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Jagd auf den Ortolan vor dem Aus

Ortolan
Singender Ortolan Foto: Hans-Jürgen Kelm

Ein internationales Forscherteam, koordiniert von Frédéric Jiguet, Professor am Naturhistorischen Museum in Paris, an dem auch das Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven beteiligt war, veröffentlicht in der Zeitschrift Science Advances eine Studie zur Wanderung und Demografie des Ortolans. Diese Studie offenbart, dass die traditionelle Jagd auf diesen kleinen geschützten Singvogel ein bedeutender Grund ist, warum diese charismatische Art so selten geworden ist

Für einige Menschen ist ein frisch zubereiteter Ortolan eine außergewöhnliche und kulturell wichtige Speise und seine Jagd eine Tradition des französischen Kulturerbes, die nicht verschwinden darf. Für Naturschutzverbände ist es schlicht Wilderei im Angesicht des Aussterbens dieser bedrohten Art. Die Europäische Kommission hat Frankreich bereits angewiesen, die Ausübung dieser Jagd einzustellen. Im Dezember 2016 hat der Europäische Gerichtshof Frankreich wegen Nichteinhaltung der Vogelschutzrichtlinie, die dieses Jahr ihren 40. Geburtstag feiert, verklagt und mit einer Geldstrafe von mehr als zehn Millionen Euro belegt.

Im Jahr 2012 forderte das französische Umweltministerium das Naturhistorische Museum auf, eine wissenschaftliche Studie durchzuführen, um den Ursprung und den Erhaltungsstatus der im Herbst in Frankreich durchziehenden Ortolane zu bestimmen. Frédéric Jiguet stellte dazu ein internationales Forscherteam zusammen. Dieses hat vier Jahre lang in ganz Europa, von Spanien über Russland bis nach Finnland und sogar im Nahen Osten Ortolane erfasst und markiert, um so die Bestandsentwicklung, die Zugrouten, Rastgebiete und die Überwinterungsgebiete zu untersuchen. Die Ergebnisse dieser Studie wurden soeben in der Zeitschrift Science Advances veröffentlicht: Von den etwa 17 Millionen Ortolanen in Europa rasten im Südwesten Frankreichs etwa 300.000. Von diesen werden jährlich mehrere tausend „geerntet“, in den 1990er Jahren sogar etwa 30.000 jedes Jahr. Diese „Ernte“ ist für mehr als 50% des jüngsten Rückgangs der Art verantwortlich. Die durch Frankreich ziehenden Populationen nehmen dabei mit 30% Bestandsrückgang seit Anfang der 2000er Jahre viel stärker ab als die anderen europäischen Bestände. In Deutschland brüten gerade noch etwa 10.000-14.000 Paare.

Aufgrund dieser überzeugenden Ergebnisse hat die französische Regierung beschlossen, den Schutz dieser Art strikt durchzusetzen. Der Zentralverband der französischen Jäger, der die wissenschaftliche Studie mitfinanziert hatte, übernahm die Verantwortung und bat die Jäger, die Jagd auf Ortolane einzustellen. Damit wird es hoffentlich gelingen, diese traditionelle Jagd zu beenden und die Art vor dem Verschwinden zu retten.

Diese Studie zeigt zugleich, welch wichtige Rolle die Wissenschaft als Vermittlerin bei Konflikten zwischen Naturschutz und Jagd hat. Mit ihren für alle transparenten und sachlich objektiven Ergebnissen kann sie maßgeblich zu politischen Entscheidungen beitragen.

Institut für Vogelforschung, Wilhelmshaven


Originalarbeit:

Jiguet F, Robert A, Lorrillière R, Hobson KA, Kardynal KJ, Arlettaz R, Bairlein F, Belik V, Bernardy P, Copete JL, Czajkowski MA, Dale S, Dombrovski V, Ducros D, Efrat R, Elts J, Ferrand Y, Marja R, Minkevicius S, Olsson P, Pérez M, Piha M, Raković M, Schmaljohann H, Seimola T, Selstam G, Siblet J-P, Skierczyǹski M, Sokolov A, Sondell J, Moussy C (2019). Unravelling migration connectivity reveals unsustainable hunting of the declining ortolan bunting. Science Advances.

https://doi.org/10.1126/sciadv.aau2642