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Älteste vollständig erhaltene Lilie entdeckt

Cratolirion_bognerianum  Carola Radke
Cratolirion bognerianum, Foto: Carola Radke

Die älteste vollständig erhaltene Lilie Cratolirion bognerianum wurde jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Nature Plants von einem internationalen Forscherteam unter Leitung von Clément Coiffard, Museum für Naturkunde Berlin publiziert. Damit lässt sich nachweisen, dass einkeimblättrige Pflanzen erstaunlicherweise bereits vor 115 Millionen Jahren alle für sie typischen Merkmale aufwiesen und die tropischen Blütenpflanzen bereits sehr vielfältig waren. Damit ergeben sich neue Forschungsfragen über die Rolle der Tropen in der Entwicklung damaliger und heutiger Ökosysteme.

Der Wissenschaftler Clément Coiffard, Botaniker am Museum für Naturkunde Berlin, machte in der Forschungssammlung eine großartige Entdeckung: Er fand die älteste, vollständig erhaltene Lilie. Cratolirion bognerianum wurde in kalkigen Sedimenten eines einstigen Süßwassersees in Crato im Nordosten Brasiliens gefunden. Mit einem Alter von circa 115 Millionen Jahren gehört Cratolirion zu den ältesten bekannten einkeimblättrigen Pflanzen. Dazu gehören zum Beispiel Orchideen, Süßgräser, Lilien und Maiglöckchen. Cratolirion ist außerordentlich gut und vollständig erhalten, mit allen Wurzeln, der Blüte und selbst die einzelnen Zellen sind fossil überliefert. Das Exemplar zeigt fast alle typischen Merkmale einkeimblättriger Pflanzen, u.a. parallelnervige, schmale Blätter mit Blattscheide, ein faseriges Wurzelsystem und dreizählige Blüten (zweimal drei gleichartig aussehende Blütenhüllblätter und Kronblätter, zweimal drei Staubblätter und drei Fruchtblätter). Zusätzlich zeigt Cratolirion mit einer Dolde auch einen einzigartigen Blütenstand als besonderes Merkmal.

Aus den gleichen Sedimenten des einstigen Süßwassersees in Crato wurden bereits viele frühe zweikeimblättrige Blütenpflanzen beschrieben. Dazu gehören Seerosen (Jaguariba, Pluricarpellatia), Aronstäbe (Spixiarum), dürreresistente Magnolien (Schenkeriphyllum, Endressinia) sowie Verwandte von Pfeffer (Hexagyne) und Lorbeer (Araripia). Im Gegensatz zu anderen Blütenpflanzen gleichen Alters aus den USA, Portugal, China und Argentinien, sind die Blütenpflanzen der Crato-Flora ungewöhnlich divers. Dies könnte damit zusammenhängen, dass sich der Crato-See in den niedrigen Breitengraden befand, alle anderen erhaltenen Fossilien früher Blütenpflanzen jedoch aus den mittleren Breitengraden stammen. Anhand dieser neu beschriebenen Pflanze Cratolirion bognerianum und der oben erwähnten Arten der Crato-Flora lässt sich ableiten, dass die tropischen Blütenpflanzen bereits sehr vielfältig waren. Damit ergeben sich aus dieser Studie neue Forschungsfragen über die Rolle der Tropen in der Entwicklung früher Blütenpflanzen und ihrem Aufstieg zur weltweiten Vorherrschaft.

Museum für Naturkunde - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung


Originalpublikation:

Clément Coiffard1, Nikolay Kardjilov2, Mary E.C. Bernardes-de-Oliveira: Fossil evidence of Core monocots in the Early Cretaceous, Nature Plants 2019

https://www.nature.com/articles/s41477-019-0468-y.epdf