VBIO
Aktuelles aus den Biowissenschaften

Bayern: Verbandsübergreifendes Positionspapier zur Oberstufe im neunjährigen Gymnasium

Der Landesverband Bayern des VBIO hat zusammen mit anderen naturwissenschaftlichen Verbänden einen dringenden Appell an den Bayerischen Staatsminister für Kultus Prof. Piazolo gerichtet, die Naturwissenschaften in der Oberstufe im neuen neunjährigen Gymnasium zu stärken. Neben dem VBIO haben den Appell unterzeichnet: Der Deutsche Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts (MNU),  die Gesellschaft Deutscher  Chemiker (GDCh) und der Verband der Chemielehrer Bayerischer Gymnasien (VCBG). Unterstützer des Appels sind die Berufsvertretung Deutscher Biologen (BDBiol), die European Countries Biologists Association (ECBA), das Zentrum zur Förderung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts (Z-MNU, Bayreuth) und das Forum Technologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Die Teilhabe und Mitwirkung an gesellschaftspolitischen Diskussionen erfordert mehr denn je eine naturwissenschaftliche Grundbildung. Zunehmend stehen Fragen der Technikfolgenabschätzung und Risikobewertung im Fokus und erfordern einen fundierten wissensbasierten gesellschaftlichen Konsens. Dringende, auch  gesellschaftspolitisch wichtige Themen können nur sinnvoll angegangen werden, wenn die zugrundeliegenden Vorgänge und Naturgesetze verstanden und (bio)ethische und naturphilosophische Betrachtungen berücksichtigt werden. Eine fundierte naturwissenschaftliche Grundbildung sichert letztlich den technologischen Vorsprung unserer Wirtschaft und somit den Lebensstandard in unserem Land. Wir können uns weder einen Fachkräftemangel im MINT-Bereich  und noch eine auf fehlendem Grundwissen basierende Technikfeindlichkeit  leisten.

Der Freistaat Bayern kehrt gerade zum 9-jährigen Gymnasium zurück. Man muss aber leider z.Z. von folgenden Eckpunkten ausgehen:

  • In der neuen 11. Klasse, die als Orientierungsstufe konzipiert wurde, ist als einzige Naturwissenschaft Physik vorgesehen (weder Biologie noch Chemie)
  • In der Qualifizierungsphase (12./13. Jahrgangsstufe) ist bislang keine Wiedereinführung von Leistungsfächern vorgesehen mit der Begründung „Konzentration auf die Kernkompetenzfächer Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen“.
  • „Gymnasiale Oberstufe 4.0 – von Humboldt zum Start-Up?“ betitelte das Kultusministerium die Diskussionsveranstaltung zur Weiterentwicklung der gymnasialen Oberstufe am 6. Februar 2019. Im dazu verteilten Informationspapier „Hintergrund: Qualifikationsphase der Oberstufe“ werden allerdings die Naturwissenschaften mit keinem Wort erwähnt.

Dies alles ist kontraproduktiv für die dringend notwendige Orientierung hin zu MINT-Fächern. Die Einführung der verpflichtenden 4-stündigen Kernfächer Mathematik, Deutsch und Fremdsprache hat bereits im achtjährigen Gymnasium im Bereich der MINT-Fächer zu massiven Qualitätsverlusten im Grundwissen der Abiturienten geführt. Eine begabungsgerechte fachliche Förderung von leistungsstarken Schülerinnen und Schülern findet in der Oberstufe nicht statt.

Die neue Oberstufe in Baden-Württemberg hat gezeigt, dass die Einführung einer profilierten Oberstufe mit 3 fünfstündigen Vertiefungsfächern, z. B. die Belegung von zwei vertieft unterrichteten Naturwissenschaften oder Naturwissenschaft und Informatik neben z.B. Mathematik möglich ist.

Die Verbände fordern daher eindringlich:

  • Eine Gleichstellung des mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Aufgabenfeldes mit dem sprachlich-literarisch-künstlerischen Aufgabenfeld in der neuen gymnasialen Oberstufe in Bayern in Bezug auf die Belegungsverpflichtungen/Stundenzahl und die Abiturprüfung. Unter anderem muss es – wie bei den Sprachen – möglich sein, auch zwei Naturwissenschaften bzw. eine Naturwissenschaft und Informatik als Abiturprüfungsfächer wählen zu können.
  • Die Einführung von Vertiefungsfächern und grundständigen Fächern, um eine stärkere interessengerechte Profilierung bei gleichzeitiger Vertiefung zu ermöglichen. – Konkret: drei fünfstündige Vertiefungsfächer und dreistündiger Unterricht im grundständigen Niveau in den Naturwissenschaften und Informatik, so wie in den Fremdsprachen.
  • Mindestens das Schließen der Chemie-Lücke in der 11. Jahrgangsstufe aller nicht-naturwissenschaftlichen Gymnasien, besser auch das Schließen der Biologie-Lücke, um die Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK)5 nach einer Belegungsverpflichtung der Abiturprüfungsfächer in der Einführungsphase zu erfüllen.

Der Landesverband Bayern des VBIO hat seine Mitglieder aufgerufen, sich den Forderungen des Verbandsübergreifenden Positionspapiers anzuschließen und sich mit Unterstützerschreiben an das bayerische Kultusministerium sowie an die politischen Entscheidungsträger in Bayern zu wenden. Nur so kann es noch gelingen, die Reform der Oberstufe in Bayern im Sinne einer „Sustainable Education for Future“ zu gestalten.

Hier der Wortlaut des Verbandsübergreifenden Positionspapiers