VBIO News http://example.com VBIO News de Copyright Thu, 06 Aug 2026 10:14:07 +0200 Thu, 06 Aug 2026 10:14:07 +0200 TYPO3 news-39388 Thu, 06 Aug 2026 10:04:04 +0200 Jenseits von COVID-19: Grundlegende Prinzipien, die Pandemien prägen https://www.vbio.de/aktuelles/details/jenseits-von-covid-19-grundlegende-prinzipien-die-pandemien-praegen Jede Pandemie ist anders. Dennoch lassen sich bei allen Pandemien bestimmte Gemeinsamkeiten feststellen. Forschende des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation (MPI-DS) haben gemeinsam mit einem interdisziplinären Team von Expert*innen zehn grundlegende Mechanismen zusammengetragen, mit denen sich die Entwicklung von Pandemien beschreiben lässt. Die Studie vereint dabei Erkenntnisse aus Epidemiologie, Soziologie, Mathematik, Physik, Politikwissenschaft, Psychologie und Public Health. „Viele dieser Mechanismen sind in den jeweiligen Fachgebieten seit Langem bekannt und gelten dort als grundlegendes Wissen“, sagt Viola Priesemann, Professorin und Gruppenleiterin am MPI-DS. „Sie werden jedoch nur selten gemeinsam betrachtet.“ Die COVID-19-Pandemie hat erneut gezeigt, dass sich Infektionsausbrüche nicht allein durch biologische Faktoren erklären lassen. Die Entwicklung einer Pandemie hängt zwar eindeutig von den Eigenschaften des Krankheitserregers ab, die Ausbreitung wird hingegen durch soziale Interaktion, gesellschaftliche Reaktion und die Umsetzung von Maßnahmen moduliert. Die Wissenschaftler*innen haben zehn Beispiele ausgewählt und daraus grundlegende und robuste Mechanismen beschrieben, die sich gemeinsam über verschiedene Krankheiten und gesellschaftliche Kontexte hinweg wiederfinden.

Zu den beschriebenen Mechanismen gehören etablierte mathematische Prinzipien, wie zum Beispiel das exponentielle Wachstum von Infektionen in der frühen Phase eines Ausbruchs. Kleine Änderungen in der Stärke oder dem Timing von Maßnahmen können so große Auswirkungen auf den weiteren Verlauf haben. 

„Auch die Reduzierung von Gruppengrößen bei Veranstaltungen oder Schulklassen hat einen interessanten und klaren Effekt auf die Anzahl der erwarteten Neu-Infektionen – und zwar quadratisch“, erklärt Sydney Paltra, Doktorandin an der Technischen Universität Berlin. „Bei einer Halbierung der Personenzahl wäre so beispielsweise nur ein Viertel der Infektionen zu erwarten“, so Paltra weiter.

Auch soziale Mechanismen wie Vertrauen in Institutionen, Solidarität und die Risiko-Wahrnehmung bestimmen das Verhalten von Menschen und den Verlauf einer Pandemie. Krisen können dabei zunächst den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, langfristig aber auch soziale Spaltungen verstärken und Vertrauen schwächen. Das Verständnis dieser Dynamiken ist entscheidend, um wirksame Kommunikationsstrategien zu entwickeln und gesellschaftliche Unterstützung während einer länger andauernden Gesundheitskrise aufrechtzuerhalten.

"Diese Mechanismen wirken natürlich nicht isoliert", betont Philip Bechtle, Dozent an der Universität Bonn. "Ziel ist es, ihr Zusammenspiel genauer zu verstehen und so die Maßnahmen noch wirksamer zu gestalten. Hierfür brauchen wir möglichst genaue und öffentlich verfügbare Daten über die Pandemie, wie Infektionszahlen und Mobilität", erklärt Bechtle weiter. Neben schnellem Datenaustausch und interdisziplinären Kooperationen sind nach Ansicht der Forschenden auch zuverlässige Überwachungssysteme und eine offene wissenschaftliche Zusammenarbeit entscheidend. Gleichzeitig schafft die langfristige Förderung unabhängiger Grundlagenforschung eine Wissensbasis, um auch auf unerwartete Herausforderungen vorbereitet zu sein. 
Auch wenn die akute Phase der weltweiten COVID-19-Pandemie vorbei ist, werden voraussichtlich auch zukünftig Pandemien entstehen. Die von den Wissenschaftler*innen zusammengetragenen Prinzipen helfen bei einer robusten Pandemievorbereitung, unabhängig vom Erreger. Sie geben so einen Orientierungsrahmen für Politik, Gesundheitsbehörden, Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation


Originalpublikation:

Seba Contreras etal.: Mechanics of pandemics, eClinicalMedicine, Volume 98, August 2026, https://doi.org/10.1016/j.eclinm.2026.104101

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Wissenschaft Politik & Gesellschaft Niedersachsen
news-39387 Thu, 06 Aug 2026 09:23:52 +0200 Neandertaler-Wachstumshormonrezeptor erhöht Muskelmasse beim modernen Menschen https://www.vbio.de/aktuelles/details/neandertaler-wachstumshormonrezeptor-erhoeht-muskelmasse-beim-modernen-menschen Wachstumshormone tragen zur Herausbildung des Körperbaus bei. Sie werden von der Hirnanhangsdrüse an der Basis des Gehirns ausgeschüttet und gelangen über den Blutkreislauf in den Körper. Um auf eine Zelle einzuwirken, muss das Hormon an einen Rezeptor auf deren Oberfläche binden und dieser leitet das Signal ins Zellinnere weiter. Ein internationales Team fand heraus, dass die Neandertaler-Version dieses Rezeptors zwei Veränderungen aufweist, die in der beim modernen Menschen am häufigsten vorkommenden Version nicht vorhanden sind.  Neandertaler waren im Allgemeinen kräftiger gebaut als die meisten heute lebenden Menschen. Ihre Knochen deuten auf eine ausgeprägte Muskulatur hin und sie besaßen charakteristische Merkmale wie deutliche Augenbrauenwülste und kurze Zahnwurzeln.

Wachstumshormon trägt zur Herausbildung des Körperbaus bei, indem es das Wachstum von Muskeln und Knochen reguliert. Es wird von der Hirnanhangsdrüse an der Basis des Gehirns ausgeschüttet und gelangt über den Blutkreislauf in den Körper. Um auf eine Zelle einzuwirken, muss das Hormon an einen Rezeptor auf deren Oberfläche binden. Dieser leitet das Signal ins Zellinnere weiter.

Ein internationales Team unter der Leitung von Hugo Zeberg vom Karolinska Institutet und Philipp Kanis vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie fand heraus, dass die Neandertaler-Version dieses Rezeptors zwei Veränderungen aufweist, die in der beim modernen Menschen am häufigsten vorkommenden Version nicht vorhanden sind.

Neandertaler-Variante reagiert stärker auf Wachstumshormon

Die neu veröffentlichte Studie zeigt, dass im Labor gezüchtete Zellen mit dem Neandertaler-Rezeptor stärker auf Wachstumshormon reagieren: Sie wuchsen um 40 Prozent mehr als Zellen mit dem beim modernen Menschen häufigeren Rezeptor. Den Großteil dieser gesteigerten Reaktion führten die Forschenden auf eine der beiden Neandertaler-spezifischen Veränderungen zurück.

Der moderne Mensch hat diese Rezeptorvariante vor rund 47.000 Jahren durch Vermischung mit Neandertalern geerbt. Heute ist sie vor allem in Süd- und Ostasien verbreitet. In manchen südasiatischen Bevölkerungsgruppen tragen bis zu 24 Prozent der Menschen diese Variante in sich, verglichen mit rund 0,5 Prozent der Europäer.

„Mich hat am meisten beeindruckt, dass zwei völlig unterschiedliche Arten von Belegen dieselbe Geschichte erzählen“, sagt Philipp Kanis, Erstautor der Studie und Postdoc am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. ”Im Labor gezüchtete Zellen reagierten stärker auf Wachstumshormon, während Daten von mehr als einer Million Menschen Anzeichen desselben Effekts im Körper zeigten. Es ist selten, dass Labor- und Populationsdaten so eindeutig zusammenpassen.“

Unterschiede zeigen sich erst nach der Kindheit

Der Unterschied scheint sich erst nach der Kindheit zu zeigen: Die Forschenden untersuchten die Körpermaße von mehr als 6.000 Kindern und stellten bis zum Alter von elf Jahren keinen Zusammenhang zwischen der Neandertaler-Variante und dem Wachstum fest. Dies deutet darauf hin, dass sich ihre Wirkung möglicherweise erst später, etwa während der Pubertät, bemerkbar macht, wenn der Wachstumshormonspiegel deutlich ansteigt. Bei Erwachsenen hatten Träger der Neandertaler-Variante im Durchschnitt rund 270 Gramm mehr Muskelmasse.

„Als CrossFit-Athletin hat es mich sehr gefreut, Neandertaler-Genetik und Muskelmasse in derselben Studie vereint zu finden“, sagt Co-Autorin Miriam Berreiter. „Aber auch ein Neandertaler-Wachstumshormonrezeptor ist kein Ersatz fürs Training.“

Die Neandertaler-Variante wurde außerdem mit feinen Unterschieden am Schädel und an den Zähnen in Verbindung gebracht. Träger dieser Variante wiesen tendenziell einen etwas kürzeren hinteren Abschnitt des Unterkiefers sowie kürzere Zahnwurzeln auf, was dem typischen Erscheinungsbild der Neandertaler entspricht.

„Es ist faszinierend, dass eine von Neandertalern vererbte genetische Veränderung noch heute Auswirkungen auf den menschlichen Körper haben kann“, sagt Hugo Zeberg, leitender Autor der Studie. „Doch dies ist nur einer von vielen genetischen Einflüssen auf Wachstum und Körperform. Sie kann den Körperbau der Neandertaler nicht allein erklären und bestimmt gewiss nicht das gesamte Erscheinungsbild eines Menschen.“

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie


Originalpublikation:

Kanis P, Berreiter M, Sieme D et al.: Increased signaling of the Neanderthal growth hormone receptor, Current Biology, 5 August 2026, https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.07.025

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Wissenschaft Sachsen
news-39386 Thu, 06 Aug 2026 09:13:31 +0200 Hoffnung in Zeiten der Klimamüdigkeit: Neun Erfolgsgeschichten aus Mooren weltweit https://www.vbio.de/aktuelles/details/hoffnung-in-zeiten-der-klimamuedigkeit-neun-erfolgsgeschichten-aus-mooren-weltweit Eine neue internationale Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Ambio, eröffnet eine ermutigende Perspektive auf die Klima- und Biodiversitätskrise. Während Moore häufig im Zusammenhang mit Degradierung und Treibhausgasemissionen diskutiert werden, stellt die Studie neun sogenannte „Bright Spots“ aus aller Welt vor. Die Beispiele reichen von gemeinschaftlich getragenen Renaturierungsinitiativen und großflächigen Wiedervernässungsprogrammen bis hin zu innovativen Formen der Nasslandwirtschaft und Kunstprojekten die den Menschen wieder eine Verbindung zu Moorlandschaften herstellen.  Sie machen deutlich, dass bereits heute bedeutende Fortschritte erzielt werden, und liefern Inspiration sowie wertvolle Erkenntnisse für den Moorschutz weltweit. Die Studie wurde gemeinsam von Forschenden der Universität Greifswald (Partner im Greifswald Moor Centrum), die zugleich Mitglieder des Sonderforschungsbereichs WETSCAPES2.0 sind, sowie des Copernicus Institute for Sustainable Development der Universität Utrecht geleitet.

„Moorforschende verbringen einen Großteil ihrer Zeit damit, Verluste, die Degradierung und den dringenden Handlungsbedarf rund um Moore zu dokumentieren“, sagt die Ko-Erstautorin Dr. Renske Vroom von der Universität Greifswald und dem Sonderforschungsbereich WETSCAPES2.0. „Diese Realität bleibt wichtig, aber sie erzählt nur einen Teil der Geschichte. Wir wollten Beispiele hervorheben, die zeigen, was möglich ist, wenn Menschen gemeinsam Moore schützen und wiederherstellen.“

Vielfältige Wege zu erfolgreichem Moorschutz
Die Autor*innen verwenden den Begriff „Bright Spots“ für Initiativen, die bemerkenswerte Erfolge bei Moorschutz, Wiedervernässung, Renaturierung, nachhaltiger Nutzung oder der gesellschaftlichen Beteiligung erzielt haben. Die neun ausgewählten Beispiele zeigen, dass erfolgreiche Maßnahmen zum Schutz von Mooren sehr unterschiedliche Formen annehmen können. 

In Indonesien tragen großflächige Wiedervernässungsprogramme dazu bei, das Brandrisiko und Treibhausgasemissionen zu verringern. In Malaysia treiben lokale Gemeinschaften Renaturierungsmaßnahmen voran und entwickeln neue Ansätze für den nachhaltigen Umgang mit Mooren. Weitere Beispiele schaffen wirtschaftliche Perspektiven durch Paludikultur. Initiativen wie Turba Tol in Feuerland hingegen nutzen Kunst und kulturelles Engagement, um Menschen wieder mit Moorlandschaften in Verbindung zu bringen. Gemeinsam verdeutlichen diese Beispiele, dass es nicht den einen Weg zur erfolgreichen Wiederherstellung von Mooren gibt.

Trotz ihrer Diversität weisen alle Bright Spots mehrere gemeinsame Merkmale auf. Viele beruhen auf einer langfristigen Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik, Flächenmanagement, lokalen Gemeinschaften und Trägern indigenen Wissens. Andere zeigen, wie sich ökologische Renaturierung mit sozialen und wirtschaftlichen Vorteilen oder innovativen Formen der Öffentlichkeitsarbeit verbinden lässt.

Zusammenarbeit als Schlüssel zum Erfolg
„Der Schlüssel zur Wiederherstellung von Mooren ist die Zusammenarbeit“, sagt Dr. Ralph Temmink, Assistenzprofessor für Ökologie und Renaturierung an der Universität Utrecht und Koautor der Studie. „Die erfolgreichsten Projekte verbinden wissenschaftliche Erkenntnisse, politische Rahmenbedingungen und lokales Wissen, um nachhaltige Lösungen zu entwickeln.“

Zu den in der Studie vorgestellten Beispielen gehört auch die Paludikultur, die landwirtschafltiche Nutzung nasser und wiedervernässter Moore. Im Gegensatz zur konventionellen Landwirtschaft auf entwässerten Moorböden bleiben die Böden dabei dauerhaft nass und können dennoch wirtschaftlich genutzt werden. Das ist von großer Bedeutung, da entwässerte Moore erhebliche Mengen an Treibhausgasen freisetzen: Sobald der zuvor wassergesättigte Torf mit Sauerstoff in Kontakt kommt, beginnt er sich zu zersetzen und entweicht als Kohlenstoffdioxid. Pflanzen wie Torfmoose, Schilf, Rohrkolben oder Seggen können hingegen auf nassen Mooren, ohne Entwässerung angebaut werden. Dadurch lassen sich Emissionen reduzieren und gleichzeitig neue wirtschaftliche Perspektiven für Flächeneigentümer*innen und lokale Gemeinschaften schaffen. Viele erfolgreiche Beispiele hierfür finden sich in Deutschland, wo Forschende, Landwirt*innen und Unternehmen seit einigen Jahren gemeinsam neue Wertschöpfungsketten auf Basis von Biomasse aus nassen Mooren entwickeln. Produkte wie Versandkartons, Textilien oder Baustoffe aus Paludikultur-Biomasse sind bereits auf dem Markt erhältlich.

Von lokalen Erfolgen zu globalem Handeln
„Wir hoffen, dass diese Beispiele dazu ermutigen, über die Herausforderungen hinauszublicken und anzuerkennen, dass bereits Fortschritte erzielt werden“, sagt Vroom. „Die Wiederherstellung von Mooren und wirksamer Klimaschutz sind keine Zukunftsvision. Sie finden bereits heute in vielen unterschiedlichen Formen und Regionen der Welt statt. Gleichzeitig machen diese Beispiele deutlich, wie dringend wir unsere Anstrengungen ausweiten müssen. Nur wenn wir auf diesen Erfolgen aufbauen und die Wiedervernässung und Renaturierung von Mooren beschleunigen, können wir das notwendige Tempo und den erforderlichen Umfang erreichen, um die Klimakrise wirksam einzudämmen.“

Moorrenaturierung kann unter sehr unterschiedlichen ökologischen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen erfolgreich sein und bietet gleichzeitig Vorteile für Klimaschutz, Biodiversität und lokale Gemeinschaften bietet. Die Ergebnisse der Studie liefern wertvolle Impulse für zukünftige politische Strategien und Renaturierungsprogramme – in einer Zeit, in der immer mehr Länder ihre Klima- und Biodiversitätsziele erreichen müssen.

Universität Greifswald


Originalpublikation: 
Vroom, R.J.E., van Mulken, M.W.E., Jurasinski, G. et al. Bright spots in peatland conservation, rewetting, and restoration. Ambio (2026). doi.org/10.1007/s13280-026-02433-8

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Mecklenburg-Vorpommern
news-39385 Wed, 05 Aug 2026 12:25:53 +0200 Klimawandel führt zu globalen Veränderungen in der Schmetterlingsverbreitung https://www.vbio.de/aktuelles/details/klimawandel-fuehrt-zu-globalen-veraenderungen-in-der-schmetterlingsverbreitung Eine globale Analyse der Verbreitungsgebiete von 1.758 Schmetterlingsarten – zehn Prozent aller bekannten Arten – ergab, dass 80 Prozent ihre Verbreitungsgebiete ausgeweitet haben und 79 Prozent aller erfassten Verschiebungen mit Klimawandel und Extremwetter in Zusammenhang stehen. Eine neue Studie berichtet zudem von Verkleinerungen der Verbreitungsgebiete bei 27 Prozent der Arten; 22 Prozent zeigten Veränderungen in ihrer Höhenverbreitung. Die Veränderungen sind weit größer als bisher angenommen und alle Kontinente sind betroffen.  Da Arten verschiedene Formen von Verbreitungsverschiebungen gleichzeitig zeigen können, überlappen sich die Anteile für Ausweitungen, Verkleinerungen und Höhenverschiebungen.

Die Studie ist die bislang größte ihrer Art. Die Forscherinnen und Forscher analysierten 6.182 dokumentierte Verschiebungen aus 105 Ländern und stützten sich auf englisch- und nicht englischsprachige wissenschaftliche Literatur als auch auf 68 Experteneinschätzungen. Geleitet wurde die Studie von Forscherinnen und Forschern der Monash University, des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Friedrich-Schiller-Universität Jena, und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). 

Die Analyse zeigt zudem deutliche Verschiebungen der Schmetterlingsverbreitung. Horizontale Ausweitungen wurden auf allen Kontinenten festgestellt, besonders häufig in tropischen Ländern. Rückgänge traten öfter in gemäßigten Regionen wie Europa und Nordamerika auf. Höhenverschiebungen wurden fast ausschließlich auf der Nordhalbkugel beobachtet.

„Wir haben festgestellt, dass sich die Verbreitungsgebiete von Schmetterlingsarten auf allen Kontinenten verschieben“, sagt Erstautor Dr. Shawan Chowdhury. Chowdhury ist Alumnus von iDiv, der Universität Jena und des UFZ und arbeitet jetzt an der Monash University in Melbourne. „Das Ausmaß ist erstaunlich – und die Veränderungen finden nicht nur in den gut untersuchten Regionen Europas und Nordamerikas statt.“

Schmetterlinge seien Frühindikatoren, ergänzt Chowdhury: „Wenn sich ihre Verbreitungsgebiete derart dramatisch verändern, deutet das auf tiefgreifende Veränderungen in ganzen Ökosystemen hin.“

Monitoring mit großen Lücken

Die Studie zeigt außerdem, dass Länder die Verschiebungen von Schmetterlingsverbreitungen unterschiedlich gut dokumentieren. In der Tschechischen Republik, Deutschland, Finnland, Luxemburg, Spanien und Schweden – liegen für mehr als die Hälfte der heimischen Arten Daten vor. 

In Deutschland breiten sich wärmeliebende Arten wie der Karstweißling (Pieris mannii) oder der Segelfalter (Iphiclides podalirius) durch den Klimawandel aus und bringen aufgrund der längeren warmen Jahreszeit mehr Generationen pro Jahr hervor. Gleichzeitig sind empfindliche Feuchtgebietsarten wie der Hochmoor‑Perlmutterfalter (Boloria aquilonaris) durch die Entwässerung von Mooren und intensive Landnutzung unter Druck. Diese Beispiele zeigen, dass sowohl Klimawandel als auch Landnutzungsintensität die Verbreitung von Schmetterlingen in Deutschland verändern. In den meisten Ländern jedoch wurden mögliche Arealverschiebungen für weniger als zehn Prozent der Arten erfasst, was begrenztes Monitoring und fehlende Daten widerspiegelt.

Durch die Einbeziehung nicht englischer Studien und Expertenwissen konnten die Autorinnen und Autoren einen umfassenden globalen Datensatz erstellen. „Die Arbeit von naturkundlichen Gesellschaften und Schmetterlingsexpertinnen und -experten [waren] enorm wichtig, um globale Muster der Schmetterlingsdiversität besser zu verstehen“, sagt Prof. Aletta Bonn, Forschungsgruppenleiterin am UFZ, bei iDiv und an der Universität Jena.

Dennoch bestehen weiterhin gravierende geografische Datenlücken – insbesondere in Zentralafrika, Südostasien, Neuguinea und im Amazonasbecken, allesamt unterrepräsentierte Regionen, obwohl sie globale Biodiversitäts-Hotspots sind. „Die Studie trägt dazu bei, das Bild auszugleichen, zeigt aber auch den dringenden Bedarf an koordinierten Maßnahmen, um die Monitoring-Bemühungen weltweit auszuweiten“, erklärt Seniorautor Dr. Guy Pe’er von iDiv und dem UFZ. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass ohne standardisiertes und mehrsprachiges Biodiversitätsmonitoring Naturschutzmaßnahmen Gefahr laufen, auf einer unvollständigen und verzerrten Datenbasis zu beruhen.

Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig


Originalpublikation:

Chowdhury, S., Aich, U., Antão, L.H. et al. Extensive climate-induced range shifts in butterflies across the globe. Nat Ecol Evol (2026). doi.org/10.1038/s41559-026-03117-y

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Sachsen
news-39384 Wed, 05 Aug 2026 12:15:55 +0200 Wilde Kapuzineraffen bevorzugen Steine, die sich beim Nüsseknacken bereits bewährt haben https://www.vbio.de/aktuelles/details/wilde-kapuzineraffen-bevorzugen-steine-die-sich-beim-nuesseknacken-bereits-bewaehrt-haben Wilde Kapuzineraffen orientieren sich bei der Auswahl von Steinwerkzeugen nicht allein an physikalischen Merkmalen, sondern berücksichtigen auch sichtbare Hinweise auf eine frühere Nutzung. Forschende untersuchten in einer neuen Studie, wie nussknackende Kapuzineraffen zwischen Steinen unterschiedlicher Härte und Optik wählen und ob Hinweise auf frühere Nutzung – erkennbar an Schlagspuren – einen größeren Einfluss auf die Auswahl haben als die intrinsischen Materialeigenschaften eines Steins. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Kapuzineraffen aus den bleibenden Spuren lernen können, die andere Tiere in ihrem Umfeld hinterlassen haben, ohne die Nutzung der Werkzeuge selbst beobachtet zu haben. Eine neue Studie liefert experimentelle Belege dafür, dass sich wilde Kapuzineraffen bei der Auswahl von Steinwerkzeugen nicht allein an physikalischen Merkmalen orientieren, sondern auch sichtbare Hinweise auf eine frühere Nutzung berücksichtigen. Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Universität São Paulo untersuchten, wie nussknackende Kapuzineraffen zwischen Steinen unterschiedlicher Härte und Optik wählen und ob Hinweise auf frühere Nutzung – erkennbar an Schlagspuren – einen größeren Einfluss auf die Auswahl haben als die intrinsischen Materialeigenschaften eines Steins.

Das Team untersuchte zwei wilde Populationen von Rückenstreifen-Kapuzinern (Sapajus libidinosus) in Brasilien und präsentierte den Tieren in drei experimentellen Aufgaben standardisierte Steine. Bei jeder Aufgabe konnten die Affen zwischen unbenutzten, unmodifizierten Steinen und solchen mit sichtbaren Spuren früherer Nussknack-Aktivitäten wählen.

Material und Aufgabe im Einklang

In der ersten Aufgabe, bei der alle Steine unbenutzt waren, wählten die Affen durchgängig unterschiedliche Materialien für unterschiedliche Zwecke: Weichere Steine dienten als Ambosse, härtere Steine als Hammersteine. Dies deutet darauf hin, dass Kapuzineraffen ein Verständnis dafür haben, wie sich Materialeigenschaften auf die mechanische Funktion auswirken.

„Überraschend war, wie konsequent die Affen allein anhand der Härte zwischen den verschiedenen Steinarten unterschieden – ganz ohne erkennbare vorherige Nutzung“, sagt Johanna Henke-von der Malsburg, Erstautorin der Studie und ehemalige Postdoc-Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Inzwischen ist sie als Postdoc am Forschungsinstitut für Nutztierbiologie tätig. „Das legt nahe, dass die Auswahl der Steine nicht bloß eine Gewohnheit ist, sondern ein echtes Bewusstsein der Tiere für die physikalischen Anforderungen der Aufgabe widerspiegelt.“

Wenn Nutzungsspuren die Wahl bestimmen

In einem zweiten Experiment hatten die Affen die Wahl zwischen einem vollständig unbenutzten Nussknackplatz und einem Platz, an dem sich bereits abgenutzte Steine und zerbrochene Nussschalen befanden. Sie bevorzugten den bereits genutzten Platz deutlich und wählten dort weiterhin weichere Ambosse und härtere Hammersteine sowie Steine mit sichtbaren Abnutzungsspuren.

In der dritten Aufgabe wurden unbenutzte und gebrauchte Steine direkt einander gegenübergestellt. Hier verschob sich das Muster: Bei den Ambossen bevorzugten die Affen Steine mit Spuren früherer Nutzung gegenüber der Materialhärte – sie entschieden sich für gebrauchte Steine, selbst wenn diese aus mechanischer Sicht nicht die optimale Wahl darstellten. Bei den Hammersteinen zeigte sich hingegen keine klare Präferenz hinsichtlich der Härte, sobald sichtbare Nutzungsspuren ins Spiel kamen.

„Das ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie soziale Informationen die individuelle Bewertung physikalischer Eigenschaften überschreiben können“, erklärt Lydia Lunz, Seniorautorin der Studie und Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Die Affen mussten nicht beobachten, wie ein anderes Individuum eine Nuss knackt. Die zurückgebliebenen Spuren – die Schäden am Stein – reichten aus, um ihre Entscheidung zu beeinflussen. Das ist eine subtile, aber wirkungsvolle Form des sozialen Lernens.“

Lernen aus Spuren statt aus Beobachtungen

Die drei Experimente zeigen zusammen, dass soziales Lernen bei wilden Kapuzineraffen nicht immer die direkte Beobachtung des Verhaltens eines anderen Individuums voraussetzt. Stattdessen können dauerhafte physische Spuren – etwa abgenutzte Steine und zurückgelassene Nuss-Schalen – Informationen darüber vermitteln, wie und wo eine Aufgabe in der Vergangenheit erfolgreich ausgeführt wurde.

Diese Art der indirekten sozialen Informationsweitergabe könnte eine bedeutende, bislang jedoch oft übersehene Rolle bei der Übermittlung und dem Erhalt von Werkzeugtraditionen über Generationen hinweg spielen. Dadurch ist es möglich, dass sich Verhaltensweisen auch ohne direktes Lehren oder Nachahmen fortsetzen und verbreiten.

Neue Perspektiven für die Archäologie

Die Ergebnisse könnten auch Archäologinnen und Archäologen, die frühe Fundstätten von Homininen untersuchen, neue Interpretationsansätze liefern. Bislang wurden Ansammlungen veränderter Steine an bestimmten Orten vor allem im Hinblick auf die Verfügbarkeit von Rohmaterialien oder die praktischen Anforderungen an die jeweilige Aufgabe interpretiert. Die vorliegende Studie legt jedoch einen zusätzlichen Faktor nahe: Die Anwesenheit von sichtbar veränderten, bereits genutzten Steinen könnte frühe Homininen aktiv dazu motiviert haben, bestimmte Orte erneut aufzusuchen und die vorhandenen Materialien wiederzuverwenden.

„Wenn sich heutige wilde Primaten von den Belegen früherer Werkzeugnutzung leiten lassen, stellt sich die wichtige Frage, wie frühe Homininen zu ihren zurückgelassenen Werkzeugen und bearbeiteten Steinen gestanden haben könnten“, sagt Lunz. „Die archäologische Landschaft selbst könnte als eine Art externes Gedächtnis gedient haben, das beeinflusste, wo und wie sich Werkzeugtraditionen entwickelten und erhalten blieben.“

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie


Originalpublikation:

Johanna Henke-von der Malsburg et al.: Social cues on stone tools outweigh raw material properties in wild primate, Proceedings of the Royal Society B, 5 August 2026, https://doi.org/10.1098/rspb.2026.0416

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Wissenschaft Sachsen
news-39383 Wed, 05 Aug 2026 12:07:44 +0200 Brandhäufigkeit in der Arktis durch menschliche Aktivitäten mehr als verdoppelt https://www.vbio.de/aktuelles/details/brandhaeufigkeit-in-der-arktis-durch-menschliche-aktivitaeten-mehr-als-verdoppelt Brände in der Arktis hängen mit steigenden Temperaturen und zunehmend trockenen Bedingungen zusammen, aber nicht nur. Ein internationales Team zeigt, dass zwischen 2001 und 2013 Brände in Gebieten mit menschlicher Aktivität 2.5-mal häufiger auftraten als in klimatisch ähnlichen Gebieten ohne menschlichen Einfluss. Eine wirksame Prävention und Bekämpfung kann die Risiken von Bränden verringern, deren Auswirkungen weit über die Arktis hinausreichen.  Brände in der Arktis sind kein rein regionales Problem, wie der dunstige Himmel in der Schweiz im vergangenen Sommer gezeigt hat – trotz ansonsten sonnigen Wetters. Rauch von Großbränden im Norden Kanadas überquerte den Atlantik und erreichte Europa. Bislang konzentrierten sich groß angelegte Studien zu Bränden in der arktischen Tundra vor allem auf steigende Temperaturen und Dürre als Hauptursachen. Die Rolle menschlicher Aktivitäten fand weitaus weniger Beachtung, obwohl sich die industrielle Entwicklung, Siedlungen, Straßen und andere Infrastruktur in Teilen der Arktis rasch ausbreiten – insbesondere im Zusammenhang mit Rohstoffindustrien wie der Öl- und Gasförderung sowie dem Bergbau.

Künstliches Licht bei Nacht und Auftreten von Bränden

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung der Universität Zürich (UZH) hat erstmals für den Zeitraum von 2001 bis 2013 im gesamten Arktisraum untersucht, ob menschliche Aktivitäten mit dem Auftreten von Bränden zusammenhängen. Studienleiterin Gabriela Schaepman-Strub vom Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der UZH arbeitete mit Forschenden vom Goddard Space Flight Center der NASA in den USA und der Universität Münster in Deutschland zusammen. Da direkte und konsistente Daten zu menschlichen Aktivitäten in der gesamten Arktis schwer zu beschaffen sind, nutzten die Forschenden künstliches Nachtlicht als satellitengestützten Indikator für menschliche Präsenz, einschließlich Siedlungen und industrielle Aktivitäten.

«Unsere Ergebnisse zeigen, dass in der Arktis Brände in beleuchteten Gebieten 2.5-mal häufiger auftraten als in klimatisch ähnlichen, unbeleuchteten. Auch in der Nähe von beleuchteten Gebieten waren sie häufiger, was auf einen starken räumlichen Zusammenhang zwischen menschlichen Aktivitäten und dem Auftreten von Bränden hinweist», sagt Cengiz Akandil, UZH-Postdoc und Erstautor der Studie. Was gemäß den Forschenden nicht bedeutet, dass menschliche Aktivitäten der einzige Auslöser für arktische Brände sind, da sich ändernde Temperatur-, Feuchtigkeits- und Dürrebedingungen weiterhin wichtige Faktoren darstellen. Doch die neue Studie belegt, dass auch menschliche Aktivitäten eine wichtige Rolle spielen.

Laut Miguel Román, stellvertretender Direktor für Atmosphären und Datensysteme am NASA Goddard Space Flight Center und Mitautor der Studie, sind Erdbeobachtungen am aussagekräftigsten, wenn sie das Verständnis der Forschenden fördern, wie Umweltbedingungen und menschliche Aktivitäten zusammenwirken. «Diese Studie unterstreicht die Bedeutung einer interdisziplinären Erdsystemwissenschaft: Sie betrachtet menschliche Systeme als Teil eines miteinander verbundenen Ganzen, anstatt sie getrennt von der Umwelt zu behandeln», sagt Román.

Unterschiedliche Brandverhütung und -bekämpfung

Die Forschenden ermittelten zudem grosse regionale Unterschiede, wie häufig Brände in der Nähe von beleuchteten Gebieten auftreten. Präventionsmaßnahmen und die vorhandenen Kapazitäten zur Bekämpfung könnten regionale Unterschiede zum Teil erklären. «Eine bessere Brandverhütung und ein besseres Brandmanagement rund um Siedlungen, Industriestandorte, Straßen und andere beleuchtete Gebiete könnten helfen, die Entzündungsrisiken zu verringern und Schäden zu begrenzen», sagt Akandil.

Die Studienergebnisse sind wichtig für die Menschen in der Arktis. Feuer können Wohnhäuser, Infrastruktur, Verkehrswege, Lebensgrundlagen und die öffentliche Gesundheit ebenso bedrohen wie kulturell bedeutsame Landschaften und wertvolle Ökosysteme, die die lokale Lebensweise und die arktische Biodiversität stützen. Sie können das Auftauen des Permafrosts beschleunigen und Tundra-Ökosysteme in neue, brandgefährdete Zustände versetzen. «Die durch den Menschen verursachten Brandgefahren zu verringern, ist nicht nur für den Schutz der Infrastruktur wichtig, sondern auch für die Stärkung der Widerstandsfähigkeit und Sicherheit arktischer Gemeinschaften», betont Studienleiterin Schaepman-Strub.

Auswirkungen reichen weit über Arktis hinaus

Da arktische Brände Kohlenstoff freisetzen und den Abbau des Permafrosts beschleunigen können, tragen sie zu Rückkopplungsprozessen bei, die das globale Klima beeinflussen. Die Auswirkungen reichen weit über die Arktis hinaus. Der Umgang mit dem durch menschliche Aktivitäten in der Arktis verbundenen Brandrisiko ist daher ein lokales und globales Thema, wie Schaepman-Strub festhält: «Da die Erschließung der Arktis voranschreitet und die klimatischen Bedingungen immer brandgefährlicher werden, wird es immer wichtiger, die Brandprävention in die Raumplanung, den Industriebetrieb und die Strategien zum Schutz von Siedlungen zu integrieren.»

Universität Zürich


Originalpublikation:

Cengiz Akandil, Ramona J. Heim, Elena Plekhanova, Nils Rietze, Miguel O. Román, Zhuosen Wang, Reinhard Furrer, Gabriela Schaepman-Strub. Human activity increases Arctic fire occurrence within and near lit areas. Communications Earth and Environment. 31 July 2026 (Article in Press). https://doi.org/10.1038/s43247-026-03884-3

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft International
news-39382 Wed, 05 Aug 2026 10:41:16 +0200 Malaria schädigt Fresszellen in der Milz dauerhaft https://www.vbio.de/aktuelles/details/malaria-schaedigt-fresszellen-in-der-milz-dauerhaft Makrophagen, die im Knochenmark gebildet werden, können die Funktion embryonaler Fresszellen nur bedingt übernehmen. Forschende haben in einer aktuellen Studie nachgewiesen, dass eine Malaria-Infektion residente CD163-Makrophagen in der Milz dauerhaft schädigt, die für die Reinigung des Blutes und das Recyceln von Eisen zuständig sind und darüber hinaus mit weiteren Zellen der Immunabwehr kommunizieren. Die Ergebnisse könnten nicht nur für wirksamere Malaria-Impfungen interessant sein, sondern auch für die Entwicklung von Medikamenten und Therapien gegen andere Infektionskrankheiten.  Makrophagen sind ein wichtiger Bestandteil unseres Immunsystems. Als Teil der unspezifischen Abwehr fungieren die Riesenfresszellen als „Müllabfuhr“ unseres Körpers: Sie spüren Krankheitserreger auf, beseitigen abgestorbene Körperzellen und machen Fremdstoffe unschädlich, indem sie sie verdauen. „Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von Makrophagen unterscheiden: residente, die bereits im Embryo angelegt sind, und rekrutierte, die jederzeit neu gebildet werden können“, erklärt Prof. Dr. Elvira Mass, Leiterin der Arbeitsgruppe „Entwicklungsbiologie des Immunsystems“ am Life & Medical Sciences Institut (LIMES) der Universität Bonn. 

Residente Fresszellen regenerieren sich durch Zellteilung. Werden bei einer schweren Infektion oder Verletzung sehr viele von ihnen zerstört, reicht die eigene Teilungsrate nicht aus. Ihre Funktion übernehmen dann weiße Blutkörperchen, die im Knochenmark gebildet und später in Makrophagen umgewandelt werden. „Bislang ging man davon aus, dass dieser Ersatz nahezu gleichwertig ist“, sagt Mass. „Unsere neuere Forschung zeigt jedoch, dass das nicht der Fall ist.“

Malaria-Infektion schädigt Makrophagen-Population nachhaltig

In einer gemeinsamen Studie mit der Arbeitsgruppe von Dr. Lynette Beattie am Peter Doherty Institute for Infection and Immunity in Melbourne ist die Mass-Gruppe der Frage nachgegangen, welchen langfristigen Einfluss Malaria-Infektionen auf residente Makrophagen in der Milz haben. „In der Milz befindet sich eine große Population von Makrophagen, die abgestorbene rote Blutkörperchen fressen und dabei Eisen recyceln. Sie besitzen einen Rezeptor namens CD163, weshalb wir sie CD163-Makrophagen nennen“, sagt Elvira Mass, die auch Sprecherin des Transdisziplinären Forschungsbereichs (TRA) „Life and Health“ und Mitglied im Exzellenzcluster ImmunoSensation3 der Universität Bonn ist.

Die Forschenden konnten durch Experimente an genetisch veränderten Mäusen zeigen, dass Malaria-Erreger im sogenannten Blutstadium – der Phase, in der die bekannten Fieberschübe auftreten – die CD163-Makrophagen gezielt dezimieren. Selbst Monate nach Abklingen der Infektion hatte sich die CD163-Population nicht erholt. „Ihren Platz übernehmen neue, aus dem Knochenmark stammende Zellen, die allerdings nicht die Spezialisierung des Originals erreichen“, erklärt Elvira Mass. Das ist problematisch, weil CD163-Makrophagen nicht nur fressen, sondern auch Bereiche der Immunabwehr steuern: Über einen Botenstoff kommunizieren sie mit Makrophagen der Marginalzone, der äußeren Gewebeschicht der Milz, die eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Bakterien und Viren spielen. „Diese Struktur sorgt dafür, dass die Immunzellen in der Milz die Signale erhalten, die sie zur Bekämpfung von Bakterien und Viren benötigen. Wir haben festgestellt, dass diese Struktur und das damit verbundene Kommunikationsnetzwerk durch Malaria nachhaltig geschädigt werden“, sagte Dr. Beattie, Co-Leiterin der Studie.

In Folgeexperimenten konnte diese funktionelle Bedeutung bestätigt werden: Allein die Eliminierung des Botenstoffs führt dazu, dass die Makrophagen-Population der Marginalzone schrumpft. Werden die CD163-Makrophagen zusätzlich dezimiert, verläuft eine Malaria-Infektion deutlich schwerer – mit mehr Malaria-auslösenden Parasiten im Blut und länger anhaltender Blutarmut. Da diese Schädigungen nicht nur vorübergehend sind, ist auch die Prognose für erneute Infektionen wesentlich schlechter.

Ergebnisse lassen sich auf den Menschen übertragen

CD163-Makrophagen finden sich auch in der menschlichen Milz – deshalb vermuten die Forschenden, dass Malaria auch beim Menschen eine dauerhafte Umgestaltung der Makrophagen-Architektur bewirkt. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine einzelne Malaria-Episode einen bleibenden Abdruck im Immungedächtnis, in der Antigenfilterung und im Eisenstoffwechsel der Milz hinterlassen kann“, sagt Elvira Mass. „Das könnte relevant sein für die Wirksamkeit von Impfungen – insbesondere in Regionen, in denen Malaria-Infektionen wiederholt auftreten.“

Zudem leistet die Studie einen wichtigen Beitrag dazu, Genese, Funktion und Zusammenspiel von residenten und rekrutierten Makrophagen besser zu verstehen. Im Idealfall könnte das die Entwicklung von Medikamenten und Therapien voranbringen – nicht nur bei Malaria, sondern auch im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen.
 

Universität Bonn


Originalpublikation:

Katharina Mauel, Daria Hirschmann, Nelli Blank-Stein, Marie-Louise Diefenbach-Wilke, Theresa Eulgem, Shirley Le, Samuel N. Breit, Miguel P. Soares, Vicky Wang-Wei Tsai, Florent Ginhoux, William R. Heath, Lynette Beattie, Elvira Mass. “CD163+ red pulp macrophages interact with marginal metallophilic macrophages during blood-stage malaria to maintain splenic architecture”. Immunity 2026, https://doi.org/10.1016/j.immuni.2026.07.006

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Wissenschaft Nordrhein-Westfalen
news-39381 Wed, 05 Aug 2026 10:35:11 +0200 Wechsel von Milch zu fester Nahrung prägt die Reifung des Immunsystems https://www.vbio.de/aktuelles/details/wechsel-von-milch-zu-fester-nahrung-praegt-die-reifung-des-immunsystems Die erste Lebenszeit ist eine entscheidende Phase, in der das Immunsystem lernen muss, harmlose Umweltreize, etwa Nahrungsmittel und nützliche Mikroben, zu tolerieren. Gleichzeitig muss es wachsam bleiben und den Körper vor schädlichen Stoffen und Krankheitserregern schützen. Gelingt diese Balance nicht, können später Allergien oder Autoimmunerkrankungen die Folge sein. Der Übergang vom Stillen zur festen Nahrung stellt in dieser sensiblen Phase einen entscheidenden Umbruch dar, der sich auch auf das Immunsystem auswirkt. Forschende haben jetzt im Mausmodell einen Signalweg entdeckt, über den die Ernährung die Reifung des Immunsystems beeinflusst.  Bestimmte Zellen des Immunsystems – sogenannte dendritische Zellen – nehmen Krankheitserreger und harmlose Fremdpartikel auf, integrieren Signale aus ihrer Umgebung und steuern daraufhin die Reaktionen anderer Immunzellen, der T-Zellen. Ein Team um Professorin Barbara Schraml vom Biomedizinischen Centrum der LMU konnte nun in Mäusen einen Signalweg identifizieren, über den Informationen über den Ernährungswechsel an dendritische Zellen in der Milz weitergegeben werden, welche die Immunreaktionen entsprechend anpassen.

Immunzellen werden neu kalibriert

Wenn junge Mäuse beginnen, festes getreidebasiertes Futter zu fressen, reagieren verschiedene Arten von Lymphozyten – also Abwehrzellen des Immunsystems – mit einer vermehrten Produktion des Botenmoleküls Interferon-gamma. Dieses Molekül setzt eine Signalkette in Gang, die eine bestimmte Population von dendritischen Zellen in der Milz namens cDC1 in einen Aktivierungszustand versetzt, der durch die Produktion des Signalstoffs CXCL9 gekennzeichnet ist. Diese speziellen cDC1-Zellen wiederum beeinflussen die Eigenschaften und die Aktivität von T Zellen, die Bestandteile aus der Nahrung erkennen können. „Ernährungssignale werden somit durch das Immunsystem weitergeleitet und tragen dazu bei, den sich entwickelnden Pool an T Zellen neu zu kalibrieren, wenn das Immunsystem mit einer größeren Vielfalt an Stoffen aus der Nahrung und der Umwelt in Kontakt kommt“, sagt Schraml. 

Der Effekt ist nicht von der Darmflora abhängig

Dieser Regelkreis war auch bei keimfreien Mäusen aktiv, betonen die Forschenden. Er lässt sich daher nicht allein durch Veränderungen der Darm-Mikrobiota erklären, die normalerweise mit der Entwöhnung einhergehen. „Welche Nahrungsbestandteile genau die Immunreaktion beeinflussen, konnten wir noch nicht identifizieren“, erklärt Schraml. „Denkbare Kandidaten sind bioaktive Substanzen, die in herkömmlichem Getreidefutter enthalten sind. Dazu zählen pflanzliche Bestandteile wie Beta-Glucane oder Spuren mikrobieller Moleküle wie Lipopolysaccharide.“

Immunzellen reagieren auch im Erwachsenenalter

Zudem entdeckten die Forschenden, dass die cDC1-Zellen auch bei erwachsenen Mäusen auf Ernährungsumstellungen reagieren. Die Ernährung könnte ihrer Ansicht nach daher einen modifizierbaren Umweltreiz darstellen, über den die Immunität in der frühen Lebensphase und darüber hinaus beeinflusst werden kann. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Nahrung dem Immunsystem nicht nur Nährstoffe, sondern auch Informationen liefert“, sagt Schraml. „Dass cDC1 auch im Erwachsenenalter auf Veränderungen der Ernährung reagieren, eröffnet langfristig die Möglichkeit zu untersuchen, ob sich Immunantworten durch gezielte Ernährungsinterventionen beeinflussen lassen.“

Ludwig-Maximilians-Universität München


Originalpublikation:

Altunöz, D., Shakiba, R., Ravi Rengarajan, K. et al. Peri-weaning, diet-induced activation of an IFNγ-mediated regulatory circuit promotes cDC1 maturation and CD8+ T cell differentiation. Nat Commun 17, 7631 (2026). doi.org/10.1038/s41467-026-75853-5

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Wissenschaft Bayern
news-39380 Wed, 05 Aug 2026 09:39:00 +0200 Wie das Indo-Pazifische Wärmebecken Regenmuster über Jahrtausende steuert https://www.vbio.de/aktuelles/details/wie-das-indo-pazifische-waermebecken-regenmuster-ueber-jahrtausende-steuert Was im Indo-Pazifischen Wärmebecken geschieht, bleibt nicht dort. Die Region ist seit Langem dafür bekannt, Wetter und Niederschlag des Globus‘ in weiten Teilen mitzuprägen. Eine neue Studie zeigt, dass diese Fernwirkung auch auf längeren Zeitskalen funktioniert, weil die Konvektion im Indo-Pazifischen Wärmebecken atmosphärische Rossby-Wellen anstoßen kann. Diese polwärts schwingende, riesige Strömungen in der oberen Atmosphäre transportieren Wärme und Feuchtigkeit über große Distanzen und organisieren so Regenmuster in Asien und im Pazifik mit.  Bislang war unklar, wie die sehr unterschiedlichen Niederschlagsarchive aus Asien und dem Pazifik zusammenpassen und warum sich die Muster über Jahrtausende so deutlich verschieben. Bekannt ist, dass tropische Temperaturen und damit Niederschlagsmengen auf langen Zeitskalen beeinflusst werden, wenn sich die Ausrichtung der Erdachse – die sogenannte Präzession – verändert. Offen blieb jedoch bislang, wie sich dieses Signal über weite Teile Asiens und des Pazifiks ausbreitet und welcher atmosphärische Mechanismus die beobachteten Muster erzeugt.

Um diese Fragen zu beantworten, kombinierten Forschende aus China, Deutschland, den USA und Frankreich Daten mit transienten Klimasimulationen und verglichen ihre Ergebnisse mit bestehenden Niederschlagsrekonstruktionen der vergangenen 150.000 Jahre. Zusammen ergab sich ein konsistentes Muster aus Regenzonen, die sich über verschiedene Breiten hinweg abwechseln und mit den im Modell beschriebenen Rossby-Wellen zusammenhängen. 

„Wir wissen, dass diese Wellen das heutige Wetter saisonal und über große Entfernungen hinweg beeinflussen, wie etwa im Pazifik-Japan-Muster“, sagt Dr. Mahyar Mohtadi, Koautor der Studie und Leiter der Arbeitsgruppe „Klimavariabilität der niedrigen Breiten“ am MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen. Das Pazifik-Japan-Muster ist ein großräumiges, atmosphärisches Zirkulationsmuster, das während des Sommers die tropischen Klimaschwankungen mit den Wetterbedingungen in Ostasien und dem westlichen Nordpazifik verbindet. „Neu ist, dass sich großräumige Niederschlagsmuster auf sehr langen Zeitskalen nicht allein durch Änderungen der Präzession erklären lassen, sondern erst durch die dadurch verursachten Änderungen der Rossby-Wellen.“ Die Ergebnisse liefern erstmals einen physikalisch schlüssigen Mechanismus, der regionale Unterschiede in Niederschlagsmustern über Jahrtausende erklärt. Gleichzeitig schaffen sie eine wichtige Referenz, um den Einfluss des menschengemachten Klimawandels auf heutige und zukünftige Niederschlagsextreme im Asien-Pazifik-Raum besser einzuordnen.

MARUM– Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen


Originalpublikation:

Yu, Z., Song, L., Jian, Z. et al. Rossby wave-modulated orbital precipitation anomalies in the Asia-Pacific region. Nat Commun (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-74368-3

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Nachhaltigkeit/Klima Wissenschaft Bremen
news-39379 Tue, 04 Aug 2026 11:50:33 +0200 Hat sich der Östliche Gorilla erholt? https://www.vbio.de/aktuelles/details/hat-sich-der-oestliche-gorilla-erholt Die Internationale Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) hat die erste „Green Status“-Bewertung für den Östlichen Gorilla (Gorilla beringei) veröffentlicht, die bislang umfassendste Analyse zur Erholung, ökologischen Rolle und langfristigen Überlebensaussichten der Menschenaffen. Die Bewertung unter Leitung der Senckenberg-Forscherin Dr. Jessi Junker zeigt für die Unterarten deutliche Unterschiede: Während die Bestände des Östlichen Flachlandgorillas (Gorilla beringei graueri) in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich zurückgegangen sind, haben nachhaltige und langfristige Schutzmaßnahmen beim Berggorilla (Gorilla beringei beringei) inzwischen zu einem Bestandsanstieg geführt.  Der Östliche Gorilla (Gorilla beringei) ist die größte heute lebende Menschenaffenart und kommt ausschließlich in den tropischen Wäldern Zentral- und Ostafrikas vor. Lebensraumverlust, Wilderei und bewaffnete Konflikte setzen den Beständen seit Jahrzehnten zu. Sowohl der Berggorilla (Gorilla beringei beringei) als auch der Östliche Flachlandgorilla (Gorilla beringei graueri) zählen zu den am stärksten bedrohten Menschenaffen der Welt.
Die neu erschienene Statusbewertung der IUCN zeigt für die beiden Unterarten nun ein deutlich unterschiedliches und gleichzeitig differenziertes Bild: In einigen Gebieten, insbesondere in bestimmten bewirtschafteten Wäldern, sind die Populationen des Östlichen Flachlandgorillas stabil geblieben. „Das zeigt, dass nachhaltiger Schutz weitere Verluste verhindern kann. Im Fall der Berggorillas hat langfristiger, intensiver Artenschutz sogar ein messbares Populationswachstum ermöglicht“, berichtet Hauptautorin Dr. Jessi Junker, Forscherin am Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz sowie bei der Naturschutzorganisation Re:wild und dem Institute for Ape Conservation Science in Ruanda. „Unsere Gefährdungsbewertung verdeutlicht eindrücklich die Notwendigkeit und die Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen, die in einigen Regionen den Unterschied zwischen Überleben und Aussterben ausmachen. Die Herausforderung besteht nun darin, diese Bemühungen aufrechtzuerhalten und auszuweiten.“

Während die Rote Liste der IUCN das Aussterberisiko einzelner Arten verzeichnet, zeigt der „Grüne Status“, wie stark eine Art sich der vollständigen Erholung in ihrem gesamten heimischen Verbreitungsgebiet annähert. Erholung bedeutet hier, dass Populationen lebensfähig und über natürliche Lebensräume verteilt sind und ihre ökologischen Rollen erfüllen können. Insgesamt lässt sich für den Östlichen Gorilla somit eine Erholung feststellen.

Für die Bewertung rekonstruierten die Expert*innen das historische Verbreitungsgebiet der Gorillaunterarten um die Wende zum 19. Jahrhundert und unterteilte es in fünf Regionen, die jeweils unterschiedliche Populationen mit verschiedenen Bedrohungen, Schutzgeschichten und Managementkontexten repräsentieren. Vier für Östliche Flachlandgorillas im Osten der Demokratischen Republik Kongo und eine für Berggorillas in der Bwindi-Virunga-Landschaft in Uganda, Ruanda und der nordöstlichen Demokratischen Republik Kongo. Für jede der untersuchten Regionen wurden der aktuelle Populationsstatus, wesentliche Bedrohungen sowie die Auswirkungen vergangener und laufender Schutzmaßnahmen analysiert. Zu Bedrohungen werden etwa Lebensraumverlust, Bergbau, landwirtschaftliche Expansion oder Krankheitsrisiken gezählt. Auf dieser Grundlage erstellte das Team verschiedene Artenschutz-Szenarien, um abzuschätzen, wie es der Art heute ohne die bisherigen Schutzmaßnahmen ergehen würde, wie es ihr voraussichtlich ergehen wird, wenn die Maßnahmen fortgesetzt werden und was passieren könnte, wenn die derzeitigen Bemühungen reduziert oder eingestellt würden.

In den Prozess waren insgesamt über 60 Expert*innen involviert, die Mehrzahl aus den Verbreitungsländern Demokratische Republik Kongo, Ruanda und Uganda, wodurch sichergestellt wurde, dass die Ergebnisse auf fundiertem regionalem Fachwissen und lokalen Praxiskenntnissen beruhen.
„Die Bewertung ist das Resultat einer herausragenden Kooperationsleistung. Die außergewöhnlich große Zahl von Expert*innen aus dem gesamten Verbreitungsgebiet der Art und die damit verbundene Breite an Fachwissen gibt den Ergebnissen besonderes Gewicht“, betont Magdalena Cygan, Referentin für den „Green Status of Species“ bei der IUCN. „Der ‚Grüne Status‘-Ansatz ermöglicht es uns, über das Aussterberisiko hinauszublicken und eine tiefergehende Frage zu stellen: Wie nah sind wir an einer vollständigen Erholung, und wie viel hat der Artenschutz wirklich bewirkt?“ 

Für die Östlichen Flachlandgorillas liegt der berechnete „Artenerholungswert“ bei 15 Prozent, womit sie in die Kategorie „kritisch dezimiert“ des Grünen Status fallen. In den letzten Jahrzehnten haben sich ihre Verbreitung und Bestandsgröße deutlich verringert. Schätzungen zufolge ist die Gesamtpopulation der Östlichen Flachlandgorillas in den letzten rund 20 Jahren um etwa 60 Prozent zurückgegangen – heute gibt es noch weniger als 7.000 Exemplare. Gleichzeitig zeigt die Bewertung, dass der Artenschutz noch schwerwiegendere Verluste verhindert hat. In einigen Gebieten der Demokratischen Republik Kongo – darunter das von der Gemeinde verwaltete Oku Community Reserve und die Nkuba Conservation Area – sind die Gorillapopulationen in den letzten zwei Jahrzehnten trotz der anhaltenden Unruhen im Land relativ stabil geblieben.
„Stabile Populationen in Teilen des Verbreitungsgebiets des Östlichen Flachlandgorillas zeigen, dass Naturschutz funktioniert“, sagt Dominique Bikaba, Geschäftsführer der Naturschutzorganisation Strong Roots Congo. „Wo Gemeinschaften und Naturschutzpartner effektiv zusammenarbeiten, lässt sich der Rückgang aufhalten. Diese Populationen sind jedoch weiterhin stark auf anhaltende Unterstützung angewiesen.“

Die erstellten Szenarien in der Statusbewertung zeigen: Würden die derzeitigen Schutzbemühungen reduziert oder eingestellt, würden die Populationen des Östlichen Flachlandgorillas wohl rapide zurückgehen. Da die Unterart sich nur langsam vermehrt, sind größere kurzfristige Zuwächse zwar unwahrscheinlich, langfristig sei eine echte Erholung aber weiterhin möglich, sofern die Schutzbemühungen verstärkt und nachhaltig fortgesetzt würden.

Die Berggorillas wiederum weisen einen höheren „Artenerholungswert“ von 25 Prozent auf und werden damit als „weitgehend dezimiert“ eingestuft. Obwohl eine vollständige Erholung damit noch in weiter Ferne liegt, spiegelt der Wert ein messbares Populationswachstum in den letzten Jahrzehnten wider.
In den 1980er-Jahren waren die Bestände auf weniger als 620 Individuen geschrumpft. Heute leben mehr als 1.000 Berggorillas im Virunga-Massiv und im Bwindi Impenetrable National Park. Erreicht wurde dieser Anstieg durch jahrzehntelange koordinierte Naturschutzmaßnahmen – darunter das Management von Schutzgebieten, veterinärmedizinische Maßnahmen, grenzübergreifende Zusammenarbeit und eine enge Einbindung der lokalen Gemeinschaften. „Die Erholung der Berggorilla-Population ist eine der weltweit größten Erfolgsgeschichten im Naturschutz“, betont Felix Ndagijimana, Landesdirektor für Ruanda beim Dian Fossey Gorilla Fund. „Sie zeigt, dass langfristige Investitionen, eine konsequente Durchsetzung der Gesetze und die Zusammenarbeit zwischen Regierungen, NGOs und Gemeinden selbst drastische Bestandsrückgänge umkehren können.“ Die Statusbewertung der IUCN zeigt jedoch auch, dass die bisher erzielte Erholung nur nachhaltig ist, wenn Schutzmaßnahmen fortgesetzt werden.

„Der ‚Green Status‘ macht sichtbar, dass angewandter Naturschutz wirkt“, fasst Senckenbergerin Jessi Junker ihre Ergebnisse zusammen. „Jetzt verfügen wir über eine transparente Methode, um die Wirkung von Maßnahmen zu messen, Mittel zu priorisieren und sicherzustellen, dass nachhaltige Investitionen zu einer echten Erholung vor Ort führen. Diese Bemühungen müssen jetzt nicht nur fortgesetzt, sondern auch landesweit ausgeweitet und mit besseren Ressourcen ausgestattet werden. Das anhaltende Engagement wird darüber entscheiden, ob die Östlichen Gorillas auf dem Weg der Erholung weiter vorankommen.“

Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung


Originalpublikation:

Junker, J., Bikaba, D., Eckardt, W., Fawcett, K., Pintea, L., Plumptre, A.J., Robbins, M.M., Scholfield, K., Stoinski, T.S. & Williamson, E.A. 2026. Gorilla beringei (Green Status assessment). The IUCN Red List of Threatened Species 2026.
https://www.iucnredlist.org/species/39994/115576640

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Wissenschaft Hessen