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Einzigartige Vielfalt bis in die Tiefsee
Gestielte Seelilie. Bild: marum.de

Im Korallenmeer vor der Nordostküste Australiens erhebt sich das Osprey Reef vom Meeresboden rund 1500 Meter steil in die Höhe, bis es die Wasseroberfläche erreicht. Wegen seiner farbenprächtigen Korallengärten und seinem Fischreichtum ist das Riff abseits des Großen Barriere Riffs ein spektakuläres Ziel für Taucher. „Aber auch unterhalb der üblichen Tauchtiefen beherbergt das Osprey Reef einzigartige und vielfältige Lebensgemeinschaften“, sagt Professor Gert Wörheide vom Department für Geo- und Umweltwissenschaften und Geobio-Center der LMU. In Zusammenarbeit mit PD Dr. Carsten Lüter (Museum für Naturkunde Berlin), Professor Joachim Reitner (Universität Göttingen) und australischen Kollegen von der James Cook Universität in Cairns hat das Team um Wörheide die bisher völlig unerforschten Vorriffbereiche von 92 bis in fast 800 Meter Tiefe detailliert untersucht und dabei mehrere unterschiedliche Lebensgemeinschaften gefunden – „lebende Fossilien“ inklusive, die hier seit Millionen von Jahren ungestört ihr Dasein fristen. Über ihre Ergebnisse berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin Marine Biodiversity.

Der Meeresboden im Bereich des Osprey Reef gehört zum Queensland Plateau, einem Krustenfragment, das sich vor etwa 65 Millionen Jahren vom australischen Kontinent abspaltete. Seit etwa 40 Millionen Jahren ist das Plateau, dessen Boden heute in etwa 1000 Meter Tiefe liegt, permanent von Meer bedeckt. „Das macht das Gebiet so interessant“, sagt Wörheide. „Eiszeitliche Meeresspiegelschwankungen haben das Plateau nie trocken gelegt. Das Ökosystem hat sich hier seit vielen Millionen Jahren kaum verändert, deshalb konnten Reliktfaunen und „lebende Fossilien“ überdauern, die anderswo schon lange verschwunden sind.“

Per Tauchroboter in die Tiefe

Ein mit mehreren Kameras und einem Greifarm ausgestatteter ferngesteuerter Tauchroboter – ein sogenanntes Remotely Operated Vehicle, kurz ROV – ermöglichte den Wissenschaftlern eine Bestandsaufnahme der Lebensgemeinschaften des Riffs: „Wir haben im Rahmen unserer „Deep Down Under“-Expedition im Jahr 2009 die Riffhänge entlang einer geraden Linie von 800 Meter Tiefe bis fast zur Wasseroberfläche gefilmt. Die Auswertung der Videoaufnahmen ist jetzt abgeschlossen und zeigt in Abhängigkeit von der Tiefe deutliche Unterschiede in der Geomorphologie und bei den Organismengemeinschaften“, sagt Robin Beaman, der Erstautor der Studie. „Unsere Studie ist die erste, die diesen Tiefsee-Lebensraum jemals untersucht hat und zeigt, dass hier einzigartige Lebensgemeinschaften existieren.“

Insgesamt identifizierten die Wissenschaftler fünf verschiedene Lebensgemeinschaften. Im Tiefenbereich zwischen 92 und 150 Meter Tiefe ist das steil abfallende Riff dicht besiedelt, vor allem von Gorgonien, Meerpeitschen, Weichkorallen und Schwämmen. Den anschließenden Tiefenbereich bis 450 Meter erreicht Sonnenlicht nur noch schwach. Die Lebensgemeinschaften in diesem Bereich bestehen vor allem aus schwarzen Korallen der Gattung Sibopathes, Filigrankorallen (Stylaster), Weichkorallen und gestielten Seelilien.

In den größten Tiefen unterhalb von 450 Metern, wo der Riffhang weniger steil wird, fanden die Wissenschaftler sogar drei Lebensgemeinschaften, die sich je nach Untergrund unterscheiden: Die Bewohner sandiger Gebiete leben großenteils innerhalb des Substrats. Sie blieben deshalb auf den Videoaufnahmen weitgehend unsichtbar und machten hauptsächlich durch Spuren, Mulden und Löcher auf sich aufmerksam. Auf steinigem Untergrund, der höchstens durch eine dünne Sandschicht bedeckt wird, und auf kleinen Felsen leben in diesen Tiefen vor allem Glasschwämme (Hexactinellida), einzelne Bambuskorallen-Kolonien der Gattung Lepidisis sowie verstreute Igelwürmer, Seegurken und kleine Krebstiere. Der am dichtesten besiedelte Lebensraum besteht aus großen Felsen, die sesshaften Tieren guten Halt bieten. Hier fanden die Wissenschaftler eine vielfältige Gemeinschaft mit Wurmschnecken (Vermetidae), Krustentieren, gestielten Seelilien, sowie verschiedenen Korallen, darunter große Kolonien goldglänzender Chrysogorgia-Korallen und rote Edelkorallen (Corallium), die noch nie zuvor im tropischen Australien nachgewiesen werden konnten.

Lebende Fossilien und neue Arten

„Bei unserer Bestandsaufnahme haben wir viele Arten gefunden, die hier als sogenannte lebende Fossilien seit vielen Millionen Jahren überdauern“, sagt Wörheide. „Dazu gehören etwa die gestielten Seelilien und die Glasschwämme, letztere waren im Erdmittelalter weit verbreitete Riffbildner, kommen heute aber praktisch nur noch in der Tiefsee vor. Am Osprey Reef haben wir sogar mehrere neue Glasschwamm-Arten identifiziert.“ Weitere „lebende Fossilien“ am Osprey Reef sind etwa Brachiopoden, Armfüßer, die auf den ersten Blick wie Muscheln aussehen, aber nicht mit diesen verwandt sind, sowie der Nautilus, ein urzeitlicher Kopffüßer.

Das Osprey Reef ist Teil des Coral Sea Commonwealth Marine Reserve, das sich östlich des Great Barrier Reefs über eine Fläche von fast einer Million Quadratkilometer erstreckt. Wie alle Meeresschutzgebiete Australiens wird das Gebiet derzeit neu bewertet. „Die Management-Pläne für das Schutzgebiet haben bisher nur die Flachwasser-Fauna mit einbezogen. Welche einzigartigen Lebensgemeinschaften auch in größeren Tiefen leben, wusste bisher niemand. Unsere Ergebnisse liefern daher wichtige Erkenntnisse, um diesen Lebensraum stärker und besser zu schützen“, sagt Wörheide.


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Robin J. Beaman, Tom C. L. Bridge, Carsten Lüter, Joachim Reitner, Gert Wörheide: Spatial patterns in the distribution of benthic assemblages across a large depth gradient in the Coral Sea, Australia, Marine Biodiversity 2016, doi: 10.1007/s12526-015-0434-5
LMU
http://link.springer.com/article/10.1007/s12526-015-0434-5

14.01.2016

 

 
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