellen oder viralen Eindringlingen. Diese Rezeptoren leiten Signale weiter, die zur Produktion von Interferonen führen, welche anschließend die Immunzellen steuern. Der genaue Mechanismus der Signalweiterleitung blieb bislang allerdings ungeklärt. 

In einer neuen Studie hat ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Eva Rieser und Professor Henning Walczak von der Universität zu Köln gezeigt, dass das Enzym ANKIB1 für den Prozess der angeborenen Immunsignalisierung entscheidend ist. Die Studie zeigt, dass ANKIB1 sogenannte Lysin-11 (K11)-verbunde Ubiquitinketten (K11-Ubiquitin) katalysiert, eine hochspezifische molekulare Modifikation, die als Plattform für den Zusammenbau der Maschinerie dient, die wichtige antivirale Botenstoffe des Körpers, Interferone des Typ I und Typ III, aktiviert. Die Studie “Lysine 11-ubiquitination drives Type-I/III Interferon induction by cGAS-STING and Toll-Like Receptors 3 and 4” wurde in Nature Cell Biology veröffentlicht.

Die Forschungsergebnisse lösen ein lange bestehendes Rätsel der angeborenen Immunität und eröffnen neue Perspektiven für die Entwicklung innovativer Therapien gegen verschiedene schwerwiegende Erkrankungen. „Wir haben herausgefunden, dass ANKIB1 darüber entscheidet, wann der Wecker für Immunzellen klingelt und auch, wie laut dieser Weckruf ist“, sagt Henning Walczak, Alexander-von-Humboldt-Professor für Biochemie und Direktor des Instituts für Biochemie I der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln sowie Arbeitsgruppenleiter am Exzellenzcluster für Alternsforschung CECAD und am Cancer Institute des University College London. „Mit K63- und M1-Ubiquitin waren bisher nur zwei Buchstaben des Ubiquitin-Signalcodes bekannt. Mit der Entdeckung von K11-Ubiquitin als dritten Buchstaben des Ubiquitin-Alphabets sind wir der Entschlüsselung des Ubiquitin-Codes der zellulären Signalübertragung nun einen entscheidenden Schritt nähergekommen“, sagt Dr. Eva Rieser, Biochemikerin und Immunologin am Institut für Biochemie der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.

In Experimenten mit Zellkulturen und Tiermodellen bestätigten die Forscher*innen, dass die neu entdeckte Signalachse ANKIB1–K11-Ubiquitin–OPTN–TBK1–IRF3 für die Alarmierung des Immunsystems bei Virusinfektionen entscheidend ist. Das Team fand heraus, dass ANKIB1 für die Bekämpfung einer Infektion mit dem Herpes-Simplex-Virus I, dem Erreger von Lippenbläschen, unerlässlich ist. Fehlt es, können Mäuse nicht das Interferon produzieren, das notwendig ist, um das Immunsystem zu alarmieren, damit es die Infektion bekämpfen kann. Die Folgen sind drastisch: Dieses sonst eher harmlose Virus führt zum Tod der Mäuse.

Ein Überschuss an Interferon ist jedoch für eine Reihe schwerer Entzündungskrankheiten verantwortlich. Bemerkenswerterweise überlebten Mäuse ohne ANKIB1 in einem In-vivo-Modell einer solchen Interferonopathie eine ansonsten tödliche Entzündung. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass ANKIB1 eine zentrale Rolle bei sowohl physiologisch notwendigen als auch pathologischen Interferonreaktionen spielt.

Verstärkung des Immunangriffs auf Krebs

„Obwohl die Arbeit auf grundlegenden biochemischen und immunologischen Erkenntnissen beruht, hat sie auch wichtige Auswirkungen auf Krebserkrankungen, da diese Signalkaskade für den Dialog zwischen Tumor- und Immunzellen von zentraler Bedeutung ist“, sagt Professor Julian Pardo vom Aragón Health Research Institute, CIBERINFEC und der Universität Zaragoza in Spanien, der an dieser Studie mitgewirkt hat. Viele Tumore nutzen die chronische Aktivierung angeborener Immunwege – insbesondere der durch cGAS-STING und verschiedene TLRs ausgelösten Signalwege – zu ihrem Vorteil. Dadurch entsteht eine chronische Entzündung in dem Ökosystem, in dem sich die Krebszellen befinden, so dass ein wirksamer Immunangriff auf den Krebs gedämpft oder sogar verhindert wird.

Die Identifizierung von ANKIB1 und K11-Ubiquitin als zentrale Faktoren der Interferoninduktion durch diese Immunrezeptoren eröffnet neue Ansätze zum Verständnis, wie Krebszellen diese Signalwege zu ihrem Vorteil regulieren und wie dieses Gleichgewicht therapeutisch wiederhergestellt werden könnte. Die Steuerung der ANKIB1-Aktivität könnte grundsätzlich dazu beitragen, das Immunsystem innerhalb von Tumoren „umzuprogrammieren“, indem entweder die Interferonreaktionen zur Unterstützung der Immuntherapie verstärkt oder übermäßige Entzündungen, die zu einer Erschöpfung des Immunsystems und zu Gewebeschäden führen, eingedämmt werden.

Ein neuer Ansatzpunkt für entzündliche neurologische Erkrankungen

Chronische, niedrig gradige Aktivierung von Sensoren des angeborenen Immunsystems im Gehirn gilt zudem als ein gemeinsames Merkmal neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson, bei denen die Interferon-Signale nachweislich den Entzündungsprozess im Gehirn und dadurch den Verlust von Nervenzellen fördern. Die Studie zeigt, dass ANKIB1 und K11-Ubiquitin als Regulatoren dieser Interferonwege fungieren, und bietet damit einen konzeptionellen Rahmen zu verstehen, wie Entzündungssignale im Gehirn synchronisiert werden und wie eine abweichende Interferonproduktion Neurodegeneration begünstigt.

„Durch die präzise Identifizierung des Ubiquitinkettentyps und des Enzyms, das diesen erzeugt, wird eine komplexe Immunkaskade in einen klar definierten, therapeutisch angreifbaren Prozess überführt“, erklärt Walczak. Diese Erkenntnis könnte sowohl die Entwicklung neuer Therapien als auch deren Anwendung in der klinischen Praxis für zahlreiche Krankheiten ermöglichen. Anstatt das Immunsystem global zu unterdrücken, was zu einer Abschaltung aller wesentlichen Abwehrmechanismen des Wirts führen würde, würde die Hemmung der katalytischen Aktivität von ANKIB1 oder die Förderung seines Abbaus ausreichen, um Erkrankungen zu behandeln, die durch einen Überschuss an Interferon Entzündungen oder Autoimmunreaktionen hervorrufen. Gleichzeitig könnte die vorübergehende Steigerung der ANKIB1-Aktivität oder die Stabilisierung von K11-Ubiquitin in Situationen eingesetzt werden, in denen das Immunsystem stärker gegen Viren oder Krebszellen aktiviert werden soll. 

Diese Arbeit ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit mit den Arbeitsgruppen von Professor Julian Pardo in Zaragoza und Professor Antonio Alcamí vom Zentrum für Molekularbiologie Severo Ochoa des Spanischen Nationalen Forschungsrats (CSIC) in Madrid, sowie mit Professor Brian Ferguson von der Universität Cambridge, die entscheidende In-vivo- und In-vitro-Infektionsmodelle und virologisches Fachwissen beisteuerten.

Universität Köln


Originalpublikation:

Betrancourt, A., Cinko, M.T., Varanda, A.B. et al. Lysine-11 ubiquitination drives type-I/III interferon induction by cGAS–STING and Toll-like receptors 3 and 4. Nat Cell Biol (2026). doi.org/10.1038/s41556-026-01886-z

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Wissenschaft Nordrhein-Westfalen
news-37641 Tue, 10 Mar 2026 12:03:45 +0100 Ein Gen entscheidet: Durchbruch bei der Züchtung winterharter Ackerbohnen gelungen https://www.vbio.de/aktuelles/details/ein-gen-entscheidet-durchbruch-bei-der-zuechtung-winterharter-ackerbohnen-gelungen Ein kleiner, aber folgenreicher genetischen Unterschied wurde jetzt bei der Ackerbohne entdeckt. Ob eine Pflanze den Winter übersteht oder aber nur im Frühjahr angebaut werden kann, hängt maßgeblich von einer einzigen Stelle im Genom ab. Die Ergebnisse der neuen Studie könnten die Züchtung robuster Sorten deutlich beschleunigen. Die Ackerbohne - auch Faba-Bohne genannt - ist eine alte Kulturpflanze. Sie ist besonders wertvoll, da sie viel Eiweiß enthält und Stickstoff aus der Luft im Boden binden kann. Das macht sie zu einer Alternative zu Soja, vor allem in Europa. Doch es gibt ein Problem: Viele Sorten sind nicht winterhart. In kalten Regionen überleben sie den Frost nicht.

In einem ersten Schritt gelang es dem internationalen Forschungsteam unter Beteiligung des IPK Leibniz-Instituts, das Referenzgenom der Ackerbohne deutlich zu verbessern. Mithilfe verschiedener Methoden, wie der optischen Kartierung, konnten die einzelnen Abschnitte des Genoms präziser zusammengesetzt werden. „Unsere neue Referenz des Ackerbohnen-Genoms ist ein präziser Bauplan: deutlich weniger Lücken, bessere Verankerung auf den sechs Chromosomen und eine verlässliche Grundlage für die Züchtung“, betonte Prof. Dr. Murukarthick Jayakodi, der bereits 2023 am IPK eine erste Referenz des Genoms erstellt hat. Auf dieser Grundlage untersuchten die Forscherinnen und Forscher in einem zweiten Schritt mehr als 400 Winter- und Sommerlinien und verglichen systematisch das entsprechende Erbgut.

Gleichzeitig führten sie sogenannte Assoziationsanalysen durch. Dabei wird geprüft, welche genetischen Unterschiede mit bestimmten Eigenschaften - in diesem Fall der Winterhärte - zusammenhängen. Zusätzlich untersuchten sie, welche Gene bei Kälte aktiviert werden. Besonders interessierten sie sich dabei für Gene, die in anderen Pflanzenarten bereits für Kälteresistenz bekannt sind.

„Wir waren überrascht zu sehen, dass ein einziges Allel an einem einzigen Genort ausreicht, um Winter- und Sommersorten klar zu trennen“, sagte Hailin Zhang, Erstautorin der Studie. Das ist vergleichbar mit einem Lichtschalter: Entweder ist er an, oder er ist aus. Je nach Variante dieses Gens ist die Pflanze winterhart - oder eben nicht.

Genau dieser Genort zeigte sich auch als stärkstes Signal in einer Analyse zur Winterhärte. Die dort liegenden Gene gehören zur Gruppe der CBF/DREB-Transkriptionsfaktoren. Das sind Schalter-Gene, die bei Kälte viele andere Schutzmechanismen aktivieren. „Wir konnten zeigen, dass diese Gene bei Kälte deutlich aktiviert werden. Das bestätigt, dass sie eine zentrale Rolle bei der Frosttoleranz spielen“, erklärte Hailin Zhang. Man kann sich diese Gene wie eine Art Notfallplan vorstellen. Sinkt die Temperatur, wird dieser Plan aktiviert und die Pflanze stellt sich auf Frost ein.

Doch nicht nur das: Derselbe Genort wurde auch mit stabilen Erträgen in unterschiedlichen Umwelten in Verbindung gebracht. „Dass derselbe Genort sowohl die Winterhärte als auch die Ertragsstabilität beeinflusst, war für uns eine besonders spannende Entdeckung“, sagte Dr. Martin Mascher, Leiter der Arbeitsgruppe „Domestikationsgenomik“ am IPK. Das heißt: Dieses eine genetische „Schaltzentrum“ hat gleich mehrere wichtige Effekte. Das neue Wissen kann die Züchtung robuster Winter-Ackerbohnen beschleunigen. Diese bringen in Europa fast 50 Prozent mehr Ertrag und reduzieren als heimische Eiweißquelle auch die Abhängigkeit von Importen.


Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung


Originalpublikation:

Zhang, H., Windhorst, A., Bornhofen, E. et al. Allelic variation at a single locus distinguishes spring and winter faba beans. Nat Genet (2026). doi.org/10.1038/s41588-026-02524-y

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Wissenschaft Sachsen-Anhalt
news-37639 Tue, 10 Mar 2026 11:33:47 +0100 Wie soziale Erfahrungen das Verhalten prägen https://www.vbio.de/aktuelles/details/wie-soziale-erfahrungen-das-verhalten-praegen Viele Tiere – darunter Säugetiere, Vögel und Insekten – lernen aus sozialen Erfahrungen. Sie passen ihr Verhalten an frühere Interaktionen an und erhöhen so ihre Überlebens- und Fortpflanzungschancen. Wie soziale Erfahrungen das Verhalten prägen, ist bislang nur unzureichend verstanden. Forschende haben gezeigt, dass Fruchtfliegen ihr Sozialverhalten anpassen und aus diesen Erfahrungen lernen können. Diese grundlegenden Mechanismen sozialer Informationsverarbeitung sind auch für das Verständnis psychischer Erkrankungen von Bedeutung. Dr. Frederic Alexander Römschied, Gruppenleiter am European Neuroscience Institute Göttingen (ENI-G) – einer Kooperation der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und des Max-Planck-Instituts für Multidisziplinäre Naturwissenschaften – hat in Zusammenarbeit mit Forschenden der Princeton University in New Jersey, USA, gezeigt, dass männliche Fruchtfliegen, ähnlich wie Menschen, ihr Verhalten flexibel an veränderte soziale Bedingungen anpassen können. Mit einem neuartigen Verfahren gelang es den Forschenden, das Verhalten interagierender Fliegen, auch entgegen ihrer natürlichen Instinkte, zu steuern. Dazu wurden die Nervenzellen der Fliegen genetisch so verändert, dass sie mittels LED-Licht gezielt angeschaltet werden können. Das Ergebnis: Verhält sich eine Fliege anders als gewohnt, lernt ihr Gegenüber aus dieser Erfahrung und entwickelt neue Verhaltensstrategien, um sich anzupassen. 

„Wir können soziale Erfahrungen experimentell umschreiben und anschließend untersuchen, wie sich das Verhalten an diese Erfahrungen anpasst“, sagt Dr. Römschied, Erst- und Letztautor. „Damit schaffen wir die Grundlage, um zu verstehen, wie individuelle soziale Erlebnisse neuronale Prozesse langfristig beeinflussen, um Lernen aus sozialer Erfahrung zu ermöglichen. Diese Mechanismen sozialer Informationsverarbeitung sind auch für das Verständnis psychischer Erkrankungen von Bedeutung und könnten langfristig dazu beitragen, neue Behandlungsansätze zu entwickeln.“

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen fördern das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur und die VolkswagenStiftung das Folgeprojekt „ethoLASR: Auf dem Weg zu einer Neuroethologie des Lernens in alternativen sozialen Realitäten“ mit mehr als 400.000 Euro für zwei Jahre. Ziel ist es, die neuronalen Grundlagen für die entdeckte Flexibilität des Sozialverhaltens zu entschlüsseln.

Das optogenetische Closed-Loop-Verfahren

Zur Erforschung der sozialen Interaktionen wurde eine neue Methode, das sogenannte optogenetische Closed-Loop-Verfahren, verwendet. Das Verfahren erlaubt es, das Verhalten genetisch veränderter und frei interagierender Fliegen in Echtzeit zu analysieren und ihre Reaktionen gezielt mit Licht zu beeinflussen. Die Grundlage dafür bildet das maschinelle Lernen, bei dem Computer darauf trainiert werden, aus aufgezeichneten Daten zu lernen, Muster zu erkennen und daraus Schlussfolgerungen abzuleiten. In dieser Studie wird maschinelles Lernen dazu verwendet, die Verhaltensweisen der Fliegen anhand der eingehenden Daten schnell zu erkennen. Dies ermöglicht die gezielte Beeinflussung der Tiere auf Basis ihres aktuellen Verhaltens in Echtzeit.

Konkret wurden Fliegenpaare, je eine männliche und eine weibliche Fliege, bei der Balz untersucht. Männliche Fliegen versuchen dabei durch „singen“ mit einem ihrer Flügel, das Weibchen zur Paarung zu bewegen. Die Nervenzellen des Weibchens, die für die Rückwärtsbewegung zuständig sind, sogenannte „Moonwalker“-Nervenzellen, wurden mit LED-Licht aktiviert und zwar jedes Mal, wenn das Männchen sang. Für das Männchen entsteht dadurch eine „alternative soziale Realität“, an die es sich anpassen muss, da sich das Weibchen nicht wie gewohnt bewegt. 

Den Ansatz für dieses Verfahren hat Dr. Römschied während seiner Zeit als Postdoktorand in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Mala Murthy an der Princeton University in New Jersey, USA, und ebenfalls Letztautorin der Studie entwickelt. In Göttingen wurde das Verfahren zu einem laserbasierten Closed-Loop-System weiterentwickelt, mit dem sich nun mehrere interagierende Tiere unabhängig voneinander beeinflussen lassen. Dies wurde unterstützt durch den Klaus Tschira Boost Fund.

Universitätsmedizin Göttingen - Georg-August-Universität


Originalpublikation:
Frederic A. Roemschied, Elise C. Ireland, Adam J. Calhoun, Minseung Choi, Osama M. Ahmed, Mala Murthy. Recent social experience alters song behavior in Drosophila. Current Biology (2026): DOI: 10.1016/j.cub.2026.02.003

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Wissenschaft Niedersachsen
news-37638 Tue, 10 Mar 2026 11:08:50 +0100 Schlüsselprotein SYFO2 ermöglicht „Selbstdüngung“ von Hülsenfrüchten https://www.vbio.de/aktuelles/details/schluesselprotein-syfo2-ermoeglicht-selbstduengung-von-huelsenfruechten Das in Wurzeln von Hülsenfrüchten vorkommende Protein SYFO2 ermöglicht die „Selbstdüngung“ der Pflanzen. Dies konnte ein internationales Forschungsteam zeigen. Den Forschenden ist es zudem gelungen, die tomateneigene Version von SYFO2 zu aktivieren. Das eröffnet neue Perspektiven auf die Frage, wie der Einsatz von Düngemitteln bei Nutzpflanzen künftig reduziert werden könnte. Die meisten Pflanzen lassen pilzartige Mikroorganismen in ihre Wurzelzellen eindringen, stellen ihnen Kohlenhydrate bereit und werden im Gegenzug besser mit Nährstoffen und Wasser versorgt. Nur Hülsenfrüchte wie Erbsen, Bohnen und Klee gehen eine zusätzliche, für beide Seiten vorteilhafte Symbiose mit stickstofffixierenden Bodenbakterien ein. Die Allianz mit sogenannten Rhizobien ermöglicht es ihnen, sich selbst mit dem für ihr Wachstum wichtigen Stickstoff aus der Luft zu versorgen.

Forschende um Prof. Dr. Thomas Ott, Professor für Zellbiologie der Pflanze an der Fakultät für Biologie und Mitglied des Exzellenzclusters CIBSS – Centre for Integrative Biological Signalling Studies, konnten im Rahmen des von der Organisation Gates Agricultural Innovations geförderten Projekts Enabling Nutrient Symbioses in Agriculture (ENSA) erstmals belegen: SYFO2, ein bislang wenig erforschtes Protein, das in den Wurzeln von Hülsenfrüchten und anderen Pflanzen vorkommt, spielt eine Schlüsselrolle bei der „Selbstdüngung“ von Hülsenfrüchten, da es Rhizobien ermöglicht, in die Wurzelzellen einzudringen. Sobald die Wurzelhaare der Pflanzen die Bakterien eingefangen haben, stößt SYFO2 den Umbau des Zellskeletts (Aktin-Zytoskelett) an – der entscheidende Schritt, damit Bakterien in die Wurzelzelle gelangen und diese im Inneren infizieren können. Infolge der Infektion bilden sich kleine Knöllchen entlang der Pflanzenwurzeln, in denen Rhizobien Stickstoff aus der Luft binden und für die Pflanze nutzbar machen. 

Das internationale Team konnte diesen Prozess mithilfe einer Kombination aus bildgebenden, molekularbiologischen und genetischen Verfahren nachweisen. Darüber hinaus ist es den Wissenschaftler*innen gelungen, die tomateneigene Version von SYFO2 zu aktivieren, indem sie einen Regulationsfaktor der Wurzelknöllchensymbiose mit stickstofffixierenden Bakterien, den Transkriptionsfaktor NIN, einbrachten. 

Die Studie mit dem Titel Nanodomain-localized formin gates symbiotic microbial entry in legume and solanaceous plants erweitert das Verständnis darüber, wie tomateneigene Symbiose-Gene gesteuert werden können. Sie legt den Grundstein für zukünftige Bemühungen, die nützlichen Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Rhizobien zu verbessern und die Fähigkeit zur Stickstofffixierung auf Nutzpflanzen zu übertragen – mit dem langfristigen Ziel, den Bedarf an Düngemitteln zu reduzieren. Die Forschungsergebnisse sind im Fachmagazin Science erschienen. 

Grundlage für Schlüsselprozess identifiziert

„Die meisten Hülsenfrüchte haben ausgeklügelte Mechanismen entwickelt, um symbiotischen Bakterien den Eintritt in die Zelle zu ermöglichen“, sagt Ott. „In dieser Studie haben wir die molekulare Grundlage für einen Schlüsselprozess identifiziert, bei dem die Pflanze vom ‚Einfangen der Bakterien‘ zum ‚Öffnen der Tür‘ für sie übergeht.“ Die Arbeit wurde zusätzlich von CIBSS-Forscher Prof. Dr. Robert Grosse, Direktor des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie an der Medizinischen Fakultät und CIBSS-Mitglied, unterstützt.

Ferner konnten die Forschenden zeigen, dass SYFO2 bei einigen Pflanzen, die keine Symbiose mit stickstofffixierenden Bakterien eingehen, für die Entstehung der häufigsten und evolutionär ältesten Form der Symbiose erforderlich ist: der Mykorrhiza-Symbiose zwischen Pflanzen und Pilzen. Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die erfolgreiche Aktivierung des Proteins in Tomatenpflanzen fasst Ott zusammen: „Dieses Ergebnis ist besonders interessant, weil es zeigt, dass Gene, die normalerweise an der Mykorrhiza-Symbiose beteiligt sind, auch dazu genutzt werden können, um eine bakterielle Stickstofffixierungssymbiose in Pflanzen zu ermöglichen.“

Universität Freiburg


Originalpublikation:

 Lijin Qiao et al. (2026). Nanodomain-localized formin gates symbiotic microbial entry in legume and solanaceous plants. Science 391, 1036-1045. DOI:10.1126/science.adx8542

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Wissenschaft Baden-Württemberg
news-37571 Mon, 09 Mar 2026 12:21:22 +0100 Neue Software für die Biodiversitätsforschung ermöglicht umfassende Quantifizierung ökologischer Stabilität https://www.vbio.de/aktuelles/details/neue-software-fuer-die-biodiversitaetsforschung-ermoeglicht-umfassende-quantifizierung-oekologischer-stabilitaet Wie stabil sind Ökosysteme? Und wie kann die Stabilität mit Kennzahlen beschrieben und bewertet werden? Antworten auf diese scheinbar einfachen Fragen sind nicht trivial, da die Stabilität von Ökosystemen auf mehreren Ebenen – von Individuen bis zu komplexen Artengemeinschaften – zu vielen Zeitpunkten und mit einer Vielzahl an Indikatoren gemessen werden kann. Ein internationales Forschungsteam hat nun mit „estar“ eine Software entwickelt, die diese Vielfalt von Fällen berücksichtigen kann und eine standardisierte Quantifizierung ökologischer Stabilität erlaubt. Intakte Ökosysteme haben die Fähigkeit zur Selbstregulation, die ihr komplexes Gefüge von Arten – etwa Tiere, Pflanzen, Pilze oder Bakterien – im Gleichgewicht halten: beispielsweise verringert sich die Pro-Kopf-Wachstumsrate, wenn die Population einer Art zunimmt, so dass das Populationswachstum im Zaum gehalten wird. Die ökologische Stabilität ist ein wichtiger Indikator dafür, wie gut die Selbstregulation funktioniert und wie „gesund“ Ökosysteme sind. Die Bemessung und Bewertung der Stabilität von Ökosystemen ist daher für Monitoring und Erhalt der biologischen Vielfalt von entscheidender Bedeutung. 

Eine Quantifizierung ökologischer Stabilität ist jedoch aus drei Gründen nicht einfach. Erstens kann sie auf verschiedenen Ebenen der biologischen Organisation gemessen werden: von der Gesundheit und dem physiologischen Zustand einzelner Individuen über Populationen einzelner Arten bis hin zu Gemeinschaften mehrerer Arten, die miteinander interagieren und voneinander abhängig sein können. Zweitens kann sie anhand einer Vielzahl von Messgrößen gemessen werden, die verschiedene Ebenen der Dynamik des Systems (Individuen, Populationen oder Gemeinschaften) in verschiedenen Stadien der Reaktion auf Störungen erfassen. So kann die unmittelbare Reaktion des Systems auf eine Störung ein anderes Bild vermitteln als die langfristige Erholungsrate. Drittens wird die biologische Vielfalt derzeit von einer Vielzahl von Einflussfaktoren bedroht, so dass Arten gezwungen sind, sich an viele unterschiedliche Auswirkungen anzupassen. Einige Störungen wirken unmittelbar – so führt die Zerstörung von Lebensräumen durch Urbanisierung oder Landnutzungswandel direkt zum Tod oder zur Verdrängung von Individuen. Andere Störungen, wie der Klimawandel, beeinträchtigen die Überlebensfähigkeit von Arten eher über längere Zeiträume hinweg. 
„Obwohl derartige Prozesse seit langem in der Wildtierbiologie und Ökologie wissenschaftlich beschrieben und analysiert werden, gibt es bislang noch keine Software, welche die Quantifizierung der ökologischen Stabilität unter Berücksichtigung all dieser Szenarien ermöglichte“, sagt Dr. Ludmilla Figueiredo, Daten- und Code-Kuratorin am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig und Erstautorin des Aufsatzes. Damit schließe das neu entwickelte Software-Tool eine wichtige methodische Lücke in der Biodiversitätsforschung, so die Autor:innen.

Hohe Mathematik, praktisch nutzbar gemacht für die Biodiversitätsforschung

Das Paket „estar“ wurde für die in der ökologischen Forschung weit verbreitete Programmiersprache R entwickelt, einem kostenlosen Open-Source-Tool für statistische Analysen, Datenvisualisierung und maschinelles Lernen. Das Paket bietet Funktionen zur Berechnung von elf etablierten Ökosystem-Stabilitätkennzahlen unter Verwendung entsprechender Zeitreihendaten. So ermöglicht eine Zeitreihe immunologischer Messungen für Individuen die Quantifizierung der Stabilität ihres immunologischen Zustands im Zeitverlauf, während eine Zeitreihe der Populationsgröße die Messung der Stabilität dieser Population ermöglicht. „estar“ standardisiert und erleichtert die Berechnung dieser Kennzahlen, die zur Bewertung der Reaktionen von Systemen auf Störungen auf verschiedenen ökologischen Ebenen (z. B. Population, Gemeinschaft) verwendet werden.

„Unser R-Paket kann auf zwei verschiedene Arten genutzt werden. Auf der einen Seite bietet es Funktionen, die die Stabilität auf jeder Organisationsebene quantifizieren, vom Individuum bis zur Gemeinschaft, und auf eine Zeitreihe der Zustandsvariablen eines Systems (z. B. Körpermasse, Bestandszahlen oder Artenvielfalt) angewendet werden können“, erklärt Dr. Viktoriia Radchuk, Wissenschaftlerin in der Abteilung für Ökologische Dynamik des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und Senior-Autorin des Aufsatzes. „Die in diesem Set enthaltenen Stabilitätsmetriken umfassen Unveränderlichkeit, Widerstandsfähigkeit, Ausmaß und Geschwindigkeit der Erholung, Persistenz und allgemeine ökologische Anfälligkeit.“ Ein gutes Beispiel sind Haussperlinge (Passer domesticus): Jeder kennt sie und sieht sie regelmäßig in Städten wie Berlin. Auch wenn die Art immer noch weit verbreitet ist, ist die Zahl der Individuen in Europa in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Über Häufigkeit, Dauer und Ausmaß von Schwankungen der Populationsgröße ist jedoch nicht viel bekannt. Die Quantifizierung (der Wahrscheinlichkeit der) Unveränderlichkeit – eine der Stabilitätsmetriken in der Software „estar“ – liefert jedoch Erkenntnisse, die den dokumentierten drastischen Rückgang dieser Art ergänzen. Arten mit einer hohen Unveränderlichkeit ihrer Populationsgröße sind weniger anfällig für einen Rückgang, während Arten, deren Populationsgrößen im Laufe der Zeit stärker schwanken, unter ungünstigen Bedingungen anfälliger für ein lokales Aussterben sind.

Die zweite Gruppe von Funktionen misst die Stabilität einer Gemeinschaft auf kurzen und langen Zeitskalen mittels sogenannter Jacobi-Matrizen. Damit wird erstmals in einem praktisch nutzbares statistisches Softwarepaket umgesetzt, was bislang vor allem theoretisch beschrieben wurde: Komplexe Zusammenhänge in Artengemeinschaften bestimmen maßgeblich die Fähigkeit zur Selbstregulation und die Stabilität dieser Gemeinschaften. „Wir haben in ‚estar‘ mehrdimensionale Matrizen für die Stärke von Arten-Interaktionen in Gemeinschaften mathematisch abgebildet und können damit die Stabilität von Artengemeinschaften quantifizieren“, erläutern Radchuk und Figueiredo. 

Im Paket enthalten und im Aufsatz beschrieben sind zudem praxisnahe Instruktionen für Forschende, die empirische Daten zur ökologischen Stabilität erheben und mit dem neuen Tool verarbeiten möchten. Das Team erhofft sich, dass dies die Lücke zwischen Theorie und Praxis in der Erfassung und Bemessung ökologischer Stabilität schließt und somit weitere wichtige Forschung in diesem Bereich anregt.

Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig


Originalpublikation:

Figueiredo L, Scherer C, Kramer-Schadt S, Cabral JS, Kéfi S, Van den Brink PJ, Radchuk V (2026): estar: An R package to measure ecological stability. Methods in Ecology and Evolution 00, 1-11. DOI: https://doi.org/10.1111/2041-210x.70265

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Wissenschaft Sachsen
news-37567 Mon, 09 Mar 2026 11:41:57 +0100 Wie Mäuse sehen: Neu entdeckte Nervenzellen erkennen mehr als Kanten https://www.vbio.de/aktuelles/details/wie-maeuse-sehen-neu-entdeckte-nervenzellen-erkennen-mehr-als-kanten Forschungsteam findet mithilfe von „digitalen Zwillingen“ bislang unbekannte Arbeitsteilung im Mausgehirn Der visuelle Kortex ist der Teil des Gehirns, der unsere visuelle Wahrnehmung ermöglicht. Millionen von Nervenzellen, Neuronen genannt, verarbeiten dort Reize aus der Außenwelt. Dabei reagieren sie nur, wenn Objekte mit bestimmten Eigenschaften in unseren Blick geraten. Laut Lehrbuch gibt es zwei Typen. Beide sind auf Kanten, also scharfe Übergänge zwischen Hell und Dunkel spezialisiert. 

Ein internationales Team mit Forschenden der Stanford University und der Universität Göttingen hat mithilfe von Verfahren des maschinellen Lernens nun in Mäusen Neuronen mit bislang unbekannter Arbeitsteilung gefunden. Sie reagieren auf unterschiedliche „räumliche Frequenzen“. Diese Muster entstehen durch Objekte, die sich von ihrem Hintergrund abheben. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Nature Neuroscience veröffentlicht.

Für ihre Entdeckung nutzten die Forschenden tiefe neuronale Netzwerke als „digitale Zwillinge" der Maus-Neuronen. Diese Modelle können die Aktivität einzelner Neuronen vorhersagen und so systematisch untersuchen, welche Bilder die jeweiligen Zellen aktivieren. An der Entwicklung dieser „digitalen Zwillinge“ waren Forschende aus Göttingen maßgeblich beteiligt. „Die neuronalen Netze sind essenzielle Werkzeuge, um aus großen Datensätzen neue Eigenschaften zu entdecken – wie diese Detektoren", erklärt Prof. Dr. Fabian Sinz vom Institut für Informatik der Universität Göttingen. „Diese Neuronen sind keine Fantasie eines Modells", betont Prof. Dr. Alexander Ecker vom selben Institut. „Durch gezielte Experimente im realen Mausgehirn haben unsere Partner an der Stanford University die vorhergesagten Eigenschaften bestätigt.“

Jedes Neuron im visuellen Kortex ist für einen Bereich des Gesichtsfeldes zuständig. Es reagiert nur, wenn ein passender Reiz in „seinem“ räumlichen Ausschnitt erscheint, etwa eine Kante in Blickrichtung links oben. Dieser Zuständigkeitsbereich ist sein rezeptives Feld. Klassische Lehrbuchmodelle unterscheiden im Sehsystem zwei Typen von Neuronen: „Einfache Zellen“ werden angeregt, wenn eine Kante – also ein scharfer Übergang zwischen Hell und Dunkel – an einer bestimmten Position in ihrem rezeptiven Feld erscheint. „Komplexe Zellen“ reagieren ebenfalls auf Kanten, allerdings unabhängig von deren genauer Position, solange die Kante eine bevorzugte Orientierung besitzt. Beide Zelltypen sind somit auf Unterschiede in der Helligkeit spezialisiert.

Die neu entdeckten Neuronen besitzen ein zweigeteiltes rezeptives Feld: Ein Teilbereich reagiert auf Texturen. Das sind flexible Muster wie Wald im Hintergrund eines Fotos oder das Gefieder eines Vogels. Der andere Teil wird nur angeregt, wenn Muster präzise angeordnet sind, wie Mund und Nase in einem Gesicht. Entscheidend ist, dass beide Teile auf unterschiedliche „räumliche Frequenzen“ spezialisiert sind. Dabei beschreibt eine hohe Frequenz ein dichtes Muster mit feinen Details und scharfen Linien, eine niedrige dagegen ein grobes Muster mit größeren gleichmäßigen Flächen. „Klassische einfache und komplexe Zellen sind auf Kanten erster Ordnung eingestellt, die durch Helligkeitsunterschiede definiert sind“, fasst Prof. Dr. Andreas Tolias von der Stanford University zusammen. „Dagegen reagieren die zweigeteilten Neuronen, die wir gefunden haben, auf Kanten zweiter Ordnung – also Unterschiede in Textur oder räumlicher Frequenz. Das ist genau die Art von Hinweisen, die ein Objekt von seinem Hintergrund trennt.“

Universität Göttingen


Originalpublikation:

Ding Z, Tran DT et al. Functional bipartite invariance in mouse primary visual cortex receptive fields. Nature Neuroscience (2026). https://doi.org/10.1038/s41593-026-02213-3

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Wissenschaft Niedersachsen
news-37566 Mon, 09 Mar 2026 11:26:49 +0100 Wie Mikroben alten Kohlenstoff nutzen https://www.vbio.de/aktuelles/details/wie-mikroben-alten-kohlenstoff-nutzen Aus heißen Quellen am Ozeanboden entweicht Kohlendioxid, das viele Millionen Jahre alt ist. Dieser alte Kohlenstoff stammt aus dem Erdinneren: Er wird entweder direkt aus dem Erdmantel freigesetzt oder entsteht durch die Erhitzung und Umwandlung von Gesteinen in geologisch aktiven Zonen, die Kalk oder ähnliche mineralische Bestandteile mit Kohlenstoff enthalten. Solche Prozesse treten vor allem dort auf, wo Erdplatten aufeinandertreffen oder aufreißen und heißes, aufsteigendes Material den Untergrund aufheizt. Was jedoch mit diesem Kohlenstoff geschieht, nachdem er ins Meer gelangt, war bislang weitgehend unklar. Für eine neue Studie haben Forschende im Exzellenzcluster „Der Ozeanboden – Unerforschte Schnittstelle der Erde“ den Kohlenstoffkreislauf in einem speziellen marinen Ökosystem verfolgt.  Der Weg des hydrothermalen Kohlenstoffs

Für die Studie haben Forschende vom MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen und der National Sun Yat-sen University und des Exploration and Development Research Institute in Taiwan ein System heißer Quellen – Hydrothermalsysteme – in etwa zehn Meter Wassertiefe vor der taiwanesischen Insel Kueishantao untersucht, um den Weg dieses Kohlenstoffs durch das umgebende Meerwasser und die Aufnahme durch Mikroorganismen und sogar in höhere Lebewesen nachzuverfolgen. 

„Wir konnten zeigen, dass Jahrtausende alter Kohlenstoff aus hydrothermalen Quellen Leben in diesen extremen Systemen antreiben kann“, sagt Joely Maak, die Erstautorin der Studie vom MARUM. 

Das Team nutzt für diese Studie ein spezielles Isotop: Radiokohlenstoff (14C). Das radioaktive 14C entsteht in der oberen Atmosphäre der Erde durch kosmische Strahlung. Über Kohlendioxid gelangt das entstandene 14C dann in den natürlichen Kohlenstoffkreislauf und wird von Pflanzen, Mikroorganismen und schließlich von Tieren aufgenommen. Solange ein Organismus lebt, bleibt der Anteil an 14C nahezu konstant. Stirbt er oder wird der Kohlenstoff über sehr lange Zeiträume von der Atmosphäre getrennt, zerfällt das 14C allmählich. Nach mehreren zehntausend Jahren ist es praktisch nicht mehr nachweisbar. Kohlenstoff aus dem Erdinneren ist extrem alt und schon sehr lange von der Atmosphäre getrennt, enthält daher kein 14C mehr.

Gelangt dieser Kohlenstoff über hydrothermale Quellen ins Meer, trägt er eine deutlich andere Signatur als moderner, atmosphärischer Kohlenstoff, er ist faktisch “14C-tot”. Genau diesen Unterschied nutzen die Forschenden jetzt für die aktuelle Studie, um den Weg des hydrothermalen Kohlenstoffs durch das marine Ökosystem nachzuverfolgen. 
„Der Ansatz der Studie war es, den alten, 14C-freien Kohlenstoff aus hydrothermalen Quellen als natürlichen Marker zu nutzen. Dass sich der Fingerabdruck so deutlich durch das gesamte Nahrungsnetz, auch in höhere Organismen verfolgen lässt, war auch für uns überraschend“, so Dr. Hendrik Grotheer, Geochemiker am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar und Meeresforschung. 

Wie ein effizienter Stoffwechselweg ganze Nahrungsnetze prägt 

Bereits in früheren Arbeiten konnte das Team zeigen, dass spezialisierte Bakterien an diesen Quellen über eine besondere „Geheimwaffe“ verfügen: den sogenannten reduktiven Tricarbonsäurezyklus, kurz rTCA. Dieser besonders energieeffiziente Stoffwechselweg ermöglicht es Mikroorganismen, Kohlendioxid selbst unter extremen Bedingungen in ihre Biomasse einzubauen. Aufbauend auf diesen Ergebnissen zeigt die neue Studie nun, dass der Kohlenstoff aus den heißen Quellen tatsächlich bis zu 30 Prozent der Biomasse der am Hydrothermalsystem lebenden Bakterien ausmacht und über das lokale Nahrungsnetz weitergegeben wird. Sogar Krebse, die direkt an den hydrothermalen Quellen leben, enthalten diesen alten Kohlenstoff, da sie sich von den am Hydrothermalsystem lebenden Bakterien ernähren. Dadurch erscheint ihr Körpergewebe messbar älter, als es in Wirklichkeit ist. 

Der Projektleiter Dr. Enno Schefuß, MARUM, erläutert: „Nur durch die Kombination der Untersuchung spezifischer bakterieller Marker, sogenannter Fettsäuren, und Radiokohlenstoff-Analysen an diesen Fettsäuren war es möglich, diese neuen Befunde zu erlangen, also eine Kombination aus modernster Technik und sorgfältigster Laborarbeit.“ 

Auch Photosynthese nutzt hydrothermalen Kohlenstoff 

Mithilfe von zusätzlichen Wasserstoffisotopen konnten die Forschenden zudem unterscheiden, ob der Kohlenstoff durch Chemosynthese oder durch Photosynthese aufgenommen wurde. Bei Photosynthese wird wie bei allen Pflanzen das Sonnenlicht zur Energieerzeugung genutzt, während Chemosynthese ganz ohne Sonnenlicht funktioniert: Hier verwenden Mikroorganismen reduzierte chemische Stoffe aus dem Erdinneren, um Energie zu gewinnen. Bisher wurde nie konkret nachgewiesen, dass Photosynthese eine Rolle bei der Aufnahme alten Kohlenstoffs aus Hydrothermalsystemen spielt. Die jetzige Studie zeigt durch die Verwendung verschiedener Isotopenanalysen, dass weiter entfernt von der Quelle auch Photosynthese-betreibende Organismen in erheblicher Distanz zum Hydrothermalsystem Kohlenstoff aufnehmen. 

„Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass trotz dieser verschiedenen Aufnahmewege nur ein vergleichsweise kleiner Anteil des insgesamt freigesetzten Kohlenstoffs tatsächlich im lokalen Ökosystem verbleibt. Der Großteil des freigesetzten CO2 entzieht sich der direkten biologischen Nutzung und wird mit den umgebenden Wassermassen in den Ozean verteilt oder gelangt in die Atmosphäre“, fügt die Erstautorin Joely Maak hinzu. „Andererseits kann die Freisetzung von Komponenten, die in dieser Studie nicht berücksichtigt wurden, wie gelöster organischer Kohlenstoff und Mikronährstoffe aus marinen Hydrothermalquellen, die Biogeochemie der Ozeane beeinflussen. Dies wird in mehreren Projekten der zweiten Phase des Exzellenzclusters, die gerade gestartet wurde, genauer untersucht werden“, erklärt Co-Projektleiter Dr. Marcus Elvert vom MARUM.

Internationale Zusammenarbeit zur erfolgreichen Erforschung verborgener Prozesse im Ozean

Die Studie unterstreicht die Bedeutung langfristiger internationaler Zusammenarbeit zwischen Taiwan und Bremen und zeigt, wie moderne Isotopenmethoden dabei helfen können, bislang verborgene biogeochemische Prozesse im Meer sichtbar zu machen. 
„Diese Studie zeigt, wie wichtig langfristige internationale Kooperationen für unser Verständnis komplexer Prozesse im Ozean sind“, sagt Dr. Solveig Bühring. „Zusammen mit meiner taiwanesischen Projektpartnerin Prof. Yu-Shih Lin habe ich die Feldarbeiten geleitet. Diese Kooperation ist durch ein gemeinsames DAAD-gefördertes Stipendium entstanden und hat sich zu einer äußerst erfolgreichen wissenschaftlichen Partnerschaft entwickelt. Ich hoffe sehr, dass wir diesen engen Austausch auch in Zukunft fortsetzen und gemeinsam weitere Einblicke in die Rolle hydrothermaler Systeme im globalen Kohlenstoffkreislauf gewinnen können.“

Die Studie ist zusätzlich finanziert und eingebunden in die Forschung des aktuellen Exzellenzclusters „Der Ozeanboden – Unerforschte Schnittstelle der Erde“. Ziel des Clusters ist es, Ozeanboden-Ökosysteme unter sich verändernden Umweltbedingungen sowie zentrale Stoffkreisläufe wie den des Kohlenstoffs besser zu verstehen.

MARUM


Originalpublikation:

Maak, J.M., Elvert, M., Grotheer, H. et al. Physicochemical controls on ancient carbon assimilation into ecosystem biomass in shallow-water hydrothermal systems. Commun Earth Environ 7, 216 (2026). doi.org/10.1038/s43247-026-03254-z

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Wissenschaft Bremen
news-37565 Mon, 09 Mar 2026 11:13:52 +0100 Frühlingsmüdigkeit lässt sich nicht empirisch belegen https://www.vbio.de/aktuelles/details/fruehlingsmuedigkeit-laesst-sich-nicht-empirisch-belegen Weshalb sagen viele Menschen im Frühjahr, sie seien so erschöpft? Das haben Forschende jetzt untersucht. Die Studie zeigt: Frühlingsmüdigkeit scheint vielmehr ein kulturelles als ein messbares biologisches Phänomen zu sein.  Wenn die Tage wieder länger werden, klingelt bei PD Dr. Christine Blume das Telefon häufiger. Denn dann wollen Journalistinnen und Journalisten von der Schlafforscherin wissen, was es mit der Frühlingsmüdigkeit auf sich hat. 

Bisher antwortete sie jeweils, dass es keine Studie gibt, die dieses Phänomen untersucht hätte. «Das fand ich aber stets unbefriedigend», sagt Blume, die am Zentrum für Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken und an der Universität Basel forscht. Deshalb führte sie zusammen mit dem Schlafforscher Dr. Albrecht Vorster vom Inselspital der Universität Bern eine Studie durch, die untersuchte, ob die Menschen im Frühling tatsächlich müder sind als zu anderen Jahreszeiten. Die Ergebnisse sind im Fachjournal «Journal of Sleep Research» erschienen. 

«Frühlingsmüdigkeit» ist weit verbreitet

Grundlage der Studie war eine Online-Befragung, bei der die Teilnehmenden über ein Jahr ab April 2024 alle sechs Wochen kontaktiert wurden. Die Forschenden werteten die Antworten von 418 Personen aus. In der Befragung gaben die Teilnehmenden jeweils an, wie erschöpft sie sich in den vergangenen vier Wochen gefühlt hatten. Außerdem machten sie jeweils Angaben zur Schläfrigkeit während des Tages und zur Schlafqualität. Durch die wiederholte Befragung waren unterschiedliche Jahreszeiten abgedeckt. 

Von den Teilnehmenden hatte bei Studienbeginn rund die Hälfte angegeben, unter Frühlingsmüdigkeit zu leiden. «Das hätte sich auch in der Auswertung der Umfragedaten zeigen müssen», sagt die Studienleiterin Christine Blume. Allerdings war das nicht der Fall. 

Weniger fit als gewünscht

«Im Frühling werden die Tage schnell länger. Wenn Frühlingsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa, weil sich der Körper anpassen muss», so die Schlafforscherin. In den Daten spielte jedoch die Geschwindigkeit, mit der sich die Tageslänge veränderte, keine Rolle für die Erschöpftheit der Teilnehmenden. Ebenso fanden sich keine Unterschiede zwischen den einzelnen Monaten oder Jahreszeiten. 

Die Forschenden interpretieren die Diskrepanz zwischen der subjektiven Wahrnehmung und den Messdaten als Hinweis darauf, dass die Frühlingsmüdigkeit eher ein kulturell geprägtes Phänomen ist als ein tatsächliches saisonales Syndrom: Weil es einen etablierten Begriff dafür gibt, achten viele Menschen im Frühling stärker darauf, wie müde sie sich fühlen, und deuten Erschöpfungssymptome entsprechend. So bestätigt sich das Phänomen immer wieder selbst.

«Im Frühling haben wir möglicherweise auch das Gefühl, wir müssten aktiver sein und sollten das gute Wetter nutzen. Wenn wir uns dann doch nicht dazu aufraffen können, klaffen Anspruch und subjektives Energielevel auseinander», so die Expertin. Dies mit der Frühlingsmüdigkeit zu begründen oder gar zu entschuldigen, komme da recht gelegen. «Sie ist eine Erklärung, die in der Gesellschaft vollkommen akzeptiert ist.»

Das Tageslicht beeinflusst die innere Uhr

Grundsätzlich gilt: In der dunklen Jahreszeit fühlen sich viele Menschen müder und schlafen etwas mehr. Das belegen chronobiologische Untersuchungen und es zeigt sich auch in den Angaben der Studienteilnehmenden. Ein Grund dafür könnte sein, dass die biologische Nacht, die von der inneren Uhr gesteuert wird, in den Wintermonaten etwas länger dauert. «Das bedeutet aber auch, dass wir uns eigentlich fitter fühlen sollten, wenn die Tage wieder länger werden», so die Wissenschaftlerin. 

Im Sommer zeige sich das besonders deutlich, wie die Datenauswertung unterstreicht: «Dann schlafen viele Menschen generell weniger: Die Tage sind lang und man trifft sich vielleicht abends noch mit Freunden und genießt die Sommerabende», sagt Christine Blume. Trotz weniger Schlaf nehme die Erschöpfung dadurch nicht zu. Das bestätigte sich auch in der Studie. 

Allen, die sich im Frühling energielos fühlen, rät die Psychologin zu möglichst viel Tageslicht, Bewegung und ausreichend Schlaf. Und wenn dieses Jahr Medienanfragen zur Frühlingsmüdigkeit eingehen, wird sie sich erstmals auf empirische Daten berufen können.

Universität Basel


Originalpublikation:

Blume, Christine und Vorster, Albrecht: No Evidence for Seasonal Variations in Fatigue, Sleepiness, and Insomnia Symptoms: Spring Fatigue is a Cultural Phenomenon rather than a Seasonal Syndrome, Journal of Sleep Research (2026), doi: 10.1101/2025.09.27.678954, www.biorxiv.org/content/10.1101/2025.09.27.678954v2

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Wissenschaft International
news-37562 Mon, 09 Mar 2026 09:59:41 +0100 Über 40 Prozent der großen Süßwassertierarten in fremde Gewässer eingeführt – fast jede zweite Art bringt auch Schaden https://www.vbio.de/aktuelles/details/ueber-40-prozent-der-grossen-suesswassertierarten-in-fremde-gewaesser-eingefuehrt-fast-jede-zweite-art-bringt-auch-schaden Über 40 Prozent der heute lebenden großen Süßwassertiere (Megafauna), zu denen unter anderem Karpfen, Welse, Krokodile, Schildkröten, Biber und Flusspferde zählen, wurden bewusst außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets angesiedelt. Diese gebietsfremden Arten können in den Einführungsregionen zwar wirtschaftliche Vorteile bringen, bergen jedoch zugleich erhebliche und oft unterschätzte Risiken für die einheimische Biodiversität und die lokale Bevölkerung. Dies zeigt eine neue Studie von Forschenden des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und des Instituts für Geographie und Agrarökologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Der Nilbarsch im Viktoriasee ist ein prominentes Beispiel für die komplexen ökologischen und sozioökonomischen Auswirkungen, die durch gebietsfremde Süßwasser-Megafauna verursacht werden. Die gezielte Ansiedlung dieser großen Fischart im Viktoriasee sollte die Fischerei eigentlich verbessern – doch sie hatte gravierende, unterschätzte Folgen: Die Bestände einheimischer Fische gingen zurück, lokale Fischer verloren ihre Lebensgrundlage, und in den umliegenden Gemeinden nahm die chronische Unterernährung bei Kindern und Müttern zu.

„Solche schädlichen Auswirkungen eingeführter großer Süßwassertiere – insbesondere auf gefährdete oder marginalisierte lokale Gemeinschaften – sind oft komplex und erfordern eine langfristige Beobachtung, um ihr Ausmaß zu verstehen. Im Vergleich zu den Vorteilen könnten die negativen Effekte auf die lokale Bevölkerung in vielen Regionen unterschätzt sein“, sagt Fengzhi He, Professor am Institut für Geographie und Agrarökologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften sowie Gastwissenschaftler am IGB. Er beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Süßwasser-Megafauna und ist Letztautor dieser Studie, in der das Team die erste globale Bewertung der sozioökonomischen Auswirkungen gebietsfremder Süßwasser-Megafauna durchgeführt hat.

Basierend auf dem Rahmenwerk „Nature’s Contributions to People“ (NCP) und dem Rahmenwerk „Socio-Economic Impact Classification for Alien Taxa“ (SEICAT) kategorisierten die Forschenden sowohl positive als auch negative Auswirkungen und quantifizierten das Ausmaß der Auswirkungen.

40 Prozent der Megafauna-Arten in 142 Länder und Regionen bewusst eingeschleppt:

Kleine Arten gelangen oft unbemerkt in neue Gewässer – sie haften an Schiffsrümpfen oder Fischereiausrüstung oder werden von Vögeln transportiert. Süßwasser-Megafauna-Arten sind Tiere mit einem Gewicht von mindestens 30 Kilogramm. Sie werden oft absichtlich außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets eingeführt, weil sie mit einem hohen wirtschaftlichen oder ästhetischen Wert in Verbindung gebracht werden. Das Team identifizierte 93 gebietsfremde Süßwasser-Megafauna-Arten (43 Prozent der 216 existierenden Arten), die außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets eingeführt wurden. Diese Einführungen erstrecken sich über 142 Länder und Regionen auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis. Die USA haben die höchste Anzahl an eingeführten Süßwasser-Megafauna-Arten (52), gefolgt von China (28), Kanada (23), Russland (19), Belgien (18) und Deutschland (17).

Fast jede zweite untersuchte eingeschleppte Megafauna-Art birgt auch Probleme:

Die Studie zeigt, dass von 59 gebietsfremden großen Süßwassertieren, für die ein Nutzen dokumentiert ist, 26 auch negative Auswirkungen haben. Dies gilt insbesondere für große Fischarten wie Karpfen, Lachsartige und Welse. Fast jede zweite dieser Arten bringt demnach nicht nur Vorteile, sondern verursacht Probleme für die heimische Artenvielfalt oder die lokale Bevölkerung. Hierzu zählen neben einer verminderten Ernährungssicherheit auch erhöhte Risiken für die menschliche Gesundheit, Sicherheitsrisiken durch aggressive oder giftige Arten oder Schäden an Eigentum und Infrastruktur.

Wirtschaftliche Vorteile für einzelne Gruppen treiben die Einführung voran:

Die Studie ergab zudem, dass die sozioökonomischen Vorteile der eingeführten Süßwasser-Megafauna häufig nur für bestimmte Personengruppen in den betreffenden Regionen entstehen. Die Vorteile wurden vor allem in der Aquakultur und in der Fischerei dokumentiert (57 Prozent), gefolgt von Freizeitaktivitäten wie Angeln und Ökotourismus (20 Prozent) sowie der Bereitstellung von Materialien und der Nutzung als exotische Heimtiere (12 Prozent). Große Süßwassertiere wurden auch in der Hoffnung eingeführt, die natürliche Umwelt zu verbessern. Beispielsweise wurden Silberkarpfen und Marmorkarpfen eingesetzt, um übermäßiges Phytoplanktonwachstum zu kontrollieren, während Graskarpfen zur Reduktion von Wasserpflanzen eingeführt wurden.

Einige Süßwasser-Megafauna-Arten wurden absichtlich für den Handel mit Heimtieren oder für Lederprodukte importiert. „Wir waren sehr überrascht, dass einige Krokodile für den Handel mit Heimtieren eingeführt wurden. Zum Beispiel werden Brillenkaimane in den USA als Heimtiere gehalten“, sagte Dr. Xing Chen, ehemaliger Doktorand am IGB und Hauptautor der Studie. „In China werden sie oft wegen ihrer Haut eingebracht, um Lederprodukte herzustellen.“

Eine strengere Risikobewertung ist wünschenswert:

Da die Einführung von Süßwasser-Megafauna aufgrund der erwarteten wirtschaftlichen Vorteile voraussichtlich weiter zunimmt, empfehlen die Autor*innen eine fundierte Risikobewertung, eine verbesserte Überwachung sowie eine transparenten Kommunikation der positiven wie negativen Folgen.
„Um wirtschaftliche Entwicklung, Biodiversitätsschutz und menschliches Wohlergehen in Einklang zu bringen, braucht es ein umfassendes Verständnis der Chancen und Risiken von Arteinführungen“, sagt Prof. Sonja Jähnig, ebenfalls Letztautorin der Studie und Direktorin des IGB.

Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei


Originalpublikation:

Xing Chen, Thomas G. Evans, Jonathan M. Jeschke, Phoebe Griffith, Sonja C. Jähnig, Fengzhi He, Global assessment of alien freshwater megafauna reveals complex socio-economic impacts, One Earth, 2026, 101623, ISSN 2590-3322, https://doi.org/10.1016/j.oneear.2026.101623

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Wissenschaft Berlin
news-37561 Mon, 09 Mar 2026 09:50:41 +0100 Signifikante Beschleunigung der globalen Erwärmung seit 2015 https://www.vbio.de/aktuelles/details/signifikante-beschleunigung-der-globalen-erwaermung-seit-2015 Die globale Erwärmung hat sich seit 2015 deutlich beschleunigt, zeigt eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Das Forschungsteam berücksichtigt in der Untersuchung bekannte natürliche Einflüsse auf die globale Temperatur und weist die Beschleunigung des Erwärmungstrends erstmals statistisch signifikant nach. Die ermittelte Erwärmungsrate lag in den vergangenen zehn Jahren je nach Datensatz um rund 0,35°C pro Jahrzehnt, verglichen mit knapp 0,2°C pro Jahrzehnt im Durchschnitt der Jahre 1970 bis 2015. Damit ist das jüngste Erwärmungstempo höher als in jedem vorherigen Jahrzehnt seit Beginn der Messungen im Jahr 1880.  „Wir können nun erstmals eine starke und statistisch signifikante Beschleunigung der Erderwärmung nach 2015 belegen,“ sagt Grant Foster, ein US-Statistikexperte und Co-Autor der Studie, die heute in der Fachzeitschrift Geophysical Research Letters veröffentlicht wurde. „Entscheidend ist, dass wir aus den Messdaten bekannte, natürliche Schwankungen herausrechnen, sodass das zufällige ‚Rauschen‘ geringer wird und daher das langfristige Erwärmungssignal klarer hervortritt.“

Kurzfristige natürliche Schwankungen der globalen Temperatur, verursacht durch El Niño, Vulkanausbrüche und solare Zyklen, können Veränderungen der langfristigen Erwärmungsrate überlagern. In der Datenanalyse, die auf Messdaten basiert, arbeitet das Forschungsteam mit fünf großen etablierten, globalen Temperaturdatensätzen (NASA, NOAA, HadCRUT, Berkeley Earth, ERA5). „Die bereinigten Daten zeigen eine Beschleunigung der Erderwärmung seit 2015 mit einer statistischen Sicherheit von über 98 Prozent, konsistent in allen untersuchten Datensätzen und unabhängig von der gewählten Auswertungsmethode,“ erklärt Stefan Rahmstorf, PIK-Forscher und Leitautor der Studie. 

Studie untersucht statistische Beschleunigung der Erwärmung, nicht deren Ursachen

Die extrem warmen Jahre 2023 und 2024 werden nach der Korrektur für El Niño und das Sonnenmaximum kühler, bleiben aber die beiden wärmsten seit Beginn der Messungen. In allen Datensätzen setzt bereits ab 2013 oder 2014 die Beschleunigung ein. Um zu überprüfen, ob sich die Erwärmungsrate seit den 1970er Jahren verändert hat, nutzte das Forschungsteam zwei statistische Ansätze: eine quadratische Trendanalyse und ein stückweise lineares Modell, das statistisch objektiv ermittelt, wann sich die Erwärmungsrate verändert.

Die Studie hat nicht die konkreten Ursachen der beobachteten Beschleunigung untersucht. Klimamodelle zeigen jedoch, dass eine zunehmende Erwärmungsrate grundsätzlich im Rahmen der aktuellen Klimamodellierungen liegt, so das Autorenteam. 

„Setzt sich die Erwärmungsrate der vergangenen zehn Jahre fort, würde das zu einem langfristigen Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze des Pariser Abkommens vor dem Jahr 2030 führen,“ sagt Stefan Rahmstorf. „Wie schnell sich die Erde weiter erwärmt, hängt letztlich davon ab, wie rasch wir die globalen CO₂-Emissionen aus fossilen Energien auf null reduzieren.“

 Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung 


Originalpublikation:

Foster, G., & Rahmstorf, S. (2026). Global warming has accelerated significantly. Geophysical Research Letters, 53, e2025GL118804. https://doi.org/10.1029/2025GL118804

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Nachhaltigkeit/Klima Brandenburg