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Baum der Schrecken

Diversität der Stabschrecken-Eier: Die Samen-ähnlichen hartschaligen Eier werden meist zu Boden geworfen (obere Reihe) und dann aufgrund schmackhafter Anhänge von Ameisen weggetragen, bisweilen aber auch an Pflanzen geklebt (mittlere Reihe) oder in die Erde gelegt (untere Reihe).
Diversität der Stabschrecken-Eier: Die Samen-ähnlichen hartschaligen Eier werden meist zu Boden geworfen (obere Reihe) und dann aufgrund schmackhafter Anhänge von Ameisen weggetragen, bisweilen aber auch an Pflanzen geklebt (mittlere Reihe) oder in die Erde gelegt (untere Reihe). Foto: Rainer Koch

Stab- und Gespenstschrecken (Phasmatodea) gehören zu den charismatischsten Insekten auf der Erde: Sie sind ausgesprochen groß und dank ihrer enormen Fähigkeit, sich zum Schutz perfekt als Äste, Rinde oder Blätter zu tarnen, von bizarrer Erscheinung. Ein deutsch-amerikanisches Forscherteam mit Beteiligung der Universität Göttingen hat nun den bislang umfangreichsten genetischen Stammbaum der Phasmatodea veröffentlicht.

Von den weltweit mehr als 3.000 wissenschaftlich beschriebenen Arten untersuchten die Forscher eine Auswahl von fast 300. Dabei legten sie ihren Fokus auf die Fortpflanzungsstrategien in den unterschiedlichen Evolutionslinien. „Verwandtschaftsbeziehungen sind stärker von der geografischen Verbreitung der Tiere geprägt als von deren anatomischer Ähnlichkeit“, erläutert der Göttinger Biologe Dr. Sven Bradler die Ergebnisse. „Auch haben sich ähnliche Ei-Formen und Strategien in der Ei-Ablage in allen Erdteilen immer wieder aufs Neue entwickelt.“ Darüber hinaus fanden die Forscher heraus, dass sich die meisten Stab- und Gespenstschrecken nach der Kreidezeit entwickelten, also erst nach Aussterben der Dinosaurier vor etwa 66 Millionen Jahren.

Die Eier von Stabschrecken sind äußerst divers gestaltet. Stabschrecken geben auch während der Ei-Ablage ihre Tarnung in der Baumkrone nicht auf – sie schleudern ihre Eier von dort aus auf den Boden. Die extrem harte Ei-Kapsel sorgt dafür, dass der Nachwuchs hierbei nicht zu Schaden kommt. Häufig veranlassen griffförmige Aufsätze auf den Kapseln, die Nährstoffe enthalten, Ameisen dazu, die Eier umherzutragen und so zur Verbreitung der Stabschrecken beizutragen. Andere Stabschrecken kleben Eier auf Pflanzenteile oder stechen sie in Blätter ein. Gespenstschrecken, die auf dem Boden leben, legen speziell geformte Eier tief in die Erde.

„Stabschrecken dienen zunehmend als Modellorganismen in der Evolutionsforschung“, so Bradler. „Der neue Stammbaum bildet somit die Grundlage für eine Vielzahl zukünftiger Studien.“

Universität Göttingen


Originalpublikation:

James A. Robertson, Sven Bradler, Michael F. Whiting. Evolution of oviposition techniques in stick and leaf insects (Phasmatodea). Frontiers in Ecology and Evolution 2018.

https://doi.org/10.3389/fevo.2018.00216