VBIO > Der VBIO > Landesverbände > Baden-Württemberg > Bildungsplanreform

Bildungsplanreform in BW

Im Zusammenhang mit der geplanten Bildungsplanreform des Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg sieht der Verband der Biologen, Biowissenschaften und Biomedizin (VBio), Landesverband Baden-Württemberg große Verluste an Inhalt und Qualität im Bereich der Schulbiologie.

Neueste Aktivitäten

September 2015

"Biologie - Quo vadis? - Der neue "BildungVerhinderungsplan in Baden-Württemberg"

Vorüberlegungen:

I. „Sinkenden Geburtenraten bei simultan ansteigenden Anforderungen des beruflichen Ausbildungsmarktes stellen besondere Herausforderungen für naturwissenschaftliche Bildungsprozesse im allgemeinbildenden Schulsystem dar (Köller, 2014).“ (Prof. Dr. O. Köller ist Leiter des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN)).

II. Hohe naturwissenschaftliche Leistungsniveaus am Ende der Sekundarstufe I sind eine notwendige Voraussetzung für die erfolgreiche Teilhabe von Jugendlichen in vielen Ausbildungsberufen und für den Übergang zur Sekundarstufe II sowie ein folgendes naturwissenschaftliches Studium.

III. In PISA 2000 lagen deutsche 15 jährige mit ihren Leistungen in den Naturwissenschaften, im Lesen und in Mathematik unter dem OECD-Durchschnitt. Viele Initiativen zur Effizienzsteigerung des naturwissenschaftlichen Unterrichts wurden gestartet: SINUS; Biologie, Chemie, Physik im Kontext, etc.

IV. Mittlerweile hat sich ein günstigeres Bild eingestellt: deutschen Schülerinnen und Schülern wird in der Grundschule und Sekundarstufe I attestiert, mit ihren Leistungen signifikant über dem internationalen Mittelwert zu liegen (vgl. Bos et al. 2012; Prenzel et al. 2013).
Auch der Ländervergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB; vgl. Pant et al. 2013) wirft ein positives Licht auf die naturwissenschaftlichen Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler am Ende der 9. Jahrgangsstufe. Über 90 % der Schüler/-innen auf den Gymnasien erreichen oder übertreffen hinsichtlich des Fachwissens in der Biologie die Kompetenzstufe III (Stufen III, IV und V signalisieren die Erreichung oder das Übertreffen der in den Standards der KMK formulierten Erwartungen).
Die Ursachen für die Leistungssteigerung in den Naturwissenschaften sind vielfältig: teilweise werden sie auf die Initiativen zurückzuführen sein, die zu einer Verbesserung des naturwissenschaftlichen Unterrichts beigetragen haben; ein guter Teil wird aber auch den verstärkten Bemühungen der naturwissenschaftlichen Fachlehrer/-innen zuzuschreiben sein.

Das Problem:

Diese positive Entwicklung wird nun durch den neuen Bildungsplan gestoppt oder sogar in das Gegenteil verkehrt. Zwei sich negativ auf das naturwissenschaftliche Leistungsvermögen auswirkende Entscheidungen sind in Planung:

1) der neue Bildungsplan wirft die naturwissenschaftlichen Fächer und Technik in einen Topf und sieht einen naturwissenschaftlichen Fächerverbund Biologie, Naturwissenschaften, Technik – BNT für die Klassenstufen 5 und 6 vor. Bis jetzt wurde die Biologie als eigenständiges Fach in diesen Klassenstufen höchst erfolgreich unterrichtet. Das Interesse der Schüler/-innen für dieses Fach ist im Vergleich zu anderen Fächern enorm hoch. Daneben hat sich das Fach Naturphänomene als eine gelungene Hinführung zu den Fächern Physik und Chemie bewährt. Ergebnisse der internationalen Forschung zum benötigten Professionswissen von Lehrer/-innen zeigen, dass nur solche Lehrer/-innen wirksame Lerngelegenheiten bereitstellen können, die sowohl über ein hohes Maß an Fachwissen und fachdidaktisches Wissen verfügen (vgl. Baumert und Kunter 2006; Blömeke et al. 2010; Riese und Reinhold 2012; Shulman 1986, 1987). Der kürzlich publizierte Ländervergleich des IQB (Pant et al. 2013) zeigt, dass fachfremd unterrichtete Schülerinnen und Schüler in nichtgymnasialen Bildungsgängen substanziell schwächere naturwissenschaftliche Leistungen aufweisen als von Fachlehrer/-innen unterrichtete Klassen. Es ist völlig unverständlich, weshalb entgegen diesen Erkenntnissen das bewährte Fach Biologie in einen Fächerverbund gedrückt wird, in welchem mit Sicherheit auch fachfremd unterrichtet werden wird. Auch im Hinblick auf die Realisierung des Leitprinzips Bildung für nachhaltige Entwicklung lässt diese Entscheidung wenig Gutes erwarten, beklagen doch jetzt schon die Umweltverbände, dass zwar theoretisches Umweltwissen gelehrt wird, die Grundlagen wie Artenkenntnis, Kenntnis der Lebensräume und Begegnungen mit der umgebenden Natur aber stark vernachlässigt werden (vgl. LNV). Es ist nicht zu erwarten, dass Lehrer/-innen, die fachfremd biologische Inhalte zu vermitteln haben, verstärkt außerschulische Lernorte aufsuchen, um diesen Defiziten wirksam zu begegnen.
Fragt man nach dem zentralen Motiv für die Einführung des naturwissenschaftlichen Fächer-verbundes im neuen Bildungsplan, wird auf den Fachlehrermangel in den Naturwissenschaf-ten verwiesen. Von Experten wird jedoch „die Strategie, dem Fachlehrermangel in den drei naturwissenschaftlichen Fächern durch die Einführung eines integrativen naturwissenschaftlichen Unterrichts zu begegnen“ abgelehnt (Köller, 2014; Stellungnahme der Naturwissenschaftsdidaktiker in BW, 2011). Eine Lehrkraft ohne Fakultas im Fach Biologie (bzw. Physik, Chemie) wird in einem integrierten Naturwissenschaftsunterricht vermutlich alles daran setzen, die biologischen (bzw. physikalischen, chemischen) Fachinhalte zu vermeiden.
Zur Illustration: Eine erfolgreiche Sexualerziehung setzt sowohl biologisches Hintergrundwis-sen als auch didaktisches Wissen und Können (Kenntnis von geeigneten Unterrichtsmethoden, Medien, Abbildungen, Kenntnis der Präkonzepte und –einstellungen der Schüler/-innen zu verschiedenen Aspekten der Sexualität, Fähigkeit behutsam Unterrichtsgepräche und den Austausch zwischen den Schüler/-innen zu initiieren, etc.) der Biologielehrerin/ des Biologielehrers voraus. Ob dieses Wissen und die notwendigen Fähigkeiten bei einem Geographielehrer, der fachfremd BNT unterrichtet soll, anzutreffen sein wird ist höchst ungewiss. Die Erfahrung lehrt, dass fachfremd unterrichtende Lehrer/-innen zumeist solche „heikle“ Themen meiden.

2) der neue Bildungsplan sieht für die Klassenstufen 8, 9 und 10 jeweils eine Stunde Biologieun-terricht vor. In Klasse 10 sollen die hochrelevanten Themen Genetik, Ökologie und Evolution unterrichtet werden (u.a. wurden und werden gerade in diesen Feldern „revolutionäre“ Er-kenntnisse gewonnen, die zunehmend in praktische Anwendungen umgesetzt werden. Dabei werden auch ganz neue Systeme (Teilchen, Stoffe, Zustände, Prozesse) „synthetisiert“ und wir stoßen dadurch auch an die Grenzen des Erlaubten.) Wie diese gesellschaftsrelevanten Inhalte einstündig wirksam und verantwortlich unterrichtet werden können ist völlig unverständlich. Wie hierdurch gleichzeitig die Voraussetzungen für die Sekundarstufe II und den Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung (auch in beruflichen Gymnasien) geschaffen werden können, bleibt mehr als fraglich. Herausragende Vertreter der Biologie (u.a. die Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard) fordern einstimmig eine Ausweitung der biologischen Grundbildung und den Erhalt von Biologie als eigenständiges Fach (Pressemitteilung vom 30.01.2015). Für die bereits von dem Landesnaturschutzverband LNV geforderte nachhaltige Vermittlung von Artenwissen und ökologischen Zusammenhängen, benötigt man genügend Zeit, um wenigsten die Biotope der näheren Umgebung zu betrachten. Biologie zu einem einstündigen Fach zu degradieren, heißt auch, dass es immer schwieriger wird, Exkursionen vor den Kolleginnen und Kollegen zu begründen, deren Fächer an solchen Tagen ausfallen.

Die Grundlagen der Genetik von den Mendelschen Regeln bis hin zum kurzen Einblick in die Möglichkeiten heutiger Gentechnik, sollten nicht im Hauruck-Verfahren mal kurz angerissen werden. Schließlich wird im Abitur dieses Wissen aus Klasse 9/10 vorausgesetzt, bzw. für ein-zelne Schülerinnen und Schüler, die das Fach Biologie abwählen, ist dieses Wissen die einzige schulische Grundlage, um bei Entscheidungen, die das eigene Leben betreffen, vernünftig und fundiert abwägen zu können. Zur Illustration: Ist eine Fruchtwasseruntersuchung für mich richtig, will ich das? Was versteht man eigentlich unter Präimplantationsdiagnostik (PID)? Wie werden „Krankheitsgene“ weitervererbt, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass mein Kind krank wird? Gesellschaftlichen Entscheidungen bezüglich Gentechnik können nur von mündigen Bürgern getroffen werden, die ausreichend aufgeklärt wurden.

Auch das Thema Evolution kann nicht nebenbei unterrichtet werden. Zwar wurde es im neuen Bildungsplan endlich wieder ausdrücklich als Großthema benannt, wenn aber die Zeit dafür fehlt die herausragende Theorie der Lebenswissenschaften nur in ihren Grundlagen und ihrer Bedeutung zu entfalten, ist dies auch nur Augenwischerei und kann dazu führen, dass bspw. unwissenschaftliche kreationistische Vorstellungen und –einstellungen zunehmend an Einfluss gewinnen und ein kohärentes und dem heutigen naturwissenschaftlichen Kenntnisstand angemessenes Weltbild nicht entwickelt werden kann.

Die Forderung des VBio:

Wir fordern aus Verantwortung unseren Kindern und Jugendlichen gegenüber und im Hinblick auf deren mündige Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungen mit biologischem Hintergrund
1) die Beibehaltung des Faches Biologie in den Klassenstufen 5 und 6;
2) eine Erweiterung des Stundenumfangs des Faches Biologie in der Klassenstufe 10 auf 2 Stun-den.

Professor Dr. Martin Hasselmann
(Landesvorsitzender des VBio Baden-Württemberg)

Professor Dr. Werner Rieß
Pädagogische Hochschule Freiburg
Institut für Biologie und ihre Didaktik

Stellungnahme_VBio-BW_Bildungsplan_09_2015.pdf

 

Jetzt dem VBIO beitreten! Werden Sie Teil einer starken Community Mehr Informationen


 
top