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"Würmer mit Beinen" überlebten 200 Millionen Jahre länger als bisher angenommen
3D-Rekonstruktion des neu beschriebenen langbeinigen Lobopodiern, Carbotubulus waloszeki.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Cell Press/ Elsevier.

Ein internationales Team von Wissenschaftlern der Universitäten Greifswald und Leipzig sowie der Yale University (USA) hat einen erstaunlichen Fund gemacht. Die Forscher entdeckten in der paläontologischen Sammlung des Royal Ontario Museums in Toronto (Kanada) einen 300 Millionen Jahren alten fossilen langbeinigen Lobopodier aus den Schichten des Oberkarbons. Damit konnte nachgewiesen werden, dass diese langbeinige Form der „Würmer mit Beinen“ 200 Millionen Jahre länger überlebte als bisher angenommen.
Die Untersuchungsergebnisse des Wissenschaftlerteams wurden jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Current Biology online veröffentlicht; am 25. September 2012 folgt die Printausgabe.

Lobopodier gab es bereits vor einer halben Milliarde Jahren. Unter den frühen Vertretern befanden sich auch die Vorfahren der heute erfolgreichsten Tiergruppe überhaupt, der Gliederfüßer, mit Spinnentieren, Insekten, Tausendfüßern und Krebsen. Es gab zwei Erscheinungsformen, Lobopodier mit kurzen konischen Beinen und solche mit langen schlauchförmigen Beinen. Auch die heutigen Stummelfüßer (Onychophora) und Bärtierchen (Tardigrada) können als kurzbeinige Lodopodier bezeichnet werden. Die langbeinigen Vertreter des zweiten Typus schienen vor etwa 500 Millionen Jahren ausgestorben zu sein.

In den vergangenen Jahren gab es bereits Funde, die andeuteten, dass die oft als bizarr geltenden Körperformen, die vor über einer halben Milliarde Jahre über den Meeresboden krochen, doch nicht plötzlich am Ende des sogenannten Kambriums ausstarben. So fanden sich Körperformen, wie man sie fürs Kambrium für typisch hielt, etwa noch in Erdschichten aus dem Ordovizium (ca. 480 Millionen Jahre) oder Devon (ca. 400 Millionen Jahre). In jüngeren Schichten wurden solche Funde noch nicht gemacht.

Wissenschaftler des Zoologischen Instituts und Museum der Universität Greifswald (AG Cytologie und Evolutionsbiologie), des Instituts für Biologie der Universität Leipzig (AG Evolution & Entwicklung der Tiere) und des Instituts für Geologie und Geophysik der Yale University (USA) berichten nun Überra-schendes. Im Rahmen eines Stipendiums der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und mit Unterstützung der Yale University forschten die zwei nun in Greifswald tätigen Wissenschaftler im letzten Jahr an verschiedenen Museen in Nordamerika. Während eines mehrwöchigen Besuchs in der Sammlung des Royal Ontario Museums untersuchten sie unter anderem die Fossilien des Karbons. Dabei entdeckten sie in einer Schublade in der Sammlung das nun neu beschriebene Fossil, welches ursprünglich als ein Stummelfüßer identifiziert worden und wohl auch bereits als solcher ausgestellt gewesen war. Doch das Fossil hatte nur halb so viele Beine wie ein Stummelfüßer und anders als Letztere sehr lange und schlauchförmige Beine; auch die für Stummelfüßer typischen Antennen fehlten dem Tier.

Nach einer ausführlichen Fotositzung stellten sich die Beine sogar als noch länger heraus als zunächst gedacht: Aufnahmen von der Bauchseite des Tieres zeigen, dass die Beine im Stein verschwinden; Aufnahmen von der Seite des Steines zeigen, dass die Beine hier wieder hervortreten. Bei einer herkömmlichen Untersuchung lässt man die Seiten solcher Steine gewöhnlich außer Acht, nur durch eine Fotoserie, die für eine 3D-Montage verwendet werden sollte, trat dieses erstaunliche Detail zutage.

Der Fund stellt eine große Überraschung dar. Gemeinsam mit den Funden der vergangenen Jahre weist das neue Fossil darauf hin, dass vermeintlich primitive Körperformen sehr viel länger erfolgreich waren und dass ihr Aussterben am Ende des Kambriums weit weniger dramatisch ausfiel als bisher angenommen worden war.

Originalpublikation:
Haug JT. et al., A Carboniferous Non-Onychophoran Lobopodian Reveals Long-Term Survival of a Cambrian Morphotype, Elsevier, Current Biology 22(18). doi:10.1016/j.cub.2012.06.066
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

17.08.2012

Druckdatum: 29.06.2017   ©  2007 Vbio