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Ausgezeichnet! Deutsche Gesellschaft für Immunologie ehrt herausragende Nachwuchswissenschaftler

Die Preisträger der DGfI 2018: v.l. Dr. Eva Kaufmann (Werner-Müller-Preis), Dr. Carolin Daniel (Georges-Köhler-Preis), Dr. Susann Eichler (Herbert-Fischer-Preis) und Dr. Jan Böttcher (Fritz-und-Ursula-Melchers-Postdoktorandenpreis)
Die Preisträger der DGfI 2018: v.l. Dr. Eva Kaufmann (Werner-Müller-Preis), Dr. Carolin Daniel (Georges-Köhler-Preis), Dr. Susann Eichler (Herbert-Fischer-Preis) und Dr. Jan Böttcher (Fritz-und-Ursula-Melchers-Postdoktorandenpreis). Foto:J. Hirscher

Jährlich vergibt die Deutsche Gesellschaft für Immunologie zwei Promotions- und drei Early-Career-Preise an Nachwuchswissenschaftler, die einen herausragenden Beitrag auf dem Gebiet der Immunologie geleistet haben. Die Preisverleihung fand am 3. September 2018 während dem 5. European Congress of Immunology in Amsterdam statt.

Otto-Westphal-Promotionspreis für Dr. rer. nat. René Pfeifle

Der Otto-Westphal Promotionspreis 2018 geht an René Pfeifle, der in seiner herausragenden Dissertation die Rolle der IL-23/Th17 Achse in der Krankheitsentwicklung der rheumatoiden Arthritis in verschiedenen Mausmodellen der autoimmunen Arthritis untersucht hat (Nature Immunology 2017; doi: 10.1038/ni.3579.). Die Ursachen für eine rheumatoide Arthritis sind bisher nicht vollständig geklärt. Es wird davon ausgegangen, dass die Bekämpfung von körpereigenem Gewebe durch das Immunsystem, sog., Autoimmunprozesse (griech. auto = selbst), eine Rolle spielt. Dabei wandern fehlgesteuerte Immunzellen in das betroffene Gelenk ein und produzieren dort entzündungsfördernde Botenstoffe (z.B. Interleukine). Zudem kommt es zur Ausbildung von Autoantikörpern, die das eigene Gewebe angreifen. Interleukin-23 (IL-23) ist ein wichtiger Entzündungsvermittler in Entzündungsmodellen der Maus, und kann z.B. Th17-Zellen aktivieren. Bei Th17-Zellen handelt es sich um einen speziellen Typ von T-Helferzellen, die nach dem von ihnen produzierten Interleukin-17 benannt sind. Th17-Zellen werden unter anderem mit der Entstehung von chronischen Entzündungen und Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht. René Pfeifle konnte zeigen, dass die Abwesenheit von IL-23 zwar zu einer hohen Anzahl von Autoantikörpern führt, nicht jedoch zu einer autoantikörper-vermittelten Arthritis. Dieser Befund spricht für eine Trennung von Autoimmunität und Entzündung in Abwesenheit von IL-23 und damit für einen wichtigen Kontrollmechanismus. Die IL-23/Th17 Achse ist für die Aufhebung der Toleranz des Immunsystems im Wechsel von der symptomlosen Phase zur chronischen Erkrankung im Mausmodell der rheumatoiden Arthritis essenziell. Dabei konnte René Pfeifle eine Verbindung zu der Glykosylierung (Übertragung von Zuckerresten auf Moleküle) von Autoantikörpern herstellen. Diese ist sowohl von Th17-Zellen als auch von IL-23 abhängig, und reguliert somit auch die Entwicklung von aktvierten B-Zellen (eine bestimmte Art von weißen Blutkörperchen) zu Antikörper-produzierenden Plasmazellen. Während bisherige Therapien hauptsächlich auf die Hemmung entzündlicher Prozesse abzielen, könnten die Erkenntnisse von René Pfeifle helfen, völlig neue Therapieansätze zu entwickeln, mit dem Ziel den Ausbruch der rheumatoiden Arthritis zu verhindern oder bei bereits aktiven Patienten zumindest einen Wechsel in die symptomlose Phase der Erkrankung zu ermöglichen.

Fritz-und-Ursula-Melchers-Postdoktorandenpreis für Dr. rer. nat. Jan Böttcher

Jan Böttcher erhält den Preis für seine Arbeiten zur Erforschung der Entstehung von Immunität und einem immunologischen Gedächtnis bei T-Zellen (eine bestimmte Art von weißen Blutkörperchen) während des Verlaufs viraler und bakterieller Infektionen, sowie für seine Entdeckungen über das Zusammenspiel des angeborenen und erworbenen Immunsystems bei der Immunantwort gegen Krebs. Jan Böttcher hat unter anderem einen neuartigen Mechanismus zur Erzeugung von sogenannten zytotoxischen Killer T-Zellen durch das Zytokin Interleukin 6 (ein Botenstoff des Immunsystems) aufgezeigt. Diese Killer T-Zellen können z.B. virusinfizierte Zellen oder entartete Krebszellen erkennen und zerstören. Der von Jan Böttcher entdeckte Prozess ermöglicht eine beschleunigte Entwicklung der Effektorfunktion von T-Zellen und könnte für die Imfpstoffentwicklung von Vorteil sein. Zudem hat er entdeckt, dass die Bildung des Fraktalkinrezeptors CX3CR1 durch Gedächtnis-T-Zellen auf ihrer Oberfläche ihre Klassifizierung nach funktionellen Eigenschaften erlaubt. Durch diesen neuen Oberflächenmarker können Gedächtnis-T-Zellen mit einem starken zytotoxischen Potential identifiziert werden. Das Verhalten von Immunzellen in der Tumormikroumgebung zu verstehen, einem Bereich von aktueller klinischer Relevanz, ist sein aktueller Fokus. Hier konnte Jan Böttcher ein komplexes Zusammenspiel von Zellen des angeborenen und adaptiven Immunsystems bei Mensch und Maus aufzeigen, das für eine erfolgreiche Immunität gegen Krebs unerlässlich ist und wichtige Erkenntnisse für die Entwicklung neuer immunbasierter Krebstherapien liefert.

Herbert-Fischer-Preis für Neuroimmunologie für Dr. rer. nat. Susann Eichler

Susann Eichler (geb. Pankratz) erhält den Preis für ihre Forschung im Bereich der Neuroinflammation (Entzündung des Nervengewebes), die sich direkt auf eine mögliche Behandlung von Patienten mit Multipler Sklerose (MS) auswirken könnte. Bei MS handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), das Gehirn und Rückenmark umfasst. Die MS zählt zu den Autoimmunerkrankungen (griech. auto = selbst), bei denen Zellen des Immunsystems körpereigenes Gewebe angreifen. Die Entzündungen in Gehirn und Rückenmark zerstören dabei Teile der Nervenfasern. Zusammen mit ihrer Kollegin Kerstin Göbel konnte Susann Eichler, sowohl im Tiermodell als auch beim Menschen, zeigen, dass der Blutgerinnungsfaktors XII (FXII) am Entzündungsgeschehen der MS mitverantwortlich ist. Beide zeigten, dass bei MS Patienten der Gehalt an FXII im Blut erhöht ist. Besonders hohe Werte zeigten Patienten während eines akuten Krankheitsschubes. Weiterhin wurde festgestellt, dass die Aktivierung des Immunsystems durch FXII über Antigen-präsentierende Zellen, sogenannte Dendritische Zellen erfolgt. Eine Hemmung von FXII führte im Tiermodell zu einer geringeren Ausbildung an neurologischen Ausfallserscheinungen. Zudem konnte bei der Blockade von FXII eine verringerte Anzahl von Interleukin-17A-produzierenden T- Zellen (TH17-Zellen) nachgewiesen werden. Interleukin17A ist ein entzündungsförderndes Zytokin (ein Botenstoff des Immunsystems). TH17-Zellen werden mit der Entstehung von chronischen Entzündungen und Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht. Die Erkenntnisse von Susann Eichler und Kollegen tragen zum weiteren Verständnis der Krankheitsentstehung und -bekämpfung der MS bei (Nature Communications 2016; doi: 10.1038/ncomms11626).

Werner-Müller-Preis für Dr. med. vet. Eva Kaufmann

Eva Kaufmann erhält den Preis für die Beschreibung eines neuen Mechanismus zum Schutz vor Tuberkulose durch den Impfstoff Mycobacterium bovis Bacillus Calmette-Guérin (BCG). Tuberkulose ist eine Infektionskrankheit, die durch Mykobakterien verursacht wird. Mit circa 1,7 Millionen Todesfällen pro Jahr zählt die Erkrankung zu den zehn häufigsten Todesursachen weltweit. BCG ist bisher der weltweit einzige zugelassene Tuberkulose-Impfstoff. Es handelt sich dabei um abgeschwächte Rindertuberkelbakterien, die als Lebendimpfstoff eingesetzt werden. Bekannt ist, dass Makrophagen (Fresszellen des Immunsystems) eine entscheidende Rolle bei der Abwehr von Tuberkuloseinfektionen spielen. Leider sind Makrophagen jedoch nur sehr kurzlebig. Daher hätten Impfstoffstrategien, die direkt auf Makrophagen abzielen, nur einen eingeschränkten Effekt auf die Erzeugung eines immunologischen Langzeitgedächtnisses. Im Gegensatz zu Makrophagen sind ihre Vorläuferzellen, die hämatopoetischen Stammzellen (HSC) im Knochenmark sehr langlebig. HSC erzeugen alle Zellen des Blutsystems. Die Arbeit von Eva Kaufmann zeigt am Mausmodell, dass der Zugang von BCG zum Knochenmark zu einer Umprogrammierung der HSC führt. Dadurch kommt es zur Entstehung von Makrophagen, die einen verbesserten Schutz vor Tuberkulose ermöglichen (Cell 2018; doi: 10.1016/j.cell.2017.12.031). Diese Beobachtungen zeigen, dass HSC neue Ziele für die Impfstoffentwicklung darstellen, und eröffnen damit innovative Prophylaxeansätze für die Tuberkulose und möglicherweise andere Infektionskrankheiten.

Georges-Köhler-Preis für Dr. phil. nat. Carolin Daniel

Das Forschungsthema von Carolin Daniel ist die Beeinflussung des Immunsystems zur Prävention oder Therapie des Diabetes mellitus („Blutzuckererkrankung“). Es ist davon auszugehen, dass ein Teil der Diabetes-Erkrankungen auf Autoimmunprozesse zurückzuführen ist. Dabei richtet sich das körpereigene Immunsystem gegen Zellen des Körpers. Dies betrifft v.a. den Typ-1-Diabetes, von dem weltweit Millionen von Menschen, insbesondere Kinder, betroffen sind. Mit der Unterstützung einer bestimmten Art von T-Zellen, sogenannten follikulären T-Helferzellen, kommt es zur Produktion von Antikörpern, die gegen die Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse gerichtet sind. Zudem kommt es durch autoreaktive (gegen körpereigene Zellen gerichtete) T-Killer-Zellen zur Zerstörung der Insulin-produzierenden Beta-Zellen. Als Konsequenz des Insulinmangels steigt der Blutzuckerspiegel drastisch an und es entstehen dauerhaft schwere Folgeschäden. Standardtherapien bei Typ-1-Diabetes konzentrieren sich auf die Senkung des Blutzuckerspiegels, v.a. über die Gabe von Insulin. Wesentlich wirksamer wäre es jedoch, wenn man die Zerstörung der Beta-Zellen verhindern könnte, indem man eine „Toleranz“ der T-Zellen gegen die Beta-Zellen auslöst. Hier setzt die Forschung von Carolin Daniel an. Zusammen mit Harald von Boehmer entwickelte sie agonistische Mimotope (leicht veränderte Erkennungsstrukturen) eines natürlichen Insulin Epitops. Unter einem Epitop versteht man molekulare Erkennungsstrukturen, die eine spezifische Immunantwort auslösen können. Die agonistischen Mimotope führten bei „Diabetes-Mäusen“ zu einer erhöhten Toleranz der T-Zellen gegenüber den Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse, indem sie zur Erzeugung von immunsuppressiven (die normale Funktion des Immunsystem unterdrückenden) regulatorischen T-Zellen (Treg) führten. Auf dieser Grundlage generierte Carolin Daniel später auch entsprechende Mimotope für das menschliche Immunsystem, die sie in humanisierten Mausmodellen in vivo testen konnte. Auch hier gelang es ihr, Insulin-spezifische Treg zu erzeugen. Zugleich konnte sie nachweisen, dass solche immunsuppressiven Treg in Kindern mit Typ-1-Diabetes erwartungsgemäß nur in stark reduzierter Anzahl vorkommen. Carolin Daniel identifizierte zudem Signalübertragungsmechanismen, metabolische Faktoren und Stress-Faktoren, die bei Erkrankten für die verringerte Erzeugung von Treg und eine erhöhte Produktion von follikulären T-Helferzellen verantwortlich sind. Auf der Basis dieser Forschungsarbeiten sollen neue Konzepte zur Prävention und Behandlung des Diabetes mellitus entwickelt werden. Die interessanten Forschungsergebnisse von Carolin Daniel wurden in zahlreichen hochkarätigen Zeitschriften mit Carolin Daniel als Erst- oder Letztautorin publiziert (z.B. PNAS 2010, Journal of Experimental Medicine 2011, Nature Communications 2016, PNAS 2016, Cell Metabolism 2017, Science Translational Medicine 2018).

Deutsche Gesellschaft für Immunologie


Weitere Informationen:

https://das-immunsystem.de/blog/2018/09/04/ausgezeichnet-deutsche-gesellschaft-f...