VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Wed, 20 May 2026 17:46:16 +0200 Wed, 20 May 2026 17:46:16 +0200 TYPO3 news-38853 Wed, 20 May 2026 16:21:08 +0200 Bundersministerin Bär stellt Roadmaps zur Umsetzung der Hightech Agenda vor https://www.vbio.de/aktuelles/details/bundersministerin-baer-stellt-roadmaps-zur-umsetzung-der-hightech-agenda-vor Zielmarken, Meilensteine, Fahrpläne: Am Mittwochmittag hat Technologieministerin Dorothee Bär (CSU) im Forschungsausschuss die ersten sechs Roadmaps für die Schlüsseltechnologien der Hightech Agenda Deutschland (HTAD) vorgestellt.  „Wir wollen in den Roadmaps die ersten wesentlichen Schritte nochmal konkretisieren - für unsere Wettbewerbsfähigkeit, für unsere Wertschöpfung, aber vor allem auch für unsere technologische Souveränität“, sagte Bär zu Beginn des Gesprächs. Mit der HTAD will die Bundesregierung Deutschland zum „Top-Technologieland“ machen und die Standortattraktivität für Forschung und Wirtschaft erhöhen. Ein besonderer Fokus der Agenda liegt dabei auf den sechs Schlüsseltechnologien (Künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusion und klimaneutrale Energieversorgung sowie Technologien für die klimaneutrale Mobilität). 

In den vergangenen Monaten hat die Bundesregierung in diversen Formaten wie Partnerdialogen mit den Umsetzungspartnern aus Bund, Ländern, Wissenschaft und Wirtschaft gesprochen, um sogenannte Roadmaps - also eine Art Fahrplan mit Zielmarken und Maßnahmen für die einzelnen Schlüsseltechnologien - zu erstellen. 

Am Mittwoch und Donnerstag will das Bundesforschungsministerium (BMFTR) die ersten sechs Roadmaps (Künstliche Intelligenz, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusion, Batterien, Quantentechnologie) genauer vorstellen. Die Veröffentlichung der Roadmaps sorge bei der Umsetzung der HTAD für große Transparenz. Für Bär ist das „Segen und Fluch“ zugleich, schließlich könne der Erfolg an den konkret benannten Meilensteinen wesentlich leichter gemessen werden. 

Getreu dem Motto „Nach den Roadmaps ist vor den Roadmaps“ kündigte Bär bereits an, dass weitere Fahrpläne unter anderem für die Bereiche Robotik und klimaneutrale Energie folgen werden. „Die Roadmaps sind kein Selbstzweck, sondern unser Fahrplan“, betonte sie. Es gehe nun darum, die angekündigten Maßnahmen rasch umzusetzen. Während des Gesprächs im Ausschuss gab die Forschungsministerin einen kurzen Einblick in die genannten Maßnahmen und Meilensteine. 

Im Bereich Künstliche Intelligenz sei geplant, dass rund zehn Prozent der Wertschöpfung in Deutschland durch KI generiert werden sollten. Auch solle der Anteil der kleine und mittlere Unternehmen im produzierenden Gewerbe, die KI in ihren Kernprozessen einsetzen, auf über 50 Prozent erhöht werden. Bei der Quantentechnologie hob Bär insbesondere den Aspekt der Abhörsicherheit durch Quantenkommunikation hervor. 

„Nicht nur Konsument, sondern Hersteller“ solle Deutschland im Bereich Mikroelektronik werden. In deutschen Laboren sollten weltmarktfähige Chips entstehen. Hierbei sei beispielsweise das Kompetenzzentrum für Chip-Design ausgeschrieben. Im Zuge der Batterie-Roadmap will die Bundesregierung laut Bär eine Wertschöpfungskette aufbauen, die Deutschland „weniger erpressbar durch Rohstoffabhängigkeiten“ mache. Sie unterstrich die Bedeutung von Batterien und der Batterieforschung: „Ohne leistungsfähige Batterien haben wir keinen Solarstrom für die Nacht, keine Elektromobilität, keine klimaneutrale Industrie.“ Auch beim Thema Fusion betonte sie, dass hier ein Fokus auf sauberer Energie ohne Abhängigkeiten liege. 

Als Zielmarken im Bereich Biotechnologie nannte die Ministerin unter anderem, dass das Translationszentrum für Gen- und Zelltherapie 2028 eröffnet werden solle. Auch die erste mRNA-Krebsimmuntherapie solle bis dahin zugelassen werden. Einst die Apotheke der Welt, wolle Bär, „dass aus deutscher Forschung wieder Weltunternehmen werden“. 

Auf eine Frage der AfD-Fraktion, ob die Bundesregierung das Ziel verfolge, etwa im Bereich KI mit den USA und China gleichzuziehen, antwortete Bär, dass dies nicht der Anspruch sei. Statt zu versuchen, „mit einem restriktiven Staat oder Tech-Milliardären“ mitzuhalten, müsse sich die Bundesregierung auf ihre Stärken und Alleinstellungsmerkmale konzentrieren. 

Als „lebendes Dokument“ angelegt, sei geplant, die Roadmaps und die darin enthaltenen Maßnahmen regelmäßig zu evaluieren und gegebenenfalls anzupassen. Mit der Veröffentlichung der Roadmaps beginne nun außerdem die Online-Konsultation. Sechs Wochen lang ermöglicht das BMFTR es, zu den einzelnen Roadmaps Feedback und Anregungen zu geben. 

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Der VBIO kommentiert die Roadmap Botechnologie wie folgt:

Ausgesprochen positiv ist, dass die Roadmap bestehende und geplante Impulse in einen Gesamtkontext bringt und sie mit Meilensteinen, Zeithorizonten, Indikatoren und Zielmarken versieht. Letzte sind unterschiedlich detailliert ausgearbeitet, nicht in allen Fällen mit einer zeitlichen oder statistischen Baseline versehen und unterschiedlich ambitioniert. 

Die Roadmap zur Biotechnologie ist ein Beleg für das in der aktuellen Situation politisch machbare. Dabei ist zu berücksichtigen, dass wichtige regulatorische Weichenstellungen (EU-Biotech Act, Regulation von Pflanzen, die mit neuen genomischen Techniken modifiziert wurden) nicht in den alleinigen Aufgabenbereich der Bundesregierung fallen. 

Insgesamt hätten wir uns in Hinblick auf regulatorischer Umsetzung, aber auch bezüglich der verbindlichen Finanzierung, der föderalen Koordination und der Stärkung der biologischen Grundlagenforschung mehr Mut gewünscht: Ja, Deutschland braucht Translationszentren, Start-ups und Verfahrensbeschleunigung – aber eben auch starke Universitäten, leistungsfähige außeruniversitäre Forschung, moderne Forschungsdateninfrastrukturen, sichere Datenräume, klare regulatorische Zuständigkeiten und eine umfassende Strategie für systematische Nachwuchs- (und Fachkräfte)sicherung. Diese Punkte hätten aus unserer Sicht deutlicher adressiert werden können um die Biotechnologie in Deutschland auch jenseits der zitierten Leuchttürme und der Zeithorizonte zukunftsfähig aufzustellen.

Als Biologie-Verband setzt der VBIO daher auf den im vorliegenden Entwurf betonten Charakter der Roadmap als „lebender Prozess“ und hoffen, dass zukünftig auch Fragen der Ausbildung und Grundlagenforschung stärkere Berücksichtigung finden.

(hib/VBIO

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VBIO Politik & Gesellschaft Bundesweit
news-38852 Wed, 20 May 2026 12:59:10 +0200 Insekten in der Stadt: Blumen allein genügen nicht https://www.vbio.de/aktuelles/details/insekten-in-der-stadt-blumen-allein-genuegen-nicht Was macht einen Stadtgarten attraktiv für Insekten wie solitäre Wildbienen, Hummeln und Schwebfliegen? Und wie gut bestäuben sie Pflanzen in Innenstädten? Eine Studie der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL zeigt, dass Insekten Pflanzen in der ganzen Stadt bestäuben können, sie aber mehr insektenfreundliche Grünflächen brauchen.  WSL-Forschende haben in Gärten der Stadt Zürich untersucht, wo und wann Insekten Pflanzen bestäuben – und dafür sogar Insektenzungen vermesseSie zeigen, dass ein grosses Blütenangebot in Privatgärten in der dicht bebauten Innenstadt zwar solitären Wildbienen und Hummeln hilft, aber Käfer und Schwebfliegen dort nicht zu Blumen finden.Entsprechend werden die Blumen, die von Käfern und Schwebfliegen bestäubt werden, in dicht bebauten Quartieren kaum bestäubt.Insekten in der Stadt brauchen insektenfreundliche Lebensräume auf Quartierebene und nicht nur auf der Ebene einzelner Gärten. Die Bienensaison ist in vollem Schwung und überall suchen Bienen nach mit Nektar gefüllten Blumen. Wo werden sie und andere hungrige Insekten, die Pflanzen bestäuben, in dicht bebauten Städten fündig? Dieser Frage haben sich WSL-Forschende in einem aufwendigen Versuch gewidmet. Rund 30 unermüdliche Freiwillige haben sich über einen Monat hinweg wiederholt in 24 verschiedenen Gärten in der Stadt Zürich vor Blumentöpfe gesetzt und gewissenhaft jedes Insekt protokolliert und gefangen - für jeweils neun Stunden am Stück. 

Dieser Einsatz zeigt erstmals auf, welche Insektenarten im Tagesverlauf welche Gärten und Blüten besuchen und wie gut sie die Blüten bestäuben. «Wir haben uns Stadtgärten angeschaut, die in unterschiedlich stark verdichteten Stadteilen lagen und ein unterschiedlich breites Blütenangebot aufwiesen. Dabei haben wir grosse Unterschiede im Vorkommen verschiedener Insektenarten gefunden», fasst die Ökologin und WSL-Gastwissenschaftlerin Merin Reji Chacko zusammen. Solche Unterschiede zu analysieren, hilft den Forschenden, herauszufinden, wie eine Stadt aussieht, in der Blüten bestäubende Insekten ein passendes Zuhause finden. Das ist wichtig, weil viele dieser Insektenarten, zum Beispiel Hummeln, eine wichtige Rolle bei der Bestäubung von Wild- und Nutzpflanzen spielen. Städte können eine grosse Vielfalt an Wildbienen beherbergen und sind deshalb wichtig für deren Schutz.

Insektenzungen vermessen
Um herauszufinden, wie sich die Insekten an ihre Umgebung anpassen, vermassen die Forschenden sogar die Zungenlänge der einzelnen Tiere. Diese verrät, welche Blüten ein Insekt nutzen kann: Nur Bestäuber mit langen Zungen, wie Hummeln, erreichen den tief verborgenen Nektar von spezialisierten Blüten. Bestäuber mit kürzeren Mundwerkzeugen, wie Schwebfliegen, sind hingegen auf leicht zugängliche Blüten angewiesen. 

Die Forschenden stellten fest, dass in blütenreichen Gärten der dicht bebauten Innenstadt besonders grosse Wildbienen wie Hummeln aktiv sind, vermutlich weil sie wegen ihrer Grösse auch über grössere asphaltierte Flächen hinweg zu einzelnen «Blüteninseln» fliegen können. Sie profitieren somit selbst in dicht bebauten Innenstädten von einem vielfältigen Blütenangebot. Doch auch kleine Wildbienen mit relativ langen Zungen profitieren vom reichen Buffet im Garten, vermutlich eben darum, weil sie klein sind und so genügend Nahrung und auch Nistplätze finden. Pflanzen, an deren Nektar nur Insekten mit langen Zungen kommen, können also fast überall in der Stadt gut bestäubt werden.
Blüten fehlen die Bestäuber

Doch nicht alle Insekten bestäuben überall Blüten: Schwebfliegen und Käfer lassen sich mit zunehmend dichter Verbauung immer seltener blicken – und zwar unabhängig davon, wie attraktiv das Blütenangebot im einzelnen Garten ist oder wie lang ihre Zungen sind. Der Grund: Diese Gruppen finden in stark bebauten Quartieren keinen geeigneten Lebensraum. Die federleichten Schwebfliegen, die als Larven Blattläuse fressen, brauchen viele Grünflächen, um sich in der Stadt wohlzufühlen. Viele Käfer, die im Totholz brüten, finden zudem in zubetonierten Gegenden keine passenden Brutstätten. Die Folge ist, dass Blüten, die von solchen Insekten bestäubt werden, in dicht verbauten Stadtteilen seltener bestäubt werden und deshalb weniger Samen und Früchte produzieren.

Einsatz von Privaten und Städten nötig
Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass es den Einsatz auf allen Entscheidungsebenen – von der privaten bis zur Ebene der Stadtplanung – braucht, um die Artenvielfalt und Ökosystemleistungen wie Bestäubung in der Stadt zu fördern. Private Gartenbesitzende können viel erreichen, sagt der Ökologe und WSL-Gastwissenschaftler David Frey, der das Experiment im Rahmen seiner Doktorarbeit an der WSL geleitet hat: «Es lohnt sich immer, auf kleiner Fläche etwas für die Biodiversität zu machen. Sogar wenn man in der Stadtmitte einen sehr isolierten Garten hat. Viele verschiedene Pflanzen anzupflanzen, hat übrigens auch positive Effekte auf die Bodenqualität und sogar den Erholungswert des Gartens.» 

Aber die Bemühungen von Einzelpersonen genügen nicht. So sind Käfer und Schwebfliegen auf Lebensräume im ganzen Stadtquartier und nicht nur in einzelnen Gärten angewiesen. Die Co-Erstautorin Reji Chacko sagt dazu: «Wir haben eine erstaunlich grosse Biodiversität in den Städten. Aber es ist wichtig, dass wir sicherstellen, dass jene Grünflächen, die wir haben, geschützt werden. Dies gilt vor allem, wenn wir Städte nach innen und in die Höhe verdichten, wie es zum Beispiel der Richtplan 2040 der Stadt Zürich vorsieht.»

(Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL)


Originalpublikation:
Reji Chacko M., Frey D.J., Albrecht M., Ghazoul J., Moretti M. (2026) No one‐size‐fits‐all: trait‐dependent effects of local plant diversity on pollinators and pollination service in a densifying city. J. Appl. Ecol. 63(5). https://doi.org/10.1111/1365-2664.70384

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Nachhaltigkeit/Klima International
news-38848 Wed, 20 May 2026 12:33:35 +0200 Umfassende Pflanzennutzung durch Regenwaldbewohner bereits lange vor dem Beginn der Landwirtschaft https://www.vbio.de/aktuelles/details/umfassende-pflanzennutzung-durch-regenwaldbewohner-bereits-lange-vor-dem-beginn-der-landwirtschaft Eine aktuelle Studie, veröffentlicht in Nature Ecology & Evolution, untersucht menschliche Populationen in den tropischen Regenwäldern Sri Lankas. Sie zeigt, dass der Pflanzenverzehr bereits Tausende Jahre vor der Einführung der Landwirtschaft zunahm. Die Untersuchung basiert auf menschlichen und tierischen Überresten aus der Zeit vor etwa 20.000 bis 3.000 Jahren und verwendet die Zinkisotopenanalyse des Zahnschmelzes, um die Position eines Organismus im Nahrungsnetz – die sogenannte trophische Position – sowie die Zusammensetzung der Ernährung zu rekonstruieren. Die Ergebnisse zeigen, dass Menschen im Nahrungsnetz durchgehend eine intermediäre, omnivore Position einnahmen, wobei ihre Ernährung sowohl tierische als auch pflanzliche Ressourcen umfasste. Im Zeitverlauf weisen die Isotopendaten eine allmähliche Verschiebung zu Werten auf, die einen höheren Pflanzenkonsum anzeigen. Dieser Trend beginnt im späten Pleistozän und setzt sich bis ins Holozän fort, also lange vor den ersten bestätigten Nachweisen domestizierter Nutzpflanzen in der Region. Statt einer plötzlichen landwirtschaftlichen „Revolution“ deuten die Ergebnisse auf einen langfristigen Prozess der Pflanzennutzung bei den Jäger- und Sammlergemeinschaften des Regenwaldes hin.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Nutzung von Pflanzen keine späte Entwicklung im Zusammenhang mit der Landwirtschaft darstellt, sondern Teil eines deutlich längeren Prozesses ist“, erklärte Dr. Nicolas Bourgon, Hauptautor der Studie und Postdoktorand in der Abteilung für Koevolution von Landnutzung und Urbanisierung am Max-Planck-Institut für Geoanthropologie (MPI-GEA). „Diese Regenwaldbevölkerungen intensivierten den Gebrauch pflanzlicher Ressourcen bereits Tausende Jahre vor dem Auftreten der Landwirtschaft in den archäologischen Aufzeichnungen.“

Die Studie basiert auf jahrzehntelanger archäologischer Forschung an bedeutenden Höhlenfundstätten wie Fa-Hien Lena, Batadomba-lena und Balangoda Kuragala. Diese liefern Belege für eine kontinuierliche menschliche Besiedlung tropischer Regenwaldgebiete über Zehntausende Jahre. Frühere Interpretationen konzentrierten sich häufig auf die Jagd, vor allem aufgrund der Erhaltung von Tierresten und Werkzeugen. Direkte Nachweise für den Pflanzenkonsum blieben jedoch begrenzt, da organische Materialien in solchen Umgebungen selten erhalten sind.

Um diese Forschungslücke zu schließen, wendeten die Forschenden die moderne Zinkisotopenanalyse (δ⁶⁶Zn) auf Zahnschmelzproben von 24 Menschen und 57 Tieren an. Diese Methode reflektiert die trophische Ebene eines Individuums und ist besonders für tropische Umgebungen geeignet.

Die geochemischen Daten zeigen, dass pflanzliche Nahrung durchgehend einen wesentlichen Teil der menschlichen Ernährung bildete und im Zeitverlauf an Bedeutung gewann. Dies weist auf eine allmähliche Veränderung in der Nutzung und Bewirtschaftung der Ressourcen des Regenwaldes hin und nicht auf eine unmittelbare Reaktion auf die spätere Einführung der Landwirtschaft.

„Die archäologischen Funde aus Sri Lanka bieten eine seltene Möglichkeit, langfristige Mensch-Umwelt-Interaktionen in einer tropischen Umgebung zu untersuchen“, erklärt Dr. Oshan Wedage vom Institut für Geschichte und Archäologie der Universität Sri Jayewardenepura. „Die Ergebnisse verdeutlichen, wie die lokale Bevölkerung ihre Ressourcennutzung im Laufe der Zeit anpasste, insbesondere hinsichtlich der Nutzung von Pflanzen.“

„Diese Studie ergänzt eine wachsende Zahl von Belegen, dass tropische Regenwälder keine Hindernisse für die menschliche Besiedlung darstellten“, erläutert Prof. Patrick Roberts, Direktor der Abteilung für Koevolution von Landnutzung und Urbanisierung am MPI-GEA. „Vielmehr handelte es sich um Umgebungen, in denen Menschen dynamische Subsistenzstrategien entwickelten und über lange Zeiträume mit ihrer Umgebung interagierten.“

Über die regionalen Implikationen hinaus trägt die Studie zu breiteren Diskussionen über die Ursprünge der Landwirtschaft, Landnutzung und die Rolle der Pflanzenverwertung in der menschlichen Evolution bei. Die Ergebnisse stützen Modelle, nach denen die Landwirtschaft eher aus langjährigen Sammelpraktiken hervorgeht als aus abrupten Veränderungen der Subsistenzwirtschaft.

(Max-Planck-Institut für Geoanthropologie)


Originalpublikation:
Nicolas Bourgon, Marcus Oelze, Noel Amano, Oshan Wedage, Nimal Perera, Patrick Roberts
Pre-agricultural intensification of plant use in Pleistocene Sri Lankan rainforests
Nature Ecology & Evolution
DOI: 10.1038/s41559-026-03082-https://www.nature.com/articles/s41559-026-03082-6

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Wissenschaft Sachsen
news-38777 Tue, 19 May 2026 14:57:53 +0200 Enzyme als Recycling-Helden: Universität Leipzig forscht an nachhaltiger Plastikverwertung https://www.vbio.de/aktuelles/details/enzyme-als-recycling-helden-universitaet-leipzig-forscht-an-nachhaltiger-plastikverwertung Forschende der Universität Leipzig sind bei der Plastikrecycling-Forschung einen weiteren wichtigen Schritt vorangekommen: Sie haben in einer kürzlich im Fachjournal „Nature Communications“ veröffentlichten Studie das natürlich vorkommende Enzym PHL7 gezielt optimiert, sodass es unter industrierelevanten Bedingungen effizient und stabil den häufig im Alltag vorkommenden Kunststoff Polyethylenterephthalat (PET) abbaut. Die Forschung, die auf jahrzehntelanger Expertise an der Universität Leipzig aufbaut, zielt auf eine zentrale Herausforderung der Kreislaufwirtschaft: die nachhaltige Verwertung von Kunststoffen.  Mit neuen bioinformatischen Ansätzen und interdisziplinären Methoden ebneten Dr. Georg Künze (Medizinische Fakultät) und Dr. Christian Sonnendecker (Fakultät für Chemie) zusammen mit anderen Forschenden der Universität Leipzig den Weg zu einer praktikablen, umweltfreundlichen Recycling-Technologie. 

Das Enzym PHL7, das erstmals 2021 von Sonnendecker, isoliert aus einer Kompostprobe vom Leipziger Südfriedhof, beschrieben wurde, gilt als eines der wenigen natürlichen hyperaktiven PET-abbauenden Enzyme . Doch für technische Anwendungen war es bisher zu instabil und wenig aktiv – besonders unter realen industriellen Bedingungen. Die aktuelle Studie überwindet nun diese Hürden: „Mithilfe von bioinformatischen Vorhersagen haben wir gezielte Mutationen in die Aminosäuresequenz eingebaut, die zu deutlich verbesserten Varianten führten. Diese zeigen erhöhte Stabilität, höhere Aktivität und eine geringere Abhängigkeit von Salzgehalten – ein entscheidender Vorteil, da das Enzym nun auch in normalem Leitungswasser funktioniert“, erklärt Künze. 

Die Forschungsgruppe um Künze und Sonnendecker nutzte für die experimentellen Arbeiten zur Studie vom Sommer 2022 bis Mitte 2025 eine Vielzahl moderner Methoden: Röntgenkristallographie erlaubte die dreidimensionale Strukturaufklärung, Impedanzspektroskopie lieferte Echtzeit-Daten zum Reaktionsverlauf, und Moleküldynamik-Simulationen halfen, den enzymatischen Abbau auf molekularer Ebene zu entschlüsseln. In Rührreaktoren wurden die Enzymvarianten unter industrienahen Bedingungen getestet – mit vielversprechenden Ergebnissen. Die Erkenntnisse flossen bereits in eine Patentanmeldung ein.

„Die entwickelten PHL7-Varianten sind nun echte Kandidaten für die industrielle Anwendung“, betont Sonnendecker. Das in Leipzig 2025 gegründete Start-up ESTER-Biotech, ein Spin-off der Universität Leipzig, plant bereits, die Technologie in eine Pilotanlage zu überführen. Langfristig könnte enzymatisches Recycling dazu beitragen, die Kunststoffwirtschaft zirkulärer und nachhaltiger zu gestalten. Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen: Weitere Optimierungen mit Künstlicher Intelligenz stehen an, ebenso die Entwicklung von Enzymen für andere biologisch abbaubare Kunststoffe wie PLA und PBS. Ob die Technologie wirtschaftlich tragfähig ist, wird sich in den kommenden Jahren zeigen und hängt neben technischen auch von ökonomischen Faktoren ab.

Bereits vor über 20 Jahren forschte Prof. Dr. Wolfgang Zimmermann an der Universität Leipzig als einer der Pioniere auf dem Gebiet an plastikabbauenden Enzymen, mit dem Ziel, Kunststoffe wie PET unter umweltfreundlichen Bedingungen zu recyceln. Mit der aktuellen Studie ist das Forschungsfeld diesem Ziel einen Schritt nähergekommen.

(Universität Leipzig)


Originalpublikation:
https://www.nature.com/articles/s41467-026-70868-4
"Computational engineering of the polyester hydrolase PHL7 for efficient poly(ethylene terephthalate) degradation in biocatalytic recycling processes"

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Wissenschaft Sachsen
news-38775 Tue, 19 May 2026 12:42:25 +0200 Sicherheitsrelevante Forschung und Entwicklung: Hochschulen stellen sich den Herausforderungen und fordern Unterstützung https://www.vbio.de/aktuelles/details/sicherheitsrelevante-forschung-und-entwicklung-hochschulen-stellen-sich-den-herausforderungen-und-fordern-unterstuetzung Die Mitgliederversammlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat sich in ihrer jüngsten Sitzung in Weimar zu aktuellen Herausforderungen und Voraussetzungen der sicherheitsrelevanten Forschung und Entwicklung an Hochschulen positioniert. In ihrer Entschließung betont sie den zentralen Beitrag der Hochschulen zur Sicherheit und Resilienz der Gesellschaft und formuliert Handlungsbedarfe innerhalb der Hochschulen und Forderungen an die Politik in Bund und Ländern.  Die HRK-Mitglieder weisen darauf hin, dass Hochschulen vor dem Hintergrund der global veränderten sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen auf unterschiedliche Art und Weise zum Aufbau und Erhalt des Friedens beitragen. Über Art und Umfang dieses Beitrages entscheiden die Hochschulen auf Basis ihrer jeweils eigenen Profile autonom.

Prof. Dr. Georg Krausch, HRK-Vizepräsident für Forschung und wissenschaftliche Karrierewege, erläutert: „Sicherheitsrelevante Forschung ist nicht mit militärischer Forschung und Entwicklung gleichzusetzen. So sind auch die Erkenntnisse der Konflikt- und Friedensforschung, der Sprach-, Geschichts- und Regionalwissenschaften, der Kommunikations- und Medienwissenschaft sowie der Theologie unverzichtbar für eine umfassende wissenschaftsbasierte Analyse sicherheitsrelevanter Entwicklungen. Darüber hinaus schließt sie auch Felder wie z. B. die zivile Sicherheit, gesellschaftliche Resilienz und Cybersicherheit mit ein. Die deutschen Hochschulen können sich hier mit ihrer ganzen disziplinären Vielfalt und als hervorragend vernetzte Organisationszentren des Wissenschaftssystems einbringen.

 Die spezifischen Anforderungen sicherheitsrelevanter Forschung und Entwicklung machen es notwendig, dass sich Hochschulen untereinander austauschen und mit weiteren Akteuren vernetzen. Erhöhte Sicherheitsbedarfe können technische und infrastrukturelle Anforderungen mit sich bringen, auf die viele Hochschulen gegenwärtig noch nicht oder nur teilweise vorbereitet sind. Der Aufbau gemeinsamer Strukturen kann hier ein zielführender Lösungsansatz sein.  Darüber hinaus benötigen wir Förderprogramme für sicherheitsrelevante Forschung, bei denen Hochschulen als die zentralen Akteure der wissenschaftlichen Forschung und Entwicklung in Deutschland antragsberechtigt sind.“

HRK


Zum Text der Entschließung

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Politik & Gesellschaft Hochschule Bundesweit
news-38774 Tue, 19 May 2026 12:20:54 +0200 DAAD-Jahresbericht 2025: Akademischer Austausch zwischen globalen Krisen und wachsender Bedeutung https://www.vbio.de/aktuelles/details/daad-jahresbericht-2025-akademischer-austausch-zwischen-globalen-krisen-und-wachsender-bedeutung Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat heute in Bonn seinen Jahresbericht 2025 vorgestellt. DAAD-Präsident Mukherjee erklärte bei der Vorstellung, dass das Jahr von geopolitischen Spannungen, verschärften Wettbewerbsbedingungen und neuen Unsicherheiten im internationalen Wissenschaftssystem geprägt worden sei. Zugleich profitiere Deutschland von seiner anhaltend hohen Attraktivität für Studierende und Forschende aus aller Welt. Für den DAAD falle auch nach 100 Jahren Bestehen beides zusammen: wachsende Herausforderungen und steigende Bedeutung.  „Das Jubiläumsjahr 2025 hat gezeigt, wie groß die Wertschätzung für den vom DAAD organisierten internationalen akademischen Austausch in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ist. Die hohe Qualität unserer Arbeit ist dabei auch für die absehbar schwierige Haushaltslage im Bund von großer Bedeutung. Der DAAD steht seit einem Jahrhundert für Verständigung, wissenschaftliche Zusammenarbeit und internationale Netzwerke – und diese Aufgabe ist heute wichtiger denn je“, sagte DAAD-Präsident Professor Joybrato Mukherjee bei der Vorstellung des Berichts in Bonn. Der Bundespräsident habe die Rolle des DAAD beim Jubiläumsfestakt am 6. Mai 2025 im Berliner Humboldt Forum treffend beschrieben: ‚Wenn es den DAAD noch nicht gäbe, man müsste ihn heute erfinden.‘

Zugleich sei 2025 eines der herausforderndsten Jahre für die internationale Wissenschaftskooperation seit Langem gewesen, so Mukherjee weiter. „Die teils disruptiven Entwicklungen in den USA, Russlands anhaltender Krieg gegen die Ukraine und allgemein schwierigere Rahmenbedingungen für internationale Kooperationen haben den Beratungs- und Unterstützungsbedarf bei unseren Mitgliedshochschulen und unseren Geförderten deutlich erhöht. Dabei zeigt sich: In geopolitisch schwierigen Zeiten bleibt internationaler akademischer Austausch unverzichtbar.“

Deutschland gefragter Wissenschaftsstandort

Deutschland blieb 2025 einer der weltweit attraktivsten Wissenschaftsstandorte: Rund 400.000 internationale Studierende und Promovierende sowie etwa 82.000 internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiteten und forschten an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Damit zählt Deutschland weltweit zu den fünf attraktivsten Gastländern für internationale Studierende und konkurriert mit Australien um Platz drei beziehungsweise vier, und liegt bei internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf Rang zwei – hinter den USA.

„Internationale Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stärken Innovationskraft, Wettbewerbsfähigkeit und wissenschaftliche Exzellenz Deutschlands. Sie sind ein Gewinn für unseren Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort“, betonte Mukherjee.

Förderzahlen & Rekord bei Erasmus+

Im Jahr 2025 unterstützte der DAAD weltweit 132.903 Studierende, Graduierte, Forschende und Hochschulbeschäftigte bei der akademischen Mobilität. Die meisten Geförderten erhielten finanzielle Unterstützung über das EU-Programm Erasmus+ (rund 62.300 Personen), gefolgt von Programmen des Auswärtigen Amts (31.300 Personen), des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR; 23.300 Personen) sowie des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ; 14.700 Personen).

Insgesamt förderte der DAAD knapp 79.000 Personen aus Deutschland und rund 54.000 Personen aus dem Ausland. Die beliebtesten Zielländer deutscher Geförderter waren Spanien, Frankreich und Italien. Die meisten internationalen Geförderten kamen aus der Ukraine, Nigeria und Ägypten. Der Frauenanteil lag bei den internationalen Geförderten bei 52 Prozent und bei 59 Prozent bei den deutschen Geförderten. Zudem unterstützte der DAAD 2025 weltweit rund 2.800 Internationalisierungsprojekte deutscher Hochschulen.

Im EU-Programm Erasmus+ erreichte der DAAD 2025 erneut einen Rekordwert: Erstmals stand für die Auslandsmobilität deutscher Hochschulen ein Jahresbudget von mehr als 250 Millionen Euro zur Verfügung.

Konsolidierung und Ausblick 2030

Der DAAD setzte 2025 zugleich einen Konsolidierungsprozess um, um trotz gestiegener Kosten und sinkender Mittel seine strategischen Ziele langfristig abzusichern. Programme wurden stärker gebündelt, strategisch priorisiert und insgesamt 13 Programme wurden eingestellt oder laufen aus. Im Jahr 2025 veröffentlichte der DAAD zudem seine neue Strategie 2030. Sie formuliert strategische Leitziele bis zum Ende des Jahrzehnts und fokussiert die Arbeit des DAAD auf die drei zentralen Handlungsfelder Fördern, Vernetzen und Beraten. Dabei stehen insbesondere die Stärkung des Wissenschafts-, Innovations- und Wirtschaftsstandorts Deutschland, Wissenschaftsdiplomatie sowie gesellschaftlicher Zusammenhalt im Mittelpunkt.

DAAD


DAAD-Jahresbericht 2025[pdf]

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Politik & Gesellschaft International
news-38763 Tue, 19 May 2026 11:06:44 +0200 Bundesdelegiertenkonferenz des VBIO mit spannenden Rück- und Ausblicken https://www.vbio.de/aktuelles/details/bundesdelegiertenkonferenz-des-vbio-mit-spannenden-rueck-und-ausblicken Die diesjährige Bundesdelegiertenversammlung (BDV) des VBIO fand am 18. Mai 2026 im virtuellen Format statt. Teilgenommen haben Vertreter/-innen aus 14 Landesverbänden und 22 Fachgesellschaften. Neben Berichten zu Aktivitäten und zur finanziellen Lage standen insbesondere Überlegungen zur Weiterentwicklung zur Stärkung der Sichtbarkeit des Verbandes im Fokus  Eine Kurzpräsentation machte die Vielfalt der Aktivitäten des VBIO deutlich: Von der Nachwuchsförderung bis zur Herausforderung „Access and Benefit Sharing“ und von der Rolle der Biotechnologie auf EU-Ebene bis zum Parlamentarischen Abend zum Thema „Versorgungssicherheit“. Auf politischer Ebene hat der VBIO frühzeitig auf die Gefährdung biowissenschaftlich relevanter Datenbanken hingewiesen und konnte so Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema lenken und einiges erreichen. Nachzulesen auch im aktuellen Jahresbericht des VBIO der zur BDV erschienen ist und auf der Homepage eingesehen werden kann.

Henryk Flachowsky wies als Sprecher der Fachgesellschaften im VBIO auf die Notwendigkeit einer verstärkten Zusammenarbeit hin. Gelegenheit dazu bieten die regelmäßigen Treffen der Fachgesellschaftsvorsitzenden.

Die Landesverbände des VBIO tragen das Gesicht des VBIO in die Fläche, wie die Sprecherin der Landesverbände, Marga Radermacher deutlich machte. Sie fördern exzellente Abiturienten, veranstalten Biologentage zu aktuellen biowissenschaftlichen Themen und organisieren Vortragsveranstaltungen. Hervorzuheben ist, dass die Veranstaltungen der Landesverbände offen sind für alle – auch außerhalb des jeweiligen Landesverbandes. In diesem Zusammenhang sei auch auf den virtuellen Stammtisch des Landesverbandes Hessen hingewiesen, der sich großer Beliebtheit erfreut, sowie die „CRISPR-Roadshow“, die bereits in verschiedenen Bundesländern Station machte.

Schatzmeister Christian Lindermayr erläuterte die finanzielle Lage des VBIO und stellte den Abschluss für das Jahr 2025 vor. Auf der Basis des Berichtes der Kassenprüfer, der ohne Beanstandungen war, entlastete die Bundesdelegiertenversammlung das Präsidium des VBIO einstimmig. Es wurde aber auch deutlich, dass die finanzielle Lage weiterhin sehr eng ist. Das strukturelle Defizit muss dringend angegangen werden, um den VBIO zukunftsfähig aufzustellen. Da der VBIO sehr sparsam wirtschaftet, ist auf der Ausgabenseite wenig Spielraum für Einsparungen. Daher wird es notwendig sein, mehr Einnahmen zu erzielen. 

VBIO-Präsident Markus Engstler stellte in einem Impulsbeitrag Überlegungen zur Rolle der Biowissenschaften und der Biowissenschaftler/-innen, insbesondere der Fachgesellschaften vor. Letztere sind Träger der inhaltlichen Expertise – sollten sich allerdings nicht allein auf diese zurückziehen, sondern auch die Interessen der Biowissenschaften insgesamt im Blick behalten. Der VBIO stelle in diesem Kontext den „Katalysator“ dar, über den Wirkung erzielt werden könne. Unabhängig davon könne der VBIO Fachgesellschaften mit seiner Expertise auch bei formalen Erfordernissen entlasten, sodass für die inhaltlichen Aktivitäten der Fachgesellschaften mehr Raum bliebe.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass eine strategische Stärkung des VBIO als „Stimme der Biowissenschaften“ bei allen Teilnehmenden als absolut notwendig erachtet wird. Wie genau dies zu bewerkstelligen sein wird und was dies auch für die Beteiligung der Fachgesellschaften heißt, wird noch gemeinsam weiterzuentwickeln sein. Insofern versteht sich der Impuls des Präsidenten nur als Auftakt eines längeren Prozesses.

VBIO

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VBIO Bundesweit
news-38762 Tue, 19 May 2026 10:33:04 +0200 Generative künstliche Intelligenz kann Tierversuchszahl deutlich verringern https://www.vbio.de/aktuelles/details/generative-kuenstliche-intelligenz-kann-tierversuchszahl-deutlich-verringern Eine neue Künstliche Intelligenz zur Reduktion von Tierversuchen haben Forschende der Goethe-Universität und der Philipps-Universität Marburg in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Translationale Medizin und Pharmakologie ITMP entwickelt. Die KI namens genESOM wurde darauf trainiert, die Struktur kleiner Datensätze zu “lernen“. Das Gelernte nutzt die KI, um neue Datenpunkte zu generieren. Diese Datenpunkte geben die Eigenschaften der im Versuch erhobenen Daten so korrekt wieder, als ob sie ebenfalls im Laborexperiment erhoben worden wären. Künftig könnten mittels „genESOM“ bei der Testung neuer Wirkstoffe zwischen 30 und 50 Prozent weniger Versuchstiere benötigt werden. In frühen Phasen der Arzneimittelentwicklung werden neue Wirkstoffe – neben zahlreichen anderen Versuchsmethoden – auch in Tieren getestet. Dabei stehen die Forschenden vor einem Dilemma: Einerseits halten sie aus ethischen Gründen die Zahl der Tiere, die in einem Experiment verwendet werden, möglichst klein. Andererseits müssen Tierversuche genug Tiere einschließen, damit das Experiment zu verlässlichen und repräsentativen Ergebnissen führt, die zum Beispiel darauf schließen lassen, ob ein neuer Arzneimittelkandidat eine bestimmte Wirkung erzeugt oder nicht.

Netz aus Tausenden künstlichen Neuronen

Prof. Jörn Lötsch, Datenwissenschaftler und klinischer Pharmakologe an der Goethe-Universität, hat in Kooperation mit dem Informatiker Prof. Alfred Ultsch von der Philipps-Universität Marburg, die beide selbst nicht tierexperimentell arbeiten, eine generative Künstliche Intelligenz namens genESOM entwickelt. genESOM basiert auf einem Netzwerk Tausender künstlicher Neuronen, dass die innere Struktur eines Datensatzes „erlernt“. Dadurch kann sie das experimentell gewonnene Datenvolumen vergrößern und simulieren, dass die Zahl der Tiere im Versuch größer war als in Wirklichkeit.

Integrierte Fehlerüberwachung

Zum Training der KI nutzten die Wissenschaftler vorhandene Daten aus einer am Fraunhofer ITMP in Mäusen durchgeführten und bereits veröffentlichten Studie. Dabei gelangen dem Forschungsteam zwei entscheidende Innovationsschritte: Zum einen die KI darauf zu trainieren, neue Datenpunkte auf Grundlage der Studiendaten zu generieren, die sich so in die erlernte Datenstruktur einfügen, als wären sie in echten Experimenten gewonnen worden.

Der zweite Innovationsschritt war die Integration einer Fehlerüberwachung direkt in den Generierungsprozess der neuen Datenpunkte. Generative KI-Methoden riskieren generell, neben dem relevanten Signal auch Rauschen und Zufallsvariation zu verstärken. Dieses Problem ist als Fehlerinflation bekannt und kann dazu führen, dass eigentlich nicht bedeutsame Variablen fälschlicherweise als behandlungsrelevant erscheinen (so genannte falsch-positive Variablen).

Durch eine gezielte Trennung der Lernphase von der Synthesephase ist es möglich, ein künstliches Fehlersignal in den Prozess einzuspeisen, dessen Ausbreitung präzise gemessen wird. Daraus ergibt sich ein datengesteuertes Abbruchkriterium, das die Datengenerierung stoppt, bevor die wissenschaftliche Validität beeinträchtigt wird.

KI-Training mit veröffentlichten Studiendaten

Einen Praxistest bestand genESOM mit Daten aus einer präklinischen Studie zum Multiplen Sklerose-Modell. In der Originalstudie waren 26 Mäuse in drei Behandlungsgruppen aufgeteilt worden, um die Effekte eines experimentellen Wirkstoffs zu untersuchen. Lötsch und Ultsch reduzierten den Datensatz auf 18 Tiere (sechs pro Gruppe), um ein kleineres Experiment zu simulieren. Als sie diesen reduzierten Datensatz auswerteten, verschwanden alle zuvor nachgewiesenen Behandlungseffekte vollständig: Statistische Tests signalisierten nichts Signifikantes, und maschinelle Lernverfahren konnten die Behandlungsgruppen nicht voneinander unterscheiden. Nachdem der reduzierte Datensatzes mithilfe von genESOM weitere Datenpunkte erhalten hatte, traten alle Effekte des vollständigen Experiments auf dem ursprünglichen Signifikanzniveau wieder auf, ohne das relevante falsch positive Befunde dazu kamen. Alternative KI-Methoden bis hin zu komplexen „deep-learning“ neuronalen Netzwerken, die die Forscher testeten, versagten hier.

Lötsch erläutert: „Wir haben mittlerweile eine Reihe von Datensätzen ähnlich getestet und können heute sagen: Mit genESOM lässt sich die die Zahl genutzter Tiere bei explorativen Forschungsfragen um 30 bis 50 Prozent reduzieren, und die Ergebnisse bleiben wissenschaftlich valide.“ Der Datenwissenschaftler weist jedoch darauf hin, dass genESOM nur aus den Daten lernen könne, die in realen Tierexperimenten gewonnen worden seien. Auch lasse sich die Zahl der Versuchstiere nicht beliebig reduzieren: „Wenn man zu wenige Tiere ins Experiment aufnimmt und die Anzahl dann durch generative KI einfach ergänzt, könnte das Experiment wegen der Verstärkung von Zufallsbefunden sehr schnell wissenschaftlich wertlos werden.“ Trotzdem ist Lötsch überzeugt: „Mit genESOM können wir einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der Tierversuchszahlen in großen Bereichen der präklinischen Forschung leisten.“

Das Projekt wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unter dem Titel „Generative artificial intelligence-based algorithm to increase the predictivity of preclinical studies while keeping sample sizes small“ gefördert.

Philipps-Universität Marburg


Originalpublikationen:

Jörn Lötsch, Benjamin Mayer, Natasja de Bruin, Alfred Ultsch: Self-organizing neural network-based generative AI with embedded error inflation control enhances effective knowledge extraction from preclinical studies with reduced sample size. Pharmacological Research (2026) https://doi.org/10.1016/j.phrs.2026.108159

Jörn Lötsch, André Himmelspach, Dario Kringel: Dimensionality-modulated generative AI for safe biomedical dataset augmentation. iScience (2026) https://doi.org/10.1016/j.isci.2025.114321

Alfred Ultsch, Jörn Lötsch: Augmenting small biomedical datasets using generative AI methods based on self-organizing neural networks Open Access. Briefings in Bioinformatics (2024) https://doi.org/10.1093/bib/bbae640

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Künstliche Intelligenz Wissenschaft Hessen
news-38760 Tue, 19 May 2026 08:23:11 +0200 Schlafende Riesen: Wie verborgene Viren in Algen erwachen und an künftige Generationen weitergegeben werden https://www.vbio.de/aktuelles/details/schlafende-riesen-wie-verborgene-viren-in-algen-erwachen-und-an-kuenftige-generationen-weitergegeben-werden Riesenviren von denen lange angenommen wurde, sie existierten nur als flüchtige, frei lebende Partikel können sich dauerhaft im Genom eines mehrzelligen Wirts einbetten, über Generationen hinweg ruhen und dann auf Kommando wieder aktiv werden. Eine aktuelle Studie stellt grundlegende Annahmen über die Funktionsweise von Riesenviren infrage und etabliert ein neues Modell zur Untersuchung viraler Latenz in komplexen Organismen.  Riesenviren gehören zu den bemerkenswertesten biologischen Einheiten auf der Erde: Sie sind größer und genomisch komplexer als viele Bakterien und können in marinen Ökosystemen erhebliche Probleme verursachen, indem sie Algen und Mikroben in allen Weltmeeren infizieren. Doch trotz ihrer Häufigkeit und ihrer ökologischen Rolle sind ihre Infektionsstrategien in mehrzelligen Wirten bislang kaum erforscht worden. So war es bisher nicht bekannt, ob Riesenviren zur Latenz fähig sind – also die Fähigkeit haben ruhend im Wirt zu verharren, bevor sie wieder aktiv werden.

Diese neue Studie von Forschenden am Max-Planck-Institut für Biologie Tübingen beantwortet diese Frage. Bei Studien mit Ectocarpus, einer Braunalge, die als Modellorganismus für die Biologie mehrzelliger Organismen dient, entdeckte das Team, dass das Genom der Alge vollständige, intakte Riesenvirus-Sequenzen enthält, die als „giant endogenous viral elements“ (GEVEs) bekannt sind. Diese GEVEs sind voll funktionsfähig und in der Lage, infektiöse Viruspartikel zu produzieren.

„Das sind keine genomischen Fossilien“, sagte Carole Duchêne, Postdoc in der Abteilung für Entwicklung und Evolution der Algen. „Sie sind aktiv, reguliert und übertragbar. Das Virus hat sich im Genom des Wirts regelrecht heimisch gemacht und einen Weg gefunden, über Generationen hinweg zu überdauern.“

Ein präzise gesteuertes Erwachen

Die Forschenden fanden heraus, dass das ruhende Virus nicht zufällig wieder reaktiviert wird. Im Gegenteil, sein Erwachen wird durch zwei unterschiedliche Signale genau gesteuert: den Entwicklungsstand des Wirts und die Umgebungstemperatur. Das Virus schaltet sich gezielt in den Fortpflanzungszellen der Alge ein, den sogenannten Gametangien und Sporangien, wo es diese Strukturen kapert, sie in Virus-Produktionsfabriken verwandelt und die Bildung von Gameten und Sporen verhindert. Außerhalb dieser spezifischen Zellen und Bedingungen bleibt es völlig inaktiv.
Mithilfe von Long-Read-Genomsequenzierung, Transkriptomik, klassischer Genetik und CRISPR/Cas-Geneditierung konnte das Team die genauen Stellen bestimmen, an denen sich das virale Genom in die Chromosomen des Wirts integriert, den Integrationsmechanismus aufklären und zeigen, dass das integrierte Element zur autonomen Vervielfältigung fähig ist. Entscheidend ist, wie sie mit der Löschung des gesamten viralen Elements aus dem Wirtsgenom mit Hilfe von CRISPR, direkt bestätigten konnten, dass die integrierte Sequenz – und nicht irgendeine externe Quelle – für die Produktion infektiöser Viruspartikel verantwortlich ist.

Vererbt wie ein Gen, übertragen wie ein Virus

Am auffälligsten ist vielleicht, dass das Forschungsteam zeigte, dass das virale Element stabil über die Keimbahn des Wirts von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird und sich genetisch gesehen wie ein Supergen verhält. Das bedeutet, dass das Virus zwei Übertragungswege hat: vertikal, also über das Genom von den Eltern auf die Nachkommen, und horizontal, über die infektiösen Partikel, die es bei der Reaktivierung produziert. Diese Doppelstrategie von latenter Vererbung kombiniert mit periodischer Reaktivierung und Freisetzung wurde bisher noch nie für ein Riesenvirus in einem mehrzelligen Eukaryoten dokumentiert.

„Das Virus hat eine bemerkenswert ausgeklügelte Strategie entwickelt“, sagte Susana Coelho, Direktorin der Abteilung für Entwicklung und Evolution der Algen. „Es versteckt sich im Wirt, wird an jeden Nachkommen weitergegeben und erwacht dann selektiv genau im richtigen Moment und genau im richtigen Zelltyp“.

Warum das wichtig ist: Ökologie, Evolution und ein neues Modellsystem

Braunalgen sind die drittkomplexesten mehrzelligen Organismen auf dem Planeten und haben völlig unabhängig von Tieren und Pflanzen komplexe Körperbaupläne entwickelt. Sie sind eine grundlegende Art in marinen Küstenökosystemen, deren ökologische Bedeutung mit der von Bäumen in einem Wald vergleichbar ist. Braunalgen sind zunehmend durch den Klimawandel bedroht. Das Verständnis der Viren, die sie befallen, und wie diese Viren die Evolution des Wirts und die Populationsdynamik beeinflussen, ist daher von großer ökologischer Bedeutung.

Allgemeiner betrachtet stellen die Ergebnisse lang gehegte Annahmen in der Virologie infrage. Latenz wurde bei Tierviren, insbesondere bei Herpesviren und Retroviren wie HIV, bereits umfassend untersucht, doch die Vorstellung, dass riesige dsDNA-Viren – eine phylogenetisch eigenständige und enorm vielfältige Gruppe – dieselbe Strategie in einem mehrzelligen Wirt anwenden könnten, eröffnet völlig neue Forschungswege. Das Ectocarpus–Phaeovirus-System bietet der wissenschaftlichen Gemeinschaft nun ein handhabbares, genetisch manipulierbares Modell, um die molekularen Mechanismen der viralen Latenz, Vererbung und Reaktivierung außerhalb der traditionellen Tier- und Pflanzenrahmen zu untersuchen.

Max-Planck-Institut für Biologie 


Originalpublikation:

Carole Duchêne, Rory J. Craig, Claudia Martinho, Rémy Luthringer, Ferran Agullo, Katharina Hipp, Pedro Escudeiro, Vikram Alva, Fabian B. Haas, Susana M. Coelho, "Latent endogenous giant viruses drive active infection and inheritance in a multicellular host", ", Nat Microbiol (2026). https://doi.org/10.1038/s41564-026-02361-z

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Wissenschaft Baden-Württemberg
news-38757 Mon, 18 May 2026 12:42:52 +0200 Genscheren zeigen Potenzial bei seltener Immunkrankheit https://www.vbio.de/aktuelles/details/genscheren-zeigen-potenzial-bei-seltener-immunkrankheit Forschende weisen im Mausmodell einen grundsätzlichen Therapieansatz für erbliche Defekte im Immunsystem nach. Das Sicherheitsprofil der Genomeditierung unterscheidet sich je nach Methode und Zelltyp deutlich. Forschende der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg haben im Labor gezeigt, dass sich ein erblicher Fehler im Immunsystem gezielt mit Hilfe von Genscheren verändern lässt. Im Mausmodell einer seltenen Immunkrankheit stellte der Ansatz die Funktion wichtiger Abwehrzellen wieder her und schützte vor einer lebensgefährlichen Entzündungsreaktion. Gleichzeitig zeigen die Wissenschaftler*innen, dass die Sicherheit von Genscheren von deren Typ und Einsatzort abhängt. Die Ergebnisse wurden am 13. Mai 2026 im Fachmagazin Cell Stem Cell veröffentlicht. 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Genomeditierung ein vielversprechender Ansatz für die Korrektur seltener erblicher Erkrankungen sein kann“, sagt Prof. Dr. Toni Cathomen, Letztautor der Studie und Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin und Gentherapie am Universitätsklinikum Freiburg. 

Wie Genscheren im Erbgut arbeiten

Genscheren sind molekularbiologische Werkzeuge, mit denen Forschende gezielt einzelne Stellen im Erbgut verändern können. Sie erkennen eine bestimmte DNA-Sequenz und schneiden den DNA-Strang oder verändern gezielt einzelne Bausteine der Erbinformation. Die Zelle repariert diese Stelle anschließend selbst. So lassen sich krankheitsverursachende genetische Fehler direkt im Erbgut gezielt verändern.

Fehlerhafte Immunreaktion kann durch Genscheren korrigiert werden

Untersucht wurde die familiäre hämophagozytische Lymphohistiozytose. Bei dieser seltenen Erbkrankheit können bestimmte Abwehrzellen infizierte Körperzellen nicht mehr wirksam beseitigen. Dadurch kann das Immunsystem außer Kontrolle geraten. Die Freiburger Forschenden veränderten mit Hilfe von Genscheren gezielt den krankheitsverursachenden Fehler im Erbgut von Mäusen. Dadurch konnten die Zellen wieder korrekt arbeiten und die Tiere waren vor der schweren Entzündungsreaktion geschützt. 

Sicherheit muss genau zum Verfahren passen

Zugleich verglich das Team verschiedene Verfahren der Genomeditierung in unterschiedlichen Zelltypen. Dabei zeigte sich, dass sich unerwünschte Veränderungen im Erbgut je nach Methode und Zelltyp deutlich unterscheiden. Für die Entwicklung neuer Therapien ist das eine zentrale Erkenntnis. „Die Sicherheit von Verfahren zur Genomeditierung muss immer im konkreten klinischen Zusammenhang bewertet werden“, sagt Cathomen.

Universitätsklinikum Freiburg


Originalpublikation:

Lei L, Kaufmann M, Lao J ...: Genotoxicity profiling reveals distinct platform- and cell type–specific effects in therapeutic gene editing for genetic hyperinflammation, Cell Stem Cell, 2026, DOI: 10.1016/j.stem.2026.04.014 DOI: 10.1016/j.stem.2026.04.014

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Wissenschaft Baden-Württemberg