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Seltener Weizenfund in bronzezeitlicher Lunch-Box
Das Holzgefäß an seinem Fundort in den Schweizer Alpen nahe des Lötschenpasses.
Rolf Wenger, Marcel Cornelissen and Badri Redha (Archaeological Service of the Canton of Bern)

In einem Holzbehälter, der 2012 in den Berner Alpen gefunden wurde, hat eine Forscherin vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte gemeinsam mit einem internationalen Forschungsteam Überreste früher Weizensorten aus der Bronzezeit entdeckt. Der Fund ist aus zwei Gründen bedeutend: Zum einen gab es bisher kaum Anhaltspunkte, wie Getreide in dieser Zeit genutzt und verbreitet wurde. Zum anderen haben die Wissenschaftler bei der Untersuchung einen neuen Weg gefunden, Getreide mithilfe eines Biomarkers nachzuweisen. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Forschung.

Schmelzende Gletscher geben immer öfter Funde aus vergangenen Zeiten preis. Nicht immer sind sie so aufsehenerregend wie „Ötzi“, die Gletschermumie aus der späten Jungsteinzeit, die Wanderer 1991 in den Ötztaler Alpen fanden. Aber auch weniger spektakuläre Entdeckungen aus leicht vergängliche Materialien wie Stoffen, Leder, Holz und anderen pflanzlichen Überresten, die im Eis Jahrhunderte oder gar Jahrtausende überdauern, eröffnen Archäologen neue Perspektiven auf die Vergangenheit.
Eine Dose aus der Bronzezeit

2012 gab das Eis nahe dem Lötschenpass, auf 2690 Metern Höhe in den Berner Alpen gelegen, ein außergewöhnliches Holzgefäß frei. Die runde Dose misst etwa 20 Zentimeter im Durchmesser. Der Boden besteht aus Zirbenholz, der gebogene Rand ist aus Weidenholz gefertigt, beides wurde mit einer Naht aus gespleißten Lärchenzweigen verbunden. Eine Radiokarbondatierung ergab, dass das Gefäß rund 4.000 Jahre alt ist, also aus der frühen Bronzezeit stammt.

Besonders interessant waren für das Forschungsteam unter Beteiligung von Jessica Hendy vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte Spuren auf der Oberseite des Fundstücks: Schon mit dem Mikroskop ließen sich dort Reste von Gerste sowie der frühen Weizenarten Dinkel und Emmer entdecken, einschließlich Samenschalen und Spreu. Aus Höhlen kennt man vielfach Getreidefunde aus der Bronzezeit. Gefäße, die Körner oder deren Überreste enthalten, waren jedoch bisher nicht bekannt. Für die Forschung sind sie von speziellem Interesse, denn sie geben Hinweise darauf, wie das Getreide damals verwendet wurde.
Händler, Hirten oder Jäger?

Die Wissenschaftler können nur mutmaßen, welche Geschichte sich hinter der Box vom Lötschenpass verbirgt. Man weiß, dass einige Alpentäler in der Gegend während der Bronzezeit besiedelt waren. In Gräbern im benachbarten Wallis hat man sogar Hinweise gefunden, dass die Menschen dort Waren von nördlich und südlich der Alpen importierten. Das Gefäß könnte ein Indiz dafür sein, dass der Lötschenpass damals als Übergang vom Berner Oberland ins Wallis diente. Möglicherweise war der Pass Teil einer Handelsroute zwischen den Regionen. Andere Erklärungen für den Fund wären, dass die Menschen schon damals Weidevieh in höhere Lagen trieben oder dass sie zum Jagen ins Hochgebirge wanderten.

„Auf jeden Fall wirft die Entdeckung neues Licht auf das Leben in den prähistorischen Gemeinschaften innerhalb der Alpenregion und auf den Umgang der Menschen mit den extremen Höhenverhältnissen“, sagt Francesco Carrer von der Universität Newcastle. „Die Leute haben auf ihrem Weg über die Berge Proviant mitgenommen, wie heutige Wanderer auch. Unsere Forschung trägt dazu bei, zu verstehen, welche Lebensmittel sie dafür nutzten.“
Substanzen wie in heutigen Vollkornprodukten

Eigentlich vermuteten die Wissenschaftler in dem Gefäß Überreste von Milch, zum Beispiel von Milchbrei. Daher unterzogen sie den Fund zusätzlich einer molekularen Analyse. Milchbestandteile fanden sie nicht, stattdessen aber sogenannte Alkylresorcine, wie sie in heutigen Vollkornprodukten vorkommen. „Von keinem archäologischen Fundstück wurde bisher über diese Stoffe berichtet“, erklärt André Colonese von der University of York, Hauptautor der Studie. „Aber es ist bekannt, dass sie in Weizen- und Roggenkleie reichlich vorhanden sind. Biomarker für Pflanzen gibt es sehr wenige, und sie bleiben auf historischen Fundstücken meist nur schlecht erhalten. Deswegen ist die Studie für uns so spannend.“

Die neue Methode eröffnet die Chance herauszufinden, wie die Menschen der Bronzezeit Getreide tatsächlich verwendeten. Als nächsten Schritt planen die Wissenschaftler, auf Überresten alter Keramikgefäße nach Alkylresorcinen zu suchen. „Der molekulare Marker für Getreide hilft uns auch, die Anfänge des Ackerbaus zu erforschen“, sagt Jessica Hendy vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. „Damit können wir Hinweise sammeln, wann und auf welchen Wegen sich Weizen, eine unserer wichtigsten Nutzpflanzen, in Europa verbreitet hat.“

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Andre Carlo Colonese, Jessica Hendy, Alexandre Lucquin, Camilla F. Speller, Matthew J. Collins, Francesco Carrer, Regula Gubler, Marlu Kühn, Roman Fischer, Oliver E. Craig: New criteria for the molecular identification of cereal grains associated with archaeological artefacts. Scientific Reports, DOI: 10.1038/s41598-017-06390-x
Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte
https://www.nature.com/articles/s41598-017-06390-x

27.07.2017

 

 
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