VBIO
Aktuelles aus den Biowissenschaften

Jahreshauptversammlung des VBIO-Landesverbandes Sachsen

Preisträger des Karl von Frisch-preises in Sachsen.
Preisträger des Karl von Frisch-Abiturientenpreises in Sachsen. Foto: Kempe

Unsere jährliche Weiterbildungsveranstaltung im VBIO Sachsen fand unter dem Motto „Bildung braucht Persönlichkeit – Wie Lernen gelingt“ am 21.11.2018 im Japanischen Palais zu Dresden statt. Der Tradition gemäß, wurden zuerst die diesjährigen Karl- von- Frisch-Preisträger des Abiturjahrgangs 2018 ausgezeichnet.

Uns war es gelungen, den renommierten Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth zu gewinnen, der über das Thema referierte und anschließend die aufgeworfenen Fragen in einer Diskussionsrunde beantwortete.

Ausgehend von der Frage: Wie sieht „hirngerechtes“ Lehren und Lernen aus?“ nannte Prof. Roth folgende Faktoren: (1) Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz und Feinfühligkeit des Lehrenden, (2) Aufmerksamkeit, (3) die allgemeine Motivation des Lernenden für Wissenserwerb und spezielles Interesse am Fach oder Inhalt, (4) die Anschlussfähigkeit an die Lebenswelt des Lernenden und an das vorhandene Wissen, (5) Art und Strukturierung des Unterrichts, (6) Fleiß und aktive Aneignung, sowie (7) Wiederholung in zunehmenden zeitlichen Abständen

Sehr interessant waren die Ausführungen, dass neben einer langfristigen Überprüfung der Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz und Feinfühligkeit im Rahmen des Umgangs von Lehrenden und Lernenden auch eine kurzfristige Überprüfung, non-verbal, d.h. über Mimik, Gestik, Stimmführung und Körperhaltung und sonstiges Verhalten läuft. Diese werden direkt und in der Regel unbewusst von der im limbischen System des Gehirns verankerten Persönlichkeit gesteuert und sind willentlich nicht oder nur durch extensives Training zu beeinflussen. Die Persönlichkeit des Lehrenden wirkt nur dann vertrauenswürdig, wenn sie es tatsächlich ist. Im Gehirn des Lernenden überprüfen entsprechende Zentren diese non-verbale Kommunikation unbewusst. Dies geschieht in der ersten Begegnung. Im positiven Sinne heißt dies: „ Dieser Person kannst Du vertrauen, die teuren Investitionen des Gehirns in Lernen und Gedächtnis werden sich lohnen.“ Das Lern- und Gedächtnissystem schüttet Anregungsstoffe wie Noradrenalin und Acetylcholin aus, bindungsbezogene Stoffe wie Oxytocin und belohnungserwartende Stoffe wie Dopamin. Die Folge sind Begeisterungsfähigkeit und Eigenmotivation des Lernenden.

Lerninhalte sind stark vom Grad der Aufmerksamkeit und Konzentration abhängig. In der Aufmerksamkeitsforschung unterscheidet man eine außen- und innen – gesteuerte Aufmerksamkeit. Erstere sind sensorische auffällige Reize wie Farbe, Geräusche, Bewegungen usw., sie ziehen automatisch unsere Aufmerksamkeit an. Zu den letzteren gehören Ereignisse aus der Umwelt oder unserem Körper, denen das Gehirn eine Bedeutung beimisst. Durch Aufmerksamkeit werden Informationen detailreicher verarbeitet, umso mehr, je höher die Konzentration ist. Das Quantum der Aufnahme von Inhalten ist beschränkt, auf einen intensiv oder flach auf viele. Daraus folgt, dass das Aufmerksamkeitssystem umso stärker beansprucht wird, je schwieriger der Stoff ist, dementsprechend muss der Lehrende den Stoff in „Spannungsbögen“ von wenigen Minuten präsentieren und Unterbrechungen in Form von Beispielen, lustigen Bemerkungen usw. liefern, um zu vermeiden, dass die Lernenden in ihrer Aufnahmefähigkeit überfordert werden.

Allgemein kann man sagen, dass sich ein Stoff, umso nachhaltiger im Langzeitgedächtnis verankert, je besser der Stoff an das vorhandene Wissen anschließt. Das Wissensgedächtnis besteht aus vielen lokalen Netzwerken der Großhirnrinde, die unabhängig voneinander arbeiten können, aber umso besser funktionieren, je mehr sie vernetz sind. Für den Unterricht bedeutet das, dass vor der Vermittlung von Stoff, eine Überprüfung des aktuellen Wissenstandes notwendig ist, damit sich das neue Wissen verknüpfen lässt. Der Behaltungsgrad ist gering, wenn das Vorwissen nicht vorhanden ist. Der Lehrende muss erneut und geduldig versuchen, den Stoff zu vermitteln.

Das Gehirn entwickelt im Zusammenhang mit dem Wissenserwerb eine Belohnungserwartung, die erfüllt oder enttäuscht werden kann. Es muss klare und gerechte Regeln der Bewertung des Lernerfolges geben, die der Lernende nachvollziehen kann. Ein leichter, anregender Stress in Form einer Herausforderung ist generell eine Lernförderung. Lernen muss als positive Anstrengung empfunden werden. Die besten Lernerfolge werden durch Methodenvielfalt erreicht. Frontalunterricht, Gruppenarbeit, praktisches Tun, Einzelarbeit und selbstorganisiertes Lernen gehören dazu.

Aus Sicht der Neurobiologie kommt es beim selbstorganisierten Lernen zum Durchdringen kognitiver und exekutiver Prozesse. Beim eigenen Handeln und Explorieren ist der Grad der Aufmerksamkeit und damit der Lernerfolg besonders hoch. Fleiß ist eine wichtige Voraussetzung für den Lernerfolg, er ist abhängig von der Persönlichkeit (Gewissenhaftigkeit, Ausdauer, Zielorientierung, Belohnungserwartung), teils ist er umweltabhängig. Die Einstellung zum Fleiß ist in Deutschland geschlechtsabhängig. Mädchen sind fleißiger als Jungen, die Gründe sind unklar. Wiederholung ist für den Lernerfolg besonders wichtig, dabei bleiben die Inhalte zugriffsnah. Besonders effektiv sind Wiederholungen eines bestimmten Inhalts in unterschiedlichen Zusammenhängen und Vermittlungs- bzw. Aneignungsformen, denn hier wird die Verknüpfung mit anderen Inhalten verstärkt, was das Erinnern erleichtert.

Es ist ratsam Wiederholungen in Zeitintervallen durchzuführen, z.B. nach einem Tag, nach 4 Wochen, nach 4 Monaten, dies begünstigt das abrufbare Wissen. In der anschließenden Diskussion ging es hauptsächlich um praktische Fragen und deren Umsetzung im Unterricht, da die meisten der 60 Hörer aus dem Schuldienst kamen. Ein besonderer Dank ging an Prof. Dr. Dr. Roth, der sich die Zeit nahm, das oft empirische Handeln des Lehrers im Unterricht durch neurologische und didaktisch – methodische Zusammenhänge zu erklären und mit Beispielen zu erläutern.

Bettina Karger