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Anzahl der Orang-Utans nimmt nicht zu - Wissenschaftler forden zuverlässiges Monitoring

Ein internationales Forscher-Team fordert ein wissenschaftlich fundiertes Monitoring der Orang-Utan-Populationen.
Ein internationales Forscher-Team fordert ein wissenschaftlich fundiertes Monitoring der Orang-Utan-Populationen. HUTAN-KOCP

Die Orang-Utan-Populationen nehmen nach wie vor rapide ab, auch wenn die indonesische Regierung behauptet, die Lage für die Menschenaffen habe sich verbessert. In der Fachzeitschrift Current Biology kritisiert ein Team von Wissenschaftlern, darunter Maria Voigt vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und dem Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, dass ungeeignete Methoden verwendet worden seien, um die Orang-Utan-Populationen zu erfassen. Die Forscher fordern die konsequente Anwendung wissenschaftlich fundierter Methoden für ein zuverlässiges Monitoring der Menschenaffen.

In einem kürzlich veröffentlichten Bericht der indonesischen Regierung heißt es, die Orang-Utan-Populationen hätten im Zeitraum von 2015 bis 2017 um mehr als 10 % zugenommen. Diese Zahlen werden nun in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Current Biology kritisiert. Erstautor Erik Meijaard vom Center of Excellence for Environmental Decisions an der University of Queensland erklärt: „Diese Zahlen stehen in krassem Gegensatz zu anderen Studien über die Entwicklung der Orang-Utan-Populationen.“

Laut den Autoren ist alleine in den vergangenen zehn Jahren die Anzahl der Borneo-Orang-Utans um mindestens 25 % zurückgegangen, was einem Verlust von über 100.000 Individuen seit 1999 entspricht. Sumatra-Orang-Utans und der kürzlich beschriebene Tapanuli-Orang-Utan haben zwischen 1985 und 2007 mehr als 60 % ihres Lebensraums verloren und es wird befürchtet, dass bis 2020 weitere 11–27 % der Orang-Utan-Bestände auf Sumatra verschwinden.

Die jüngsten Zahlen zeigen aus Sicht der Wissenschaftler, dass das Überleben der drei Orang-Utan-Arten nach wie vor ernsthaft durch Abholzung und Tötung gefährdet ist. Alle drei Arten werden auf der Roten Liste der IUCN (Weltnaturschutzunion) als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft.

Wie kommt es zu einer derartigen Diskrepanz zwischen dem, was die Regierung sagt und dem, was unabhängige Wissenschaftler über den Status der Orang-Utan-Populationen veröffentlicht haben? Aus Sicht der Autoren gibt es dafür mehrere Erklärungen:

Das Monitoring der Regierung konzentriert sich stichprobenartig auf neun Populationen. Diese Populationen repräsentieren allerdings weniger als 5 % des Verbreitungsgebiets der Borneo- und Sumatra-Orang-Utans und 0 % des Verbreitungsgebiets des Tapanuli-Orang-Utans. Alle Beobachtungsflächen befinden sich innerhalb geschützter Gebiete, während die Mehrheit der Orang-Utans in nicht geschützten Gebieten wie Holzeinschlaggebieten, Palmölplantagen, Privatgärten und Gemeindeland lebten. Die Lebensraum-Bedingungen und Gefährdungen unterscheiden sich zwischen diesen enorm. Daher können die an wenigen geschützten Orten erhobenen Populationstrends keine zuverlässigen Informationen über den Status aller drei Spezies liefern. Die von der Regierung angegebenen Zuwächse sind auch extrem unwahrscheinlich angesichts der niedrigen Reproduktionsraten sowie der häufig beobachteten Tötungen.

Hauptautorin Maria Voigt vom Forschungszentrum iDiv und dem Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie betont die Notwendigkeit, die Zusammenarbeit und den Datenaustausch zwischen Wissenschaftlern und den indonesischen Regierungsbehörden zu verbessern: „Die Regierung ist offenbar nicht ausreichend über die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse informiert“, erklärt Voigt. „Beide Seiten müssen stärker zusammenarbeiten.“

Laut Voigt ist eine bessere Zusammenarbeit zwischen Regierung, Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaftlern besonders wichtig, weil Indonesien derzeit seinen neuen Aktionsplan zum Schutz der Orang-Utans für den Zeitraum 2018 bis 2027 erstellt. „Es müssen die besten Daten und Methoden genutzt werden, um die richtigen Maßnahmen wählen zu können“, erläutert Voigt. „Welches die besten Schutzmaßnahmen sind – ob Waldschutz, Strafverfolgung, Aufklärung, gesellschaftliches Engagement oder Rettungs- und Rehabilitationszentren für Orang-Utans – hängt von den Populationstrends, den Überlebensraten und den konkreten Bedrohungen der lokalen Orang-Utan-Bestände ab. Und hier kann sich die Wissenschaft einbringen.“

„Ich bin optimistisch“, sagt Erstautor Erik Meijaard. „Ich glaube immer noch: wenn wir Wissenschaft, Politik, Landnutzung und Artenmanagement an einen Tisch bringen, können wir den Orang-Utan retten und sein Aussterben in der freien Wildbahn verhindern.“

Das neue Moratorium des indonesischen Präsidenten Jokowi auf Ölpalmenlizenzen könnte jene 10.000 Orang-Utans retten, die derzeit in Wäldern leben, wo demnächst Ölpalmen wachsen sollen. Das Moratorium soll diesen Gebieten einen permanenten Schutzstatus verleihen.

Allerdings erfordere dies, so die Wissenschaftler, ein neues Denken im Artenschutz: „Wir müssen lernen, wie wir die Populationen, die außerhalb offiziell geschützter Gebiete leben, besser schützen können“, so Maria Voigt. „Dafür brauchen wir eine echte Zusammenarbeit und das Engagement aller Parteien, die ein Interesse an diesen Gebieten haben: der Agrarindustrie, der lokalen Bevölkerung und der Kommunalpolitik.“

Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig


Originalpublikation:

Meijaard, E., J. Sherman, M. Ancrenaz, S. A. Wich, T. Santika, and M. Voigt: Orangutan populations are certainly not increasing in the wild. Current Biology 2018, DOI: 10.1016/j.cub.2018.09.052

https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(18)31277-6